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Steve Wright zur NSA-Spähaffäre: „85 Prozent des Datenverkehrs laufen durch vier Gebäude in den USA” [Interview]

Steve Wright zur NSA-Spähaffäre: „85 Prozent des Datenverkehrs laufen durch vier Gebäude in den USA” [Interview]

Der britische Überwachungsforscher Steve Wright spricht im mit Jakob Steinschaden über die Folgen der NSA-Leaks.

Steve Wright zur NSA-Spähaffäre: „85 Prozent des Datenverkehrs laufen durch vier Gebäude in den USA” [Interview]
Überwachungsforscher Steve Wright. (Foto: Jakob Steinschade)

Überwachungsforscher Steve Wright forscht seit 1997 zum ungeheuren Ausmaß der NSA-Überwachung

NSA-Hauptquartier in Fort Meade, Maryland. (Bild: NSA / Wikimedia Commons)
NSA-Hauptquartier in Fort Meade, Maryland. (Bild: NSA / Wikimedia Commons)

Der Brite Steve Wright ist einer jener Menschen, die die Welt mit ein wenig anderen Augen sehen. Wenn du dein Smartphone auf den Tisch legst, fragt der Forscher von der Universität Leeds nicht etwa, welche Apps du nutzt, sondern welchen Chip es eingebaut hat – um dir im selben Atemzug vorzurechnen, dass du mehr Rechenpower in der Hosentasche herumträgst als die gesamte erste Mondmission 1969 zur Verfügung hatte.

Wright forscht seit Jahrzehnten zu Überwachungs- und Militärtechnologien und hat 1998 den Bericht des EU-Parlaments über das geheime NSA-Spionagesystem Echelon verfasst, dessen Untersuchung durch 9/11 und den “war on terror” ins Stocken geriet. Die Snowden-Enthüllungen bestätigten seine Forschungsarbeit über das ungeheure Ausmaß der NSA-Überwachung. Im Interview spricht er über die militärischen Ausmaße der Überwachung, die Lethargie der Massen und das Ende der Privatsphäre.

t3n.de: Als der britische Guardian am 5. Juni über die Snowden-Leaks und die NSA-Überwachung zu berichten begannen – haben die neuen Erkenntnisse Sie überrascht?

Steve Wright: Das derzeitige Drama hat Wurzeln: Meine erste Veröffentlichung über die und die Abhörung von Telefonanlagen habe ich 1977 gemacht. Ich war gerade auf dem Weg zum Zahnarzt, als ich von den Enthüllungen hörte, und war nicht überrascht, sondern vielmehr begeistert. Ein paar Wochen vorher hatten wir einen Kurs für unsere Studenten über Überwachung, wie die NSA Telefonate abhört, Kabelnetze anzapft und Social Media überwacht. Das wollten sie damals nicht so recht glauben. Snowden hat meine Behauptungen, die ich aus verschiedensten Quellen zusammengestückelt habe, bestätigt. Er bietet die Sicht eines Insiders und hat harte Fakten ans Tageslicht befördert.

t3n.de: Ihre erste Publikation über die NSA-Überwachung machten Sie 1977. Welche Erfahrungen haben Sie mit den Geheimdiensten gemacht?

Steve Wright: Meinen ersten Kontakt zur NSA hatte ich als Student, als ich begann, die seltsamen Areale hinter der Universität von Manchester zu untersuchen. Als ich Fotos machte, ist mir aufgefallen, dass die Sendeanlagen dort nicht wie sonst üblich in nord-südlicher Richtung ausgerichtet waren, sondern von Osten nach Westen. Im Westen liegt Nordirland, im Osten die North York Moores*, wo die mysteriöse Station Menwith Hill* liegt, die den Amerikanern gehört. Das hat gereicht, dass die Polizei eine Razzia an der Uni durchführen ließ und mir gedroht wurde, dass mir meine PhD-Thesis weggenommen werden würde, weil ich das Geheimhaltungsgesetz gebrochen hätte. Was ich gesehen hatte, war: Die NSA wechselte von terrestrischer Überwachung auf Satellitenüberwachung mit Hilfe der Infrastruktur in Menwith Hill.

Damals wurden die ersten Spionagesatelliten gestartet, und sie wollten nicht, dass auch nur irgend jemand darüber redet, weswegen sie sich auf alle Forscher in dem Gebiet einschossen. Für mich war das eine beängstigende Zeit, weil mir niemand glaubte, dass ich unschuldig bin, ich fühlte mich wie bei Kafka.

t3n.de: 1998 haben Sie den STOA-Report für das EU-Parlament über das globale Spionagesystem Echelon geschrieben. Welche Auswirkungen hatte der Bericht?

Steve Wright: Bei den Folgeberichten war der spannendste Teil der, der die wirtschaftliche Seite beleuchtete. Sie zeigten, dass die NSA 120 Milliarden Dollar aus der europäischen Wirtschaft gesaugt hatte. Das ist unfassbar viel Geld, als würde jemand seit der Geburt von Jesus jede Woche einen Tresor mit einer Million Dollar stehlen. Seither hat sich das verschlimmert. Die Franzosen sagen, dass es ein angelsächsische Spionagesystem ist, und sie haben wahrscheinlich recht damit. Das gesamte Netzwerk wird von den sogenannten “5 Eyes” betrieben – USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland. Das hat einen Graben zwischen Großbritannien und seinen europäischen Partnern getrieben.

t3n.de: Großbritannien, wo Sie herkommen, hat ja eine besondere Rolle in dem System.

