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Digitale Gesellschaft

Warum die Smartwatch der Spickzettel von heute ist und unser Bildungssystem eine radikale Umwälzung braucht

    Warum die Smartwatch der Spickzettel von heute ist und unser Bildungssystem eine radikale Umwälzung braucht

Spickzettel waren gestern, heute gibt es Smartphones fürs Schummeln. (Foto: Ermolaev Alexander / Shutterstock)

Unser Bildungssystem ist maßlos veraltet – das wird besonders dann deutlich, wenn man sich den Fortschritt digitaler Technologien anschaut. Die Luca-Analytics-Kolumne von Luca Caracciolo.

„Vergesst die Fakten, lernt zu denken!“

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis meines sozialwissenschaftlichen Studiums habe ich einer beiläufigen Anekdote im ersten Semester zu verdanken, als in der dritten oder vierten Stunde des Seminars zum politischen System Deutschlands nicht wenige Erstis den Professor baten, doch bitte mehr Material aus dem Buch durchzunehmen – also ein klassisch schulisches Vorgehen einforderten: Fakten lernen, pauken und dann möglichst genau wiedergeben.

„Was nutzt uns die ganze Lernerei, wenn wir die eigentlichen Probleme und Herausforderungen nicht sehen?“

Der Professor entgegnete leicht genervt: „Wie viel Sitze der Bundestag hat, wer im Bundesrat sitzt, was Überhangmandate sind – das könnt ihr doch alles in den Büchern nachlesen. Ich will mit euch lieber darüber sprechen, wie viel Einfluss der Bundesrat in Deutschland auf politische Entscheidungen hat – und wie das zu bewerten ist. Ihr sollt lernen, zu denken.“ Lernen zu denken? „Ich denke doch jeden Tag“, dachte ich mir und schloss mich den Wehklagen der überengagierten Erstis an.

Erst viele Jahre später begriff ich, was unser Professor eigentlich von uns wollte. Was nutzt uns die ganze Lernerei, wenn wir aufgrund von lauter Fakten, Zahlen und Statistiken die eigentlichen Probleme und Herausforderungen nicht sehen? Wenn wir nicht dazu in der Lage sind, politische Prozesse zu bewerten und zu hinterfragen? Der Fokus auf kritischem Denken und Reflexion war übrigens auch der Hauptgrund dafür, dass die damalige Studienordnung meines Studienfachs noch keine Klausuren vorsah, sondern nur Hausarbeiten und Referate.

Die Apple Watch ist der Spickzettel von heute

Heute – 17 Jahre später – glaube ich, dass das bloße Fakten-Auswendiglernen noch viel absurder ist. Durch digitale Technologien ist das Wissen der Welt „instant“ abrufbar – zu jeder Tages- und Nachzeit. Kurz vor der Prüfung und  – wer es geschickt anstellt – auch während einer Klausur.

Die Zeiten sind vorbei, in denen man dicke Politik-Wälzer hinter der Klospülung verstecken musste. Heute reicht ein Blick aufs Smartphone, um schnell die in der Klausur abgefragten Fakten abzurufen. Und noch absurder wird es, wenn Smartwatches wie die Apple Watch sich durchsetzen: Dann nämlich genügt ein Blick auf die Uhr. Und ich verwette mein iPhone darauf, dass die meisten Lehrer gar nicht erkennen, dass es sich bei den hübschen Uhren an den Handgelenken ihrer Schüler um digitale Alleskönner handelt.

Wer braucht heute schon noch einen Spickzettel, wenn es Gadgets wie die Apple Watch gibt (Foto: Apple)
Wer braucht heute schon noch einen Spickzettel, wenn es Gadgets wie die Apple Watch gibt.(Foto: Apple)

Ich will hier gar nicht pauschal jedes Studienfach und jede Prüfungsordnung verurteilen. Und in manchen Fächern mögen Klausuren und hartes Faktenwissen wichtiger sein als in anderen. Aber mal ehrlich: Wird es nicht langsam Zeit, sich den Gegebenheiten unserer Zeit anzupassen und mal darüber nachzudenken, was Lernen und Bildung im Jahr 2015 bedeuten und bedeuten sollten? Wenn jeder Mensch, der Zugriff aufs Netz hat, fast jede Information zu jeder Zeit abrufen kann?

Ordnung, Fleiß und ... Change-Management?

Ist es nicht bezeichnend, dass gerade solche Menschen, die ein klassisches Learning by Doing praktiziert haben, die sind, die in ihrer späteren beruflichen Laufbahn ein großes erfolgreiches Unternehmen gegründet haben? Wer glaubt denn bitte, dass Mark Zuckerberg oder Steve Jobs brav die Schul- beziehungsweise Studienbank gedrückt und fleißig Fakten-Lernerei betrieben haben?

