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State of the Open-Source-CMS: Marktübersicht und Interview mit CMS-Experte Kian T. Gould

Den Markt der Content-Management-Systeme dominieren Open-Source-Lösungen wie , , und . Doch der Markt verändert sich rund um bestimmte Zielgruppen. Wir werfen einen Blick auf aktuelle Statistiken und bitten CMS-Experte Kian T. Gould im Interview um seine Einschätzung.

State of the Open-Source-CMS: Marktübersicht und Interview mit CMS-Experte Kian T. Gould
Hand writing Content Management System with white chalk on blackboard.

Kian T. Gould ist Geschäftsführer und Gründer der AOE media GmbH, die rund 120 Entwickler und Consultants in sieben Ländern beschäftigt. AOE media GmbH ist ein auf quelloffene Enterprise-Web-Lösungen spezialisierter Anbieter. Als Senator im Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft berät Kian T. Gould die Bundesregierung beim Thema Open-Source-Technologien. Für die TYPO3 Association ist er offizieller Fundraiser und für das TYPO3-Marketing zuständig. Darüber hinaus betreibt er die Plattformen opensourcecms.com und wappalyzer.com, einen Service zur Reichweitenmessung von Open-Source-Software.

Wappalyzer: Service zur Marktanalyse von Webtechnologien

Wappalyzer ist eine Browser-Erweiterung, die auf Websites eingesetzte Technologien identifiziert. Sie erkennt unter anderem Content-Management-Systeme, Web-Server, JavaScript-Frameworks und Webanalyse-Dienste. Die folgenden Daten zeigen den Marktanteil der Content-Management-Systeme, basierend auf Auswertungen eines Zeitraums von 90 Tagen Ende 2012 sowie Anfang 2013. Sie basieren einzig und allein auf den Erkenntnissen der Browser-Erweiterung und können demnach vom realen Verhältnis abweichen, ähnlich wie zum Beispiel auch die Daten von Alexa.

 

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Trends und Entwicklungen im Open-Source-CMS-Bereich?

Kian T. Gould (CEO AOE media GmbH, Betreiber opensourcecms.com und wappalyzer.com sowie TYPO3-Marketing-Leader)
Kian T. Gould (CEO AOE media GmbH, Betreiber opensourcecms.com und wappalyzer.com sowie TYPO3-Marketing-Leader)

Kian T. Gould: Im Open-Source-CMS-Bereich tut sich sehr viel, dennoch sind die Platzhirsche ganz klar weiterhin Drupal, Joomla, TYPO3 und WordPress. Andere Systeme, die bestimmte Nischen abdecken, gewinnen aber an Popularität. Das zeigt ganz klar, dass die Anwender erwachsener geworden sind. Es wird nicht mehr für jedes Projekt ein System genutzt, sondern die Auswahl der Systeme findet jenseits von Hypes doch oft anhand von Anforderungen statt. WordPress ist das gesetzte Tool für Blogs und artikel-getriebene Seiten, Joomla wird sehr stark im Vereinsumfeld und im KMU-Umfeld angewendet. Drupal erlebt starken Wachstum in Bereichen wie User-Generated-Content, Collaboration und Intranets. TYPO3 ist weiterhin sehr stark im klassischen End-to-End-Enterprise-CMS-Publishing unterwegs. Der Markt wird erwachsener, die Tools werden spezialisierter und es wird für Dienstleister und Kunden immer wichtiger, nicht nur ein Tool zu beherrschen. Der Best-of-Breed-Gedanke wird immer wichtiger. Generell ist aber über fast alle Systeme ein mal starker, mal weniger starker Drang in Richtung modernerer Architekturen und Softwarequalität spürbar: Joomla setzt auf MVC, TYPO3 geht diesen Weg mit Flow, Extbase und Neos und auch Drupal hat sich nun entschieden, auf Symfony und damit deutlich saubereren Code zu setzen als bisher.

In welchen Bereichen haben Open-Source-Content-Management-Systeme noch Nachholbedarf?

