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Warum das Internet ein Monster und die Sauna der beste Ort für Interviews ist [#slush14]

Warum das Internet ein Monster und die Sauna der beste Ort für Interviews ist [#slush14]

In der Post-Snowden-Ära sind und Privatsphäre wichtige Schlagworte – auch beim Slush-Festival in Helsinki werden sie heiß diskutiert. Ein Unternehmen, das in diesem Bereich ganz vorne mitmischen will, ist F-Secure. Mit manchmal ungewöhnlichen Mitteln.

Warum das Internet ein Monster und die Sauna der beste Ort für Interviews ist [#slush14]

Der vielleicht ungewöhnlichste Ort für ein Interview. (Foto: F-Secure)

Slush-Festival Helsinki: Interviews in 100 Metern Höhe

Eine Sauna in 100 Metern Höhe? Warum nicht. Florian Blaschke und Christian Fredrikson beim Slush-Festival Helsinki. (Foto: F-Secure)
Eine Sauna in 100 Metern Höhe? Warum nicht. Florian Blaschke und Christian Fredrikson beim Slush-Festival Helsinki. (Foto: F-Secure)

Wenn Finnen einen Geschäftspartner überzeugen wollen, laden sie ihn in die Sauna ein und lassen ihn so lange schwitzen, bis er dem Deal zustimmt. So zumindest eines der vielen Klischees über die finnische Saunakultur. Tatsächlich aber ist die Sauna auch ein Ort für Meetings. In der Sauna wird Politik gemacht, es werden strategische Entscheidungen getroffen, hier werden Partnerschaften besiegelt – und manchmal auch geführt.

Zugegeben, die Sauna, in die Christian Fredrikson, CEO des finnischen IT-Sicherheitsdienstleisters F-Secure am ersten Abend des Slush-Festivals in Helsinki einlädt, ist keine ganz gewöhnliche Sauna. Es ist ein Glaskasten, gerade mal einen mal zwei Meter groß, aufgehängt an einem 100 Meter hohen Kran. Wer hier Geschäfte machen will, hat ein echtes Druckmittel in der Hand. Einfach aussteigen ist nicht.

Guter Bulle, böser Bulle

Doch Fredrikson versucht, an ganz anderer Stelle Druck auszuüben. Er hat sich auf die Fahne geschrieben, das Internet sicherer zu machen – mit Freedome, einem Tool für Smartphones und seit einigen Tagen auch für Windows-Rechner, das den gesamten Traffic tunneln und verschlüsseln soll.

Mikko Hyppönen. (Foto: Slush/Kai Kuusisto)
Mikko Hyppönen. (Foto: Slush/Kai Kuusisto)

Um Nutzer von ihrem Produkt zu überzeugen, greifen Fredrikson und F-Secures CRO Mikko Hyppönen schon mal zu ungewöhnlichen Mitteln. Hyppönen selbst stand bei der diesjährigen re:publica mit David Hasselhoff auf der Bühne, beim Slush-Festival spielen er und Fredrikson ein bisschen guter Bulle, böser Bulle. Hyppönen ist der böse Bulle.

Am Nachmittag steht der Mann mit dem blonden Pferdeschwanz auf der großen Bühne im Helsinkier Messezentrum und erzählt vom 12. Mai, dem Tag, an dem Nokias Smartphone-Sparte von Microsoft gekauft wurde. Dem selben Tag, an dem der finnische Konzern Metsä Group die Investition in eine neue Holzverarbeitungsanlage in Finnland bekannt gegeben hat. Aber nicht mehr, um aus Holz Papier zu machen, Papier brauche heute niemand mehr, so Hyppönen, das Internet habe ja alles verändert. Metsä produziert dort Kartons. Denn Kartons braucht heute, wo wir alles online bestellen und uns liefern lassen, jeder. Das Internet hat eben alles verändert.

Slush: Das Internet hat alles verändert

Nun könnte man meinen, Hyppönen habe eine positive Einstellung zum Netz, doch schnell kommt er auf Heartbleed und Shellshock zu sprechen. „Wir müssen uns das mal vorstellen“, sagt er. „Heartbleed ist zweieinhalb Jahre unentdeckt geblieben, Shellshock sogar 19 Jahre!“ Lange hätten die Menschen gedacht, Open Source könne viele Probleme lösen. Doch sei das wirklich so? Wohl kaum, Hyppönen ist ein Pessimist.

Christian Fredrikson nennt seinen CRO lieber einen Realisten, aber es stimme schon, er selbst sei wohl ein bisschen optimistischer sagt er, während der Saunaofen auf Sparflamme läuft – damit niemand verschwitzt zur Afterparty muss – und der Kran den seltsamen Glaskasten in den Nachthimmel von Helsinki hebt. Doch Fredrikson ist nicht nur Optimist, er ist auch mit breiter Brust zum Slush-Festival gekommen. „Wer, wenn nicht wir, kann für sich reklamieren, das Internet sicherer zu machen?“, sagt er. „Es gibt kein anderes Unternehmen, dass das kann!“ Sicher, man habe in der Vergangenheit gesehen, dass etliche Konzerne mit Geheimdiensten zusammengearbeitet hätten, ob freiwillig oder nicht, doch das könne er für sich ausschließen. Finnland habe die besten Datenschutzgesetze der Welt und F-Secure Entwickler, die es mit allen aufnehmen könnten. In diesem Job könne man sich Angst nicht leisten, sagt Fredrikson.

