t3n News Startups

SoundCloud am Scheideweg: Wie das Berliner Startup jetzt Geld verdienen will [Kolumne]

SoundCloud am Scheideweg: Wie das Berliner Startup jetzt Geld verdienen will [Kolumne]

Nach über sechs Jahren macht sich die Berliner Musikplattform ans Geldverdienen. Martin Weigert analysiert in „Weigerts World“ diese hochknifflige, aber auch extrem spannende Situation. Denn: Das ist gar nicht so einfach, müssen dazu doch divergierende Interessen verschiedener Parteien berücksichtigt werden.

SoundCloud am Scheideweg: Wie das Berliner Startup jetzt Geld verdienen will [Kolumne]

Das SoundCloud-Studio. (Foto: SoundCloud)

Warum SoundCloud es sich mit so vielen Parteien verscherzen kann

Das Berliner SoundCloud vollzieht derzeit eine der spannendsten und kompliziertesten Transformationen, die es in der Netzwirtschaft in den letzten Jahren zu beobachten gab. 2008 als idealistisch angehauchte Musikplattform für Künstler, Indie-Labels und ihre Anhänger gestartet, versucht das Unternehmen den Wandel hin zu einem On-Demand-Musikservice mit werbefinanzierter Gratis-Komponente und kostenpflichtigem Premium-Abo. Allein die schiere Zahl der unterschiedlichen Interessen, die das Gründer-Duo Alexander Ljung und Eric Wahlforss in diesem Prozess zu berücksichtigen hat, macht das Unterfangen zu einer Herkulesaufgabe mit offenem Ausgang.

Ein einfaches Beispiel illustriert, wie leicht es sich SoundCloud mit einer Partei verscherzen kann: Mitte 2014 haben die Hauptstädter unter dem Dachnamen „On SoundCloud“ eine neue Künstler-Mitgliedschaft lanciert, die erstmals eine gezielte Anzeigenvermarktung inklusive Umsatzbeteiligung vorsieht. Interpreten und Indie-Labels, die an dem bisher nur auf Einladung verfügbaren Monetarisierungsprogramm teilnehmen, akzeptieren die Einblendung beziehungsweise das Abspielen von Werbung im Umfeld ihrer bei SoundCloud angebotenen Songs. Dafür beteiligt sie SoundCloud an den so generierten Umsätzen. Sechs Jahre nach dem offiziellen Debüt des Dienstes können Künstler zum ersten Mal mit SoundCloud direkte Einnahmen erzielen. Bislang sah sich das Unternehmen eher als Promotioninstrument für Künstler und Plattenfirmen, die Fans an sich binden wollten.

SoundCloud Ads
Der Pre-Roll Audio-Werbespot. (Screenshot: SoundCloud)

Für teilnehmende Interpreten ist die Entwicklung durchaus positiv. Nutzer hingegen sind vorerst die Leidtragenden: Sie müssen jetzt teilweise Werbespots über sich ergehen lassen, bevor sie einen Titel streamen können. Bislang ist das zwar auf User mit amerikanischer IP-Adresse beschränkt da ich mich aktuell aber in den USA befinde, habe ich am Freitag erstmals einen derartigen Spot angucken dürfen. Er ist sowohl auf dem Desktop als auch über die iPhone-App jeweils vor diesem Titel gestartet. Nach einigen Sekunden hat mir SoundCloud die Möglichkeit angeboten, den Spot zu überspringen. Da war ich aber schon genervt.

SoundCloud: Kein Entkommen von Werbespots

Problematisch ist, dass ich als SoundCloud-User sechs Jahre lang darauf konditioniert worden bin, mir nicht durch Audio-Werbung die Laune verderben lassen zu müssen. „Klassische“ On-Demand-Musikanbieter wie Spotify, Deezer oder Rdio hingegen haben ihren Usern beigebracht, dass sie lästige Werbung durch einen Wechsel auf das kostenpflichtige Premium-Abo vermeiden können. Das würde ich sehr gerne auch bei SoundCloud so machen – doch der Abo-Dienst ist noch nicht fertig. Auf Anfrage hat eine SoundCloud-Sprecherin lediglich wiederholt, dass die Einführung einer Bezahl-Variante geplant sei. Ein zu kommunizierendes Datum gebe es aber noch nicht.

SoundCloud
Die Reaktionen auf Werbung bei SoundCloud. (Screenshot: Twitter)

Dass SoundCloud Pre-Roll-Audio-Ads einführt, kommt bei betroffenen Nutzern in den USA erwartungsgemäß nicht gut an. Eine Twitter-Suche nach „soundcloud ads“ liefert haufenweise Beschwerden. Praktisch wäre es, würde das Unternehmen auf eine werbefreie Premium-Version verweisen können, so wie es die Konkurrenz auch macht. Doch da die noch nicht existiert, hat SoundCloud im Prinzip kein Argument, mit dem es erboste User besänftigen könnte.