Kian T. Gould: Hinterherhinken tun die Open-Source-CMS leider in den Bereichen Experience Management und Personalisierung sowie bei der Fähigkeit, Features in Produkte zu verpacken. Wenn man sich ein Adobe CQ5 anschaut, was ein tolles kommerzielles Tool ist, kann es nicht viel mehr als beispielsweise ein TYPO3 mit Modulen und Konfigurationen, aber es ist einfach als Produkt viel besser verpackt, integrierter und von Anfang an für Marketer ausgelegt. Da ticken die Open-Source-Communities noch anders, sie müssen lernen, dass was sie können so zu verkaufen, wie es die kommerziellen Anbieter tun.

Welche regionalen Unterschiede bestehen zwischen Europa und USA im CMS-Markt und was kann man voneinander lernen?

Kian T. Gould: Der Markt unterscheidet sich schon noch recht stark voneinander. In Europa, vor allem in der DACH-Region, sind Open-Source-Tools im CMS-Bereich längst im Enterprise-Sektor angekommen und haben eine sehr breite Basis und Akzeptanz erlangt. In den USA dauert das alles etwas länger. Nur wenige Fortune-500-Unternehmen setzen auf ein Open-Source-CMS als Hauptsystem, dort werden Open-Source-CMS eher in Eigenregie von Marketing-Teams aus Frust über die IT selber umgesetzt, haben dann aber auch keine so lange Lebenszeit. Acquia hat für Drupal viel Lobbyarbeit geleistet, die anderen CMS zu Gute kommt, welche besser auf den Enterprise-Markt vorbereitet sind.

Gibt es erkennbare Verschiebungen bei den Marktanteilen der Open-Source-CMS-Player? Legt ein System besonders stark zu oder ein anderes ab?

Kian T. Gould: Anhand unserer Wappalzyer-Statistiken und unserer Website OpenSourceCMS.com erkennen wir, dass der Markt immer mehr nach speziellen Lösungen sucht. „Mach' es doch einfach mit System X“ ist nicht mehr so häufig zu hören, denn die Anforderungen werden spezifischer. Kunden nehmen sich die Zeit, Tools genau mit Proof-of-Concept-Vorphasen zu analysieren und entscheiden nicht nur aufgrund netter Powerpoint-Präsentationen. Hier profitieren ganz klar die Tools, die leisten können und sich nicht nur gut zu verkaufen wissen. Aber es findet eine Marktbereinigung statt. Früher war beispielsweise in Deutschland jede Kleinst-Website mit TYPO3 gemacht, inzwischen wird meist WordPress oder Drupal verwendet. Dafür wählen die größeren Unternehmen und Konzerne diese Tools nicht oder noch nicht, wenn es um kritische Infrastruktur geht. Die Telekom als großes Beispiel in Deutschland hat über 50 Plattformen auf TYPO3-Basis – Joomla, Drupal oder WordPress findet man hier nicht. Drupal hat es geschaft, sich im NGO- und Regierungs-Sektor einen Namen zu machen und hier findet auch sehr viel Wachstum statt, ebenso natürlich im Community-Bereich. Die meisten großen Drupal-Referenzen sind Community-Sites wie beispielsweise die Twitter-Community oder die NVIDIA-Developer-Community. Der Markt verschiebt sich also, deswegen darf man nicht einfach nur nach Zahlen gehen. Natürlich hat WordPress mit Abstand die meisten Installationen, der Großteil des Internets besteht nun mal aus Kleinst-Websites und Blogs. Reine Zahlen sind aber nicht mehr wirklich relevant, es geht immer mehr um Kundensegmente und Demographien.

Was halten sie von schlanken CMS-Lösungen wie zum Beispiel Kirby CMS?

Kian T. Gould: Die meisten CMS entstehen irgendwann, weil eine Person oder eine Gruppe der Meinung ist, dass alle CMS zu komplex und aufwendig sind. Sie fangen mit einem ganzen simplen Tool an: super Architektur, schlanker Code. Über die Jahre entwickelt sich aber fast jedes Tool zu einem Feature-Monster, weil die Community diese Features für Ihre Kunden benötigt. Als CMS-Community sollte man sich daher sehr genau auf eine Zielgruppe fokussieren und nicht versuchen, von Kleinstunternehmen bis Konzernen alles abzudecken. Das kann nur in die Hose gehen. Man kauft sich ja auch nicht in einer 3-Mann-Bude SAP- oder Oracle-Software. WordPress ist inzwischen nicht mehr schlank, weil Sie mehr und mehr versuchen, mit Enterprise-Kunden Geld zu verdienen und so ähnlich wird es allen Tools gehen, die zu sehr in die Enterprise-Richtung streben.

