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Sind Snapchat & Co. wirklich so viel wert? [Kolumne]

Sind Snapchat & Co. wirklich so viel wert? [Kolumne]

Die Bewertungen von Tech-Unternehmen schießen in die Höhe: Ob Uber, oder – wofür die traditionelle Unternehmen in der Regel Jahrzehnte brauchten, gelingt Tech-Start-ups inzwischen häufig in wenigen Jahren. Was ist die Grundlage für diese Bewertungen – und sind sie gerechtfertigt? Stephan Dörner geht dieser Frage in seiner nach.

Sind Snapchat & Co. wirklich so viel wert? [Kolumne]

(Foto: Shutterstock / luxorphoto)

Der Internet-Bonus gilt auch für riesige Konzerne

Mit einer eleganten Funktion für Videotelefonie sorgt Snapchat seit Wochen für mächtig Wirbel. Jetzt will Facebook dagegenhalten. (Screenshot: YouTube/Snapchat)
Auch eine Videofunktion hat Snapchat inzwischen. Doch Umsatz? Keinen. (Screenshot: YouTube/Snapchat)

„Investoren bewerten Startups nicht nach Umsätzen, Wachstum oder Renditen – sie wetten auf eine Vision der Zukunft.“

Es gibt zahlreiche Methoden, den Wert eines Unternehmens zu bemessen. Bei Unternehmensübernahmen gängig sind beispielsweise Bewertungen auf Grundlage des zu erwartenden Cash-Flows, des Umsatzwachstums oder der Gewinn-Marge. Nichts davon greift, wenn man sich die aktuellen Bewertungen von Tech-Firmen wie Uber oder Snapchat ansieht – laut Bloomberg wird der Kurznachrichtendienst in der jüngsten Investorenrunde mit 19 Milliarden US-Dollar bewertet, und auch Pinterest liegt schon bei elf Milliarden US-Dollar. Häufig gelingen Startups in den USA heute Milliardenbewertungen sogar mit recht überschaubarem Personalaufwand – Instagram beispielsweise erreichte seine Milliardenbewertung mit nur 13 Mitarbeitern.

Die privaten Wagniskapitalinvestoren bewerten die Tech-Startups nicht auf Grundlage von Umsätzen, Wachstum oder Renditen – sie wetten auf eine Vision der Zukunft. Was die Phantasie der Investoren beflügelt, ist die Möglichkeit für heutige Startups, das Geschäftsmodell über das Internet schnell und einfach global zu skalieren. Neue Technogien wie Cloud-Computing haben diesen Prozess noch zusätzlich vereinfacht und beschleunigt. Die Kosten für Produktions- und Lohnkosten sowie die Markteinführung sind raadikal gesunken und bleiben gering.

Auch Tech-Unternehmen der 1980er konnten derartige Bewertungen nicht in solch rekordverdächtiger Zeit erreichen – sie waren, wie beispielsweise im Falle Apple, noch an die physische Welt der Hardware mit ihren Limitierungen gebunden. Schaut man sich heute die Bewertung von Internet-Unternehmen wie Google an der Börse an und vergleicht sie mit Apple, zeigt sich, dass der Internet-Bonus auch noch für riesige Konzerne gilt. Da Investoren immer mit Zukunftserwartungen rechnen, ist in die Bewertung von Internet- und App-Unternehmen auch immer noch das Wachstum des Mediums selbst – die wachsende Internet- und Smartphone-Verbreitung – mit eingerechnet.

Google freut sich über jedes mit dem Internet verbundene Gerät

Während Apple zumindest mittelfristig vermutlich mit sinkenden Margen zu kämpfen haben wird, freut sich Google schlicht über jedes mit dem Internet zusätzlich verbundene Gerät – denn das bedeutet mehr Werbeeinnahmen. Ob es sich dabei um iPhones, Android-Geräte oder etwas ganz anderes handelt, kann Google im Grunde egal sein. Das Google-Geschäftsmodell skaliert einfach mit der weiteren Vergrößerung des Internets mit.

Doch die hohen Bewertungen von Internet-Unternehmen sind dennoch nicht ohne Risiko, selbst wenn die weitere globale Ausbreitung von Internet und Smartphones eine sichere Sache ist. Die globale Ausrollung eines Produkts ist nicht immer so einfach wie es im Internetzeitalter auf den ersten Blick scheinen mag – insbesondere natürlich, wenn wie im Falle von Uber zahlreiche international nicht annähernd ähnliche Gesetze berührt werden.

Bild: Bruno Cordioli / Flickr Lizenz: CC BY 2.0
Apple war in den 1980ern noch an die Limitierungen der Hardware-Welt gebunden. (Foto: Bruno Cordioli / Flickr Lizenz: CC BY 2.0)

Und noch eine andere Eigenschaft des Internets könnte den Investoren einen Strich durch die Rechnung machen: Die Tendenz zu teilweise kurzlebigen Trends. Mag Snapchat heute unter Jugendlichen angesagt sein, kann morgen schon eine ganz andere Kommunikationsform als cool gelten. Selbst der Netzwerkeffekt bietet erst ab einer wirklich großen internationalen Größe einen Schutz gegen das Aussterben, wie die Beispiele untergegangener sozialer Netzwerke wie MySpace und StudiVZ zeigen.

