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Kolumne

Was Internetgeschwindigkeit und Jahreseinkommen gemeinsam haben

    Was Internetgeschwindigkeit und Jahreseinkommen gemeinsam haben

(Foto: Shutterstock)

Ultra-Breitbandanschlüsse mit Geschwindigkeiten von 1 Gigabit/s oder gar 10 Gigabit/s, wie Estland es plant, sind der Traum vieler Internetnutzer. Doch glücklicher wird man mit ihnen nicht, wie Martin Weigert in seiner Kolumne Weigerts World anmerkt. Entscheidender ist, ob der eigene Anschluss eine Optimalgeschwindigkeit zulässt.

Nokia und der Telekommunikationsanbieter Starman planen in Estland Europas erstes Zehn-Gigabit-Breitbandnetz für private Endnutzer. Gerade im Breitband-Entwicklungsland Deutschland dürfte solch eine Meldung vielen sehnsüchtig auf einen bezahlbaren Highspeed-Anschluss wartenden Internetkunden Tränen in die Augen treiben. Hierzulande lag die durchschnittliche Anschlussgeschwindigkeit im vierten Quartal 2015 bei 12,9 Mbit/s.

Ultra-Breitband eignet sich zum Prahlen

„Ich erreiche leider ‚nur‘ rund 380 Mbit/s im Downstream.“

Aus eigener Erfahrung kann ich allerdings konstatieren, dass sich blitzschnelle private Ultra-Breitbandanschlüsse im Jahr 2016 vor allem gut als Anekdote und fürs Standortmarketing eignen, für das eigene digitale Leben aber kaum Konsequenzen haben: Kürzlich entschloss ich mich, von meinem 250/10-Mbit-Anschluss auf einen mit „bis zu 500 Mbit/s im Downstream“ und 50 Mbit/s im Upstream zu wechseln. An meinem Wohnort in Stockholm sind derartige Breitbandpakete für umgerechnet rund 65 Euro pro Monat zu haben, also durchaus erschwinglich. Das schnellere Paket kostet mich etwa 15 Euro pro Monat mehr.

Unser Kolumnist Martin Weigert hat seine Internetleitung aufgestockt – so sieht jetzt ein Speedtest aus. Das wäre für viele Consumer in Deutschland ein Traum.
Unser Kolumnist Martin Weigert hat seine Internetleitung aufgestockt – so sieht jetzt ein Speedtest aus. Das wäre für viele Consumer in Deutschland ein Traum.

Natürlich ist man erst einmal voller Begeisterung, sobald man auf die Ergebnisse des Geschwindigkeitstests blickt (auch wenn ich leider „nur“ rund 380 Mbit/s im Downstream erreiche). Doch kurz danach stellt sich die Erkenntnis ein, dass eigentlich nur das eigene Ego profitiert. Denn für nahezu alle nur denkbaren Einsatzszenarien genügen 250 Mbit/s im Downstream locker. Im Prinzip auch 100 Mbit/s. Vielleicht wäre es anders, würde ich in einer Fünf-Zimmer-Wohnung mit drei oder vier weiteren Personen leben, die alle gleichzeitig HD-Filme streamen, Musik hören, Videotelefonate führen und Virtual-Reality-Spiele zocken. Aber für die große Mehrzahl der Privatkunden macht es 2016 keinerlei Unterschied, ob sie mit 250 Mbit/s oder 500 Mbit/s surfen.

Das Speed-Äquivalent zum 60.000-Euro-Jahreseinkommen

Von extrem hohen Internet-Geschwindigkeiten profitiert nur das Ego.“

Diese Einsicht brachte mich zu einer Analogie: Der Effekt der Internetgeschwindigkeit folgt ähnlichen Gesetzmäßigkeiten wie die Entwicklung des Jahreseinkommens. Studien zeigen, dass das individuelle Wohlbefinden bis zu einem bestimmten Jahreseinkommen wächst, danach aber weitgehend stagniert. Als Richtwert gelten 60.000 Euro. Während sich ein Einkommensanstieg von 15.000 auf 40.000 Euro pro Jahr massiv positiv auf Lebensqualität und Zufriedenheit auswirkt, hat eine in absoluten Zahlen erheblich signifikantere Erhöhung von 150.000 Euro auf 400.000 Euro im Jahr nicht den gleichen Effekt. Denn alle Grund- , Alltags und (gemäßigten) Luxusbedürfnisse sind in beiden Fällen abgedeckt.

