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Wieso Vietnam Asiens Silicon Valley werden könnte: Zu Besuch in Ho-Chi-Minh-City

Wieso Vietnam Asiens Silicon Valley werden könnte: Zu Besuch in Ho-Chi-Minh-City

Wenn es um Technologie-Hubs in Südostasien geht, denken die meisten zuerst an Singapur. Der Name Vietnam kommt dagegen nur wenigen in den Sinn. Das könnte sich aber bald ändern. Die Digitalwirtschaft des Landes befinden sich zwar noch in ihren Kinderschuhen, doch die Zeichen stehen auf Aufbruch und die Voraussetzungen für eine Region ähnlich dem sind gut. Unser Kolumnist Martin Weigert war eine Woche in Ho-Chi-Minh-Stadt und hat sich für „Weigerts World“ mit Schlüsselpersonen und Kennern der Szene getroffen.

Wieso Vietnam Asiens Silicon Valley werden könnte: Zu Besuch in Ho-Chi-Minh-City

Ho-Chi-Minh-City. (Foto: View Apart / Shutterstock.com)

Als zu Beginn des Jahres 2014 das Smartphone-Spiel Flappy Bird unerwartet zu globalem Kultstatus aufstieg, war das das erste Mal, dass eine digitale Kreation aus Vietnam zu internationalem Ruhm gelangte. Im Gegensatz zu einigen anderen asiatischen Nationen galt die Volksrepublik bis dahin nicht gerade als Hightech-Zentrum. Auch der Erfolg von Flappy Bird, einem Ein-Personen-Projekt des damals 28-jährigen Entwicklers Dong Nguyen, stellte für das Land mit der bewegten Geschichte nicht mehr als ein symbolisches Ereignis dar. Aber vielleicht war es auch ein Weckruf? Das war eine der Fragen, mit der ich jüngst für eine Woche nach Ho-Chi-Minh-Stadt gefahren bin, die größte Metropole und das kommerziellen Zentrum des Landes.

93,4 Millionen Menschen leben in Vietnam. In Europa wäre es das bevölkerungsreichste Land. Das allein genügt schon als Indikator für großes Wachstumspotenzial auch im Digitalbereich. Zudem boomt die Wirtschaft. Die jährlichen Zuwächse beim Bruttoinlandsprodukt liegen verlässlich bei fünf, sechs und mehr Prozent. Entsprechend optimistisch blickt die Bevölkerung in die Zukunft – speziell im Vergleich zu den meisten Nachbarländern.

Vietnam: Großer Generation-Gap

Ho-Chi-Minh-City – das neue Silicon Valley Asiens? (Foto: Shutterstock)
Ho-Chi-Minh-City – das neue Silicon Valley Asiens? (Foto: Shutterstock)

Doch mal vom One-Hit-Wonder Flappy Bird abgesehen, hat sich Vietnams Technologie-Industrie international bislang maximal als vielversprechender Offshoring-Standort und kostengünstiger Produktionsort hervorgetan. In meinen Gesprächen mit lokalen Entrepreneuren wurde schnell klar, wieso: Trotz zahlreicher positiver Vorzeichen befindet sich die Digitalwirtschaft des Landes noch in einem extrem frühen Stadium. Während junge Vietnamesen das Internet wie selbstverständlich in ihren Alltag integriert haben und sich ein Leben ohne Smartphone (und den ebenso überlebenswichtigen Motorroller) nicht vorstellen können, ist die ältere Bevölkerung noch weitgehend analog unterwegs und begnügt sich zumeist mit simplen „Feature Phones“, also einfachen Handys.

„Es gibt einen erheblichen Generation-Gap in Vietnam“, konstatiert der Jungunternehmer Mike Tran mit Blick auf die großen Unterschiede zwischen Jugendlichen und dem Rest der Bevölkerung in Sachen Technologie-Affinität. Tran ist Gründer und CEO von Ticketbox, einer Event- und Ticketplattform – nicht unähnlich Eventbrite oder Xing Events (ehemals Amiando).

