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Startup-Förderung: Her mit den klugen Köpfen [Kommentar]

Startup-Förderung: Her mit den klugen Köpfen [Kommentar]

Digitale Unternehmen werden in Deutschland langsam ernst genommen. Jedoch gibt es noch viel zu tun, um den Markt attraktiv zu machen: für Investoren, Firmengründer und Arbeitnehmer. Eva-Maria Kirschsieper, verantwortlich für die politische Kommunikation bei , fordert mehr Offenheit.

Startup-Förderung: Her mit den klugen Köpfen [Kommentar]

Startup-Förderung: Her mit den klugen Köpfen (Bild: PacoRomero - iStock.com)

Anfang November konnten wir während einer Veranstaltung des CDU-nahen Vereins „cnetz“ mitverfolgen, wie Angela Merkel und gleich drei ihrer Minister öffentlich über die Herausforderungen in der digitalen Welt diskutierten. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie sich die Diskussion in Deutschland rund um das Thema Digitalisierung verändert. Und auch dafür, dass innerhalb der Bundesregierung die Sensibilität für die Thematik gestiegen ist. Die Idee, Digitalisierung als Chance zu begreifen und weniger als Bedrohung, ist schon einmal nicht schlecht. Damit aber Deutschland als Markt für Innovationen im digitalen Bereich attraktiver wird, muss noch viel passieren.

Seit dem Börsengang von Rocket Internet und Zalando hat sich die öffentliche Wahrnehmung der deutschen Startup-Szene verändert. Und auch wenn die Diskussion im politischen Raum angekommen zu sein scheint, so ganz geheuer sind vielen die onlinebasierten Geschäftsmodelle immer noch nicht. Unternehmen wie Facebook werden stets kritischer beobachtet als klassische Industriebetriebe. Geschäftsmodelle werden häufig nicht richtig verstanden oder reflexhaft als unseriös wahrgenommen. Wir haben daraus abgeleitet, dass wir künftig noch verständlicher mitteilen müssen, wer wir sind und für was wir stehen. Und das tun wir.

Startup-Förderung: Mehr Offenheit in der Politik

(Bild: Lawrence Murray-Flickr / CC-BY-2.0)
Startup-Förderung muss von der Politik ausgehen. (Bild: Lawrence Murray-Flickr / CC-BY-2.0)

Von der Politik würden wir uns wünschen, dass sie gegenüber Internetfirmen und ihren Gründerinnen und Gründern offener auftritt. Nicht selten paart sich das Unverständnis für innovative Geschäftsideen mit Hohn, wenn ein halbwegs namhaftes Startup scheitert. Dabei ist das Scheitern ein elementarer Bestandteil von Innovationsprozessen. Doch was in den USA den „common sense“ widerspiegelt, stößt in Deutschland nach wie vor auf wenig Akzeptanz. Wer bei uns mit einer Gründung scheitert, muss davon ausgehen, als Verlierer gebrandmarkt zu werden.

Ferner könnte die Politik einiges bewegen, indem sie der deutschen Gründerkultur in der Gesetzgebung stärker entgegenkommt. Mehr Mut und Vertrauen ist gefragt, damit Gründer sich auf die Umsetzung ihrer Geschäftsideen konzentrieren können und nicht durch bürokratische Hürden behindert werden. Nicht von ungefähr wird in Deutschland nur ein kleiner Bruchteil dessen investiert, was jährlich an privatem Risikokapital in Unternehmen im Silicon Valley fließt.

Neugründungen als Standortfaktor

Dass dies aber auch anders sein kann, und Neugründungen ein echter Standortfaktor sind, sieht man in Berlin. Etwa 2.500 innovative Unternehmen schaffen hier Arbeitsplätze; der Stadtverwaltung bescheren sie beträchtliche Steuereinnahmen. Schon heute ist in Berlin die Internetwirtschaft ökonomisch bedeutender als die Bauindustrie. Laut einer McKinsey-Studie könnten hier bis zum Jahr 2020 über 100.000 neue Arbeitsplätze durch entstehen.