Steve Wright: Laut Snowden überwacht der GCHQ (britischer Geheimdienst, Anm. Red.) 39 Milliarden Events pro Tag, hat 200 Glasfaserkabel angezapft, aus 46 davon beziehen sie Daten. Pro Tag saugen sie 21 Petabyte Daten ab, das sind 192 Mal mehr Daten pro Tag, als in der gesamten British Library liegen. Das ist niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit passiert, und diese Informationen geben diesen Staaten Macht, um die Spielregeln zu ändern. Sie wissen, wie andere Staaten verhandeln wollen, wissen, was in den Schlafzimmern führender Politiker geredet wir, und können dementsprechend die Agenda beeinflussen.

t3n.de: Betreiben die Geheimdienste auch Wirtschaftsspionage?

Steve Wright: Ich glaube, dass sie multiple Aufgaben haben. Terrorismus ist ja eine verhältnismäßig kleine Gefahr. Es ist wahrscheinlicher von Bienen zu Tode gestochen zu werden oder von einem Meteoriten erschlagen zu werden, als in einem Terroranschlag umzukommen. Wenn wir uns so um Todesraten kümmern würden, müssten wir auch einen Krieg gegen das Auto führen oder aufhören Waffen zu exportieren. Nein, stattdessen stecken wir enorme Mengen Geld in Systeme, die Menschen finden sollen, die uns nicht mögen. Dieses Spiel heißt Politik, und es ist ein Verführerisches. Wir sind süchtig nach Voyeurismus. Wenn ich dir eine Box anbiete, mit der du jeden überwachen kannst, wer würde da schon Nein sagen?

t3n.de: Die Überwachung durch NSA und GCHQ besteht aus zahlreichen Komponenten: Von Prism über Tempora und Upstream bis hin zu Bundless Informant und XKeyScore. Ist das zusammengenommen bereits totale Überwachung?

Steve Wright: Es ist noch nicht totale Überwachung, aber deutlich mehr als früher. In Großbritannien ist die Überwachung deutlich schärfer als hier. In Städten wie London ist die Überwachung bereits so fortgeschritten, dass Systeme die Betreiber von Geschäften informieren können, wenn jemand mit viel Geld in den Shop kommt, damit die Verkäufer ihn entsprechend hofieren können. In der Londoner U-Bahn können Kameras erkennen, wann sich jemand auffällig benimmt und möglicherweise Selbstmord begehen will. In Amsterdam analysieren Kameras Geräusche, um zu erkennen, wann Ausschreitungen ausbrechen. Das alles sind Überwachungssysteme von militärischen Ausmaßen, die auf Zivilisten angewendet werden. Das ist der gefährlichste Teil. Das Militär arbeitet im Verborgenen, dort, wo das Rechtssystem nicht mehr greift.

t3n.de: Was denken Sie, welche Auswirkungen haben diese Überwachungssysteme auf die Menschen?

Steve Wright: In Großbritannien war der Mord des dreijährigen James Bulger durch zwei Zehnjährige 1993 ein Wendepunkt. Aufnahmen von Videokameras wurden in dem Fall als Beweismittel verwendet, und seitdem wollen viele Menschen überall Überwachungskameras. Auch die IRA-Anschläge in England haben die Fördergelder für die Kamerasysteme so sehr in die Höhe getrieben, dass diese heute als normal wahrgenommen werden. Ich sehe es bei meinen Studenten: Wenn man sie nicht mit der Nase darauf stößt, sieht diese Generation die Überwachung nicht.

Das Spannende daran ist, dass sie selbst durch ihre Smartphones Überwachungskapazitäten haben. Das gleicht das Kräfteverhältnis aus, wie man etwa im Arabischen Frühling gesehen hat. Ich glaube, dass es quasi ein darwinistisches Technologierennen gibt zwischen den Leuten auf der Straße und den staatlichen Überwachern. Deswegen ändert das Militär auch seine Doktrin, nach der jeder ein Ziel werden kann. Es geht nicht mehr um Beobachtung, sondern um Targeting, und das ist der Punkt, an dem die Leute nervös werden.

In Ländern wie Pakistan oder Afghanistan ist das Überwachungssystem an Waffensysteme gekoppelt, dort hängen die Drohnen wie Damoklesschwerter über den Menschen, die jederzeit und überall zuschlagen können. In Europa leben wir in der Illusion, dass wir sicher sind. Wir haben Jahrzehnte ohne Kriege hinter uns, aber historisch gesehen wird das nicht immer so bleiben. Einem Staat die Fähigkeit zu geben, jeden Bürger orten zu können, ist sehr gefährlich.

t3n.de: Jetzt, wo wir wissen, was die NSA macht: Warum protestieren die meisten Menschen nicht dagegen, warum gehen Ihre Studenten nicht auf die Straße?

