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Wie sich Social Media zur Protest-Management-Software wandelt

    Wie sich Social Media zur Protest-Management-Software wandelt

In der Anfangszeit von Social Media waren Zukunftsprognosen sehr vage. Inzwischen hat Social Media im Internet allerdings einen festen Platz. In seiner t3n-Kolumne schreibt Björn Tantau über die Zukunft von Social Media und darüber, wie es Einfluss auf politische und gesellschaftliche Themen haben kann.

Als Social Media so richtig in Fahrt kam, hatte wohl niemand auf dem Zettel, dass es in nicht allzu ferner Zukunft dazu genutzt wird, um sich wirklich sozial zu vernetzen. Vor ein paar Jahren war noch nicht sicher, wohin sich das Thema entwickeln würde. Auch heute gibt es Zweifler, aber die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass Social Media auf jeden Fall im modernen Internet einen mehr als festen Platz hat. Und dieser Platz wird aus meiner Sicht auch fest bleiben. Mehr noch: Social Media hat mittlerweile das Potenzial, Dinge wirklich zu bewegen und ich behaupte sogar, dass Social Media aktuell einige evolutionäre Schritte durchmacht. Wohin das führt? Ich glaube: zu einer Protest-Management-Software.

Technik als Vorbild

Ableiten lässt sich das vom Vorbild der Projekt-Management-Software. Eine solche Software unterstützt Aufgaben des Projekt-Managements und der operativen Projektarbeit. So werden zum Beispiel geplante Aktivitäten koordiniert und im oder mit dem gleichen Werkzeug auch dokumentiert.

Dieser kurze Abriss zeigt, dass es Parallelen zu Social Media gibt. So gesehen kann Social Media, wenn man es auf einzelne Plattformen wie Twitter herunterbricht, in der Tat als Protest-Management-Software dienen. Schon lange vor durchgreifenden Veränderungen, wie sie zum Beispiel durch den Arabischen Frühling herbeigeführt wurden, gab es auf Facebook Gruppen, in denen sich Gleichgesinnte zusammenfanden.

Solche Gruppen eignen sich hervorragend dazu, um Aktionen zu planen, bekanntzugeben, zu koordinieren und um danach darüber zu berichten – oder währenddessen in Echtzeit. So gesehen ist eine solche Facebook-Gruppe an sich schon eine Art Protest-Management-Software, die aber in ein größeres Konstrukt eingebunden ist.

Arabischer Frühling war nur der Anfang

Diese Protestbewegung startete im Dezember 2010 in Tunesien und verbreitete sich sehr schnell in vielen arabischen Ländern. Im Jemen, in Ägypten, in Tunesien und in Libyen wurde das jeweils amtierende Staatsoberhaupt durch die im Zuge des Arabischen Frühlings dort ausgelösten Revolutionen gestürzt.

Zwar haben sich die Bedingungen in einigen dieser Staaten nicht zwingend zum Besseren gewendet. Es ist jedoch beachtlich, dass es überhaupt zu dieser Bewegung kam. Gleiches gilt für die Grüne Revolution im Iran, die 2009 zwar scheiterte, dennoch aber ein Beispiel dafür war, wie sich Massen mit Hilfe eines von staatlicher Seite nicht hundertprozentig kontrollierbaren Mediums organisieren und koordinieren.

Mehr noch, die Grüne Revolution im Iran hat 2009 maßgeblich dafür gesorgt, dass Twitter für den Zweck der Kommunikation nach außen massenhaft genutzt wurde. Wer erinnert sich nicht an die mit grünen Elementen eingefärbten Avatare, die damals von vielen Menschen auf Twitter aus Solidarität mit den Protestierenden im Iran genutzt wurden?

Social Media ist Solidarität

Fachleute sind sich einig, dass Soziale Netzwerke die Entstehung des Arabischen Frühlings begünstigt haben (siehe Wikipedia: „Es besteht ein Konsens darüber, dass dadurch eine Informationsstruktur abseits des Mainstreams ermöglicht wurde, welche die Proteste gefördert haben“). Das bedeutet nicht, dass man mit Twitter und Co. Regime stürzen kann. Es bedeutet aber, dass sich der Protest, der ohne Soziale Netzwerke möglicherweise nie zu einer kritischen Masse wachsen würde, durch Social Media überhaupt erst möglich gemacht wird.

Die gescheiterte Grüne Revolution im Iran zeigte 2009, dass Social Media an seine Grenzen stößt. Die reine Nutzung von Sozialen Netzwerken als Werkzeug muss nicht zwingend heißen, dass man damit auch zwangsläufig erfolgreich ist. Gezeigt wurde allerdings, welches Potenzial in dieser Protest-Management-Software steckt.

Betroffene Menschen stellten fest, dass sie mit ihrem Unmut nicht allein waren und konnten so Gleichgesinnte finden, denen sie auf herkömmlichen Wegen vermutlich niemals begegnet wären. Natürlich gab es immer schon Revolutionen in der Menschheitsgeschichte – auch ohne Twitter und Co. Deswegen sind Soziale Netzwerke auch nicht das Werkzeug, um solche Prozesse abzuschließen.