„Schon heute ist in Berlin die Internetwirtschaft ökonomisch bedeutender als die Bauindustrie.“

Die sogenannte Industrie 4.0 ist als Schlagwort in der Diskussion vielleicht ganz gut, um den Zugang zur Digitalisierung über herkömmliche Geschäftsmodelle zu finden. Wir müssen aber aufpassen, dass Industrie 4.0 nicht die Grenzen der Digitalisierung in Deutschland markiert, sondern bestenfalls als Zugang dient, digitale Geschäftsmodelle zu eröffnen. Damit dies gelingt, sind jedoch noch weitere Voraussetzungen wichtig. So müssen wir es etwa schaffen, einen attraktiven Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Menschen zu etablieren. Der Kampf um die klügsten Köpfe hat gerade erst begonnen, und um die nötige Attraktivität zu schaffen, brauchen wir vor allem eine veränderte Unternehmenskultur, wie sie insbesondere auch in jungen IT-Unternehmen gepflegt wird.

Während zum Beispiel die überwiegende Mehrheit deutscher Betriebe noch an starren Arbeitszeiten und an der Präsenzpflicht festhält, ist das bei jungen Unternehmen weitaus weniger bedeutsam. Entscheidend ist nicht die Anwesenheit von 9 bis 17 Uhr, sondern welche Leistungen erbracht und ob die gesteckten Ziele erreicht werden. Wo und wie diese erreicht werden, ist zweitrangig. Denn zu einem attraktiven Arbeitgeber gehört ein Arbeitsumfeld, in dem sich Mitarbeiter wohlfühlen können. Flexibilität bei der Arbeit und Unterstützung bei der nach wie vor viel zu selten realisierten Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind in der Denke junger Tech-Firmen unmittelbar verknüpft mit Begriffen wie Produktivität und Kreativität und auch damit, dass sich Firmenmitarbeiter stark mit ihrem Arbeitgeber identifizieren.

Unternehmen sollten ihre Gleichstellungspolitik hinterfragen

Wichtig ist es auch, gerade im IT-Bereich, als Unternehmen attraktiv für Frauen zu sein. Dass Frauen oft in technischen Berufen, insbesondere in Führungspositionen, unterrepräsentiert sind, ist hinreichend bekannt. Facebook, mit Sheryl Sandberg an der Spitze eines globalen Unternehmens, nimmt hier eine wichtige Vorbildfunktion ein.

„Wichtig ist es auch, gerade im IT-Bereich, als Unternehmen attraktiv für Frauen zu sein.“

Dass Facebook seinen Mitarbeiterinnen in den USA beispielsweise eine Kostenübernahme für das Einfrieren von Eizellen anbietet, ist eine wichtige und mitarbeiterfreundliche Initiative. Wer einmal einen Blick hinter die Kulissen von Facebook werfen konnte, dem liegt nichts so fern wie der Gedanke, dass das Unternehmen Frauen vom Kinderkriegen abhalten will, damit sie in den vermeintlich besten Jahren keine Kinder bekommen. Es geht um das Selbstverständnis, als Arbeitgeber für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit zum Teil ganz unterschiedlichen Ansprüchen und in unterschiedlichen Lebenssituationen attraktiv zu sein.

Aber auch diese Diskussion in Deutschland zeigt, welcher Weg noch zu gehen ist. Wenn in Deutschland laut den jüngsten Bitkom-Zahlen über 40.000 Fachkräfte in der IT-Branche fehlen, dann gibt es verschiedene Wege, um Abhilfe zu schaffen. Die hier genannten Aspekte könnten jedoch dazu beitragen.

das-netz-2014-2015-kleinDer Artikel „Startup-Förderung: Her mit den klugen Köpfen“ von Eva-Maria Kirschsieper ist eine Zweitveröffentlichung aus dem Magazin „Das Netz 2014-2015 – Jahresrückblick Netzpolitik“ von iRights.Media. Autoren wie Eva-Maria Kirschsieper, Ines Pohl, Stefan Niggemeier und Michael Speer schreiben über Themen, die das digitale Deutschland bewegt haben.

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Eine Antwort
  1. von NikolaiShulgin.Bitrix24 am 24.12.2014 (17:54 Uhr)

    Damit die Startupkultur in Deutschland wächst, muss meiner Meinung nach vor allem bei den Universitäten angesetzt werden. Hier wird meist nur auf den sicheren Arbeitsplatz hingearbeitet, ohne nach links und rechts zu sehen. Konkret fehlen hier ernst gemeinte Kurse, die Studenten zu Gründungen anregen und diese ggf. aktiv durch Wissen zu unterstützen. An der Bucerius Law School in Hamburg etwa gibt es einen Unternehmerbeirat, bestehend aus etwa einem Dutzend Absolventen mit Gründungserfahrung, die studentische Gründungen fördern.

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