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„Netzneutralität ist wichtig für Europas Zukunft“ – Tim Berners-Lee sieht das WWW gefährdet und liefert harte Fakten

„Netzneutralität ist wichtig für Europas Zukunft“ – Tim Berners-Lee sieht das WWW gefährdet und liefert harte Fakten

Tim Berners-Lee hat Probleme mit der des Internets. Er sieht die gefährdet und warnt die Europäer vor den Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft.

„Netzneutralität ist wichtig für Europas Zukunft“ – Tim Berners-Lee sieht das WWW gefährdet und liefert harte Fakten

Status Quo der Netzneutralität.(Screenshot: 2014 Web Index)

Wenn der Erfinder des World Wide Web über die Zukunft des Internets spricht, sollten wir genauer zuhören. Denn zum einen weiß er am besten unter welchen Kriterien er das Internet in seiner Ursprungsform entwickelt hat und zum anderen kann er sehr gut beurteilen, wie es um den Status Quo der digitalen Welt steht.

Tim Berners-Lee äußert sich zur Netzneutralität: „Die Offenheit des Netzes wird derzeit attackiert“

Tim Berners-Lee: „Als ich das Web entwarf, konzipierte ich es ganz bewusst als neutralen, kreativen und kollaborativen Raum, der unbedingte Offenheit gewährleisten sollte.“ (Bild: Paul Clarke / CC BY-SA 4.0)
Tim Berners-Lee: „Als ich das Web entwarf, konzipierte ich es ganz bewusst als neutralen, kreativen und kollaborativen Raum, der unbedingte Offenheit gewährleisten sollte.“ (Bild: Paul Clarke / CC BY-SA 4.0)

Dass die Zeiten derzeit nicht rosig sind, hört man aktuell häufiger von ihm. Manifestiert vor allem durch die anlasslose Überwachung von Menschen durch Regierungen, die das Vertrauen der Nutzer in das Netz schwer beschädigen. Aber auch durch die Abkehr von der Netzneutralität, die er als wesentlichen Bestandteil für die Innovationsfähigkeit von Internetunternehmen, der Sicherung der digitalen Menschenrechte und nicht zuletzt des Fortschritts in Europa und dem Rest der Welt versteht.

„Als ich das Web entwarf, konzipierte ich es ganz bewusst als neutralen, kreativen und kollaborativen Raum.“ – Tim Berners-Lee

Anfang der Woche äußerte sich Tim Berners-Lee beispielsweise in einem lesenswerten Gastbeitrag auf der Homepage der Europäischen Kommission zu den Gefahren aktueller Regulierungsversuche und machte darin eindringlich klar, was das Internet eigentlich leisten sollte: „Als ich das Web entwarf, konzipierte ich es ganz bewusst als neutralen, kreativen und kollaborativen Raum, der unbedingte Offenheit gewährleisten sollte. Meine Vision war, dass jedermann, überall auf der Welt, von dem Wissen und den Ideen darin profitieren soll. Und zwar ohne dass er eine Lizenz kaufen oder mich, irgendeinen CEO, eine Regierungsstelle oder einen Ausschuss um Erlaubnis bitten muss. Diese Offenheit löste eine Welle der Innovation aus und sie ist der Initialzünder neuer Durchbrüche in Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur.“

Dass diese Impulsfunktion jedoch durch das Gebaren hochrangiger Politiker und einflussreicher Netzbetreiber bald schon zu ein jähes Ende finden könnte, unterstreicht er in dem Beitrag, indem er sagt, dass die Netzneutralität als Schlüsselelement dieser Offenheit derzeit attackiert wird.

