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Startup-Portrait Researchgate: Das Facebook der Wissenschaft kommt aus Deutschland

Orazio Romeo ist ein junger Biologe aus Italien. Er forschte an Krankheitserregern. Weil seine Universität nur wenig Geld zur Verfügung hatte, konnte er die Hefeproben, die er für seine Forschung brauchte, nicht selbst sammeln. Über Researchgate – eine Art „Facebook" für Wissenschaftler – fand der Forscher einen Kollegen namens Emmanuel Nnadi, ein Wissenschaftler an der Universität Jos in Nigeria. Gemeinsam entdeckten sei einen neuen Infektionserreger in Nigeria und publizierten ihre Erkenntnisse in einem Fachjournal für Tropenkrankheiten.

Startup-Portrait Researchgate: Das Facebook der Wissenschaft kommt aus Deutschland

Einen „wissenschaftlichen Durchbruch" nennt das Ijad Madisch – und es sei nur einer von vielen, die die Plattform ermöglicht habe: Ein philippinischer Student, der gemeinsam mit einem spanischen Professor eine neue Formel für Biodiesel gefunden hat, gehört zum Beispiel auch dazu. Ebenso ein Forscher aus den USA, der erst über die Onlineplattform mit anderen Fachbereichen seiner eigenen Universität in Cambridge in Kontakt kam und so die Laborausstattung nutzen konnte, die er für seine Experimente benötigte.

Start-ups der Woche

Researchgate-Chef und Gründer Ijad Madisch, der selbst promovierter Arzt und Wissenschaftler ist, will mit seiner Plattform nicht weniger als die Prinzipien der Wissenschaft umstoßen. Sein Traum: Dass Researchgate eines Tages einen Nobelpreis gewinnt. Die wagemutige Vision stieß auf Interesse bei den Großen im Silicon Valley. Matt Cohler, lange die Nummer zwei bei , hat mit seinem Fonds Benchmark Capital investiert, ebenso der Founders Fonds des bekannten Investors Peter Thiel, einer der frühen Investoren bei Facebook und Paypal. Auch Accel Partners, der erste Facebook-Investor, ist dabei.

Wie viel Geld die Investoren bislang in Researchgate gesteckt haben, wird nicht verraten – doch es dürfte eine beträchtliche Summe sein. Immerhin hat das Wissenschafts-Netzwerk inzwischen mehr als 100 Mitarbeiter in Berlin und noch keine Einnahmequellen. Doch Geld steht zunächst auch nicht im Vordergrund. „Wir haben uns mit Venture Capital jetzt erstmal Zeit gekauft, denn das Mindset der Forscher zu verändern ist schwieriger als am Ende damit Geld zu verdienen", glaubt Madisch. „Es geht mir nicht ums Geld verdienen, nicht um den Exit. Ich werde niemals verkaufen, für mich ist das ein Lebensprojekt." Geld verdienen will das Start-up in Zukunft mit Sonderfunktionen der internen Stellenbörse, einem Marktplatz für Labormaterialien und wissenschaftlichen Konferenzen.

Wissenschaft nach dem Facebook-Prinzip

Doch im Mittelpunkt steht zunächst die Revolution der Wissenschaft – mit Prinzipien, die aus sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Linkedin bekannt sind. Auf Twitter folgen die Leute Prominenten, Politikern, Journalisten oder anderen, deren Nachrichten sie für interessant halten. Auf Researchgate verfolgen Wissenschaftler die Publikationen von Kollegen. Außerdem pflegen sie ihre Netzwerke ähnlich wie bei Facebook, Linkedin oder Xing und helfen sich gegenseitig in Foren.

„Das wichtigste ist, dass die Wissenschaftscommunity durch Researchgate schon offener geworden ist", sagt der Gründer. „Forscher teilen Daten, die sie vorher nie publiziert haben". Neu dabei ist, dass dazu auch negative Ergebnisse, Fehlschläge und Rohdaten gehören – wertvolle Lektionen für alle Wissenschaftler, die sich mit demselben Thema beschäftigen. „Das haben Forscher vorher überhaupt nicht öffentlich gemacht, nicht einmal darüber nachgedacht", sagt Madisch. Heute werden jeden Tag im Durchschnitt 1.500 Forschungsrohdatensätze auf der Plattform veröffentlicht – alles Daten, die in früherer Zeit in Archiven verschwunden sind.

Im Weg stehen Researchgate dabei jedoch oftmals die Strukturen, innerhalb derer Wissenschaftler bislang gearbeitet haben. Wer beispielsweise die Chance sieht, dass seine Ergebnisse in einem renommierten Journal wie Nature oder Science publiziert werden, wird sie nicht bei Researchgate veröffentlichen, denn die klassischen Journals veröffentlichen nur bislang unveröffentlichte Forschungsergebnisse. Doch Researchgate wird vieles aufbrechen, was bislang in der Wissenschaftswelt üblich war, ist Madisch überzeugt.

