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Kulturwandel im Management: „Startups brauchen reife, reflektierte Chefs“ [Interview]

Kulturwandel im Management: „Startups brauchen reife, reflektierte Chefs“ [Interview]

Die deutschen werden reifer, gefragt sind deshalb erfahrene Führungskräfte – sagt Personalberaterin Constanze Buchheim. Im Rahmen unserer haben wir mit ihr gesprochen – über das, was die Beschäftigten wollen und das, was Chefs mitbringen müssen.

Kulturwandel im Management: „Startups brauchen reife, reflektierte Chefs“ [Interview]

(Bild: © ArtFamily – Fotolia.com)

Startups in Deutschland: Investieren ins Führungspersonal

Die Startup-Firmen in Deutschland werden immer größer und professioneller. Damit wachsen auch die Anforderungen ans Management. Constanze Buchheim, Personalberaterin für die Digitalwirtschaft bei I-Potentials in Berlin, prognostiziert einen Mangel an Führungskräften, die beides können: Komplexe Unternehmen leiten und gleichzeitig die typische Startup-Kultur transportieren. Auf die legen die Beschäftigten der Generation Y nämlich großen Wert.

t3n Magazin: Constanze, gibt es in Deutschland zu wenig IT-Kräfte?

Constanze Buchheim: Man merkt, dass der Kampf um die Richtigen immer härter wird. Aber diese Tendenz wird durch die Globalisierung des Marktes abgeschwächt. Außerdem steht Berlin mit seiner Vielzahl an Startups eine Zuwanderung von IT-Kräften bevor, wie sie im Silicon Valley bereits vor 20 bis 30 Jahren begonnen hat. Die Attraktivität der Startup-Szene steigt, weil sich Vorurteile auflösen, die viele potentielle Arbeitnehmer bisher hatten.

t3n Magazin: Welche Mitarbeiter sind deiner Erfahrung nach in der Szene – abgesehen von IT-Leuten, das ist gesetzt – am gefragtesten?

Constanze Buchheim von I-Potenzials. (Foto:Twitter)
Constanze Buchheim von I-Potenzials. (Foto: Twitter)

Buchheim: Wir haben eine sehr großer Nachfrage im Bereich Produktmanagement, an der Schnittstelle zwischen Technik und digitalem Marketing. Und auch Sales-Leute sind gesucht. Genauso wie etablierte und Offline-Modelle brauchen auch die meisten Online-Modelle sehr gute Vertriebsleute. In diesem Bereich sind wir in einem extrem harten Wettbewerb, weil der Vertrieb für viele Kandidaten stark negativ behaftet ist. Und nicht zuletzt gibt es wegen des Kampfs um Talent auch eine immer stärkere Nachfrage nach Recruitern.

t3n Magazin: Wie sieht es mit Führungskräften aus?

Buchheim: Die Startup-Szene in Deutschland wird reifer, die Unternehmen größer und internationalisierter. Gefragt sind deshalb erfahrene Führungskräfte, die komplexe Organisationen mit mehreren Ebenen beherrschen können. Der Flaschenhals des Marktes ist, tatsächlich diejenigen zu finden, die fachlich geeignet sind, und gleichzeitig die Kultur des Unternehmens transportieren können. Für Startups kann das gefährlich werden, denn die Führungskräfte und Manager werden dort zum Zünglein an der Waage für das Rekrutieren und die Bindung der Mitarbeiter. Da müssen wir viel investieren.

t3n Magazin: Man hört immer wieder, dass die Fluktuation in Startups besonders hoch ist. Liegt das an den Arbeitsbedingungen?

Buchheim: Meiner Beobachtung nach ist es bei Startups normal, dass ein Mitarbeiter nach zwei bis vier Jahren das Unternehmen verlässt. Nicht unbedingt, weil es schlecht geführt ist. Er hat vielmehr das Arbeits- und Karriereverständnis, an verschiedenen Projekten zu arbeiten. Er absolviert erfolgreich ein Projekt, und dann verlässt er das Unternehmen für das nächste Projekt.

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t3n Magazin: Klingt nach einem Kulturwandel.

Buchheim: Das stimmt. Bisher entstand Fluktuation aus Unzufriedenheit, jetzt beobachten wir Fluktuation aus Neugier. Startup-Mitarbeiter kann man nicht wie früher in einer Siemens-Karriere binden und eine ganze Generation in das Unternehmen ziehen. Bei den Mittelständlern, die wir betreuen, herrscht eine ganz andere Loyalität.