Steve Wright: Ich glaube, dass alles ist zu unüberschaubar. Einige mögen sich denken, dass sie ein wenig vorsichtiger sein müssen mit dem, was sie online posten. Es ist, wie von Kohlenstoffmonoxid getötet zu werden, es ist eine langsame Beseitigung dessen, was man als sein Leben angesehen hat. Es ist kein abrupter Wechsel von einem Tag auf den anderen. Nicht einmal Snowden ist der dramatische Wendepunkt in dieser Geschichte, die Medien wollten lieber wissen, was er zum Frühstück hatte, wie es seiner Freundin geht und ob er es nach Moskau schafft. Man braucht technisches Verständnis, um überhaupt die Tragweite der Veröffentlichung zu verstehen, und die haben die meisten Menschen nicht. Viele liegen einfach dem PR-Gag auf und glauben, ein wenig Freiheit für mehr Sicherheit aufzugeben.

t3n.de: Sie beschreiben da eine sehr düstere Zukunft. Warum so pessimistisch?

Steve Wright: Wir leben an einem sehr schmerzfreien, privilegierten und Menschenrechte unterstützenden Zone. Der Süden hingegen ist eine Kriegszone, Menschen hungern zu Tode, und der Klimawandel wird eine Völkerwanderung auslösen. Wenn sich eine Milliarde Menschen in Bewegung setzt, werden wir die mit Freuden bei uns empfangen? Nein, wir werden eher eine Festung bauen und Tracking-Systeme etablieren, die Menschen vom wandern abhalten. Außerdem wird China unsere Zukunft mitbestimmen. Die Olympischen Spiele waren ein enormer Treiber für Überwachungstechnologien, die Große Firewall ist ihre Norm. Es zeichnen sich unbequeme, neue Realitäten ab, die diskutiert werden müssen.

t3n.de: Sehen Sie die Chance, dass Staaten wie Großbritannien die Macht ihrer Geheimdienste beschneiden?

Steve Wright: 9/11 war eigentlich das Versagen des GCHQ und der NSA, diese Terroristen zu finden. Und dieses Versagen wurde trotzdem mit riesigen Mengen an Geld belohnt. Ich denke, es wäre dumm zu glauben, dass irgendeine Regierung die Geheimdienste angreifen könnte. Es wird Untersuchungen geben und eine Debatte um das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit geben, aber niemand wird sie aufgeben wollen.

t3n.de: Googles Vorstandsvorsitzender Eric Schmidt sagte kürzlich, dass Verschlüsselung in zehn Jahren Zensur und Überwachung ein Ende setzen könnte. Hat er Recht?

Steve Wright: Ja, der Mann weiß wovon er spricht. Die Verschlüsselung, die heute kommerziell angeboten werden könnte, würde die Kapazitäten der Geheimdienste sprengen. Das Problem sind noch die Adoptionsraten, selbst in Expertenkreisen wird etwa die E-Mail-Verschlüsselung PGP nur selten genutzt. Aber stellen Sie sich vor, es gibt ein Smartphone, das für 50 US-Dollar mehr garantiert, dass die NSA für das Knacken deiner Kommunikation ein paar Monate braucht. Hunderttausende würden sich so etwas kaufen, es gibt einen Markt dafür. Außerdem wird es zu einer Balkanisierung des Internet kommen. Derzeit laufen 85 Prozent des Datenverkehrs durch ganze vier Gebäude in den USA und ob beispielsweise die Chinesen zukünftig noch akzeptieren, dass ihre Daten da durchgehen, glaube ich kaum.

t3n.de: Der Google-Guru Vint Cerf, einer der Väter des Internets, hat sich kürzlich ebenfalls zu Wort gemeldet und meinte, dass Privatsphäre nur eine Anomalie der Geschichte sei. Was halten Sie davon?

Steve Wright: Das ist sehr selbstgefällig. Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat ja das selbe gesagt. Aber wir sind sehr private Lebewesen, wir wollen nicht dauernd durchsichtig sein. Wir werden Institutionen fordern, die für uns das Recht auf Privatsphäre verteidigen sollen, aber in diesem Kampf werden wir Champions brauchen, und da stehen wir erst am Anfang.

Das Interview ist zuerst auf netzpiloten.de erschienen.

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Eine Antwort
  1. von Ekko am 27.11.2013 (13:21 Uhr)

    Der vorletzte Abschnitt macht etwas Mut.
    Ich würde mir sofort so ein Smartphone kaufen. Es ist quasi das Laserschwert mit dem man seine Bürgerrechte verteidigen könnte.

    Übrigens, wenn man heutzutage "Stasi-Spam" machen möchte, könnte man einfach in ein normales, d.h. automatisch überwachtes Telefonat hin und wieder Gesprächsanomalien einfügen. Also z.B. ab und zu gefährliche Begriffe und unerwartete Fremdsprachenbrocken einwerfen... und in Wiesbaden gibt's dann eventuell Arbeit für einen Operator, der sich manuell kurz ins Gespräch einklickt ;-)

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