„Das interessante ist ja auch, dass das World Wide Web 1989 genau aus diesem Grund gemacht worden ist: Sie wollten, dass Forschungsdaten und Forschungsinformationen schneller unter Forschern ausgetauscht werden. In den letzten 20 Jahren ist das World Wide Web für alles Mögliche genutzt worden – aber nicht wirklich dafür", sagt der Gründer. Stattdessen sei die Offline-Welt schlicht in die Online-Welt projiziert worden.

Researchgate-Chef und Gründer Ijad Madisch.

Die richtigen Daten mit den richtigen Menschen verbinden

Madisch erwartet durch die neue Form der Vernetzung im Internet zahlreiche wissenschaftliche Durchbrüche. „Weil wir da die richtigen Daten mit den richtigen Menschen verbinden, was vorher nicht möglich war." Zu den meisten Erkrankungen und Therapien beispielsweise seien längst genug Daten vorhanden – es mangele nur an der richtigen Vernetzung. „Wenn wir das verändern, wird sich die Art und Weise, wie Wissenschaft funktioniert komplett verändern", sagt Madisch.

Generell hat der Arzt und Wissenschaftler beobachtet, dass jüngere Wissenschaftler für die Prinzipien des sozialen Netzwerks offener sind. Sie teilen nicht nur häufiger Wissen und Forschungsergebnisse mit anderen, sondern schämen sich auch nicht, auch negative Ergebnisse und Rohdaten anderen mitzuteilen, damit sie dadurch lernen.

Inzwischen haben sich bei Researchgate auch viele etablierte Forscher angemeldet – insbesondere aus den Bereichen Medizin und Biologie. Doch sie nutzen das Netzwerk anders als die jüngeren. „Sie nutzen Researchgate vor allem, um sich und die Publikationen zu präsentieren, die sie veröffentlicht haben – die jungen nutzen es viel aktiver, nicht nur um ihren Lebenslauf zu präsentieren, sondern auch um anderen Leuten zu helfen." Immerhin kennen die jüngeren auch schon das Prinzip sozialer Netzwerke mindestens von Facebook. Facebook sieht Madisch daher auch als Wegbereiter für sein Start-up. „Ich glaube, dass viele Konzepte sich erst einmal in den Köpfen der Leute manifestieren mussten."

Idee findet in den USA schneller Anhänger

In Deutschland ist Madisch mit seiner Idee auf nicht viel Interesse gestoßen. Als er einst seinem Doktorvater die Idee zu Researchgate erzählte, war dieser nicht begeistert. Auch als Madisch später begann, als Arzt und Forscher zu arbeiten, fragte er seinen damaligen Professor, ob er neben dieser Tätigkeit die Hälfte seiner Zeit in die Gründung von Researchgate stecken könne. „Er sagte mir, ich solle den Firlefanz aus meinem Kopf kriegen und mich auf meine akademische Karriere konzentrieren. Seine Meinung: Wissenschaftler sind nicht sozial, das wird sich nicht ändern." Einen Tag später kündigte Madisch und begann eine Stelle an der Havard-Universität, wo seine Idee auf mehr Gegenliebe stieß.

Auch bei der Finanzierung waren amerikanische Wagniskapitalgeber offener als deutsche. „Die großen US-Investoren verstehen, wie man relativ einfach Geld machen kann. Sie investieren aber nur selten in diese einfachen Geldmachaktionen", glaubt Madisch. Vielmehr ginge es ihnen darum, das Geldverdienen mit Weltveränderung zu verknüpfen. „Das braucht natürlich einen langen Atem." Deutsche Investoren hätten nicht verstanden, was er vorhat. „Wissenschaftler haben kein Geld", habe beispielsweise eine in Deutschland sehr berühmte Person gesagt, deren Name Madisch nicht nennen will. „Das hat in den USA alles viel schneller eingeschlagen, ohne dass ich viel reden musste."

Ganz anders in den USA: Der bekannte Wagniskapitalgeber Matt Cohler fragte den jungen Gründer, wie er den Erfolg für seine Firma definiere. Seine Antwort: „Wenn diese Firma den Nobelpreis gewinnt." Cohler war von der Idee angetan und investierte. Letztlich hat sich der Wissenschaftler und Unternehmer nach der Gründung in den USA im Mai 2008 trotz allem doch wieder für Deutschland als Standort für sein Start-up entschieden – oder besser gesagt für Berlin. „Wir wussten: Wenn irgendwo bald das nächste Silicon Valley außerhalb des Silicon Valleys entstehen sollte, dann könnte es Berlin sein." Seit dem Umzug vor rund zwei Jahren ist die Firma von sieben auf über 100 Mitarbeiter gewachsen.

Warum Researchgate nach Berlin gezogen ist

„Deutschland ist bekannt und berüchtigt für das Kopieren von Ideen aus Amerika", sagt Madisch. Doch die sogenannten Copycats hätten auch eine positive Seite: Sie haben das passende Umfeld geschaffen, damit auch innovative in Berlin erfolgreich sein können. „Firmen wie StudiVZ und Zalando, die einfach irgendetwas kopiert haben, haben damit natürlich auch Leute ausgebildet und Talente angezogen." Zusätzlich sprechen niedrige Mieten und günstige Infrastruktur für Berlin im Vergleich zu San Francisco. Auch gibt es weniger Konkurrenz um die guten Mitarbeiter. „Berlin war absolut die richtige Entscheidung", sagt Madisch.

