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Tech-Blase im Silicon Valley? Blödsinn!

Hippe , in die zu viel Geld gepumpt wird, zu hoch bewertete Unternehmen, die an die Börse gehen um ihre Aktien abstürzen zu sehen – befinden wir uns kurz vorm Blasensprung einer Tech-Bubble? Die Frage begegnet immer dann, wenn es einen spekatkulären IPO (Facebook) oder imposanten Kauf (Yammer, Instagram) eines im beheimateten Unternehmens gibt. Im Letzten ist das Bubble-Gebabbel aber nur eins: Blödsinn.

Tech-Blase im Silicon Valley? Blödsinn!
Tech-Blase im Silicon Valley?

Tech-Blase? No way.

In den letzten beiden Jahren stellten sämtliche deutschen Medien, die zumindest ab und zu über Tech- und Startup-Themen berichten, regelmäßig die Frage: Befinden wir uns aktuell in einer Tech-Blase, die bald platzt? Regelmäßig heißt: Wann immer etwas halbwegs Spektakuläres passierte. Zynga ging an die Börse: „Blase!“ Groupon ging an die Börse: „Blase!“ Am schlimmsten aber war die „Blasen!“-Rufe rund um den Börsengang von Facebook. Spätestens bei der nächsten interessanten Aktion (Spotify-IPO?) werden sie wiederkommen.

Trotz Facebooks Börsengang: Bis heute ist keine Tech-Blase geplatzt. Und das bleibt auch erst ma so.

Manchmal ist auch speziell in Bezug auf das Silicon Valley die Rede von einer „Bubble“. Weil manche der Meinung sind, dass hier zu viel Geld in Umlauf ist und blauäugig in zu viele unwichtige Unternehmen gepumpt wird. Andere verstehen unter der „Silicon Valley-Blase“, dass die Tech-Branche hier wie unter einer Käseglocke in einem Mikrokosmos lebt und Stanford-Absolventen statt „the next big thing“ nutzlose Dinge erfinden, die nicht wirklich disruptiv sind. „Seit Jahren dreht sich doch nur noch alles um die vier Größen Apple, Facebook, Google und Microsoft“, tönen einige. Manche sehen also eine Bubble, weil zu viel investiert und zu hoch bewertet wird, andere beschwören die Bubble, weil angeblich nichts wirklich Innovatives mehr geschieht. Hier sind einige der Blasen-Argumente, die mir im letzten Jahr – manche in Deutschland, andere im Silicon Valley – begegnet sind:

  • Fragwürdige Börsengänge: Unternehmen wie Zynga, Groupon und Facebook wurden extrem hoch bewertet und konnten die Erwartungen nicht erfüllen, die Aktien stürzten nach dem Börsengang ab
  • Firmen wie Instagram und Yammer wurden für Unsummen gekauft, ohne dass sie Gewinne erzielten oder wirkliche Geschäftsmodelle vorweisen konnten
  • Laut Techcrunch gibt es im Silicon Valley täglich Finanzierungsrunden – zum Teil in Startups , deren Innovationsfaktor und Erfolgschancen aus der Sicht von Deutschen fragwürdig sind.
  • Immer seltener scheinen Startups ihr Unternehmen in der typischen Silicon Valley-Garage hochzuziehen; statt dessen zieht es die Gründer, sobald etwas Geld vorhanden ist, ins coolere San Francisco, wo die Mietpreise aktuell explodieren, da sich auch die großen Techfirmen verstärkt hier ansiedeln, um ihren Mitarbeitern was zu bieten
  • Partymentalität: Der erste Eindruck von San Franciscos/Silicon Valleys Startup-Szene ist, dass hier eine Party die nächste jagt und Gründer sich von einem Event zum nächsten trinken – ganz wie zu Zeiten der Dotcom-Blase.

Befinden wir uns also in einer Tech-Blase? Nicht im Geringsten! Es sind immer bestimmte Einzelaspekte, die Branchenexperten das Wort „Blase“ ausrufen lassen. Meist im Zusammenhang eines Unternehmenkaufs oder Börsengangs. So zum Beispiel die hohe Unternehmensbewertung von Facebook samt dem anschließenden Aktien-Absturz. Dabei wird übersehen, dass es sich um spektakuläre Einzelfälle handelt, und zwar nicht von irgendwelchen unbedeutenden Startups, sondern von Unternehmen mit einer riesigen Nutzerschar – wenn auch nicht immer mit ausgereiften Geschäftsmodellen. Was jedoch die Dotcom-Blase Ende der Neunziger ausmachte war die Tatsache, dass beinahe jedes Unternehmen plötzlich den Eindruck hatte, an die Börse zu müssen. Davon kann aktuell überhaupt keine Rede sein, im Gegenteil, zahlreiche Unternehmen haben nicht die geringste Lust auf all die Beschränkungen, die mit einem Börsengang einhergehen, und suchen nach alternativen Möglichkeiten.

