Bereits seit 2011 klagen acht deutsche Zeitungsverlage gegen die offizielle Tagesschau-App. Das langwierige Verfahren nähert sich dem Ende. Nach Berichten von Freitag sieht es danach aus, dass sich das OLG Köln in dem für September erwarteten Urteil den Zeitungsverlegern anschließen wird. Das könnte das Aus oder zumindest eine starke Einschränkung für die Tagesschau-App bedeuten. Hintergrundinformationen zum Verfahren aus Sicht der ARD gibt es auf einer Sonderseite der Tagesschau.
Die App der Tagesschau überzeugt journalistisch und technisch
Über die grundsätzliche Frage, ob ein gebührenfinanzierter Rundfunk im Jahr 2016 noch zeitgemäß ist, gibt es gute Argumente dafür oder dagegen. Unstrittig dagegen ist die Qualität der Tagesschau-App. Seit ihrem Erscheinen 2010 gehört zu zu den beliebtesten Nachrichtenquellen auf den Smartphones der Deutschen und genießt analog zur Reputation der Tagesschau im Fernsehen einen guten Ruf, weil sie technisch und journalistisch überzeugt.
Eines von vielen Beispielen für die Qualität der App: Während die großen, privaten Redaktionen heutzutage gefühlt bei jedem Kleiderwechsel eines Prominenten eine Eilmeldung verschicken, gelingt es der Tagesschau meistens die richtige Balance zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu finden.
Doch acht Zeitungsverlage – darunter Axel Springer (Bild, Welt) und die Verlage hinter Süddeutscher Zeitung und Frankfurter Allgemeinen –, schätzen die Tagesschau-App weniger. Die App sei „presseähnlich“, konkurriere daher mit den Angeboten der Verlage und müsse daher gemäß dem Rundfunkstaatsvertrag verboten werden. Ihr Argument: Die Tagesschau-App wird aus Gebühren finanziert, die privaten Verlage müssen sich mit Werbung und Paid Content finanziert – das sei unfairer Wettbewerb.
Juristisch gesehen spricht Vieles für das Argument: Laut dem an vielen Stellen fraglichen Rundfunkstaatsvertrag dürften die Öffentlich-Rechtlichen im Netz überhaupt keine Nachrichten verbreiten darf, sondern nur ergänzende Inhalte zu ihren multimedialen Rundfunkbeiträgen anbieten.
Paradox: Gericht bestätigt dass eine Nachrichten-App tatsächlich presseähnlich ist
Jedem Nutzer wird sofort klar: Die Tagesschau-App ist „presseähnlich“ – und das ist auch gut so. Die Trennung zwischen Rundfunk und Presse ergibt keinen Sinn mehr in einem Zeitalter, in dem die Verbreitung von Nachrichten vom Internet dominiert wird. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben einen staatlichen Grundversorgungsauftrag. Um diesen zu erfüllen, müssen sie Nachrichten 2016 auch online bringen. Nicht nur der 70-jährige Rentner, der die Hitparade der Volksmusik schaut, zahlt Rundfunkgebühren, sondern auch der 25-jährige Berufseinsteiger. Viele Millennials – insbesondere die Gebildeten – schauen ohnehin kein Fernsehen mehr.
Lose-Lose-Situation: Öffentlich-Rechtliche und Verlage sind Verlierer
Die Nutzer interessiert es herzlich wenig, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit privaten Angeboten konkurriert. Sie möchten einfach nur ein gutes Nachrichtenangebot auf ihren Smartphones lesen. In Zeiten, in denen der Unmut gegenüber dem Rundfunkbeitrag größer ist als je zuvor, würde es der Gesellschaft ganz gut tun, auch mal positive Ergebnisse für den stolzen Monatspreis von 17,50 Euro zu sehen.
Mit ihrer Klage sorgen die Verlage für eine Lose-Lose-Situation: Das Ansehen der Verlage sinkt, weil sie krampfhaft versuchen Reichweite für ihre Apps auf juristischem Wege zu erzwingen. Und das Ansehen der Öffentlich-Rechtlichen sinkt, weil sie ihr Angebot einmal mehr künstlich beschneiden müssen und damit die Preis-Leistung ihres Angebots weiter verschlechtern. Zur Erinnerung: Netflix und Spotify gibt es für einen Bruchteil des aktuellen Rundfunkbeitrags.
