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Die stille Revolution: Messenger unterwandern Social Networks

Heimlich, still und leise haben sie sich angeschlichen. Wie im Jahr 2007 haben Messenger-Apps den Social-Media-Mainstream in den letzten Jahren ausgehöhlt. Jetzt blasen die mobilen Alternativ-Stammtische zum Angriff auf und Co, die lange weggeschaut und schon jetzt das Nachsehen haben.

Die stille Revolution: Messenger unterwandern Social Networks

Paukenschlag folgt auf Paukenschlag: „Wir sind größer als Twitter", verkündete WhatsApp-Chef Jan Koum zuletzt. Seine mobile Messaging-Anwendung wurde von Apple als die am meisten verkaufte iOS-App aller Zeiten gelistet, mobile Games einmal ausgenommen. Zeitgleich meldeten Medien vor wenigen Tagen, dass die Zahl der per versendeten Nachrichten in den USA erstmals die klassische SMS überholt haben. Und asiatische Anbieter wie LINE in Japan und Kakao Talk in Korea lassen Twitter und Facebook in Sachen Nutzer hinter sich. WeChat in China und die Gerüchte zur Mobile-Payment-Integration in die Chat-App sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache.

Messaging-Apps gehen in Richtung Marken-Accounts

Doch was hat das mit zu tun? Eine ganze Menge: Während hierzulande viele glauben, dass es sich bei Messenger-Diensten wie WhatsApp nur um bessere SMS-Services handelt, ist LINE in Japan bereits in der Welt der gesponsorten Marken Accounts angekommen, die nach dem Follower-Prinzip von Twitter funktionieren.

Die LINE Brand Accounts schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden.
Die LINE Brand Accounts schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden.

Und spezielle Apps – irgendwo zwischen Messaging und Social Networks wie Wander oder Couple – entwickeln sich auch immer weiter. Erste westliche Cloud-Anbieter haben das Thema bereits erkannt: Evernote ging zuletzt durch eine Partnerschaft mit dem koreanischen Anbieter Kakao Talk in die Offensive.

Facebook und die Chat Heads

Eine echte Bedrohung für Facebook und Co? Ja! Aber das größte soziale Netzwerk der Welt hat bereits reagiert. Die eigene Messenger-App ist schon seit einiger Zeit ein großer Erfolg. Und die sogenannten Chat Heads, die mit Facebook Home aufs Smartphone kommen, sind ein Ansatz von Facebook, die Vormacht der Newcomer zumindest ein wenig einzudämmen. Ein weiterer sind die schon fast dreist abgekupferten neuen „Sticker”, die man sich als Facebook Messenger Nutzer herunterladen kann. Eine 1:1 Übernahme, die direkt aus LINE zu kommen scheint. Nur sind die Bilder nicht so süß, wie beim japanischen Vorbild, das mit den überdimensionierten Sticker-Emoticons sein Hauptgeschäft betreibt. Ein weiterer Schritt in Richtung „visuelles Social Web", Gamification und virtuelle Güter, der diesmal erstmals in Asien gegangen wird.

Im LINE Sticker Shop sorgen täglich neue kostenpflichtige Sticker für Jauchzen beim User und Umsatz beim Anbieter.
Im LINE Sticker Shop sorgen täglich neue kostenpflichtige Sticker für Jauchzen beim User und Umsatz beim Anbieter.

Warum aber sind Nachrichtendienste wie LINE und WhatsApp so erfolgreich und gleichzeitig so zahlreich? Meiner Meinung nach kommen hier mehrere Faktoren zusammen: Zunächst ist die intime Kommunikation in einer kleinen Gruppe noch immer die Urkeimzelle von „Social”. Als ich 2007 bei Twitter anfing, nutzte ich das „spätere Social Network”, das ja nicht als Broadcasting-Tool anfing, sondern als kleines SMS-Lagerfeuer für Freunde, als Chat-Ersatz für den Austausch mit meiner späteren Frau. Erst langsam kamen andere Menschen hinzu, Gruppenchats entstanden. Ein lustiges kleines Lagerfeuer eben.

Smartphone-Ordner und die neue Kleinteiligkeit

Irgendwann folgte dann die „Social Müdia”. Es war zu viel, „Information Overload“. Das Zurück zum intimen Austausch unter neuen mobilen Vorzeichen, aber mit größerer Nutzerbasis, ist die logische Folge. Sowohl für den „Normalo”, als auch für die digitale Avantgarde, die immer hin zum Kleineren flieht. Und da nicht mehr der Browser, sondern die App mit Pop-Up-Funktionalität im Mittelpunkt der Aktivitäten steht, muss sich auch keiner der kleinen Chat-Helfer mehr untereinander durchsetzen. Die lokale Verschiedenartigkeit und unterschiedliche Schwerpunkte sind die Folge. Neue Geschäftsmodelle, die zum mobilen Einsatz passen und nicht auf Werbung setzen, freuen Nutzer und Anbieter gleichermaßen. Im Smartphone Ordner für Messenger können eben auch problemlos verschiedene Tools nebeneinander überleben. „The winner takes it all" – dieses Prinzip ist Geschichte.

Mehr als eine Messaging App? Kein Problem auf dem Smartphone.
Mehr als eine Messaging App? Kein Problem auf dem Smartphone.

