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SXSW 2017: Das Ende der Filterblasen?

    SXSW 2017: Das Ende der Filterblasen?
Filterblasen – im übertragenen Sinne – sind inzwischen Alltag. (Foto: Mario Sixtus)

Auf der SXSW vor einem Jahr begeisterte noch US-Präsident Obama die Tech-Szene. Ein ähnlicher Auftritt von Präsident Trump auf der SXSW 2017 ist unvorstellbar. Eindrücke vom ersten Tag der SXSW 2017.

Der erste Eindruck: Austin ist weiterhin die lässige, coole Universitätsstadt, wie wir sie kennen. Der Immigration Officer am Flughafen ist freundlich und entspannt, der für den neuen Ridesharing-Dienst Fasten arbeitende Fahrer und die Angestellten bei Whole Foods freuen sich über die Gäste, die zur SXSW in die Stadt strömen (und ihr Geld da lassen). Auf den ersten Blick keine Spur von einer Eintrübung der Stimmung.

Whole Foods in Austin (Foto: Martin Recke)

In der Rainey Street mit ihren pittoresken Holzhäusern, südlich vom Austin Convention Center gelegen, hat in den letzten zwölf Monaten die Abrissbirne kräftig gewütet. Einige der dort ansässigen Kneipen und Bars müssen nach und nach großen Neubauten weichen. Geht es in diesem Tempo weiter, dann wird schon in wenigen Jahren nichts mehr davon übrig sein.

Das German Haus, im Vorjahr noch dort ansässig, ist schon einmal in Richtung Norden umgezogen und residiert nun im Barracuda in der East 7th Street. Die Rainey Street genoss übrigens in früheren Jahren einen zweifelhaften Ruf als Ort für Drogen- und Waffengeschäfte. Wo heute schicke Bars residieren, fand zuvor Kriminalität ihren Ort.

Die SXSW hat, wie schon 2016 mit Obama, auch in diesem Jahr politisch begonnen. Hier war die drastische Veränderung der Grundstimmung mit Händen zu greifen. Der demokratische Senator Cory Booker hielt in seiner bewegenden Eröffnungsrede ein flammendes Plädoyer für Liebe als die Kraft des Zusammenhalts der zutiefst gespaltenen US-Gesellschaft. Toleranz reiche nicht aus, im Gegenteil — sie schafft neue Abgrenzungen, statt zu einen. Welch ein Kontrast zu Hillary Clintons fatalem Wort von den „Deplorables“, als die sie die Trump-Wähler abtat.

Cory Booker auf der SXSW 2017 (Foto: Martin Recke)

Die Macher der SXSW haben es sich in diesem Jahr zur Aufgabe gemacht, der verunsicherten Tech-Szene zu erklären, wie es eigentlich passieren konnte, dass Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA gewählt wurde. War Cory Booker offensichtlich sehr um Versöhnung statt Spaltung bemüht, so lieferte CNN-Journalist Van Jones (The Messy Truth) zum Abschluss des ersten Konferenztages eine brillante und gewitzte Analyse der politischen Lage.

Auch er identifiziert sich als Liberal, machte aber zugleich klar, dass der höchste Wert der Liberals in den USA die Gerechtigkeit und eben nicht die Freiheit ist, die wiederum der höchste Wert der Konservativen sei. Dass eine Gesellschaft beides braucht, Freiheit wie Gerechtigkeit, klingt im Grunde banal, ist aber in der politischen Großwetterlage des Jahres 2017 eine wichtige Einsicht, die es wert ist, von der Konferenzbühne eines der größten Tech-Events der Welt verkündet zu werden.

Die technisch induzierten Filterblasen, in denen sich die Anhänger der jeweiligen Weltanschauungen bewegen, sind als Problem inzwischen klar erkannt. Offensichtlich brauchte es ein erschütterndes Ereignis wie die Wahl Donald Trumps, um die Erkenntnis wachsen zu lassen, dass auch jenseits der eigenen Filterblase Menschen leben, deren Werte, Anliegen und Bedürfnisse nicht einfach ignoriert oder als belanglos abgetan werden können. In einer Demokratie darf man unterschiedlicher Meinung sein. Wo alle übereinstimmen müssen, da herrscht Diktatur.

„Nothing is gonna change unless I do“, rief Cory Booker mehrfach aus. Und: „Be the change you want to see in the world.“ Er griff weit in die Geschichte der USA zurück, zitierte Martin Luther King und erinnerte an Abraham Lincoln. Der Zuhörer aus Europa spürt förmlich, wie sehr das Land sich seiner selbst zu vergewissern bemüht ist. Wie Cory Booker erinnerte auch Van Jones daran, dass weder in der Geschichte noch in der Gegenwart der USA vor Trump alles gut gewesen ist. Van Jones selbst, Amerikaner in der 9. Generation, sagte von sich, dass er der erste in seiner Familie sei, der mit vollen Bürgerrechten geboren wurde.

Van Jones auf der SXSW 2017 (Foto: Martin Recke)

Es sagt viel über die Erschütterung unserer westlichen Demokratien, dass solche letztlich trivialen Einsichten wieder in Erinnerung gerufen werden müssen. Und es ist den Machern der SXSW hoch anzurechnen, dass sie politische Themen so prominent auf die Agenda rücken. In diesem Jahr sind es vor allem Demokraten und ihnen nahestehende Sprecher wie Van Jones, die in Texas eine Bühne bekommen. Am Sonntag wird der frühere Vizepräsident Joe Biden sprechen.

Ob wir 2018 auch Republikaner auf der Bühne sehen werden? Das bleibt abzuwarten.

Martin Recke ist Mitgründer der NEXT Conference in Hamburg und spricht in diesem Jahr erstmals auf der SXSW. Die NEXT und t3n laden am Sonntag gemeinsam mit dem Reeperbahn Festival zu den Reeperbahn Hamburgers in Austin ein. Dieser Text erschien zuerst bei Medium.

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