In den Kommentarspalten der Tageszeitungen appellieren die Autoren gerne an gesellschaftliche Verantwortung und Vernunft. Im Bereich ihres digitalen Angebots sollten sich die Verleger genau das zu Herzen nehmen: Das gesellschaftliche Allgemeinwohl in Form vieler zufriedener Nachrichtenleser über den eigenen, marginalen finanziellen Vorteil stellen. Es ist überhaupt zu bezweifeln dass die Auswirkungen einer Einschränkung der Tagesschau-Inhalte für die Verlagsangebote messbar wäre.










Ein Schlag ins Gesicht junger Gebührenzahler. ?!?!?!?
Am besten das gesparte Geld erstatten, das freut auch die junger Gebührenzahler
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Ich, als junger Gebührenzahler, tue das gerne. Wenn ich mir überlege, was ich ohne die ÖR im TV ertragen müsste, bin sehr sehr froh, das es diese gibt. Natürlich nicht alles mein Fall, aber lieber um 20 Uhr Tagesschau als Pro7 oder RTL2 News.
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Seit Aufkommen des Privatfernsehens hat man beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen ständig die Qualität reduziert - und das trotz gleichzeitig fortschreitender Gebührenfinanzierung. Die Lösung besteht doch nicht darin, solchen gebührenfinanzierten Anstalten jetzt auch noch zusätzliche Kommunikationswege zu eröffnen. Dies geht allenfalls zu Lasten der ohnehin bereits stark geschrumpften Zeitungen/Zeitschriften, insbesondere derjenigen, die sich noch um qualitativ hochwertigen Journalismus bemühen, aber auch zu Lasten neuerer Medienformen wie z. B. Blogs etc. Dabei spielt es keine Rolle, dass man eine brauchbare App zustande bringt - was bei den Gebührenmilliarden ja wohl zu erwarten ist. Jedenfalls ich als Gebührenzahler möchte keine weitergehende Kannibalisierung, ärgere mich lieber über verschwendete Gebühren.
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Dann sag mir mal bitte nur 2 die einen qualitativ hochwertigen Journalismus rüber bringen?
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Na, ja - "bemühen" eben ;-) Aber am ehesten vielleicht noch die FAZ?
Junge Gebührenzahler? Meine Eltern verwenden vielleicht die Tagesschau-App. Ich benutze definitiv andere Quellen – und bin auch schon lange kein Teenager mehr.
Die Presse ist seit jeher ohne Subventionen ausgekommen, Rundfunk und Fernsehen waren die große Ausnahme – die man nun wirklich nicht zur Regel machen sollte.
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Was ist das... Rundfunk?
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"Das Ansehen der Verlage sinkt, weil sie krampfhaft versuchen Reichweite für ihre Apps auf juristischem Wege zu erzwingen."
Das ist jetzt ein ziemlicher Quatsch und absolut unreflektiert. Die Öffentlich-Rechtlichen werden durch Steuern (Gebühr würde ich es nicht nennen) zwangsfinanziert und staatlich gepusht. Es gibt also ein Gesetz, was ihnen ein Sonderstatus und Quasi-Monopol auf TV-Nachrichten in Deutschland sichert.
Wie sollen sich die Verlage denn sonst dagegen wehren? Über den Preis oder die Reichweite sicherlich nicht, weil bei den Einnahmen der Öffentlich-Rechtlichen einfach so stark bevorteilt sind, dass man da in einer freien Marktwirtschaft nicht dagegen ankommt.
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Journalismus, der seine Erzeugnisse verkaufen muss, kann niemals "guter" Journalismus sein. Warum? Weil er immer das bevorzugen wird, was potentielle Leser zum Kauf anregt. Mich regt eine neutrale, sachliche Berichterstattung von gut informierten Korrespondenten samt gut recherchierten Hintergrundinformationen zum Kauf an. Das leisten die ÖR äußerst gut, private Sender sind eine Zumutung für intelligente Menschen. Gedruckte Medien tötet das Internet, weil Papier und Verteilung Geld kosten. Bleibt nur Werbung oder Abos. Da diese aber wieder an den Anfang dieses Kommentares führen, bleibt nur staatlich finanzierter Journalismus, um Qualität zu erzeugen. Man kann zum gelegentlichen Vergnügen ja trotzdem Bild lesen.
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ÖR sind eine ähnliche Zumutung. Zwar erscheinen die Inhalte seriöser verpackt, aber unabhängig sind die auch nicht. Wenn man sich die Mühe macht, ein bestimmtes Thema aus Primärquellen gründlich zu recherchieren und dann entsprechende ÖR-Berichterstattung anzusehen, merkt man, dass selbstverständlich auch hier eine Agenda dahinter steckt.
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