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Programmierschule für Obdachlose: Mit welchen Maßnahmen Twitter und Co. in San Francisco Steuern sparen

Programmierschule für Obdachlose: Mit welchen Maßnahmen Twitter und Co. in San Francisco Steuern sparen

IT-Firmen in erhalten Steuervorteile, wenn sie gemeinnützige Projekte entwickeln, die Arbeitslose in die Berufswelt integrieren. Doch das System funktioniert nicht, berichtet unser Valley-Korrespondent Andreas Weck.

Programmierschule für Obdachlose: Mit welchen Maßnahmen Twitter und Co. in San Francisco Steuern sparen

Twitter-Hauptquartier in San Francisco. (Bild: Flickr-Anthony Quintano / CC-BY-2.0)

Wer San Francisco zum ersten Mal besucht, wird mit ziemlicher Sicherheit auf zwei Dinge besonders schnell aufmerksam. Erstens: Die Anwesenheit der Tech-Branche ist kaum zu übersehen. Das Stadtbild wird beispielsweise von unzähligen Startup-Mitarbeitern geprägt, die stolz die Logos ihres Arbeitgebers auf ihren T-Shirts vor sich hertragen. Noch viel offensichtlicher sind die riesigen Plakatwände von Apple, Salesforce oder Oracle, die an den Häuserwänden prangen. Und wer ganz genau hinschaut, wird erkennen, dass so gut wie jeder neu gepflanzte Baum ein kleines Schildchen mit den Worten „Sponsored by Google“ am Fuße trägt. Die zweite kaum zu übersehende Sache sind die unzähligen Obdachlosen, die sich besonders häufig in Downtown – dem Finanzzentrum der Stadt – aufhalten. Arm und reich leben hier Seite an Seite.

Während die Stadträte in San Francisco mit den IT-Firmen kaum ihre Probleme haben dürften, sind ihnen die Obdachlosen schon eher ein Dorn im Auge. Man bekommt sie schlichtweg nicht von der Straße. Zwar gibt es eine Vielzahl von Einrichtungen, in denen die Menschen in der Nacht unterkommen und sich stärken können. Allerdings ist die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt für viele Gescheiterte so gut wie unmöglich – was auch daran liegt, dass es kaum bis gar keine staatlichen Angebote gibt. Ein Projekt, das diesem Umstand entgegentreten soll, ist nun von ins Leben gerufen worden: Im sogenannten NeighborNest sollen Obdachlose ab nächsten Sommer das Programmieren lernen können, um so eine neue Chance auf dem Arbeitsmarkt zu erhalten.

Twitter plant Coding-Schule für Obdachlose

Rendering des NeighborNest. Für derartige Projekte bekommen IT-Unternehmen in San Francisco Steuergeschenke in Millionenhöhe. (Grafik: Interior Architects)
Rendering des NeighborNest. Für derartige Projekte bekommen IT-Unternehmen in San Francisco Steuergeschenke in Millionenhöhe. (Grafik: Interior Architects)

Für dieses Vorhaben investierte Twitter jüngst eine Million US-Dollar in ein Gebäude in Downtown – nur wenige Schritte von der Firmenzentrale in der Market Street entfernt. Das Projekt wurde zudem in Partnerschaft mit der Nachbarschaftshilfe Compass Family Services entwickelt, die rund 3.500 obdachlose Familien in der Umgebung betreut. Die gemeinnützige Agentur hat ein jährliches Budget von über acht Millionen US-Dollar zur Verfügung und unterhält zudem einige Übernachtungseinrichtungen in der Stadt. „Wir sind tief in San Francisco verwurzelt und fühlen uns verpflichtet, der Nachbarschaft, in der wir leben und arbeiten, etwas zurückzugeben", sagt Twitter-CEO Dick Costolo in einer öffentlichen Bekanntmachung. „Ich bin sehr beeindruckt von Compass Family Services und kann mir keinen besseren Partner für unser Vorhaben vorstellen.“

Eine Hand wäscht die andere: Benefit-Programm gegen Steuergeschenke

Hintergrund dieses Engagements ist jedoch weniger die gelebte Verantwortung als vielmehr das „Community Benefit Agreement“-Programm, das die Stadt mit einigen Unternehmen, die in Downtown und dem angrenzenden Tenderloin ansässig sind, führt. Im Austausch für einen hervorragenden Standort in San Francisco und eine jährliche Lohnsteuersenkung in Millionenhöhe über einen Zeitraum von insgesamt sechs Jahren müssen sich die Tech-Unternehmen hierbei verpflichten, den unzähligen Arbeitslosen in der Nachbarschaft etwas zurückzugeben. Im speziellen Fall von Twitter ist es eine Coding-Schule.

Was sich im ersten Moment wie ein guter Deal anhört, stößt aktuell aber einigen Einwohnern und Politikern auf, denn der Erfolg der „Community Benefit Agreements“ ist sehr umstritten. Zwar bekommen Hilfsbedürftige in der Nachbarschaft für einen kurzen Zeitraum eine Aufgabe, aber eine anschließende Einstellung – die im Endeffekt angestrebt wird – geschieht in den allerwenigsten Fällen. Das beweist auch ein Blick auf ähnliche Projekte, denn derartige Steuersparmodelle haben in der Stadt Tradition: Bereits 2012 und 2013 hat man Benefit-Programme mit anderen Unternehmen verhandelt.

