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Stop! Warum die Tech-Branche dringend einen Richtungsgeber braucht [LeWeb 2014]

Stop! Warum die Tech-Branche dringend einen Richtungsgeber braucht [LeWeb 2014]

3.000 Teilnehmer, 300 Journalisten, drei Tage Programm: In dieser Woche versammelte sich die Elite der Tech-Branche auf der in Paris und feierte ihre neuesten Errungenschaften. Der kritische Blick auf die aktuellen Entwicklungen fand aber nur selten statt. Ein Fazit.

Stop! Warum die Tech-Branche dringend einen Richtungsgeber braucht [LeWeb 2014]

LeWeb 2014: Die Überwachung des Körpers beginnt

Die Tech-Branche ist im Rausch. Healthcare, Drohnen, Wearables, Sensoren – die Vernetzung der Welt nimmt in einer Geschwindigkeit zu, die wir vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten haben. Die Formel ist simpel: Technologien werden immer kleiner, unsichtbarer und effizienter und können in Bereiche zum Einsatz kommen, die zuvor nicht erschließbar waren – beispielsweise im menschlichen Körper. Diese über Sensoren aufgezeichneten Daten landen in der Cloud, wo sie aufgrund zunehmender Rechenkapazitäten einer immer besseren Analyse unterzogen werden können.

LeWeb 2014: Die Tech-Branche im Rausch, vor allem Startups im Healthcare-Bereich boomen ohne Ende (Foto: Luca Caracciolo)
LeWeb 2014: Die Tech-Branche ist im Rausch, vor allem Startups im Healthcare-Bereich boomen ohne Ende. (Foto: Luca Caracciolo)

Diese Entwicklungslogik ist nicht neu, aber die Geschwindigkeit, in der konkret nutzbare Technologien entstehen, ist es. Allein im Gesundheitssektor gibt es eine kaum überschaubare Anzahl an Projekten und Produkten, die sich nicht in irgendeinem Prototypen-Status befinden, sondern schon auf dem Markt sind. Beispiel: Vital Connect, ein tragbarer Biosensor, der unter anderem Stress-Level, Herz- und Lungenfunktion überwacht und die entsprechenden Daten in Echtzeit ins Netz hochlädt. Auf Wunsch lässt sich das EKG sogar aufs Smartphone streamen. In Kombination mit neuartigen Datenauswertungstechnologien etwa vom Healthcare-Startup Heartflow ist es sogar möglich, ohne medizinischen Eingriff Wahrscheinlichkeiten für Herzerkrankungen zu berechnen.

Die Langsamkeit der Behörden: Fluch oder Segen?

Den Gründern hinter den Startups und neuen Produkten geht die Entwicklung aber zu langsam. Sie müssen sich in den USA etwa mit der US Food and Drug Administration (FDA) herumschlagen, die neue Medikamente oder medizinische Verfahren genehmigen muss, bevor sie auf den Markt kommen dürfen. Das gleiche Spiel im Taxi-Gewerbe: Uber, Lyft und Co. brechen mit geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen und schaffen einzig durch die neuartige Nutzererfahrung Fakten.

Und ich muss gestehen: Ubers Service ist top. Ich hatte in Paris erstmals die Gelegenheit, UberX auszuprobieren. Ein Wort: einfach. Der Dienst ist extrem simpel zu nutzen und erleichtert eine Fahrt durch eine fremde Stadt ungemein. Es ist im Grunde nicht mal nötig, mit dem Fahrer zu sprechen, weil Fahrtziel und Bezahlung komplett über die App abgewickelt wird. Uber ist somit eine hocheffiziente Form der Fahrt-Vermittlung in Städten.

