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SXSW 2017: Wo sind die Limits?

Daimler-Chef Dieter Zetsche auf der SXSW. (Foto: Oliver Nermerich)

Automobilität, digitale Kleidung, Gene Editing und Technokratie: Notizen vom zweiten Tag der SXSW 2017.

Mehr aus Zufall denn einem Plan folgend bin ich am zweiten Konferenzmorgen der diesjährigen SXSW in eine Session mit Dieter Zetsche gestolpert. Der Daimler-Chef trug sein mittlerweile obligatorisches Outfit aus Jeans und Sakko ohne Krawatte. Nur die Sneakers hatte er gegen soeben in Austin erworbene Cowboystiefel ausgetauscht.

Eine Session mit Daimler-Chef Dieter Zetsche

Interessant ist vor allem, worüber er nicht sprach. Die Digitale Transformation bei Daimler war nicht sein Thema. Stattdessen stellte er die Strategie beim Thema Maps vor und hatte dazu Edzard Overbeek, den CEO von Here, als Sidekick auf der Bühne. Daimler, BMW und Audi treten mit Here vor allem gegen Google an, das mit seinen Kartendiensten Google Maps und Waze schon tief im Alltag vieler Konsumenten verankert ist.

Die Botschaft war klar: Wer die Maps beherrscht, der beherrscht das Thema Mobilität. Die Zukunft des Individualverkehrs ist datengetrieben. Karten als immer genaueres digitales Abbild der physischen Welt sind die Voraussetzung für autonome, vernetzte und elektrische Autos  – und für jede Menge neuer Services. Die Digitalisierung verändert die Rolle des Autos von Grund auf, es wird zum Bestandteil eines Serviceprodukts mit völlig neuen Produkteigenschaften.

Und da wir einen Megatrend zur Allgegenwärtigkeit des Digitalen erleben, sind Maps der Schlüssel zur Mobilität. Zumindest die Bedeutung von Daten und die Zentralität von Plattformen für die künftigen Geschäftsmodelle scheinen klar erkannt. Ob die Autokonzerne allerdings schon konsequent genug auf die Entwicklung neuer digitaler Produkte fokussieren und bei der Gestaltung der User-Experience beginnen, sei dahingestellt.

Das Oligopol der klassischen Automobilhersteller hat zu bröckeln begonnen. Unter den Herausforderern liegen Elon Musk und Tesla derzeit deutlich vorn, doch Newcomer wie Faraday und NIO folgen auf dem Fuße. NIO ist in Austin mit einem üppigen Showroom vertreten und nutzte die SXSW, um den Launch eines weitgehend autonom fahrenden und elektrisch angetriebenen Fahrzeugs für 2020 anzukündigen. Die Autohersteller beginnen, sich in Austin zu positionieren.

Der NIO EP9 auf der SXSW 2017. (Foto: Martin Recke)

Es gibt derzeit nicht die eine klare Richtung, in die sich digitale Technologien entwickeln würden. Die Entwicklung verläuft eher in alle Richtungen gleichzeitig, wenn auch nicht überall im gleichen Tempo. Ivan Poupyrev (Google) und Paul Dillinger (Levi’s) sprachen über Project Jacquard, einen interaktiven Jeansstoff, und das für diesen Modeherbst angekündigte erste Produkt mit dem etwas umständlichen Namen „The Levi’s Commuter x Jacquard by Google Trucker Jacket“.

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Wenn die Jacke zur Benutzeroberfläche wird

Der im Rahmen dieser Kooperation entwickelte Stoff hat alle Eigenschaften herkömmlicher Kleiderstoffe, was die Herstellung und Verarbeitung wie auch den Gebrauch (zum Beispiel Waschbarkeit) deutlich erleichtert. Zugleich wird die Jeansjacke zur interaktiven Benutzeroberfläche, die mit dem Mobiltelefon gekoppelt ist. Ein Radfahrer bekommt so über seine Jacke zum Beispiel Navigationshinweise, kann Anrufe annehmen oder abweisen und die Musik im Kopfhörer steuern.

Ob das Produkt ein Erfolg wird, bleibt abzuwarten. Der Paradigmenwechsel, der sich hier abzeichnet, ist die Entkopplung digitaler Funktionalität von den Consumer-Electronics. Konnektivität und digitale Interaktionsmuster wandern vom Smartphone in Alltagsgegenstände wie Kleidung und Autos, die sich als Produkte darüber differenzieren können. Jacquard ist von Anfang an als Plattform gedacht und angelegt. Für Google geht es erkennbar darum, auch in diesem Bereich eine starke Position aufzubauen.

Mit der Gentechnik ziehen die grundlegenden Mechanismen digitaler Technologie in die Sphäre der Biologie ein. War bis vor kurzem nur das Lesen des genetischen Codes kommodifiziert und damit praktisch allgemein verfügbar, so erlaubt Cripsr/Cas9 nun auch das Bearbeiten. Es ist, als sei der Edit-Button für Gene freigeschaltet worden. Eine Einführung in das Thema gab in ihrer Keynote Jennifer Doudna, Professorin für Molekular- und Zellbiologie sowie Chemie an der University of California in Berkeley und eine der Erfinderinnen von Crispr­/Cas9.

Bei diesem Thema stellt sich die Frage, wo die Limits liegen, noch einmal ganz anders und mit sehr viel grundsätzlicherer Bedeutung als bei Mobilität, digitalen Karten oder interaktiver Kleidung. Hier geht es auch um den Menschen selbst und um die Modifikation seiner biologischen Basis. Unaufgeregt, aber durchaus eindringlich referierte Jennifer Doudna die mit der biotechnologischen Entwicklung verbundenen ethischen Fragen und rief dazu auf, die nötige Debatte zu führen. Wahrscheinlich ist die SXSW kein schlechter Ort dafür.

Dass sich Technokratie auch positiv besetzen lässt, bewies schließlich Parag Khanna. Der Autor des Anfang des Jahres erschienenen Buches Technocracy in America hielt in Austin ein Plädoyer für Technokratie, Meritokratie und Utilitarismus. Es wirkte ein wenig wie die Antwort der Tech-Szene auf die politischen Herausforderungen der Gegenwart. Jedoch ist zwar der Technikglaube in Austin stark, aber das Interesse an Technokratie als Lösungsvorschlag hielt sich dann doch eher in Grenzen.

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