Es fehlen noch Gründer, die Fehler gemacht haben

Die große Lücke zwischen Netzaffinen und Analogen sei jedoch nicht die größte Herausforderung, mit der Entrepreneure in Vietnam konfrontiert werden. Was Tran im Gespräch mehrmals hervorhebt, ist das Problem des Mangels an erfahrenen Startup-Leuten. Zwar gebe es viele gute Programmierer und IT-Spezialisten. Wenn es aber darum gehe, ein Produkt konkurrenzfähig zu machen, zu vermarkten, zu skalieren und zu expandieren, habe das junge Ökosystem Vietnams noch sehr wenig Know-how zu bieten.

Mike Tran, Gründer und CEO von Ticketbox.vn
Mike Tran, Gründer und CEO von Ticketbox.vn.

Was das ganz praktisch bedeutet, erläutert Tran an einem Beispiel seines Unternehmens: Gerade ist er dabei, mit Ticketbox den ersten ausländischen Markt zu erschließen: Die Plattform soll demnächst in Thailand starten. Doch wie man das rein praktisch, juristisch und organisatorisch umsetzt, musste sich Tran alles selbst anlesen. In reifen Märkten finden Entrepreneure meist in ihren lokalen Netzwerken oder unter ihren Business Angels Personen, die das notwendige Know-how kurz und kompakt vermitteln und hilfreiche Kontakte herstellen können. In Vietnam dagegen fehlt dieses Wissen häufig, was schnelles Agieren und das Vermeiden von Fettnäpfchen schwer macht. Zumindest, wenn man nicht wie Rocket Internet, das in Vietnam mit seinem Amazon-Klon Lazada präsent ist, von der geballten Kompetenz einer globalen Startup-Fabrik profitieren kann.

Dass es an Produkt- und Marketing-Experten sowie an routinierten Seriengründern fehlt, die jeden denkbaren Fehler schon mal gemacht haben, bestätigt auch Andy Bui, Mitgründer des Entwickler-Studios und Startup-Hubs Silicon Straits Saigon. Als Tochter des in Singapur beheimateten panasiatischen Frühphasen-Finanzierers und Accelerators Silicon Straits fokussiert sich die vietnamesische Niederlassung deshalb auch vor allem auf Auftrags-Softwareprojekte. Die Kunden sind größtenteils Startups und Technologiefirmen aus anderen Ländern Asiens.

Foto: Silicon Straits Saigon
Foto: Silicon Straits Saigon

Silicon Straits Saigon nutzt die Tatsache, dass es in Vietnam viele junge, motivierte Programmierer gibt, die vergleichsweise wenig kosten. Das Ambiente in den hellen Büroräumen von Silicon Straits ist startuptypisch locker und kreativitätsfördernd – etwas, was sich nach Aussage von Bui wunderbar als Recruiting-Werkzeug eignet. Sonst gehe es in der Arbeitswelt des Landes noch konservativ zu.

Bui glaubt, dass Vietnams Tech-Branche noch einige Jahre braucht, um an einen Punkt zu gelangen, an dem sie im größeren Stil Player hervorbringt, die sich auch außerhalb des Landes behaupten können. „In zwei bis drei Jahren wird ein großer, in Südostasien dominierender Player aus Vietnam kommen“, sagt er. Ticketbox besitze seiner Ansicht nach keine schlechten Karten, diese Rolle einzunehmen. Gleiches gelte für Foody, eine Bewertungsplattform für Speisen.

„Vietnam wird zum Silicon Valley Asiens aufsteigen“

Interessanterweise ist es ein aus dem Ausland nach Ho-Chi-Minh-Stadt gesiedelter Gründer, der die größte Euphorie über das Potenzial des Landes als Technologie-Standort äußerst: „Vietnam wird zum Silicon Valley Asiens aufsteigen“, so die Prophezeiung von Aaron Schuftan. Der promovierte Gynäkologe gründete vor acht Jahren im Silicon Valley mit einem Mitstreiter ein Startup, das seitdem die Schwangerschafts-App Pregnancy Companion betreibt. Derzeit residiert Schuftan in Vietnam, um von dort aus die Asien-Expansion des Unternehmens voranzutreiben. Nebenbei arbeitet er in einer Klinik in Ho-Chi-Minh-City als Frauenarzt.