Monetarisierung kann nicht auf Abo-Funktion warten

Fragen zu Verhandlungen mit Urhebern und Rechteinhabern kommentieren Musikdienste traditionell nicht. Im Hause SoundCloud wird man aber wissen, dass der aktuelle Zustand – mit Werbung, aber ohne Ausweichlösung für zahlungswillige Nutzer – die Loyalität treuer Anhänger gefährden kann. Warum man sich dennoch dafür entschieden hat, kann auf die eingangs erwähnte schwierige Aufgabe zurückzuführen sein, viele verschiedene Parteien zufriedenstellen zu müssen. Bei acht Millionen Euro lag der Umsatz 2012. 2013 war er auf 11,2 Millionen gestiegen. Gleichzeitig wuchs auch der operative Verlust von 12,4 Millionen Euro auf 23,1 Millionen Euro. Um das Vertrauen externer Geldgeber nicht zu verlieren, steht SoundCloud mehr als sieben Jahre nach der Gründung unter dem Zwang, endlich die Kassen klingeln zu lassen. Unterdessen soll das Startup an der Beschaffung einer erneuten Kapitalspritze in Höhe von bis zu 150 Millionen Dollar arbeiten.

Die SoundCloud-Gründer Alex Ljung und Eric Wahlforss stehen vor dem größten Exit der deutschen Startup-Geschichte, (Foto: Soundcloud)
Die SoundCloud-Gründer Alex Ljung und Eric Wahlforss. (Foto: Soundcloud)

Parallel zur ökonomischen Absicherung müssen die Berliner auch Deals mit großen Plattenfirmen in die Wege leiten. Bislang hat der Service in einer rechtlichen Grauzone agiert – viele User-Uploads und DJ-Mixe enthalten urheberrechtlich geschützte Musik, ohne dass SoundCloud dafür Lizenzabgaben zahlt. Dies wurde in vielen Fällen zumindest still toleriert, solange sich niemand beschwert hat. Da jetzt aber alle Zeichen auf Monetarisierung stehen – auch der Endnutzer –  werden Vereinbarungen mit den Labels unumgänglich. Laut offiziellen Angaben konnte SoundCloud von den „Big Three“ bisher aber nur Warner überzeugen. Möglich, dass sich deshalb das Debüt des Abo-Services verzögert.

Wären das nicht schon genug Baustellen, so müssen die SoundCloud-Gründer und ihr Team auch aufpassen, durch die Transformation nicht das Wohlwollen der Künstler und Kreativen zu verlieren, die den Dienst bisher als leicht rebellischen Gegenpol zu den durchkommerzialisierten On-Demand-Services gesehen haben. Obendrein entwickelt YouTube mit Music Key seinen eigenen Musik-Abodienst – der Konkurrenzkampf wird immer härter. Letztlich geht es für SoundCloud auch darum, nicht einfach nur ein „Me-Too!“-Produkt der existierenden Streaming-Anbieter zu werden, sondern Alleinstellungsmerkmale beizubehalten.

Abhängigkeit vom Wohlwollen der Labels

Angesichts dieser Gemengelage, die äußerst sorgsames und taktisch kluges Vorgehen erfordert, möchte man mit SoundCloud eigentlich nicht zu hart ins Gericht gehen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die etablierten Vertreter der Musikindustrie nicht unbedingt angenehme Gesprächspartner sind, wenn es um in ihre Domäne eingreifende Geschäftsmodelle geht. Je dringlicher für SoundCloud aber die Notwendigkeit zur Umsatzsteigerung wird, desto ungünstiger wird auch die Ausgangslage. Denn die Labels wissen, dass ohne ihren Segen das Projekt SoundCloud in der aktuellen Form wahrscheinlich keine Zukunft hat.

Sogenannte Pivots sind in Startup-Kreisen keine Seltenheit. SoundCloud aber bleibt im Grunde auch 2015 seiner Grundvision treu. Und ganz ohne Zugeständnisse an das Branchen-Establishment geht das nicht. Sollte es den Hauptstädtern gelingen, das idealistisch-kreative Flair ihrer Plattform beizubehalten, gleichzeitig aber wirtschaftlich tragfähig zu werden und sich auf eine gemeinsame Linie mit der heterogenen Gruppe der Rechteinhaber einigen zu können, wäre das eine Meisterleistung. Der Weg dorthin bleibt aber steinig.

Newsletter

Bleibe immer up-to-date. Sichere dir deinen Wissensvorsprung!