Das Startup Vital Connect vertreibt ein Bio-Sensor, der am Körper getragen wird und eine Vielzahl von Körperfunktionen misst. Auf Wunsch überträgt das System das persönliche EKG aufs Smartphone. (Screenshot: Vital Connect)
Das Startup Vital Connect vertreibt einen Bio-Sensor, der am Körper getragen wird und eine Vielzahl von Körperfunktionen misst. Auf Wunsch überträgt das System das persönliche EKG aufs Smartphone. (Screenshot: Vital Connect)

Effizienzsteigerung und Überwachung

Bei alle Euphorie auf der LeWeb, bei allen positiven Seiten dieser neuen digitalen Technologien, fehlte auf der Konferenz jedoch der kritische und gesamtgesellschaftliche Blick auf die aktuellen Entwicklungen. Auch wenn die Aufdeckung der Totalüberwachung durch NSA und anderer Geheimdienste durch Edward Snowden schon anderthalb Jahre zurück liegt, ist sie nicht minder bedeutend und schwerwiegend. Wenn wir heute digitale Technologien entwickeln, die ganze Branchen radikal verändern, müssen wir die Themen Privatsphäre und Datenschutz nicht quasi ab Werk berücksichtigen? Müssen wir diese Technologien nicht so bauen, dass es für Dritte unmöglich wird, Daten abzufangen und für eigene Zwecke zu missbrauchen? Und muss dieser Sicherheitsaspekt nicht mindestens genauso wichtig sein wie das Produkt selbst?

Gerade der Bereich Gesundheit ist so unglaublich „datensensibel“, heißt: Gesunheitsdaten sind ein gefundenes Fressen für Geheimdienste, um noch bessere und aussagekräftigere Personenprofile zu erstellen – getreu dem Motto: Im Social Web erfahren NSA und Co. was wir mögen, bei Diensten wie Uber oder Lyft, wo wir hinfahren und der Gesundheitssektor der Zukunft gibt unseren Gemüts- und Gesundheitszustand preis. In Echtzeit.

Ja, das mag nach Horrorszenario klingen, aber wir wissen seit Snowden, dass das, genau das, passiert. Jeden Tag. Und mit jedem Bit an zusätzlichen Daten, das wir ins Netz schaufeln, erhalten die Geheimdienste und letztlich die Regierungen dieser Welt immer konkretere Informationen über uns und unsere Umwelt. Sascha Lobo hat Recht, wenn er von einer Weltüberwachung nicht im Internet, sondern mithilfe des Internets schreibt – denn die Überwachungmaschinerie hat das Netz längst verlassen. Sie begreift und nutzt das Internet als wichtigstes, hochtechnologisiertes und effizientestes Werkzeug für die Totalüberwachung.

Der Erfinder des WWW, Tim Berners-Lee, im Gespräch mit LeWeb-Gründer Loic Le Meur. Er sprach sich ein offeneres Internet aus, betonte jedoch, dass wir als Gesellschaft dafür kämpfen  müssen. (Foto: Luca Caracciolo)
Der Erfinder des WWW, Tim Berners-Lee, im Gespräch mit LeWeb-Gründer Loic Le Meur. Er sprach sich für ein offeneres Internet aus, betonte jedoch, dass wir als Gesellschaft dafür kämpfen müssen. (Foto: Luca Caracciolo)

Insofern sollten wir dankbar sein für die Mühlen der Administration – sei es die FDA in den USA oder auch andere Regulierungsbehörden auf der ganzen Welt. Sie sorgen wenigstens auf eine gewissen Art und Weise für ein wenig Entschleunigung und gewähren uns als Gesellschaft die nötige Zeit, um über Entwicklungen nachzudenken und sie nachzujustieren – auch wenn das bisher nur wenig passiert, dazu oft auch in eine völlig falsche Richtung. Wieviel Vertrauen wir staatlichen Stellen in unserer heutigen Zeit allerdings entgegenbringen können, insbesondere wenn es um Privatsphäre und Datenschutz geht, lässt sich kaum beantworten. Aber dennoch: Ausnahmsweise machen sie – wenn auch ungewollt – einen guten Job.

Unsere Technologie, unsere Verantwortung

Angesichts der rasend schnellen technologischen Entwicklung ist es so wichtig wie nie zuvor, sich als Gesellschaft der Verantwortung zu stellen, die digitale Welt, die auf uns zu rollt, in die richtigen Bahnen zu lenken. Nicht übermorgen, nicht morgen, sondern heute, hier und jetzt. Peter Sunde, Mitgründer von „The Private Bay“, fragte erst kürzlich provokant: „I went to jail for my cause and your TV shows. What did you do?“ Und um mit Tim Berners-Lees Worten zu enden, der auf der diesjährigen LeWeb gesprochen hat. Auf die Frage, wie wir in Zukunft die Netzneutralität sichern können, antwortete er so simpel wie klar: „It’s our choice!“

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