Beispiel Türkei

Soziale Netzwerke haben aber das Potenzial, diese Prozesse anzustoßen und dafür zu sorgen, dass vereinzelte Proteste zu Massenbewegungen werden, denn genau so ist es erst kürzlich in der Türkei geschehen. Aus dem Unmut der Bevölkerung über das Vorhaben der Regierung, einen öffentlichen Park für einen Neubau einzuebnen, entwickelten sich landesweite Proteste.

Das geschah nicht nur wegen Twitter oder Facebook. Die staatlichen Medien hielten das Thema zu Beginn absichtlich klein. Das war von oben gewünscht gewesen. Im Endeffekt war die geplante Einebnung des Parks nur der Funke, der ein Fass zum Überlaufen brachte. Viele Menschen in der Türkei sind offensichtlich mit ihrer Regierung unzufrieden. Diese Unzufriedenheit findet in den Protestbewegungen ihr Ventil.

Wo staatliche Medien wie Print, TV und Radio mit der Berichterstattung versagten, sprangen private TV-Sender ein – bis diesen Sendern der Saft abgedreht wurde. Althergebrachte Reaktionen, die aber nicht mehr greifen. Der betreffende TV-Sender arbeitete einfach weiter und strahlte seine Sendungen via YouTube aus. Auch YouTube ist Social Media. Ergebnis war, dass sich noch mehr Menschen über Soziale Netzwerke informierten und organisierten. So bekam die Protestbewegung weiteren Zulauf. Das Gegenteil von dem eigentlich Beabsichtigten trat also ein.

Umdenken ist gefragt

Soziale Netzwerke werden von Menschen bevölkert und dementsprechend folgen sie auch Gesetzen, die sich aus menschlichen Verhaltensweisen ergeben. Und wenn sich Menschen zum Beispiel wegen geografischer Entfernungen oder anderer Hemmnisse nicht von Angesicht zu Angesicht treffen können, dann tun sie das auf anderen Wegen – zum Beispiel über Twitter oder Facebook.

Twitter hat in diesem Kontext zusätzlich eine Sonderstellung, weil es als schnelles Nachrichtenmedium gilt. Und um beim Beispiel Türkei zu bleiben: Social Media ist in der Türkei sehr beliebt, deutlich mehr Menschen als in anderen Staaten nutzen hier Twitter und Facebook, selbst Google+ gehört in der Türkei zu den größeren Sozialen Netzwerken.

Die Wahrnehmung der Öffentlichkeit in vielen Staaten hat sich verändert. Zwar werden nicht zwingend immer auch Dinge endgültig bewegt. Regierungen müssen nicht stürzen, nur weil die Menschen dem Ärger über sie auf Sozialen Netzwerken Luft machen. Aber die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass sich Dinge ändern, auch wenn es nur langsam geschieht. Offizielle Stellen müssen lernen, umzudenken und mit den veränderten Gegebenheiten klarzukommen. Soziale Netzwerke wie Twitter als „Teufelswerk“ zu verunglimpfen wird auf jeden Fall nicht helfen.

Social-Media-Evolution

Die Veränderungen und die Auswirkungen, die Soziale Netzwerke auf Gruppen oder ganze Gesellschaften haben oder haben können, sind unterschiedlich. Es kommt letztendlich immer darauf an, um welchen Anlass es sich genau handelt. Eine Plattform wie Twitter wird vermutlich nicht dafür sorgen, dass eine Regierung stürzt – es können aber Entwicklungen angestoßen werden, die am Ende dafür sorgen, dass genau das passiert.

Um Proteste zu organisieren, zu koordinieren und dann auch noch (oft in Echtzeit) darüber zu berichten, eignen sich Soziale Netzwerke hervorragend, wenn eine kritische Masse erreicht wird. Dass das möglich ist, haben die Ereignisse in der Türkei zuletzt eindrucksvoll bewiesen.

Social Media entwickelt sich also weiter. Wohin genau wird die Zeit zeigen. Schaut man sich den bisherigen Weg dieses neuen Mediums an, dann ist aus meiner Sicht auf jeden Fall und ganz deutlich erkennbar, dass es immer schwieriger wird, die Sozialen Netzwerke zu ignorieren. Ganz gleich, um welchen gesellschaftlichen oder politischen Aspekt es geht.

Über den Autor

bjoern tantauBjörn Tantau arbeitet als Senior Manager Inbound-Marketing bei der Testroom GmbH in Hamburg und ist seit Ende der 1990er Jahre im Online-Marketing aktiv. Er ist Spezialist für Suchmaschinenoptimierung, Social-Media-Marketing, Linkaufbau und Content-Marketing, bloggt auf seiner Website über aktuelle Themen aus diesen und anderen Bereichen, hat ein Buch über Google+ geschrieben und ist als Speaker auf Konferenzen, Messen und Branchenevents aktiv.

Bildnachweis für die News-Übersicht: © iStockphoto / Estate of Stephen Laurence Strathdee

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