Manager mit Gespür Probleme und Konflikte sind gefragt

t3n Magazin: Im Silicon Valley werden die Kandidaten umschmeichelt, kriegen eigene Yoga-Studios und Bio-Essen rund um die Uhr. Erwarten Bewerber heute solche Dinge?

„Die Bewerber erwarten vor allem, dass das Unternehmen Verantwortung übernimmt.“

Buchheim: In begrenztem Maße. Die Bewerber erwarten vor allem, dass das Unternehmen Verantwortung übernimmt. Der Generation Y, Leuten in den 20ern, ist Lebenszeit sehr wichtig. Sie überlegen sich genau, wem sie die in die Hände geben. Der Arbeitgeber soll ihnen signalisieren, dass ihm daran gelegen ist, dass sie diese Lebenszeit optimal nutzen können. Wie das konkret ausgestaltet wird, muss von jedem Unternehmen neu definiert werden, nur dann ist es authentisch.

t3n Magazin: Was genau wollen die Beschäftigten denn?

Buchheim: Sie wollen nicht nur Mittel zum Zweck sein, der Manager soll ein Gespür dafür entwickeln, welche Probleme und Konflikte sie gerade haben. Und er soll ernsthaft an einer Lösung interessiert sein und sie dabei unterstützen.

t3n Magazin: Im Silicon Valley geht das dann so weit, dass den Mitarbeitern sogar die Putzfrau für zuhause bezahlt wird …

„Wenn der andere bereit ist, etwas zu geben, tue ich es auch.“

Buchheim: Das kommt sehr positiv an in dieser Generation! Denn ihr Work-Life-Balance-Problem ist: Ich bin mitunter 14 Stunden im Büro, ich bin es auch gerne, aber wie soll ich mit meiner Wohnung klarkommen? Dann sagt der Arbeitgeber: Klasse, dass du so lange hier bist, ich kümmere mich um alles andere. Das ist das Prinzip der Partnerschaft, dass auch aus der Erziehung der Generation Y entstanden ist: Wenn der andere bereit ist, etwas zu geben, tue ich es auch.

t3n Magazin: Bitte erklär das genauer!

Buchheim: Die Generation Y ist von Eltern erzogen worden, die sie in Entscheidungen einbezogen haben. Wenn man das im Arbeitsleben einfach abstellen und ihnen Anweisungen geben würde, dann wären sie zum ersten Mal nicht beteiligt. Deswegen erwarten sie von den Führungskräften, dass sie in den Fällen, in denen sie nicht mitentscheiden können, abgeholt werden. Und dass sie dort, wo sie mitentscheiden können, das auch tatsächlich tun. Wichtig ist, dass der Manager einen geschützten Raum schafft, in dem der Mitarbeiter eine gewisse Geborgenheit hat, ohne dass ihm alle Entscheidungen abgenommen werden. Er will gefördert werden – so, wie das auch die Eltern getan haben.

t3n Magazin: Klingt ziemlich anspruchsvoll …

Buchheim: Das ist die Kunst, so einen Führungsstil zu etablieren und trotzdem zielorientiert zum Wohl des Unternehmens zu arbeiten.

t3n Magazin: Du sprachst gerade von 14-Stunden-Tagen. Das Startup-Klischee von viel Arbeit für wenig Geld stimmt also?

Buchheim: Ich glaube, da verändert sich gerade sehr viel. Man darf auch nicht vergessen, dass die Mitarbeiter ganz bewusst Kompromisse eingehen. Es ist zum Beispiel kein Geheimnis, dass die Arbeitsbedingungen bei dem Berliner Inkubator Rocket Internet hart sind. Die Mitarbeiter entscheiden sich dennoch dafür, weil sie sich sagen: Ich lerne dort so viel, ich gehe diesen Pakt ein.

Startups: Die Gründer sind selbst Teil der Generation Y

t3n Magazin: Es gibt also Startups mit schlechten Arbeitsbedingungen.