Anders als in den USA, wo die Weichen derzeit zur Wahrung der Netzneutralität von der Regulierungsbehörde FCC gestellt wird – indem sie die Anbieter von Breitband-Internetanschlüssen künftig mit Telecom-Unternehmen gleichsetzen will, um gegen bezahlte Überholspuren im Internet vorgehen zu können –, stellen sich europäische Stellen aktuell wieder in eine Abwehrhaltung. Zum einen im Rahmen von Signalwirkungen, wie zuletzt durch Angela Merkel geschehen, die sich öffentlich für ein Zweiklassen-Netz ausgesprochen hat. Zum anderen durch Änderungsanträge und -wünsche, di versuchen etwaige Spezialdienste durchzusetzen, um die Netzneutralität zu verwässern.

4 Gründe, warum Netzneutralität wichtig ist – und gerade Startups dafür kämpfen müssen

Welche Argumente für die gesetzliche Festschreibung der Netzneutralität sprechen, haben wir vor einiger Zeit in dem Beitrag „4 Gründe, warum Netzneutralität wichtig ist – und gerade Startups dafür kämpfen müssen“ thematisiert. Zwar ist die darin stattfindende Einordnung der Debatte nicht mehr ganz aktuell, jedoch haben sich die Aufhänger nicht verändert. Übersichtshalber hier nur einmal zur Erinnerung:

1. Kein gleichberechtigter Wettbewerb mehr im Netz

Durch den Grundsatz der Netzneutralität wird ein gleichberechtigter Wettbewerb zwischen Konzernen und Startups garantiert, die in und um das Internet ein Geschäftsmodell verfolgen. Netzbetreiber sind beispielsweise schon lange auch Inhalteanbieter geworden und können den Datentransfer eigener Plattformen bevorzugt behandeln. Während der WM 2014 hat die Deutsche Telekom beispielsweise eine Streaming-App namens „MobileTV“ veröffentlicht, mit der Fußball-Fans unterwegs die Spiele schauen konnten, ohne dass deren Inklusiv-Datenvolumen angerührt wurde . Wie soll ein Startup wie Zattoo damit konkurrieren?

2. Schutz vor unfairen Preisen

Da durch die Netzneutralität der Datentransfer weniger zahlungskräftigen Startups dem der reicheren Konzerne nicht untergeordnet wird, können die verschiedenen Geschäftsideen preistechnisch auf Augenhöhe konkurrieren. Im Falle einer Aussetzung können Konzerne günstige Preise länger sicherstellen, da sie die erhöhten Provider-Kosten anders als junge Startups zunächst kompensieren und nicht sofort an die Nutzer weitergeben müssen, um zu überleben.

3. Die Fähigkeit zur Innovation sinkt

Aufgrund der erhöhten Kosten, die Startups nicht kompensieren können, und des dadurch verzerrten Wettbewerbs werden viele Neugründungen scheitern, noch bevor sie ihren Dienst konkurrenzfähig gemacht haben. Disruptive Geschäftsideen sorgen im Netz jedoch für frische Impulse und ersetzen alte technische Standards. Ohne diese jungen Unternehmen werden Fortschritt und Innovation gebremst. Datenintensive Dienste wie YouTube, Netflix oder SoundCloud hätten unter diesen Umständen vermutlich nie eine reelle Chance gehabt und verschlafene Monopole in der Unterhaltungsindustrie würden ihr Geschäft immer noch auf CDs und DVDs stützen.

4. Unterdrückung alternativer Meinungen

Eine Struktur der ungleichen Übertragung von Informationen kann auch eine Unterdrückung alternativer Meinungen im Netz bedeuten. Große Medienhäuser könnten – wie oben schon beschrieben – günstigere Preise für ihre Angebote verlangen als kleinere Publikationen. Von Bloggern und Podcastern, die oft gar kein oder nur sehr wenig Geld verdienen, ganz zu schweigen. Eine Einschränkung der Meinungsvielfalt durch die zerstörerische Kraft eines Zweiklassen-Netzes wäre eine weitere Folge, die unmittelbar mit der Aussetzung der Netzneutralität einhergeht.