„Veränderung und Innovation haben immer damit zu tun, Herkömmliches in Frage zu stellen und mal auf die Ordnung zu pfeifen.“

Aber es müssen auch nicht immer die gleichen Persönlichkeiten dafür herhalten, dass fleißige Fakten-Wisser und überengagierte Streber später nicht die umwälzenden Ideen entwickeln. Denn wie Gunter Dueck schon mehrfach ausgeführt hat: Wer die strenge und ordnungsliebende deutsche Schul- und Studien-Maschinerie durchläuft und im Berufsleben dann später Fähigkeiten braucht, um „Neues“ zu denken, „Innovatives“ zu fördern, um Change-Management durchzusetzen und Zukunft zu gestalten – der ist meist heillos überfordert und klammert sich mit aller Kraft an die Roadmap der Geschäftsführung. Veränderung und Innovation haben immer damit zu tun, Herkömmliches in Frage zu stellen und mal auf die Ordnung zu pfeifen – und wer das nie gelernt hat, wird das mit 30 aufwärts auch nicht mehr tun.

Also: Liebe Schulbehörden, Bildungsministerien und Prüfungsordnungsausdenker: Ihr braucht nicht den Brockhaus aufzuschlagen, auch in der Wikipedia steht schon: „Ein Zeichen der Bildung, das nahezu allen Bildungstheorien gemein ist, lässt sich umschreiben als das reflektierte Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt.“ Reflexion ist das Zauberwort. Denken – eben das, was mein damaliger Professor uns beibringen wollte. Heute werden in meinem ehemaligen Studienfach übrigens wieder verstärkt Klausuren geschrieben – Smartwatch, ick hör' dir trapsen. Aber lassen wir das ...

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4 Reaktionen
Lars

Der Satz "Vergesst die Fakten, lernt zu denken!" ist für mich viel zu kurz gedacht. Um zu denken, benötigt man zumindest ein solides Fundament an Fakten. Sprich um das Lernen der Grundlagen kommt man nicht herum. Mir fallen kaum akademische oder handwerkliche Berufe ohne solides Faktenwissen ein. Vertiefendes Wissen für ein Projekt kann man sicher aus anderen Quellen beziehen.

Wenn jemand einen großen Teil seiner Arbeitszeit damit verbringt nach Antworten zu googlen, dann mangelt es ihm schlicht am Grundlagenwissen und damit auch an der Qualifikationen seinen Job überhaupt auszuüben.

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Matthias
Matthias

Vielleicht hätte es dem Autor geholfen, vorher mal einen Blick in die Richtlinien verschiedener Bundesländer für weiterführende Schulen zu werfen: von bloßem Fakten-Pauken ist da nirgends mehr die Rede, sondern eher von vernetztem Denken - oft mit Anwendungsbezug. Wer aber glaubt, sich ohne Grundlagen-Wissen zu hohem Denken aufschwingen zu können, irrt eben auch. Denken dient der geistigen Unabhängigkeit und die sollte man nicht unhinterfragt gegen eine Abhängigkeit vom Internet eintauschen. Der Prof. hat ja zurecht nicht gesagt: "Sie brauchen das alles nicht zu wissen!", sondern "Sie können das alles nachlesen." Hätte er "sollten" statt "können" gesagt, hätte das dem Niveau der Diskussionen im Seminar vielleicht auch gut getan: sicheres Wissen führt gepaart mit gescheitem Denken zu fundierten Aussagen. Aussagen ohne fundiertes Wissen führen leider zu oft zu bloßem sinnentleertem Gerede.

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TTIP wird kommen
TTIP wird kommen

Die Abnehmer der Absolventen (also die steuerzahlenden mittelständischen Firmen) wollen schon ewig bessere Mitarbeiter.
Ich wollte sowas schon vor Jahren realisieren.
Abmahnungen, Mobbing,... waren der Dank.

Im Prinzip kann man überall am Bildungswesen OHNE Subventionen zuschlagen und Verbesserung erbringen. Keiner wird gezwungen. Man kann ja weiter Lehrerpensionen, kostenpflichtigen Studiums-Tutoria oder Nachhilfe bezahlen wenn man WikiLearn nicht will.
Parallele Strukturen sind problemlos aufbaubar. In abmahnfreien trivialpatentfreien Ländern...

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Christian
Christian

"Wer braucht heute schon noch einen Spickzettel, wenn es Gadgets wie die Apple Watch gibt."

Die Menschen die sich keine Apple Watch für über 600 € leisten können? Außerdem wäre ein Handy wesentlich Augenfreundlicher.

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