In San Francisco wird in der Startup-Szene viel gefeiert und genetzwerkt - so wild wie Ende der Neunziger geht es aber längst nicht zu.

Speziell in Bezug auf das Silicon Valley: Der Eindruck, dass Finanzierungsgelder hier praktisch auf der Straße liegen, stimmt nicht im Geringsten mit der Realität überein. Zwar gibt es hier tatsächlich beinahe täglich Finanzierungen, dies liegt aber in erster Linie an der großen VC-Dichte und der ebenfalls enormen Startup-Dichte. Letztendlich sind es aber auch hier die Besten der Besten (aus aller Herren Länder!), die an Finanzierungen kommen, sie haben ebenfalls hart gepitcht und an Türen geklopft und Geschäftsmodelle vorgelegt. Vielleicht haben sie es hier in sofern etwas leichter als in Deutschland, als dass VCs hier naturgemäß etwas risikofreudiger sind als in Deutschland und sich nicht von innovativen Ideen abschrecken lassen. Aber verschleudert wird auch hier nichts. Dies mag vor 12 Jahren anders gewesen sein.

Gibt es im Valley abgefahrene Startup-Parties, auf denen eingesammelte Investorengelder verbrannt werden? Jein. Tatsächlich könnte man sich in San Francisco von Event zu Event, von Party zu Party hangeln und müsste sich nicht mehr um die eigene Nahrungs- und Getränkeversorgung kümmern, wenn dieses Anliegen bestünde. Zuletzt war ich auf einer Startup-Pitch-Veranstaltung, bei der es bereits im Online- Anmeldeformular hieß: „'Wird es eine [kostenlose] Bar geben?' 'Ja, du Säufer!'“ Aber extreme Züge nimmt das Startup-Party-Leben dennoch nicht an, Netzwerken gehört hier einfach dazu und in den Gesprächen geht es dann doch meis ums Geschäftliche (manche Deutschen vermissen genau dies auf deutschen Netzwerk-Veranstaltungen).

Als vergangenen Sommer der NY Times-Journalist Nick Bilton von wilden Parties berichtete, zu denen echte Tiger und Kunstschnee eingeflogen wurden, wurde er in der Szene verspottet. Weil solche Auswüchse eben nicht das „Normale“ hier sind sondern die absolute Ausnahme. Michael Arrington (TechCrunch-Gründer) antwortete: „the stupid shit people do in Silicon Valley these days is preciously innocent compared to the late 90s.“ Bekanntermaßen sind auch die Darstellungen in „The Social Network“ maßlos übertrieben.

Bubble? Nope.

Bleibt noch die Frage, ob man im Silicon Valley selbst in einer Blase, in einem abgeschotteten Mikrokosmos, lebt. Auch hier: ein klares „Nein“. Es wird einem hier ungewöhnlich leicht gemacht, Anschluss zu finden und in die Szene hinein zu kommen. Sofern man sich den Spielregeln anpasst, sich auf das Wechselspiel zwischen Geben und Nehmen einlässt und das Grundvertrauen nicht leichtsinnig verspielt. Natürlich bekommt man nicht überall sofort Audienzen, wenn man als unbekannter Deutscher aufschlägt. Grundsätzlich ist es aber möglich, sich auch mit den „Großen“ zum Lunch zu verabreden oder eine Büro-Führung zu bekommen. Anders als in Deutschland braucht es dafür keine Wochen im Voraus gemachten Termine, vieles geht recht spontan und unkompliziert. Mag sein, dass es auf einer etwas "tieferen" Ebene schwieriger wird, aber zunächst einmal stehen die Türen offen. Menschen kommen hinein, Menschen gehen hinaus. Es geschieht Innovation, auch wenn dies aktuell nicht in einem neuen Facebook mündet.

Mein Eindruck ist: Trotz gelegentlicher Ausschläge und sich abwechselnden Phasen: Von einer Blase ähnlich der Dotcom-Bubble zu sprechen ist Blödsinn. Auch wenn Einzelaspekte manchmal an die Zeit erinnern mögen. Insgesamt zeigt sich eben doch, dass alle Beteiligten dazu gelernt haben und die Mechanismen längst nicht mehr so undurchsichtig sind wie vor 12 Jahren, als selbst die konservativsten Investoren durchdrehten. Natürlich gibt es noch immer viele junge Leute, die nach dem Studium ziemlich blauäugig drauf los gründen und damit auf die Nase fallen und Gelder verbrennen. Aber insgesamt ist die Szene erwachsener und reifer geworden, hat dazugelernt und trägt ihre Gründer-Babies mit. Und ruft ihnen zu: „Mach weiter! Das nächste Mal klappt es dann vielleicht.“

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4 Antworten
  1. von Patr1ck am 22.01.2013 (09:10 Uhr)

    Sorry aber der Artikel spiegelt die Ahnungslosigkeit des Authors hinsichtlich Unternehmensfinanzierung wieder. Mit Blase ist tatsächlich die Finanzierungsblase gemeint - oder allgemeiner ausgedrückt: Sind die Summen, die gezahlt werden nachvollziehbar?

