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SXSW 2011: Warum sich der Event nicht lohnt – und warum doch

Das SXSW Interactive Festival in Texas gilt als eines der spannendsten Events der Digitalszene weltweit. Für t3n war Johannes Kleske vor Ort. Er berichtet über seine Eindrücke und jeder wird in seinem Bericht etwas Passendes finden. Denn wer vielleicht neidisch ist, weil er selbst nicht hinkonnte, kann sich beruhigen: Nicht alles ist toll und spannend. Wer sich die Eintrittskarte nicht leisten will oder keine abbekommt: Nächstes Jahr trotzdem hinfliegen, ist auch ohne super. Wer unbedingt hin will: Es gibt gute Gründe, es zu tun. Hier sein vollkommen subjektiver Bericht.  

SXSW 2011: Warum sich der Event nicht lohnt – und warum doch

SXSW ist groß

Das SXSW Interactive Festival in Austin, Texas ist groß – sehr, sehr groß. Was als kleines Geek-Treffen am Rande des Musik- und Film-Festivals gestartet war, hat inzwischen die beiden anderen Sparten in der Teilnehmerzahl deutlich überholt. 25.000 sollen es diesmal gewesen sein und damit wieder 20 bis 30 Prozent mehr als im letzten Jahr. Diese Information ist essentiell für einen SXSW-Rückblick, da sie unter anderem bedeutet, dass die eine typische SXSW-Erfahrung nicht mehr gibt. Zwei Teilnehmer können das Festival komplett unterschiedlich erleben. Insofern ist jeder Bericht von der SXSW immer als komplett subjektiv zu betrachten. So auch meiner.

Die SXSW ist groß – sehr, sehr groß. Dadurch haben keine zwei Teilnehmer dasselbe Erlebnis. Das führt aber auch zu Skalierungsproblemen. (Foto: Web Designer Steve Floyd. Lizenz: CC BY-ND 2.0.

Rückblick auf die SXSW-Rückblicke

Im guten SXSW-Stil könnte ich mich darauf beschränken zu aggregieren und zu kuratieren. Das sind auch weiterhin die Trendthemen im Contentstrategie-Bereich, der diesmal besonders stark im Panelplan vertreten war. Ich könnte also meines Kuratoramtes walten, eure Aufmerksamkeitsspanne nicht ausreizen und euch einfach auf andere spannende Rückblicke verweisen. Denn entgegen des mal wieder erklärten offiziellen Tods des Mediums Blog hält die Blogosphäre zahlreiche Einblicke bereit, die den oben gemachten Punkt der unterschiedlichen Erlebnisse desselben Ereignisses klar unterstreichen. So haben die Briten mal wieder den meisten Spaß gehabt, weil sie „ihre“ SXSW einfach in ihren Lieblingspub in Austin verlegt haben. John Gruber mault (zu Recht). Planer entdecken immerhin noch spannende Themen für ihre Kunden. Ein eigenes Tumblog sammelt die besten „Overheard“-Zitate. Aber keiner hat es so schön in Worte gefasst wie James Mitchell. Nichtsdestotrotz hier meine Impressionen aus Austin.

SXSW und der Kommerz: das Venturegrab

Im Allgemeinen können sich alle darauf einigen, dass die Kommerzialisierung und die Promotiontätigkeiten dieses Mal weit über das erträgliche Maß hinausgingen. Man konnte keine zwei Schritte machen, ohne dass einem ein Flyer oder sonst irgendein Kram in die Hand gedrückt wurde. Jede freie Fläche war mit einem Meer von Sticker und Postern zugekleistert. Kaum ein Shirt, das vorne nicht ein Startup-Logo und hinten einen QR-Code aufgedruckt hatte.

Überraschend ist das nicht. Seitdem Twitter und Foursquare ihren Durchbruch bei der SXSW hatten, will jedes Tech-Startup in den USA es ihnen nachmachen. Und genau dieser Sachverhalt sorgt dafür, dass genau das nicht mehr passieren wird. Der Werbelärm verkommt zu einem weißen Rauschen, aus dem nichts mehr heraussticht. Mir ist kein einziges, neues Startup von der SXSW im Gedächtnis hängen geblieben.

Es fasziniert mich immer wieder, wie schlaue Gründer, die bei ihrem Produkt großen Wert auf alle Details legen, beim Marketing aber auf Autopilot schalten und scheinbar blind das „SXSW Promo Paket 1 - 5“ kaufen. Es wäre ja schon fast wieder amüsant, mit was Startups bei der SXSW aufschlagen, würden sie dabei nicht ohne Ende Geld verbrennen und zudem die Stadt zumüllen (so viel zum „green spirit“ der meisten Startups).

