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Twitter verleugnet mit neuer API seine Wurzeln

Im August hatte bereits Änderungen an der angekündigt, jetzt hat das soziale Netzwerk die Änderungen konkretisiert und als Twitter API 1.1 der Öffentlichkeit präsentiert. Unter anderem wird die RSS-, XML- und Atom-Unterstützung beendet sowie Third-Party-Clients wie Tweetbot klare Begrenzungen auferlegt. Twitter geht seinen Weg der API-Beschneidung damit konsequent weiter – und riskiert langfristig seine Zukunftsfähigkeit.

Twitter verleugnet mit neuer API seine Wurzeln

Mit der Konkretisierung der API-Version 1.1 läutet Twitter im Grunde das Ende der Third-Party-Clients ein. Die Begrenzung von 100.000 User Token für neue Third-Party-Clients meint konkret, dass maximal 100.000 Twitter-Accounts damit genutzt werden können. Diese Einschränkung wird zur Folge haben, dass Entwickler die Motivation verlieren, neuen Clients zu entwickeln  – denn sie sind von Anfang an in ihrer Reichweite beschränkt. Und die Wahrscheinlichkeit ist sehr niedrig, dass Sie Teil des kürzlich angekündigten Twitter-Zertifizierungsprogramm werden. Weitere API-Beschränkungen wie die Beendung der RSS-, XML- und Atom-Unterstützung oder das Verbot, Tweets per API auch in anderen sozialen Netzwerken zu posten unterstreichen den restriktiven Kurs, den das Unternehmen in den vergangenen Monaten immer wieder hat durchblitzen lassen.

Twitter API 1.1: Der Weg zum Geld?

Twitter API 1.1: Der Anfang vom Ende des offenen Ökosystems bei Twitter? (Foto: The Next Web / flickr.com, Lizenz: CC-BY-SA)

Es ist offensichtlich, was bei Twitter vor sich geht. Das soziale Netzwerk bemüht sich verstärkt darum, das Twitter-Ökosystems zu kontrollieren – und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Der mittlerweile fünf Jahre alte Dienst will, nein muss Geld verdienen. Nun ist es nicht so, dass Twitter jedes Jahr rote Zahlen schreibt. Im Gegenteil: Der Mikro-Bloggingdienst verdient durchaus Geld. Das wird aber den Investoren sicher nicht genug sein. Bei 600 Millionen Nutzern (Stand Juni 2012) sind die wirtschaftlichen Erwartungen riesig. Die Dimensionen, um die es hier geht, dürften sicherlich zehnstellig sein.

Mit einem restriktiveren Umgang mit der API verspricht sich Twitter, deutlich mehr Kontrolle über die Darstellung und Nutzung von Tweets zu haben. Das ist deshalb wichtig, um in Zukunft viel fokussierter Werbung platzieren zu können. Denn was nutzt es Werbetreibenden, wenn sie beispielsweise einen Werbetweet buchen, der sich dann aber in Third-Party-Clients mit Filter-Technologien einfach ausblenden lässt?

Ob der eingeschlagene Weg von Twitter der richtige ist, um sich durch mehr Kontrolle nachhaltig aufzustellen – und sich so attraktiv für die Werbewirtschaft zu machen –  ist fragwürdig und wird im Netz zum Teil heftig diskutiert. Vor allem die Early Adopter, also die Leute, die neue Technologien besonders schnell adaptieren, äußern Bedenken und Unzufriedenheit über den eingeschlagenen Kurs. Zwar sind sie eine kleine Minderheit, aber oftmals wichtige Meinungsführer, die zum Teil eine riesige Reichweite haben. Und wenn diese Early Adopter und Meinungsführer sich von einer Plattform abwenden, dann findet das Gehör und kann langfristig horrende Auswirkungen für die entsprechende Plattform haben.

Offenes Ökosystem hat Twitter erst groß gemacht

Was nicht vergessen werden darf: Die User und Nutzer, die vielen Third-Party-Applikationen haben Twitter erst zu dem gemacht, was es heute ist. Funktionen wie Mentions und Retweets wirken heute absolut grundlegend für die Funktionalität, sind aber erst durch die frühen Twitter-Nutzer entstanden. Das Bedürfnis nach Vernetzung und mehr Interaktion dieser Early-Twitter-Adopter hat sie erfinderisch gemacht, Retweets beispielsweise wurden lange manuell durchgeführt. Erst später implementierte Twitter diese Funktion nativ in das System.

Vor diesem Hintergrund lässt sich zurecht die Frage stellen: Kann ein Dienst, der erst durch die Verschiedenartigkeit, ja geradezu den Wildwuchs von Dritt-Clients, den Erfindungsreichtum der Nutzer so groß werden konnte, jetzt ernsthaft auf das große Geschäft hoffen, in dem es seine Wurzeln immer radikaler negiert? Ich glaube nicht.