(Foto: Shutterstock)
Die Erhöhung der Internetgeschwindigkeit lässt sich auch mit dem Jahreseinkommen vergleichen. (Foto: Shutterstock)

Diese Dynamik gilt ebenso für Internetgeschwindigkeiten: Ich erinnere mich noch, wie revolutionär für mich der Umstieg von ISDN auf ADSL mit 1 Mbit/128 kbit (Upstream) im Jahr 2000 war. Es eröffnete sich eine ganz neue Welt. Heutzutage gilt dies für sämtliche Geschwindigkeitserhöhungen bis, sagen wir, 100 Mbit/s. 100 Mbit/s sind meiner Ansicht nach aktuell für die Mehrzahl der Kunden das Äquivalent zum Jahreseinkommen von 60.000 Euro; eine Optimalgeschwindigkeit. Wer mehr hat, kann zwar bei Freunden und Kollegen prahlen und eventuell noch schneller einen Torrent herunterladen, erlebt sonst aber bei der Onlinenutzung kaum Vorteile. Man könnte hier auch von einem umgedrehten 80:20-Prinzip sprechen: Mit 20 Prozent der aktuell (in manchen Märkten) technisch möglichen Maximalgeschwindigkeit lassen sich 80 Prozent aller existierenden Einsatzfelder abbilden. Vielleicht muss man sogar von 10:90 sprechen.

Geschwindigkeitsinflation im zweistelligen Prozentbereich

An einem Punkt ist mit der Analogie aber Schluss: Die Geschwindigkeitsentwertung schreitet viel schneller voran als die Geldentwertung. Sofern 1 Mbit/s down und 128 kbit/s fürs Hochladen im Jahr 2000 das waren, was heute 50Mbit/s (down) und 10 oder 20 Mbit/s (up) sind, haben wir es mit einer jährlichen Inflationsrate im hohen zweistelligen Bereich zu tun. Deshalb ist es richtig, wenn ambitionierte Breitbandziele gesetzt werden. 1 Gigabit/s oder gar 10 Gigabit/s werden auch in zehn Jahren noch ausreichen, um die meisten wesentlichen digitalen Bedürfnisse zu befriedigen, und sich auch positiv auf Innovationsfähigkeit und Investitionsbereitschaft auswirken. Bei 50 Mbit/s – was dem vorläufigen Ziel der Bundesregierung entspricht – sieht es schon anders aus.

Trotzdem gilt es, eines zu bedenken: Für die Attraktivität eines Wirtschaftsstandorts ist nicht allein dass Vorhandensein von Ultra-Breitband in einzelnen Regionen ausschlaggebend, sondern auch und vor allem, wie groß der Bevölkerungsanteil ist, der mit einer Optimalgeschwindigkeit ins Netz gehen kann, mit der sich 80 oder 90 Prozent sämtlicher technisch möglicher digitaler Aktivitäten realisieren lassen.

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2 Reaktionen
Andreas Von Gunten

Es gibt immer mehr Anwendungen und Geräte, die ans Netz angeschlossen sind. Zukünftige Soziale VR-Anwendungen werden u.U. sehr viel Bandbreiten benötigen und zwar symmetrisch. Es mag richtig sein, dass für viele derzeit 100Mbit/s downstream reichen, aber das wird nicht lange so bleiben. Es ist darum von grösster Wichtigkeit, dass wir jedes Gebäude in Europa direkt an das Glasfasernetz anschliessen (FTTH) und auf keinen Fall mit dem Argument, dass 100 Mbyte/s je für die meisten genügen, den Telkos die Möglichkeit geben den politischen Entscheidungsträgern ihre Kupferdraht-Technologien unterzujubeln.

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Can
Can

Bin mich sicher, dass wenn die Möglichkeiten bestehen das Netz noch exzessiver zu nutzen, dann auch der Bedarf noch weiter wächst bzw. bei mehr Endkunden auftritt. Wir kämpfen eigentlich jede Woche mit einer langsamen VPN Verbindung zu einem großen Unternehmen o.ä. Auch ändert sich denke ich nach und nach die Nutzung wenn man nicht mehr so Sparsam mit den Down- und Upstream umgehen muss. Von daher, her damit.

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