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Machen uns Smartphones zu schlechteren Menschen?

Machen uns Smartphones zu schlechteren Menschen?

Die Art, wie wir Technologie benutzen, verändert unser Leben – zum Teil zum Guten, zum Teil zum Schlechten. Und: Sie verändert auch uns. Doch werden wir durch wirklich zu schlechteren Menschen? Eine Analyse von Christine Rosen.

Machen uns Smartphones zu schlechteren Menschen?
Smartphones sind überall. (Foto: Tuniz21 / flickr.com, Lizenz: CC-BY )

„Diese Leute sind sehr nah an ihm dran, und keiner sieht etwas“

Ende September erschoss ein Mann in einem vollen Pendlerzug in San Francisco den 20-jährigen Studenten Justin Valdez. Die Sicherheitskameras zeichneten auf, dass der Schütze vorher seine Pistole herumschwenkte und sie einmal sogar über den Gang richtete. Jedoch bemerkte niemand etwas, da alle Passagiere so in ihre Smartphones und Tablets vertieft waren.

„Das waren keine versteckten Bewegungen, die Waffe ist klar zu sehen“, sagte Bezirksstaatsanwalt George Gascon später der Nachrichtenagentur AP. „Diese Leute sind sehr nah an ihm dran, und keiner sieht etwas. Sie sind so vertieft, dass sie ihre Umgebung überhaupt nicht mehr bemerken.“

Die Art, wie wir Technologie benutzen, hat nicht nur unsere Wahrnehmung öffentlicher Räume, sondern auch unser Pflichtbewusstsein beeinflusst. (Foto: Ed Yourdon / flickr.com, Lizenz: CC-BY-SA)

Als kürzlich mitten am Tag in Philadelphia ein blinder Mann auf der Straße angegriffen wurde, zeigten Aufnahmen von Sicherheitskameras später, dass mehrere Passanten den Angriff ignorierten und nie den Notruf wählten. Der Polizeichef von Philadelphia Charles Ramsay sagte einem Lokalradiosender, dass dieser Mangel an Reaktionen „immer häufiger“ vorkomme. Außerdem sei es wahrscheinlicher, dass Menschen mit ihrem Handy einen Angriff aufzeichnen, als dass sie damit die Polizei rufen.

Tatsächlich gibt es bei Youtube hunderte solcher Videos: Gewaltausbrüche auf dem Bürgersteig, in Einkaufszentren und in Restaurants. Bei vielen dieser Handgreiflichkeiten sind im Hintergrund Menschenmassen zu sehen, die das Spektakel filmen.

Heute sind wir alle Weegee

Die Art, wie wir Technologie benutzen, hat nicht nur unsere Wahrnehmung öffentlicher Räume, sondern auch unser Pflichtbewusstsein gegenüber anderen verändert. Wenn wir mit den leuchtenden Bildschirmen beschäftigt sind, bemerken wir oft tatsächlich nicht, was sonst noch passiert. Das Problem wird dadurch verstärkt, dass es so einfach ist, Bilder aufzunehmen und zu verschicken. Wer einen Vorfall bemerkt, ist dadurch versucht, solche Notfälle zu dokumentieren, anstatt zu helfen.

Die Faszination mit Bildern von Gewalt ist nichts Neues, wie jeder weiß, der die Bilder des US-Fotografen Weegee vom Anfang des 20. Jahrhunderts kennt, auf denen blutige Tatorte zu sehen sind. Doch die Verbreitung von Smartphones mit Kameras hat die Grenzen des akzeptablen Verhaltens in solchen Situationen versetzt. Heute sind wir alle Weegee.

Doch wenn jeder damit beschäftigt ist, eine Notsituation zu filmen, wer ist dann dafür verantwortlich, einzugreifen? Im Dezember 2012 wurde ein Mann in New York auf die U-Bahngleise gestoßen. Er versuchte vergebens, sich wieder auf den Bahnsteig zu hieven. In seinen letzten Lebenssekunden drehte er sich um und sah den Zug, wie er auf ihn zuschoss. Das wissen wir heute, weil ein Fotograf, der zufällig auf dem Bahnsteig stand, ein Bild von diesem schrecklichen Vorfall schoss und es später an die New York Post verkaufte. Die Zeitung druckte das Bild am nächsten Tag auf der Titelseite ab.

