Googles Strategie mit Google Talk im Telko-Sektor ist recht klar erkennbar: Von den klassischen Providern sollen die Mehrwertdienste – insbesondere der Telefondienst – übernommen werden. Die Provider selbst sollen nur noch ihre Leitungen (den Link ins Internet) zur Verfügung stellen, während Google und andere Mitstreiter sich Marktanteile im Bereich der Mehrwertdienste erarbeiten.
Um das zu erreichen, hat Google 2004/2005 eine Idee der Jabber-Community übernommen und ist selbst bei der Entwicklung der libjingle-Bibliothek (die den Transfer von Audiodaten ermöglicht) vorgeprescht ohne die Standardisierung durch die XMPP-Gremien abzuwarten. Das Ergebnis, Google Talk, ist bekanntlich hoch erfolgreich. Natürlich hat es nicht lange gedauert, bis weitere Internetunternehmen nachzogen. GMX und web.de bieten schon länger vergleichbare Dienste an, die natürlich ebenfalls auf Jabber/XMPP basieren. Zwischenzeitlich wurde auch eine offizielle XMPP-Version der libjingle-Funktionalität definiert (geringfügig modifiziert).
Die Karten werden völlig neu gemischt
Doch trotz dieser vorübergehend bremsenden Norm-Modifikationen brodelt es zur Zeit mächtig unter den Entwicklern für Jabber-Desktop-Clients. Die Standardisierung hat Planungssicherheit geschaffen. Empathy, basierend auf dem freedesktop.org Telepathy Projekt, scheint am weitesten fortgeschritten zu sein bei der Implementierung der standardkonformen Funktionen für Audio- und Videotelefonate.
Für die Telkoprovider, aber auch für die heutigen proprietären Platzhirsche unter den Instant-Messaging-Anbietern (vor allem Skype und MSN) bedeutet das nicht weniger, als dass die Karten nun völlig neu gemischt werden. Es wäre wunderlich, wenn sich nicht auch hier ein neutraler Standard – nämlich XMPP/Jabber – auf Dauer durchsetzte. Schließlich ermöglicht er den Nutzern größere Flexibilität, uneingeschränkte Kontakte und Unabhängigkeit. Profitieren werden Google, die Open Source Communitys von Desktop und Mobile Device Clients und „the people“. Der neue Standard sorgt außerdem nämlich für besonders einfache Installation der Anwendungen auch hinter NAT-Wänden und Routern. Bei SIP-Anwendern hat derlei vielfach zu entnervenden Installationsmarathons geführt. Jabber Web Clients übrigens eröffnen dann auch Web Communitys erweiterte Möglichkeiten. MySpace oder Xing mit Web-Telefonfunktion wären keine wirkliche Überraschung.
Besonders interessant allerdings ist außerdem, dass XMPP im Gegensatz zu SIP eine einfache und sichere Verschlüsselung erlaubt, die sogar der längst geknackten Verschlüsselungstechnik der GSM-Mobilfunknetze deutlich überlegen ist. Zur Wahl stehen OTR (Off-the-Record Messaging) und PGP/GnuPG mit jeweils unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Und wer noch einen draufsetzen will, nutzt die 1.500kBit/s Mix Proxy Kaskaden des JAP/JonDonym-Netzwerkes mit deren Socks5-Protokollunterstützung (ebenfalls ein Open-Source-Projekt). Dann nämlich telefoniert man im Extremfall mobil via UMTS, mit Videounterstützung, unter Einsatz starker Kryptografie, ohne Lauscher und Vorratsdatenspeicherung, gleichzeitig voll-anonymisiert und höchst preiswert. Lange kann es nicht mehr dauern, bis das Realität wird.
Wann, liebe Deutsche Telekom und andere Telko-Provider, hätten wir all das ohne diese abermalige Open-Source-Technologie-Revolution von Euch erwarten können?
Also wirklich. Alles muss man selber machen ...
Mehr von Thomas Schlichtherle in seinem Klartext-Blog.
Bildnachweis: tylerdurden1 auf Flickr.com. Lizenz: CC BY.



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2 Answers
von Gerriet 08.10.2009 (18:17Uhr) 1.
DAs ist sehr Utopisch anzunehmen, das Provider wie Telekom oder andere Opensource einzusetzen. Die sind einfach zu verbohrt, da müssen schon kleinere Anbieter kommen und ihnen vormachen wie es richtig geht.
von Thomas Schlichtherle 09.10.2009 (10:11Uhr) 2.
Das war ja auch gar nicht die Annahme. Die Situation ist eher die, dass eben so gut wie alle ehemaligen staatlichen Monopol-Anbieter (Deutsche Telekom, Telekom Austria, Swisscom, etc.) krampfhaft versuch(t)en, ihr konventionelles Telefoniegeschäft zu verteidigen. Wie der Beitrag aufzeigt gelingt das aber eben immer weniger. Dienste wie XMPP/Jabber sind ein Beispiel dafür wie die Ex-Monopolisten sogar immer mehr zum blossen "Strippen-Vermieter" reduziert werden. Die darüber hinaus gehenden Mehrwertdienste übernehmen andere. Telefonie ist hier auch wieder nur ein Beispiel.