Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Feature

SXSW 2017: Der Tech-Szene die Leviten gelesen

    SXSW 2017: Der Tech-Szene die Leviten gelesen

(Bild: t3n)

Notizen von der SXSW 2017: Während sich bei vielen Plattformen die Grenzen zwischen real und virtuell verschieben, stellen sich auch zunehmend Fragen nach einer Gesellschaft ohne Arbeit – zu Recht?

Produktmanagement ist wahrscheinlich der am wenigsten beachtete Erfolgsfaktor des Silicon Valley. Wie es dorthin kam und sich in der frühen Tech-Industrie etablierte, ist eine spannende Geschichte. In erfolgreichen Startups sind es meistens die Gründer, die diese Rolle spielen. In größeren, etablierten Unternehmen ist die Rolle des Gründers schon vergeben, sodass Produktmanager an seine Stelle treten.

Neue und innovative Produkte entwickeln

Die grundlegenden Fragen sind die gleichen, wenn es um die Entwicklung von neuen und innovativen Produkten geht. Für Mike Maples, der früh in Twitter, Twitch und Lyft investiert hat, ist die erforderliche Courage für einen Pivot zur rechten Zeit eines der wichtigsten Erfolgskriterien. Es braucht für ihn eine Menge Disziplin und Integrität, weiterhin an die Produktvision zu glauben, während Zeit und Geld ausgehen und die aktuelle Iteration eines Produktes nicht funktioniert.

Scott Cook, Mitgründer von Intuit, zitierte auf der SXSW den Managementguru Peter Drucker, für den das Unerwartete die wichtigste Quelle der Innovation ist. Was wir nicht schon vorher gewusst und erwartet haben, das sagt uns der Markt. So hatte Instagram anfangs auch einen ortsbezogenen Gamification-Ansatz wie Foursquare, fokussierte sich dann aber auf den Bilderdienst und ließ das Spiel fallen –  der Rest ist bekannt.

(Bild: t3n)

Große Unternehmer finden Geheimnisse, erklärte Mike Maples unter Hinweis auf Peter Thiel. Überall seien solche Geheimnisse zu finden, wir müssten nur nach ihnen suchen. Für Scott Cook liegt der Schlüssel dazu darin, sich auf den Nutzer eines Produktes zu fokussieren statt auf den Wettbewerber. So entsteht Innovation, die dann von den Wettbewerbern kopiert wird. Umgekehrt würde man nur selbst den Wettbewerb kopieren. Mike Maples unterscheidet zwei Arten des Scheiterns. Gründer, Startups und Produkte können scheitern, weil sie nicht konsequent genug sind – oder sie scheitern, weil sie bis ans Limit und darüber hinaus gegangen sind. Nur eines davon sieht er positiv.

Auf ihre Art gilt das auch für die beiden Exponenten für das heiße Thema Fake News, die Yasmin Green (Jigsaw/Google/Alphabet) auf die Bühne der SXSW holte. Jestin Coler ist  – oder war, je nach Betrachtungsweise  – Unternehmer in Sachen Fake News. Der Gründer und CEO von Disinfomedia hat viel Geld mit Projekten wie dem Anfang November an einem Nachmittag zusammengehackten und komplett fiktiven Denver Guardian oder dem National Report verdient.

Anzeige

Die Definition von Fake News hat sich verschoben

Jeffrey Marty, der sich selbst als konservativ beschreibt, ist Anwalt und betreibt seit 2013 den fiktiven Twitter-Account @RepStevenSmith, der den 15th Congressional District des Bundesstaates Georgia vertritt. Beeindruckend, da Georgia tatsächlich nur 14 Distrikte hat. All dies ist im Grunde leicht als Fake und Satire zu erkennen und offen als solche ausgewiesen. Dennoch nehmen offensichtlich viele Nutzer diese Medienprodukte als real wahr, als beschrieben sie eine Realität jenseits der Fiktion.