Auch die New York Times fragte später, ob dieses Foto hätte veröffentlicht werden dürfen. (Screenshot: New York Times via Newseum)
Auch die New York Times fragte später, ob dieses Foto hätte veröffentlicht werden dürfen. (Screenshot: New York Times via Newseum)

Das sorgte für Empörung darüber, dass aus dem Tod eines Mannes Profit geschlagen wurde. Der Fotograf merkte an, dass andere Menschen auf dem Bahnsteig, die näher an dem Mann waren, keinen Versuch gemacht hätten, ihn zu retten. Viele hätten schnell ihre Telefone gezückt, um Fotos von dem Opfer zu machen.

Werden wir zu einer Gesellschaft von grausamen Voyeuren?

Der Mord an Kitty Genovese, die 1964 auf einem Bürgersteig in New York erstochen wurde, wurde damals zum Symbol für den tatenlosen Zuschauer. Viele Menschen hörten ihre Schreie, doch niemand ging nach draußen, um ihr zu helfen. Der Vorfall führte zu mehreren sozialwissenschaftlichen Studien darüber, warum wir nicht immer unseren Mitmenschen beistehen.

In einer Studie aus dem Jahr 1968 testeten die Soziologen John Darley und Bibb Latané die Bereitschaft von Einzelpersonen, in verschiedenen Notsituationen einzugreifen (eine „Dame in Nöten“, ein Raum voller Rauch). Sie fanden heraus, dass das Pflichtbewusstsein des Einzelnen schrumpfte, je mehr Menschen anwesend waren. War eine Person alleine, war die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie half.

In späteren Experimenten, die von Irving Piliavin durchgeführt wurden, war die Wahrscheinlichkeit weit höher, dass Menschen einem Schauspieler halfen, der in der U-Bahn krank zu sein schien und sie um Hilfe bat. Der Psychologe Elliot Aronson schrieb in einem Buch „The Social Animal“: „Menschen, die im selben U-Bahn-Wagen fahren, haben das Gefühl, dass sie ein gemeinsames Schicksal teilen, und sie waren mit der Situation des Opfers direkt konfrontiert. Es gab keine direkte Fluchtmöglichkeit.“Das Problem mit vielen unserer neuen Geräte ist, dass sie uns davon abhalten, mit diesen Situationen und unseren Verpflichtungen konfrontiert zu werden. Das zeigt auch der Vorfall in San Francisco. Die meisten Verpflichtungen, zum Beispiel auf andere zu achten und zuvorkommend zu sein, sind keine große Last. Doch hin und wieder wird von uns erwartet, dass wir anderen helfen, die bedroht werden oder deren Leben in Gefahr ist. In solchen Momenten sollten wir nicht darüber nachdenken, wie viele Klicks das Youtube-Video von diesem Vorfall einsammeln könnte – wir sollten vielmehr eingreifen. Jede andere Entscheidung kann dazu führen, dass wir nicht nur eine Gesellschaft von teilnahmslosen Zuschauern, sondern sogar von grausamen Voyeuren werden.

Christine Rosen ist Future-Tense-Fellow bei der New-America-Foundation und Redakteurin bei „The New Atlantis: A Journal of Technology & Society“.

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Von Christine Rosen

Ursprünglich publiziert bei wsj.de.

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2 Antworten
  1. von JuicyJK am 04.11.2013 (18:33 Uhr)

    Homo homini lupus

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  2. von Christian am 05.11.2013 (08:14 Uhr)

    Traurig aber wahr. Sehe jeden Morgen genügend Leute in der Bahn die von ihrer Umwelt nichts mehr mitkriegen. Da wird lieber pausenlos aufs Smartphone gestarrt. Passen dazu: http://www.averagemarrieddad.com/wp-content/uploads/2013/05/zombies-on-smartphones-536x447.jpeg

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