Was wir hier derzeit erleben ist nichts anderes als die Facebook- und Twitter-Revolution auf Laptop- und Browser-Basis vor fünf bis sechs Jahren. Nur steht dieses Mal die mobile Plattform im Mittelpunkt. Facebook hat das verstanden, wie Sascha Lobo vor kurzem richtig erkannt hat. Nur sehe ich in Facebook an dieser Stelle nicht denjenigen, der das „Socialphone” definiert. Facebook reagiert vielmehr auf die Konkurrenz, die den Chat-Ordner bereits besetzt hat und versucht Nachrichtendienste wie LINE, Kakao oder WhatsApp mit ein paar guten Ideen zu überholen. Es besteht allerdings die Gefahr, dass Facebook und Twitter zur Broadcasting-Veranstaltung mutieren, während persönliche Kommunikation in Nachrichtendienste stattfindet. Die nächsten Monate werden spannend, denn die Social-Web-Landschaft wird sich wieder einmal dramatisch drehen.

Der Vollständigkeit halber: Eine kleine Übersicht zu Messenger-Apps

Generell gleichen sich die Messenger-Apps der aktuellen Generation. Alle erfüllen SMS- und MMS-Funktionen. Sie können also Text, Fotos und Videos via Smartphone an andere Nutzer des selben Messengers schicken. Darüber hinaus ist das Einrichten von Gruppenunterhaltungen möglich. Auch Status-Meldungen, die eher an Twitter oder Facebook erinnern, sind bei den meisten Nachrichtendiensten möglich. Manche Messenger arbeiten mit einem Account-Namen, andere nutzen die Telefonnummer des Users für die Zuordnung des Chat-Accounts.

WhatsApp: Im Westen die meistverbreitete Messenger-App. Sie ist Synonym für das langsame Sterben der SMS in den USA und Europa und finanziert sich über die Kosten der Applikation (iOS) beziehungsweise Abbonements (Android).

LINE: Mit über 150 Millionen Nutzern ist LINE die japanische Variante von WhatsApp. Allerdings ist LINE an vielen Stellen bereits deutlich weiter als das westliche Pendant. Hauptgeschäft von LINE sind süße „Sticker“, die zu aktuellen Anlässen wie Feiertagen oder Ferien und in Anlehnung an die japanische Kawaii-Kultur in kostenpflichtigen Sondereditionen erscheinen. Darüber hinaus bietet LINE die Möglichkeit Statusupdates „an alle" zu posten und gesponserten Brand-Accounts zu folgen. Auch Telefonate sind via LINE möglich.

Die Sticker bei Kakao Talk kämpfen die Süß-Battle gegen ihre LINE Pendants.
Die Sticker bei Kakao Talk kämpfen die Süß-Battle gegen ihre LINE Pendants.

Kakao Talk: Das südkoreanische Pendant zu LINE. Auch hier spielen die lustigen Sticker eine zentrale Rolle. Telefonate, Chats und Gruppengespräche gehören ebenso zur Standardausrüstung wie Foto und Video-Kommunikation.

WeChat: Mit 200 Millionen Usern ganz weit vorne liegt der chinesische Dienst WeChat, der vom Internet-Giganten Tencent entwickelt wurde. Es gibt nahezu keine Funktionen, die es bei WeChat nicht gibt. Messaging, Fotos, One-To-Many-Kommunikation, Voice-Messaging und Location-Based-Social-Plugins kommen dem Spieltrieb der Chinesen entgegen.

Facebook Messenger: Als Anhängsel von Facebook ist dieser Nachrichtendient am weitesten verbreitet. Im Fokus steht das Chatten, doch auch das Versenden von Bildern und Emoticons ist möglich. Der eigene Sticker-Store ist bislang allerdings nur ein trauriger Abklatsch.

Couple: Ein Social Network auf engstem Raum - für Liebes- und Ehepaare. Neben den Standardfunktionen bietet Couple Erinnerungen für gemeinsame Jubiläen, ein Zeichen-Tool, Location-Sharing, Stimmaufnahmen, einen „denke an Dich" Button sowie den originellen „Thumb-Kiss", der dazu dient, den Daumen-Abdruck des Partners jenseits der Cloud zu berühren. Und ja: Couple benutze ich natürlich mit meiner Frau.

Der Autor

bjoern eichstaedtBjörn Eichstädt ist Managing Partner der Storymaker Agentur für Public Relations GmbH . Der 38-jährige Neurobiologe berät Unternehmen in der strategischen Entwicklung ihrer Technologie-, Online- und Social-Media-Kommunikation. Storymaker mit Sitz in Tübingen und Büro in München arbeitet für technologieorientierte Unternehmen, gehört zu den Top 50 der deutschen PR-Agenturen und hat eine Schwesterfirma in Peking.

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8 Antworten
  1. von Oliver am 12.05.2013 (11:48 Uhr)

    Telefonieren ist mit Whatsapp übrigens auch möglich.

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  2. von Alex am 12.05.2013 (13:21 Uhr)

    Leider fehlt hier vollkommen der Fakt, dass die Kommunikation mit den oben genannten Messengern vollkommen unverschlüsselt stattfindet. Sprich, jeder kan alles mitlesen.
    Zudem gibt es noch solche "Banalitäten" , wie dass das gesamte Adressbuch des Nutzer zum jeweiligen Service übertragen wird.

    Sichere Alternativen wären z.B. Viber, IM+ oder Glassroom.

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  3. von blogokratie am 12.05.2013 (14:13 Uhr)

    spart Daten durch vermeidung von „Information Overload“. #Drosselkom.

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  4. von Chris am 12.05.2013 (22:34 Uhr)

    Und was ist mit dem iMessenger?

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  5. von ungehorsam am 13.05.2013 (10:10 Uhr)

    ... und was bringt all' das den Menschen ?

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  6. von Matthias am 15.05.2013 (21:32 Uhr)

    Kik mit seinen rund 50 Mio. Usern hätte man vielleicht noch erwähnen können.

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  7. von Torsten am 16.05.2013 (08:41 Uhr)

    Und auch nicht vergessen sollte man die Oldies ICQ und Skype.

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