    Als nachvollziehbar könnte man sie bezeichnen, wenn realistisch erwartete künftige Cashflows in gesunder Relation zur Bewertung stehen. Es mag stimmen, dass diese Relation bei Startups deutlich höher ist als bei etablierten Unternehmen, aber zum Vergleich: Kann davon ausgegangen werden, dass Facebook innerhalb absehbarer Zeit ähnlich ertragreich wie ein Weltkonzern wie Siemens wird?

    Eine utopische hohe Unternehmensbewertung bei Startups ohne Geschäftsmodell lässt sich nicht rechtfertigen durch die Tatsache, dass diese auch hart um VC-Gelder pitchen mussten. Die Intention von VC-Gebern ist mitunter eine völlig andere ("Bin ich oder das Management in der Lage binnen 5yrs das Business so hochzuziehen, dass mir jemand anderes bei einem Exit den 20x Preis zahlt?").

    Die Analogie zur Dotcom Blase ist unübersehbar: Unternehmen, die nicht darlegen können wie sie Geld verdienen wollen, werden blind mit Kapital beschmissen. Ob das Kapital in Openbars oder in gigantischen Großraumbüros landet, wo sich Unternehmen Dinge ausdenken, mit denen kein Geld zu verdienen ist, ist dabei völlig irrelevant für die Beurteilung einer Blase.

    Wenn mein ahnungsloser Nachbar von Startups erzählt, ist es Zeit jegliches Geld zu nehmen und zu rennen ;)

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  2. von Andreas Lenz am 22.01.2013 (14:35 Uhr)

    @Patr1ck: aus meiner Sicht bist du hier der Ahnungslose! Wer bist du überhaupt, niemand!? ;)

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  3. von Vincent am 22.01.2013 (21:55 Uhr)

    Gibt keine “Tech-Blase”, aber ich muss mich Patrick anschliessen das viele Tech-Unternehmen überbewertet sind. Denn Facebook wird nie 100 Milliarden Gewinn machen. Das Problem bei den meisten digitalen Unternehmen (Facebook, Instagram, Spotify) ist das sie kein existierendes Produkt haben und daher schwer zu bewerten sind.

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  4. von Stephan Jäckel am 23.01.2013 (01:22 Uhr)

    Da gibt es eine Blase, aber die sieht m.E. ganz anders aus:

    Wer Kapital in Unternehmen investiert rechnet immer mit X Prozent Verlust. Die verbleibenden Y Prozent Unternehmen müssen dann die Z Prozent Rendite bringen, die den Anlegern versprochen sind, bzw. die sich der Einzelinvestor als Ziel gesetzt hat. Die Rechnung geht solange auf, wie es möglich ist die Verluste durch wenige gute Exits zu überkompensieren.

    Die Blase entsteht m.E an einer anderen Stelle: Sie entsteht dadurch, dass die gesamte Branche thesaurierend arbeitet, selbst wenn es einzelne Fonds nicht tun. Die Folge ist das, so lange mit IT Investitionen insgesamt Gewinne gemacht werden, das Kapital, welches zur Verfügung steht immer größer wird. Das geht immer, solange Z stimmt. Solange wächst die Blase weiter und verdrängt andere Bereiche, andere Branchen.

    Wer fünf Mio USD in ein App-Start-Up investiert, dass nur 10 Prozent Marktanteil auf einem eine Milliarden Smartphones großen Markt erzielt, kann dies abolut realistisch für 100 Mio wieder verkaufen. Selbst bei neun gleichgroßen Investitionen die floppen bleibt am Ende (Zinsen und Kosten mal vernachlässigt) eine Kapitalverdopplung. Und wer steigt bei solchen Aussichten aus?

    Kein anderer Wirtschaftszweig hat das Gründen, Finanzeren und Kapitalisieren von Start-Up Investments so professionalisiert, ja geradezu zu einer Fließfertigung gemacht, wie es die IT-Investoren bei Angeboten und Lösungen auf Softwarebasis getan haben. Es muss Außenstehende irritieren, was innerhalb der Branche passiert, weil sie es nicht jeden Tag sehen und erleben. Der Autoaufkleber "California: It is true" beschreibt es m.E. besser, als alles andere. Solange Z nicht in die Näher alternativer Anlagemöglichkeiten sinkt, weil nicht genügend menschliche Kreativität beim Programmieren oder Vermarkten von Lösungen vorhanden ist, wird die Branche weiter wachsen.

    Es geht nicht darum, dass die Tech-Invetitionsblase platzen könnte, es geht darum, dass anderen Wirtschaftszweigen immer weniger Kapital für Innovationen zur Verfügung steht, weil das Wachstum bei IT-Investments nicht auf andere, auch traditionelle Wirtschaftszweige, in Form von Kapitalzuflüssen ausstrahlt.

    Das Geld bleibt in der Branche, weil bei den Investitionen nicht mehr diversifiziert wird. Das macht zumindest mir die größeren Sorgen.

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