Jestin Coler wies darauf hin, dass sich die Definition von Fake News in jüngster Zeit verschoben hat: War der Begriff früher beschränkt auf Fiktion, schließt er nun auch News ein, die jemand für unglaubwürdig hält. Als Fake News gilt, was nicht ins Weltbild passt, was die eigene Filterblase sprengt.

Vermeintliche Branchentrends betrachtet

Als großen Sprengmeister für allerlei digitale Filterblasen beschäftigt die SXSW seit Jahren Bruce Sterling, der in einer Art Abschlusspredigt der Tech-Szene die Leviten liest. In diesem Jahr zerpflückte er zunächst genüsslich die echten oder vermeintlichen Trends der vergangenen zwölf Monate, bevor er dann furios die aktuelle politische Lieblingsidee der Technologiegläubigen unter die Lupe nahm: das bedingungslose Grundeinkommen. Bruce Sterling führte die Idee zunächst auf ihre Wurzeln in der Krise der 1950er Jahre zurück, als Industriejobs im großen Maßstab zu verschwinden begannen.

Gesellschaft ohne Arbeit?

Heute hat die Idee seiner Einschätzung nach tatsächlich eine Chance, realisiert zu werden, weil sie auf beiden Seiten des ansonsten extrem polarisierten politischen Spektrums Freunde hat. In einem wahren Parceforceritt malte er dann elf mögliche Szenarien aus, wie eine Gesellschaft ohne Arbeit, aber mit bedingungslosem Grundeinkommen strukturiert werden könnte. Die schlimmsten Modelle sind für Sterling Reservate, wie sie die amerikanischen Ureinwohner bewohnen, Gefängnis- und Arbeitslager, in denen der überflüssige Teil der Bevölkerung weggesperrt wird, oder Flüchtlingslager, die sich schon für 1.200 US-Dollar pro Kopf und Jahr betreiben lassen.

Schon freundlicher nehmen sich demgegenüber Vorstellungen aus, in denen die gesamte Bevölkerung zum Militär eingezogen wird, in Rentnersiedlungen lebt oder Universitäten und Schulen besucht. Klöster und andere religiöse Gemeinschaften oder auch Krankenhäuser als Lebensräume sieht Futurist Sterling ebenso als Möglichkeiten an wie ländliche Kommunen nach Vorbildern wie Amish People oder Hippies, eine Art Bohème, eine Welt nach dem Vorbild der dänischen Freistadt Christiana oder auch die Austin-Lösung („pay me for keeping weird“), was sicher für Berlin ähnlich attraktiv sein dürfte. Am rosigen Ende des Spektrums schließlich liegt die Erleuchtung, eine Art ewiger Urlaub oder ständiger Burning Man, post-everything, die buddhistische Befreiung von allen Wünschen, deren Nachteil allerdings ist, dass Elternschaft damit nicht vereinbar wäre.

Arbeit und Einkommen – bald unabhängig voneinander?

Solche Gedankenspiele machen klar, wie sehr sich unsere westlichen Gesellschaften verändern könnten, wenn der Zusammenhang von Arbeit und Einkommen aufgegeben würde. Womöglich läuft es auf eine Kombination dieser Szenarien hinaus, denn schließlich ist nichts davon fiktiv, sondern bereits in der Praxis erprobt, mit bekannten Vor- und Nachteilen. Futurist und Sci-Fi-Autor Bruce Sterling verabschiedete sich von der Bühne mit dem Vorsatz, ein neues Buch zu schreiben und in einem Jahr wieder vorbeizuschauen, um zu sehen, wie es der Tech-Szene bis dahin ergeht. See you at SXSW 2018!

Passend zum Thema: SXSW 2017: Das Ende der Filterblasen?

Finde einen Job, den du liebst

Schreib den ersten Kommentar!

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden

Hinweis

Du hast gerade auf einen Provisions-Link geklickt und wirst in Sekunden weitergeleitet.

Bei Bestellung auf der Zielseite erhalten wir eine kleine Provision – dir entstehen keine Mehrkosten.


Weiter zum Angebot