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(Bildnachweis für die Newsübersicht: © Ivelin Radkov – Fotolia.com)

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9 Antworten
  1. von Christian Pfeil am 27.05.2013 (10:03Uhr)

    Ein sehr guter Artikel. Ich selbst nutze Wordpress seit Jahren und denke das es sich dabei um ein absolutes Open Source Vorzeigeprojekt handelt. Das Handling, die automatischen Updates und die Fülle an Erweiterungen sind großartig...

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  2. von Christian am 27.05.2013 (11:12Uhr)

    Man sollte hier grundsätzlich auch Pimcore erwähnen. (http://www.pimcore.org)

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  3. von JasonAldean am 27.05.2013 (13:06Uhr)

    Grausam das sich absoluter schrott wie Joomla und Typo3 so hartnäckig auf dem Markt hält. Meine 2 Cent.

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  4. von winxthecat am 27.05.2013 (14:44Uhr)

    Ich habe privat mit Joomla, Drupal, Wordpress, Contrexx und Contenido experimentiert.
    Letztendlich bin ich bei typo3 gelandet. Warum? Mulit-Domain-Fähigkeit! Ein Log-In und ich kann mehrere Domains getrennt im Design, aber zentral im Backend administrieren. (z Zt 7). Wordpress kann das nicht.
    Auch beruflich habe ich mit typo3 nur gute Erfahrungen gemacht.
    Opensourcecns.com war immer meine erste Anlaufstation beim Rumspielen :-)

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  5. von Scorch am 27.05.2013 (17:02Uhr)

    Soweit ich weiß, ist bei Contao auch dei Multi-Domain-Fähigkeit gewährleistet. Wordpress ist zwar weiß verbreitet, allerdings mMn ein völlig offenes und somit unsicheres System. Aber jeder wie er mag.

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  6. von Alex L am 28.05.2013 (07:42Uhr)

    Hallo,
    ein sehr schöner und ausführlicher Artikel, der mir gerade so recht ist, da ich viele verschiedene CMS teste. Und auch meine CMS-Blogparade hatte gezeigt, dass die meisten auf Wordpress setzen und dann folgen dann alle anderen CMS. Joomla, Drupal und Typo3 sowie Contenido sind ebenfalls mit von der Partie. Ich als Webuser nutze bereits seit 5 Jahren Wordpress und mit WP sind alle meine Blogger-Wünsche gut abgedeckt. Aber es ist für mich sehr interessant zu wissen, was sich hinter dem Tellerrand so alles abspielt und ob man vll. eine Wordpress-Alternative entdecken kann. Das ist natürlich sehr schwierig und ich verstehe auch, dass jedes CMS auch die eigene Fangemeinde hat. Alles in allem entscheidet sich ein Blogger über kurz oder lang für Wordpress, was derzeit ein ausgereiftes CMS darstellt.

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  7. von Martin am 28.05.2013 (08:28Uhr)

    @JasonAldean: Hast du jemals mit einem anderen System als Wordpress gearbeitet? Umgekehrt wird nämlich ein Schuh draus, zumindest aus Sicht des Entwicklers. Nachteile von Wordpress und gleichzeitig Gründe warum ich Wordpress als Schrott empfinde: Absolute URLs in Datenbank, kein MVC, ungünstige Datenbankstruktur, Plugin-Anarchie. Spätestens heute auf Arbeit fallen mir weitere Gründe ein. Meiner Meinung nach ist Wordpress wegen der Usabillity des Anwenders. Jeder Entwickler der ein bisschen Stolz hat nutzt für Webseiten kein Wordpress. Übrigens hab ich täglich mit Wordpress auf Arbeit zu tun und privat mit Joomla. Für kleine Projekte empfehle ich WolfCMS, nicht überladen, leicht erweiterbar, man kann einfach selbst Hand anlegen und dies ist auch die Philosophie der Entwickler.

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  8. von leodesign am 28.05.2013 (10:27Uhr)

    @winxthecat
    Das hättest du aber auch einfacher haben können: Contao kann das auch und ist zudem komfortabler ;-)

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