Unternehmen und Regierungen stören den neutralen Datentransfer weltweit enorm

Der „2014 Web Index“ macht deutlich, dass 74 Prozent der beobachteten Länder keine Regeln zur Netzneutralität haben. (Screenshot: 2014 Web Index)
Der „2014 Web Index“ macht deutlich, dass 74 Prozent der beobachteten Länder keine Regeln zur Netzneutralität haben. (Screenshot: 2014 Web Index)

Wie stark die Netzneutralität bereits unter Beschuss steht, hat auch der kürzlich erhobene „2014 Web Index“ deutlich gemacht, den Tim Berners-Lee in seinem Gastartikel zitiert. Dahinter verbirgt sich eine Studie, die in 86 Ländern durchgeführt wurde und den negativen Einfluss von Unternehmen und Regierungen auf den neutralen Datentransfer deutlich macht.

Darin wird unter anderem deutlich, dass 74 Prozent der Ländern keine klaren und effektiven Regeln zur Netzneutralität haben und dass sich im Rahmen dessen deutliche Hinweise auf stattfindende Preisdiskriminierung finden. In 95 Prozent der untersuchten Länder, wo es keine Gesetze zur Netzneutralität gibt, finden sich zudem verstärkte Anzeichen dafür, dass Diskriminierungen des Datentransfers stattfinden. Klares Fazit insofern: Der Versuchung, den Transport der Datenpakete im Netz nicht nicht zu stören, widerstehen die Unternehmen und Regierungen in den seltensten Fällen.

via www.heise.de

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Eine Antwort
  1. von Neutralität und Ausbau am 04.02.2015 (14:29 Uhr)

    Europas Zukunft ist TTIP.

    Wer hat mehr Startups beendet ? Fehlender Traffic oder Klagen und Lizenz-Streitigkeiten ? Transmeta . Veoh . SCO vs. Unix . Keine guten NVidia-Chipsätze mehr für PCs sondern nur noch von Intel. ... Die coolen besseren und besser ausgestatteten Boards hatten NVidia-Chipsätze.

    Die EU-Kommissarin (evtl. die Ehemalige weil ja neu gewählt wurde) hat vor Jahren schon korrekt gesagt, das es bei Netzneutralität um das Verhalten bei bottlenecks/Überlastungen geht.
    Auf diese Weise wird das Thema m.W. aber nirgendwo diskutiert.

    Jeder will seine Pakete als erstes und ist damit dank Berichten der Qualitäts-Presse möglicherweise gegen Netzneutralität. Divide&Conquer.

    Wer darf auf die Autobahn bei Stau ? Der Rentner der zum Schrebergarten fährt ? Der Rentner der einen Arzt-Termin hat ? Der Arbeiter der zur Arbeit fährt ? Der Arbeiter der von der Arbeit zurück kommt ? Der Unfall-Wagen ? Merkels Wagen inclusive Eskorte ? Des Ministerpräsidenten Wagen inclusive Eskorte ? Fährt er zur Arbeit oder um Kredite zu stunden ? Fährt er zum Film-Ball oder zum Fußball-Stadion ?
    Na also.

    Gibt es LTE dort wo die Mobilfunk-Konzern-Manager sitzen zuerst ? Ist das zu rot-grün und der Auktion gelobte UMTS von jedermann bezahlbar so das LTE die Überholspur für die Reichen wird Normalverdiener UMTS belegen ? Wurden von der Presse damals als rot-grün die Grundlagen für das heutige Internet legten die taped-Flats als Abrechnungsmodell für UMTS genannt ?
    Ist die Autobahngebühr gut für Reiche, Boni-Manager und Politiker oder für den Steuerzahler physischer Arbeit ?

    Fordert ausser mir jemand das die Einnahmen durch Besser-Stellung von Datenpaketen transparent, öffentlich und ohne jegliche Abzüge an die Empfänger der verlangsamten Datenpakete ausgezahlt werden ? Weil sich sonst Ausdünnung des Netzes und Priorisierungs-Gebühren für die Schlecht-Ausbauer rentieren würden ? Wer mir 10 Euro gibt, den lasse ich in der Schlange normalerweise gerne vor.
    Aber Chefarzt ist für alle da und sollte m.E. täglich alle Patienten besuchen und nicht nur die Privatpatienten. Solche Vergleiche verstehen Rentner und Mütter vermutlich gut.