Buchheim: Ja, aber wie gesagt: Die Szene wird reifer. Hart sind die Bedingungen vor allem in der Unternehmensfrühphase, das ist normal. Man muss sich entscheiden, ob man in einer frühen oder späteren Phase in einem Startup arbeiten will, und zu welchen Konditionen. Wenn jemand viel arbeiten muss für wenig Geld, dafür aber Anteile am Unternehmen bekommt, ist das vielleicht äußerst attraktiv. Und schließlich reguliert sich das Ganze auch durch den War for Talent: Man kann als etabliertes Unternehmen Mitarbeiter nicht mehr schlecht bezahlen, weil sie sonst gehen.

t3n Magazin: Entscheiden sich Nachwuchs-Kräfte auch wegen des kulturellen Drumherums mit Tischtennisplatte für ein Startup als für ein etabliertes Unternehmen, wo sie als Einsteiger mehr verdienen würden?

„Das ist im Zweifel wichtiger als 30.000 Euro mehr auf dem Konto.“

Buchheim: Die Generation Y geht davon aus, dass ihre Motive in einem Startup am besten gelebt werden können. Und das stimmt, weil die Gründer selber Teil dieser Generation sind. Die bauen ihre Unternehmen so auf, dass sie ihren eigenen Ansprüchen genügen. In einer Unternehmensberatung beispielsweise arbeiten die Beschäftigten hart, sind aber nur eine Ressource und werden auch so behandelt. Das wollen viele nicht mehr. Sie gehen lieber in ein Startup-Unternehmen, in denen sie sich selbst verwirklichen können und als Mensch behandelt werden. Das ist im Zweifel wichtiger als 30.000 Euro mehr auf dem Konto.

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Früher hieß es: Wir hier unten, ihr da oben. Gerade bei Startups gilt das nicht mehr. (Bild: © ArtFamily – Fotolia.com)

t3n Magazin: Früher hieß es: Wir hier unten, ihr da oben. Jetzt arbeitet man freiwillig viel und fühlt sich als Teil des Ganzen …

Buchheim: Auch Karriere an sich wird ganz anders bewertet. In der Definition der älteren Generation entsteht sie immer über Status, etwa über die Anzahl der Mitarbeiter, die man führt. Bei der Generation Y geht es um Ergebnisse. Kann mir die Führungskraft dabei helfen, Ergebnisse zu produzieren? Oder beansprucht sie Ergebnisse immer für sich? Ergebnisse sind deshalb so wichtig, weil man das Beste aus seiner Lebenszeit machen will. Man will etwas verändern und seine Fußspuren hinterlassen.

t3n Magazin: Aber in Startups arbeitet man auch sehr viel, und der Druck ist hoch. Machen sich die Leute da nicht etwas vor?

Buchheim: Das glaube ich nicht. Sie schauen sich genau an, ob ihnen das Unternehmen auch etwas zurückgeben kann. An dieser Stelle werden eine Vision und die richtigen Werte wichtig. Diese Mitarbeiter suchen nach einem Raum, in dem Arbeiten und Leben verschmelzen. Denn dann fühlt es sich nicht mehr nach Arbeit an. Weil man seine Arbeit gerne tut, und weil die, mit denen man arbeitet, dem eigenen Wertesystem entsprechen. Man will in den acht, neun, zehn Stunden Arbeit nicht jemand anderes sein müssen.

t3n Magazin: Und wer schützt diese hochmotivierten Mitarbeiter davor, sich selbst auszubeuten?

Buchheim: Das liegt in der Verantwortung der Chefs. Die Mitarbeiter sind im Zweifelsfall so engagiert und leidenschaftlich, dass sie gar nicht merken, wann sie eine Ruhepause einlegen müssen. Da braucht man reife, reflektierte Manager, die ihre Verantwortung erkennen und die Mitarbeiter an der richtigen Stelle auch mal nach Hause schicken. Es gibt aber noch nicht allzu viele, die diese Führungsverantwortung übernehmen können, und nicht nur das Maximum aus den Beschäftigten herausholen.

Über die Autoren

juttameierJutta Maier lebt seit Juni 2014 in San Francisco und berichtet über das Silicon Valley. Zuvor hat sie mehrere Jahre für die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung über Wirtschaftsthemen berichtet, zuletzt über die Berliner Startup-Szene. Sie bloggt auf juttamaier.com und twittert unter @JuttaMaier.

gregorhallmannGregor Hallmann lebt in Berlin und schreibt seit 2001 als freier Journalist über Wirtschafts- und Gesellschaftsthemen. Zuvor arbeitete er in Frankfurt am Main als stellvertretender Ressortleiter einer Wirtschaftsnachrichtenagentur. Homepage: gregorhallmann.de.

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