Und ist ein bestimmtes Feature wie die „Selbstzerstörungsfunktion“ von Nachrichten in Snapchat allzu erfolgreich, kann sie auch relativ einfach von Konkurrenten wie WhatsApp übernommen werden. Zudem setzen sich Internet-Dienste und Apps selbst in der auf den ersten Blick stark globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts selten global durch. Was im Westen WhatsApp ist, heißt in China WeChat und in Japan und Südkorea Lime.

Snapchat: Die Wetten sind risikoreich aber nichts aussichtslos

Ist die 19-Milliarden-Dollar-Bewertung von Snapchat unter diesen Umständen gerechtfertigt? Das kommt darauf an, was man dem Unternehmen aus Los Angeles zutraut. Größter Trumpf der Amerikaner ist neben der jungen Zielgruppe vor allem die im September 2014 eingeführte Snapcash-Funktion für das unkomplizierte mobile Versenden von Geld zwischen Freunden. Sollte sich Snapchat hier als Standard für die USA durchsetzen – und die Chancen stehen angesichts der weiten Verbreitung der App und dem gut gerüsteten Partner Square gar nicht schlecht – kann die Bewertung durchaus gerechtfertigt sein.

„Irgendwann muss der Beweis angetreten werden, dass sich massenhaft Nutzer auch in Dollar konvertieren lassen.“

Doch das ist ein großes Wenn. Denn Snapchat mit mehr als 100 Millionen monatlich aktiven Usern hat bis heute kein Geschäftsmodell – der Umsatz ist gleich null, die App verbrennt jeden Monat nur Geld. Niemand zahlt für die Nutzung der App und Werbung wird auch noch nicht angezeigt – beides würde vermutlich von den Usern angesichts kostenloser und werbefreier Alternativen auch nicht akzeptiert werden.

Noch treiben zahlungskräftige Tech-Riesen wie Facebook, die es mit der 19 Milliarden Dollar schweren Übernahme von WhatsApp – ebenfalls ohne Geschäftsmodell – wohl vor allem auf die interessante große und junge Nutzerschaft abgesehen haben, die Bewertungen der Newcomer wie Snapchat in die Höhe.

Irgendwann aber muss der Beweis angetreten werden, dass sich massenhaft Nutzer auch in Dollar konvertieren lassen. Facebook hat diesen Beweis inzwischen sogar mobil erbracht – allerdings in einem Umfeld, in dem Werbung akzeptiert wird. Für Snapchat steht dieser Beweis noch aus. Die Macher der App könnten eine Form der Werbung finden, die die Nutzer akzeptieren – oder darauf setzen, dass sich Snapcash für private digitale Mikrobezahlung massenhaft durchsetzt. Beide Wetten sind risikoreich aber nichts aussichtslos.

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3 Antworten
  1. von Jan am 23.02.2015 (13:48 Uhr)

    Guter Artikel, nur folgender Teil sollte nochmal überdacht werden. "Noch treiben zahlungskräftige Tech-Riesen wie Facebook, die es mit der 19 Milliarden Dollar schweren Übernahme von WhatsApp – ebenfalls ohne Geschäftsmodell – wohl vor allem auf die interessante große und junge Nutzerschaft abgesehen haben, die Bewertungen der Newcomer wie Snapchat in die Höhe." -- WhatsApp hat sehr wohl ein Geschäftsmodell. Nach dem ersten Jahr fallen Gebühren in Höhe von 99 Cent an. Bei einer Nutzerbasis von mehr als 500 Mio. Usern ist das eine sehr große Summe. WhatsApp konnte und kann somit aus eigener Kraft und ohne Werbung den Betrieb am Laufen halten.

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  2. von Dirk Schart am 23.02.2015 (15:49 Uhr)

    Das Zitat „Investoren bewerten Startups nicht nach Umsätzen, Wachstum oder Renditen – sie wetten auf eine Vision der Zukunft.“ trifft eher auf amerikanische Investoren oder das Valley zu. In Deutschland ist den VCs der Umsatz wichtiger als die Vision. Sonst wäre z.B. myTaxi - das vor Uber gestartet ist - mittlerweile besser ausgestattet. Die Vision hatten aber die Investoren von Uber.

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  3. von Berthold Barth am 28.02.2015 (15:37 Uhr)

    Der unterschied zwischen mytaxi und uber ist m.E. Das letztere ein komplett neues Geschäftsmodell etabliert haben mit privaten Fahrern anstatt einfach nur Taxis online buchbar zu machen. Und dieses Modell unterstützen die Investoren.

    Hinweis an den Autor: Line heißt der in Asien angesagte Client.

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