    Das man Fußballspiele und Live-TV am letzten Router an alle DSL-Abonnenten der Straße broadcastet sollte eigentlich auch normal sein. Finden solche Traffic-Spar-Techniken statt ? Deduplizierung ist ein gängiges Feature aktueller Dateisysteme und bei Cloud-Diensten.
    Spam verstopft Leitungen und Inboxen. Effektive Maßnahmen sehe ich selten. Höchstens wenn mal M$ (jemals Google?) Bot-Netze abstellen.

    Wer unterwegs Apps benutzt merkt schnell das die oft für Amerika geschrieben sind wo es überall freies WiFi gibt oder fürs Startup-Office wo man am Iphone6+ mit ac und LTE am Netz hängt und wo einem Traffic anscheinend egal sein kann.

    Wenn Taxi-Demos gegen Uber betont korrekt fahrend gleichzeitig mit allen Taxis die Straßen benutzen würden, würde das möglicherweise schnell abgestellt. Der unnötige und oft vermeidbare und teilweise (Spam) überflüssige Traffic auf den Datenleitungen ist hingegen möglicherweise den meisten ausser mir egal.

    Ich kann meine Ideen nicht realisieren weil die Rechtskosten zu teuer wären. Finanzierung bräuchte ich dafür keine. Wer Millionen-Finanzierungen hat, sollte sie besser für Löhne und Ausbau ausgeben als für Klagen, Holdingketten oder teure Büros in überbelegten Gebieten wo man eine halbe Stunde für ein paar Kilometer Fahrt braucht.

    Verbessernde Startups sollten auch in Afrika funktionieren. Dort ist GSM/EDGE wohl gängig. Schlanke Seiten sind gute Seiten. Denn darüber findet die Navigation und Suche z.B. nach Produkten statt. Das man sich nach dem Produktfoto ein Video ansieht ist ok. Aber Videos als Google/Amazon/Video-Suchergebnisse anstelle Produktfoto/Preis/Name finden die meisten wohl nicht so interessant. Keiner kritisiert wenn Google Mobile Seiten bevorzugt. Offensichtliche Traffic-Verschwendung hingegen ist vielen möglicherweise nicht so wichtig obwohl man es an der Inbox oft schnell erkennen sollte wenn man seine Emails nicht ausgedruckt vom oft frisch diplomierten Praktikanten auf den Mahagoni-Schreibtisch gelegt bekommt.
    Whatsapp klappt sicher auch in Afrika und Südamerika gut.

    Software sieht man nicht. Daher ist sie oft leider fehlerhafter als Autos, Fabriken, versalzenes Essen, Formel-1-Autos die zu langsam sind, usw.
    Das Traffic-Thema ist wohl so ähnlich. Würden sich Strom/Spannungs-Schwankungen oder der Wasserdruck so verhalten wie verfügbare Bandbreite am DSL-Router würde wohl was dagegen getan.

    Übrigens wurde letzte Woche oder so der offizielle Breitband-Begriff in USA von der Behörde auf 25 MegaBit / sek festgelegt. Die US-Provider sehen wohl 4 MBit / sek als genug an. In Europa gibts wohl viele Definitionen. Früher waren Unis mit 2*64 Kbit/sek angebunden. Es gibt Breitband-Definitionen die Bündel-ISDN also 2*64 KBit/sek als Breitband definieren. Wie schnell lernen Boni-Manager hinzu ? Ist jeder in Nähe eines EDGE/GSM-netzes also breitbandig angebunden wenn man manche Studien liest ? Wo UMTS existiert gilt m.W. nicht als unversorgtes (und wohl mit LTE) auszubauendes Gebiet. Jubelte die Presse nicht über die LTE-Vorgaben das bald überall ausreichend schnelles (auch bezahlbares ?) Internet verfügbar wäre... .

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