Kampf gegen die etablierte Wissenschaftskultur

Besonders Biologen, Mediziner und Informatiker sind auf der Plattform aktiv. „Für Informatik gibt es aber auch schon viele andere Plattform für den Austausch", sagt der Gründer. Die Plattform sei grundsätzlich aber für alle nutzbar.

Doch ein Problem bleibt: Wer seine Daten bereits bei Researchgate oder anderswo veröffentlicht hat, kann diese nicht mehr in ein Wissenschaftsjournal einreichen. „Wenn jemand jetzt die Chance hätte, bei Nature zu publizieren, würde er es wahrschein eher bei Nature machen als bei uns", räumt Madisch ein. „Das will ich ändern." Daher hat er ein Bewertungssystem bei Researchgate eingeführt.

Mit der Einführung des Research Gate Scores Ende 2012 versucht die Plattform eine neue Reputations-Währung unter Wissenschaftlern zu etablieren. Bislang hängt die Reputation eines Wissenschaftlers davon ab, wie häufig er in welchen Journalen publiziert. Je einflussreicher das Journal, desto größer die Reputation des Wissenschaftlers. „Ein Journal hat einen so genannten Impact-Faktor, und dieser Einflussfaktor hat überhaupt nichts mit meiner Publikation zu tun", kritisiert Madisch. „De facto ist der Impact-Faktor entstanden durch die Publikationen anderer – und ich erbe, was andere für mich erarbeitet haben", kritisiert er das bisherige System.

Doch das alternativ eingeführte Bewertungssystem litt an Kinderkrankheiten, wie die Chemikerin Beatrice Lugger auf Siclogs schrieb. Sie schaffte es mit relativ wenig Aktivität unter die besten fünf Prozent der Plattform. „Das war ein Bug den wir da hatten in dieser Zeit", sagt Madisch und verspricht, dass nachgebessert wurde. „Ihr Score ist jetzt schlechter als 75 Prozent der Mitglieder bei Researchgate. Das hat sich nach unserem Fix verändert." Der Fall zeigte aber, dass diese Art des Reputationssystems viel transparenter sei als die alte Formel der Wissenschaftsreputation – und auf Kritik von außen reagiere. Jeder kann außerdem offen einsehen, wie sich der Score bei jedem einzelnen Forscher zusammensetzt. Dabei zählen nicht nur Publikationen, sondern beispielsweise auch die Beantwortung von Fragen innerhalb der Community.

Werden wissenschaftliche Arbeiten in den etablierten Wissenschaftsjournals publiziert, würden die Ergebnisse der durch öffentliche Forschungsgelder finanzierten Forschung hinter einer Paywall verschwinden, bemängelt der Researchgate-Chef. Denn der Zugriff auf die Inhalte der Wissenschaftspublikationen ist extrem teuer. Schon einzelne Artikel als Privatperson herunterzuladen kostet zwischen 30 und 40 Euro. Universitäten zahlen hohe vierstellige Beträge pro Journal – teilweise auch deutlich mehr. Für Madisch sind solche Artikel daher schlicht „nicht publiziert". Außerdem würden im „alten System", wie er es nennt, Informationen langsam fließen. Daher dauerte es oft lange, bis Fehler entdeckt werden – und so würden Gelder und andere Ressourcen für Dinge verschwendet werden, von denen man früher hätte herausfinden können, dass sie nicht funktionieren.

Open Science statt geschlossener Türen

Madisch will in der Wissenschaftswelt etwas schaffen, was unter Programmieren schon lange üblich ist: Angelehnt an das Open-Source-Prinzip bei Software will er „Open Science" etablieren. Bei Open-Source-Software steht der Programmcode von Anwendungen unter einer freien Lizenz, sodass jeder den Programmcode einsehen, verbreiten und verändern kann. Beispiele sind Anwendungen wie die Webbrowser Firefox und Chrome, Googles Smartphone-System Android oder die Bürosoftware Libre Office. Madisch will erreichen, dass auch Forschungsergebnisse frei downloadbar sind. „Alles andere behindert nur den wissenschaftlichen Fortschritt."

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von Stephan Dörner

Ursprünglich publiziert bei wsj.de

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2 Antworten
  1. von Andreas Lenz am 11.02.2013 (17:45 Uhr)

    2008 in Hannover gegründet um genau zu sein ;) http://de.wikipedia.org/wiki/ResearchGate

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  2. von Sweety am 12.02.2013 (10:01 Uhr)

    Endlich einmal ein Projekt nach Wikipedia das der Menschheit einen wirklichen NUtzen bringt. Ich wünsche ihm alles Erfolg dieser Welt.

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