Vorheriger Artikel Zurück zur Startseite Nächster Artikel
7 Antworten
  1. von Benedikt am 17.02.2015 (11:57 Uhr)

    Nur gut, dass es mit Anbietern wie hearthis.at & Co. auch Alternativen für junge Musiker und Produzenten gibt.

    Antworten Teilen
    • von Bastey am 17.02.2015 (12:47 Uhr)

      Wie die Nomaden durch die Wüste ziehen und verbannte Erde im Sinne eines mongolischen Feldzuges hinterlassen, ermutigt mit Sicherheit keine Startups.

      Soundcloud muss zumindest die Kosten wieder hereinbekommen. Niemand arbeitet, solange man für sein Frühstücksei bezahlen muss, kostenlos. Auch du nicht, Benedikt.

      Antworten Teilen
      • von Hans am 18.02.2015 (09:03 Uhr)

        Haha, Bastey. Nomaden, die verbrannte Erde hinterlassen? Von wem redest Du? Von den Investoren, die Millionen in Musik-Startups stecken, um hinterher Milliarden mit der Kunst anderer Leute zu verdienen? Soundcloud ist für alle Beteiligten, ob Mitarbeiter oder Investoren, eine Wette. Im Gegensatz zu die wissen das alle Beteiligte aber auch.

        Teilen
      • von Bastey am 18.02.2015 (11:53 Uhr)

        Ich rede von Leuten, die nicht bereit sind auch nur einen Cent für eine Dienstleistung zu zahlen.

        Teilen
  2. von Hans am 18.02.2015 (15:41 Uhr)

    Und ich rede von Investoren und Entrepreneuren, die darauf spekulieren, mit der Arbeit anderer Geld zu verdienen. Das scheint ja das anvisierte Geschäftsmodell zu sein und eben nicht die Premiumdienste.

    Antworten Teilen
  3. von Christoph am 19.02.2015 (09:50 Uhr)

    Das schöne an Soundcloud sind ganz klar die Songs/Mixes welche in der Regel nirgends anderst zu finden sind. Ich wünsche mir vorallem das SoundCloud ähnlich wie Spotify ein Abo bei den MobileCarriern anbietet. Denn aktuell könnte ich es mir nicht vorstellen monatlich ~12€ für zusätzliches Datenvolumen auszugeben um dann noch 10€ im Monat für ein Abo zu bezahlen. Vielen meiner Freunde [DJ's/hörer] sehen dies ähnlich und haben erst einmal die Augen verdreht als ich ihnens sagte dass Sie um Werbung bald nicht mehr herum kommen.
    Alles gute für die Zukunft Soundcloud, verbockt es bitte nicht!!

    Antworten Teilen
  4. von Leon am 20.02.2015 (14:54 Uhr)

    Bei vielen Songs / Mixes auf Soundcloud sieht man einen Link zu Beatport mit dem Titel "Buy this song". Wieso bietet Soundcloud nicht die Möglichkeit für Künstler digitale Waren zu verkaufen, anstatt sich gleich einen ganzen Streaming Dienst ans Bein zu binden. Wäre schon mal kein schlechter Schritt.

    Antworten Teilen
Deine Meinung

Bitte melde dich an!

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden

Mehr zum Thema SoundCloud
Wir können alles außer Startups? Der digitale Masterplan für Baden-Württemberg [Kolumne]
Wir können alles außer Startups? Der digitale Masterplan für Baden-Württemberg [Kolumne]

Die neue Startup-Politik in Baden-Württemberg sei ein „dramatischer strategischer Fehler“, kritisierte Florian Nöll kürzlich. In seiner t3n-Kolumne „Undiplomatisch“ legt der Vorsitzende … » weiterlesen

t3n-Daily-Kickoff: 70 Millionen US-Dollar für Soundcloud, Twitter investiert
t3n-Daily-Kickoff: 70 Millionen US-Dollar für Soundcloud, Twitter investiert

Während ihr geschlafen habt, ist einiges passiert da draußen. Der t3n-Daily-Kickoff bringt euch deshalb jeden Morgen auf den neuesten Stand – pünktlich zum ersten Kaffee des Tages und live aus … » weiterlesen

Es ist soweit: SoundCloud launcht mit „Go“ sein kostenpflichtiges Premium-Angebot
Es ist soweit: SoundCloud launcht mit „Go“ sein kostenpflichtiges Premium-Angebot

Für 9,99 US-Dollar pro Monat erhalten Abonnenten Zugriff auf 125 Millionen zusätzliche Tracks, die usergenerierten Inhalte sollen kostenlos bleiben. Vorerst ist „SoundCloud Go“ nur in den USA … » weiterlesen

Alle Hefte Jetzt abonnieren – für nur 35 €

Kennst Du schon unser t3n Magazin?