„Tech-Versprechen sind kaum das Papier wert, auf dem sie geschrieben stehen.“

Tech-Firmen wie Zoosk und Zendesk haben sich beispielsweise in den vergangenen Jahren verpflichtet, Praktikanten aus bildungsschwachen Familien in der Nachbarschaft einzustellen – mit der Aussicht auf Übernahme. Zendesk willigte beispielsweise ein, 2012 und 2013 jeweils zwei Personen ins Unternehmen zu holen. Im ersten Jahr ermöglichte das Startup einem jungen Paar ein Praktikum. Wiederum ein Jahr später wurde noch eine Person angestellt. Die Firma Zoosk hingegen erhielt das erste „Community Benefit Agreement“ im vergangenen Jahr und sagte zu, zwei Praktikanten einzustellen – ebenfalls mit der Aussicht auf Übernahme. Tatsächlich sind daraus im Endeffekt aber auch nur Sommer-Jobs geworden. Lediglich eine Person ist zu Beginn des Jahres in eine Vollzeitstelle gewechselt. Aber das war es dann auch: Ein Vollzeit-Angestellter und fünf Sommer-Praktikanten aus einem Stadtteil, der insgesamt über 30.000 Einwohner zählt.

Tech-Unternehmen rekrutieren nicht im Rahmen von Benefit-Programmen

Im Rahmen der Diskussion um Twitters- Coding-School werden nun ähnliche Befürchtungen laut. Zwar ist es zweifelsohne ein richtiger Schritt, Obdachlosen Fähigkeiten zu vermitteln, die einen etwaigen Berufseinstieg ermöglichen. Allerdings bringen Programme wie diese nichts, wenn die Tech-Firmen selber nicht auf die neuen Fachkräfte zurückgreifen. So gibt auch John Avalos von der Arbeitsgruppe LOCAL-SF (Local Opportunities for Communities and Labor) gegenüber der San Francisco Public Press zu verstehen, dass die Versprechen an die Gemeinde für geringere Steuern „kaum das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben stehen.“

Tatsächlich rekrutieren Tech-Giganten wie Twitter, aber auch kleinere Startups wie Zendesk oder Zoosk, ihre technischen Mitarbeiter in der Regel an Universitäten wie Stanford oder dem Massachusetts Institute of Technology. Andere Mitarbeiter haben entweder gleichwertige oder ähnliche Abschlüsse oder können mit Berufserfahrung punkten. Wer in die Reihen der IT-Firmen schaut, wird insofern schnell erkennen, dass sich Personaler kaum mit Programmierern aus den genannten Bildungsmaßnahmen zufrieden geben dürften.

Community Benefit Agreements sind zahnlose Tiger

Das ist auch nachvollziehbar, denn die IT-Unternehmen in San Francisco und dem Silicon Valley haben die Mittel, um sich mit den Besten der Besten einzudecken. Und das müssen sie auch – die Branche ist schnelllebig und in ihrer DNA immens disruptiv veranlagt. Wer heute nicht agil genug ist, fällt morgen zurück. Doch auch und gerade mit diesem Hintergrund ist es fraglich, warum die Stadt San Francisco die ansässigen Tech-Unternehmen über „Community Benefit Agreements“ begünstigt – schließlich wissen beide Seiten, dass daraus letztlich nichts erwächst.

Es spricht nichts gegen Steuergeschenke für gemeinnützige Arbeit, aber die Kritik wird laut, dass das Geld besser eingesetzt werden muss. Nur weil die Tech-Industrie spendet, müssen die Jobangebote ja nicht zwangsweise mit Programmieren zu tun haben. Eine Ausbildung und Vermittlung in weniger hochqualifizierte Berufe erhöhen die Chancen enorm, die Menschen in eine Anstellung zu begleiten. In der aktuellen Form jedenfalls sind die Maßnahmen ganz eindeutig zahnlose Tiger.

t3n im Silicon Valley

Andreas WeckAndreas Weck hat 2014 für t3n aus San Francisco und dem Silicon Valley über neue Trends, spannende Tools und interessante Orte des Tech-Epizentrums berichtet. Sein Eindruck: Im Valley gibt es viele schlaue Köpfe und genauso viele bekloppte Geschäftsideen. / Twitter, Facebook.

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Eine Antwort
  1. von Sven Posselt am 28.10.2014 (22:52 Uhr)

    Die Idee, Obdachlose zu Programmierern zu machen, ist von einer gewissen Realitätferne geprägt. Wer länger auf der Strasse gelebt hat, verliert viele Skills, selbst wenn er einmal die entsprechende Vorbildung hatte. Alkohol und andere Drogen sind oftmals die ständigen Begleiter bei längerer Wohnungslosigkeit. Viele verfallen der Sucht danach aus Perspektivlosigkeit und zur Verdrängung der realen Umstände des eigenen Lebens. Aus diesen Menschen wieder produktive, aufgeschlossene Mitarbeiter zu machen, wird aus meiner Sicht nur in Einzelfällen gelingen. Vielleicht sogar nur bei Leuten, die sich ohnehin wieder selbst aus ihrer Situation hätten lösen können. Schöner wäre es, die Gelder für dieses Projekt in direkte Lebenshilfe für die Obdachlosen zu investieren. Eben in die Dinge, die ihnen in ihrem Alltag auf der Strasse weiterhelfen können.

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