Denn durch die API-Beschneidungen verliert Twitter zunehmend an Attraktivität für externe Entwickler – und Interesse von Entwicklern ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg einer Plattform. Aber anscheinend verstehen die Twitter-Executives den Mikroblogging-Dienst immer weniger als Plattform mit den Nutzern im Mittelpunkt, sondern eher als Medienunternehmen, mit den Nutzern als Zuschauer und der Werbeindustrie als Basis.

Grundlegendes Bedürfnis: Mikroblogging von überall aus (Foto: stevegarfield / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

Twitter ist doof – wirklich?

Es lässt sich also vortrefflich auf Twitter schimpfen. Dass der Dienst mit der Abkehr von der offenen API-Kultur in die genau falsche Richtung marschiert, dass es nur um Geld geht, dass früher alles besser war und überhaupt. Aber man darf nicht vergessen: Twitter ist ein privatwirtschaftliches Unternehmen, und es liegt in der Natur der Sache, dass solche Unternehmen früher oder später eine Monetarisierungsstrategie brauchen. Die zentrale Frage ist also nicht, ob Twitter wirklich Geld verdienen muss, sondern eher die, wie Twitter Geld verdienen kann. Ist es nicht viel interessanter, eine Monetarisierungsstrategie auf Basis des mannigfaltigen Twitter-Ökosystems zu entwickeln? Eine Vielzahl interessanter Services sind in Verbindung mit Twitter möglich, erste Payment-Modelle entstehen, beispielsweise in Verbindung mit dem Microplayment-Dienst Flattr. Viele weitere spannende Dienste und Services wären mit einer offenen API-Kultur denkbar und möglich. Und ließen sich nicht an dieser Stelle andocken und beispielsweise für jede Transaktion, die über Twitter abläuft, ein kleiner Prozentsatz an den Mikroblogging-Dienst abzwacken? Wäre eine solche Monetarisierungsstrategie nicht viel nachhaltiger?

Wenn die Netzwelt eines bewiesen hat, dann doch, dass sie extrem schnelllebig ist und das kein marktbeherrschender Player seine Dominanz auf ewig gebucht hat. Twitter bedient mit seiner Mikro-Blogging-Infrastruktur ein so grundlegendes Bedürfnis der Netznutzer – warum dieses Kapital so leichtsinnig verspielen?

 

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2 Antworten
  1. von fancyPT am 07.09.2012 (21:31 Uhr)

    „Aber man darf nicht vergessen: Twitter ist ein privatwirtschaftliches Unternehmen“

    Diesen Satz kann ich nicht mehr hören. Er wird immer dann aus der Mottenkiste geholt, wenn ein Webdienst seine User verprellt. Dann solln se halt alle die Karten auf den Tisch legen und „Geld her oder wir machen dicht“ sagen und uns nicht vorspielen, wie wichtig ihnen der User und die user expirience ist und wie sehr man für freie Entwicklung des Netzes stehen möchte und für gesellschaftliche Verantwortung einstehen.

    Der User wird angefixt und dann abgezockt. So wiederholt sich das Spiel Jahr um Jahr, Dienst für Dienst. Als Softwareentwickler kann ich nur andere Programmierer dazu ermutigen - schreibt wieder Eure eigenen Dienste und nutzt sie privat. Wenn ihr Dienst an der Gesellschaft tun wollt, stellt sie unter eine freie Lizenz. Und auch wenn es immer heißt, nicht-kommerzielle Lizenzen sind eigentlich nicht frei, vielleicht sollte man diese NC-Lizenzen wieder mehr einsetzen, denn eine (Fremd-)kommerzialisierung eines Produkts scheint gegenwärtig immer wieder gegen den Baum zu laufen. Und wenn der User dann aufs falsche (kommerzielle) Pferd gesetzt hat, ist ihm ein Wechsel zum gleichwertigen freien Produkt vielleicht schon zu viel und die Idee ist verbrannt. Bis sich das nächste „Wunderkind“ dran versucht. Völlig neu und ganz von vorn.

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  2. von Wischgesten-patente am 08.09.2012 (15:07 Uhr)

    Lernt jura oder BWL anstelle etwas technischem. Oder wer hat in eurer Firma die bmws und rolexe ?

    @fancypt: deine fossdienste werden in diktaturen gerne abgemahnt oder bis zum verfassungsgericht verklagt.
    Mach mal eine liste von Diensten deren Übernahme vorteilhaft für Kunden oder Kleinaktionäre war:
    AOL Chrysler Icq dodgeball IMDB virustotal DMOZ DEC compaq Skype eBay twitterclients MySQL berkeleyDB Java Flash craigslist ...

    Wenn man es nicht verbieten oder verklagen kann, lässt man es aufkaufen und von Managern wie von Termiten behandeln

    FOSS hilft dir nur in Ländern wo man frei und ohne Patente programmieren darf. Mach mal eine liste...
    Ich habe viele Ideen aber spare mir die kosten für Juristen und regularien und warte wie lange Amerikaner brauchen bis sie selber (mangels crowdea-Portal) drauf kommen.

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