Mein Tipp an jedes Startup, das nicht explizit einen Mehrwert vor Ort für die SXSW-Besucher bieten kann (wie z.B. Lanyrd): Spart das Geld und fahrt keinerlei Promotionaktion auf der SXSW. Verwendet die Zeit lieber, um mögliche Business-Partner zu treffen, mit Journalisten zu reden oder mit dem Team einfach richtig gut zu feiern. Lucius Kwok hat das zu seiner Definition von Slow Company angeregt.

Auf der SXSW sieht man viele Gesichter – auch weithin bekannte wie das der Schauspielerin Felicia Day (re.). (Foto: thebuibrothers.com. Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Skalierungsprobleme der SXSW

Ich selbst war das erste Mal auf der SXSW und kam noch mit den frischen Eindrücken von der Cognitive Cities Conference, die ich selbst mitorganisiert habe. Da schaut man natürlich noch mal genauer auf bestimmte Aspekte. Die Probleme, die die SXSW durch ihr starkes Wachstum hat, sind an allen Ecken und Enden offensichtlich. Das fängt bei der Kuration der Panels an: Ein Großteil dieser wird durch eine Voting-Plattform von der Masse bestimmt. Das führt zu dem interessanten Problem, dass Panel-Titel und Beschreibung nicht mehr möglichst genau wiedergeben, worum es geht. Vielmehr werden sie auf Votings optimiert. D.h. die Titel und Beschreibungen sind möglichst witzig oder ironisch, um in erster Linie durch Sympathiepunkte Stimmen zu gewinnen.

Das bedeutet aber vor Ort, dass man häufig in Panels landet, die inhaltlich mit dem Titel nur wenig gemein haben und bei weitem nicht halten können, was die Beschreibung verspricht. Dazu kommt, dass es für viele als Ritterschlag gilt, bei der SXSW gesprochen zu haben, so dass sich wirklich jeder bewirbt. Für mich kam noch das Problem dazu, dass mich praktisch alles interessiert und ich notorisch Angst habe, interessantes zu verpassen. Da sind 10 bis 15 Panels gleichzeitig purer Entscheidungsstress.

Ich ziehe es durchaus vor, wenn ein Veranstalter eine bewusste Entscheidung trifft, wer spricht und diese nicht auf mich abwälzt. Das ist aber für die SXSW-Veranstalter keine Option. Sie brauchen so viele Panels, um die Besuchermassen halbwegs zu versorgen. Und trotzdem stand man diesmal häufig vor verschlossenen Türen von überfüllten Sälen.

Was sich mehr und mehr bei der SXSW beobachten lässt ist, dass durch die Probleme der Hauptkonferenz immer mehr ein kleines Ökosystem von offiziell unabhängigen Veranstaltungen entwickelt. Wenn die Hauptkonferenz mainstreamiger wird, bewegen sich die spannenderen Themen und die Leute, die sich mit ihnen beschäftigen, aus dem Veranstaltungszentrum weg an den Rand. Das lässt sich in Austin physisch beobachten: PSFK und etsy sind nur zwei der vielen Veranstalter, die ihr eigenes tiefer in der Stadt veranstalteten. Das führt mehr und mehr dazu, dass manche nicht mal mehr Tickets für die SXSW kaufen, sondern nur noch zu den kleinen Events gehen… bis diese irgendwann zu groß sein werden. Der ewige Wachstumskreislauf.

SXSW, das Familientreffen

Aber natürlich ist die SXSW in Teilen auch ein Familientreffen und eine gute Möglichkeit, Menschen wiederzusehen – und mit ihnen zu feiern. (Foto: Web Designer Steve Floyd. Lizenz: CC BY-ND 2.0)

Bei aller Kritik: Wo sich alle einig sind ist, dass die SXSW eine großartige Möglichkeit ist, eine gute Zeit mit den Freunden der digitalen Szene zu haben. Es ist einfach wirklich jeder da, der irgendetwas mit dem Web oder Technologie zu tun hat. In dem Sinne herrscht eine ähnliche Atmosphäre wie auf der republica, wobei diese sich eine dicke Scheibe von der Offenheit gegenüber anderen Bereichen abschneiden könnte. Auf der SXSW habe ich mich als Agenturmensch nie unwillkommen gefühlt.

So ziehe ich für mich das Fazit, dass die SXSW sich lohnt, wenn man viele Bekannte in der amerikanischen Web-Szene hat, die man gerne alle mal an einem Ort treffen möchte, um neue Ideen zu hören und zu feiern. Wer große Insights, Trends oder Ideen von der Konferenz erwartet, wird eher enttäuscht werden. Und wer kein Ticket für die Konferenz kaufen will, für den lohnt es sich trotzdem. Austin ist immer eine Reise wert, mit oder ohne Geek-Massen in der Stadt.

Wer nun trotzdem noch etwas mehr zu den Inhalten der Konferenz wissen will, dem seien die großartigen Ogilvy Notes empfohlen.

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