„Wer, wenn nicht wir, kann für sich reklamieren, das Internet sicherer zu machen?“

„Die Angriffe richten sich nicht mehr gegen den Nutzer selbst, sondern gegen Rechner.“

Angst scheint auch für Mikko Hyppönen ein Fremdwort zu sein. Noch am Vormittag stand auf der selben Bühne, auf der er jetzt steht, Chinas Vizepremier, jetzt erzählt Hyppönen von einer Android-App, die für die Kommunikation und Organisation unter den Demonstranten in Hongkong verbreitet wurde, die aber – das sagt er unverblümt – seinen Informationen nach gar nicht von den Demonstranten selbst entwickelt worden sei, sondern von der Regierung in Peking, um Informationen über die Teilnehmer der Demos abzugreifen. Kein Zwerg, mit dem sich F-Secure da anlegt.

Doch Hyppönen warnt noch vor ganz anderen Gegnern. Der Gründer der Hacker-Gruppe Teampoison, die unter anderem dafür verantwortlich war, dass Tony Blairs Voicemail geknackt wurde, habe sich gerade erst der IS angeschlossen. Und erst neulich habe er ein Bot-Netzwerk aus Sicherheitskameras entdeckt, dass dazu missbraucht wurde, DonkeyCoins – eine Kryptowährung – zu minen. Cyber-Attacken, so Hyppönen, seien in naher Zukunft wahrscheinlich, Terror-Anschläge würden nicht mehr nur in der realen Welt verübt. „Die Angriffe richten sich nicht mehr gegen den Nutzer selbst, sondern gegen Rechner.“

Mikko Hyppönen: „Manchmal fühlt es sich an, als hätten wir ein Monster geschaffen“

„Wir müssen aufpassen. Vielleicht haben wir sonst kein Internet mehr, das wir unsern Kindern hinterlassen können.“

Und doch ist es gerade der Nutzer, den Christian Fredrikson mit Freedome schützen will. Lange habe F-Secure im Hintergrund gearbeitet und mit Lizenzprodukten sein Geld verdient. Zwar haben Millionen von Nutzern weltweit schon Produkte wie beispielsweise Virenscanner des finnischen Konzerns genutzt, doch die wenigsten wissen das. Jetzt sei es an der Zeit, die Marke zu erneuern und bekannt zu machen. Auch deshalb hat er Hyppönen und Hasselhoff im Mai nach Berlin geschickt und einige deutsche Journalisten zum Slush nach Helsinki und in diese ungewöhnliche Sauna eingeladen.

Fredrikson und Hyppönen haben eine Herkulesaufgabe vor sich. 250.000 Malware-Proben bekommen sie jeden Tag zur Analyse, die meisten auf Windows-Rechner ausgerichtet, doch 9.000 davon attackieren schon Googles Android-System. „Manchmal fühlt es sich an, als hätten wir mit dem Internet ein Monster geschaffen“ – diesen Satz wiederholt Hyppönen an diesem Nachmittag mehrmals. Und es ist genau dieses Monster, das er und Fredrikson bändigen wollen.

F-Secure versucht damit, sich Anteile in einem boomenden Markt zu sichern. Datenschutz und Privacy sind seit zwei der wichtigsten Themen der Tech-Welt, aber sie sind auch ein Geschäft, in dem es um Vertrauen geht. Und dieses Vertrauen, sagt Fredrikson, wolle er sich mit Freedome erarbeiten. „Dafür gehen wir viel weiter als andere Anbieter“, verspricht er. „Wir speichern keine Daten, wir tunneln und verschlüsseln nur.“ Und: Die Keys für das System werde sein Unternehmen niemals aus der Hand geben.

„Datenschutz und Privatsphäre sind nicht tot“

An diesem Abend, in einer lauwarmen Sauna 100 Meter über dem Erdboden, kommt Fredrikson nicht ins Schwitzen, er strahlt die Zuversicht eines Unternehmers aus, der voll und ganz hinter seinem Produkt steht – und der kämpfen will. „Datenschutz und Privatsphäre sind nicht tot“, sagt er. „Wir werden sie nicht aufgeben!“

Doch am Ende bleiben nicht nur diese Zuversicht und die atemberaubende Aussicht über das winterliche Helsinki, sondern auch der schale Nachgeschmack von Hyppönens Auftritt zurück, eines Auftritts, der nachdenklich macht. Sind Privacy-Tools nicht bloß was für das gute Gewissen? Behandeln wir Symptome statt Ursachen? Ist das Internet überhaupt kontrollierbar? „Wir müssen aufpassen“, sagt Hyppönen. „Vielleicht haben wir sonst bald kein Internet mehr, das wir unseren Kindern hinterlassen können.“

Die Reise erfolgte auf Einladung von F-Secure.

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