Aron Schuftan, Startup-Gründer und Gynäkologie.
Aron Schuftan, Startup-Gründer und Gynäkologie.

Laut eigener Aussage ist er nahezu der einzige aus dem Ausland stammende Gynäkologe in Ho-Chi-Minh-City, was ihn nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Sprachbarriere zur ersten Adresse vieler Expat-Patientinnen macht. Gerade die mangelnden Englischkenntnisse der Vietnamesen sieht Schuftan als Hindernis für den Tech-Sektor an. Wie ich während meines Aufenthalts in Ho-Chi-Minh-Stadt feststellen konnte, sind die meisten jungen Vietnamesen zwar äußerst neugierig, was die englische Sprache angeht, und auch nicht scheu, ihre Kenntnisse in der Praxis zu testen. Gemäß Schuftan hapert es aber bei den meisten, sobald mehr als ein paar Standardphrasen notwendig sind. Das erweise sich insbesondere dann als Problem, wenn ausländische Technologiefirmen oder VCs sich auf die Suche nach Partnern in Vietnam machen. Diese seien essentiell, um sich in dem Land unternehmerisch niederzulassen. Wenn man sich dann nicht gut verständigen kann, ist das offensichtlich ein Problem. Dass es an einer für das Startup-Ökosystem konstruktiven Regulierung in dem sozialistischen Ein-Parteien-Staat noch mangelt, sind sich übrigens alle einig, mit denen ich gesprochen habe.

Silicon Valley? Investoren warten auf ihre Chance

Trotzdem gibt sich der 40-Jährige, der mich in einer ruhigen Minute stilecht in seiner Praxis empfängt, in Bezug auf die Eignung des Standorts Vietnam als Technologie-Cluster sehr zuversichtlich. Die günstigen Arbeitskosten allein seien ein großer Vorteil im regionalen Vergleich. Zudem sorge der relative Entwicklungsrückstand in Vietnam in Bezug auf die Internetwirtschaft dafür, dass es in den nächsten Jahren mehr aufzuholen gebe, woraus attraktive Investmentmöglichkeiten resultierten.

„Große asiatische VCs warten nur darauf, Geld in ein vietnamesisches Startup pumpen zu können.“

Derzeit machen viele Investoren noch einen Bogen um Vietnam. „Aber große asiatische VCs warten eigentlich nur darauf, endlich Geld in ein vietnamesisches Startup pumpen zu können“, erklärt Andy Bui von Silicon Straits.

Mein kurzer Trip hat sich nur auf Ho-Chi-Minh-Stadt beschränkt, damit bin ich auch nur mit einem sehr kleinen Teil des Startup-Ökosystems Vietnams in Kontakt gekommen. Ähnlich wie in Deutschland besitzt das südostasiatische Land mehre Hubs mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Neben Ho-Chi-Minh-Stadt spielen die Hauptstadt Hanoi sowie Da Nang, eine Stadt ungefähr so groß wie Köln, eine Rolle für den Startup-Sektor. Laut Bobby Liu, einem in Hanoi beheimateten Branchenkenner, Connector und Startup-Evangelisten, ist die Hauptstadt besonders geeignet für den Zugang zu ehrgeizigen, hungrigen jungen Talenten, während Ho-Chi-Minh-City als neuralgischer Punkt der vietnamesischen Wirtschaft die besten Möglichkeiten für den Marktzugang bietet. Eine Konkurrenzsituation oder die Notwendigkeit, sich auf eine Startup-Metropole zu „einigen“, sehe er nicht.

Liu war mein Türöffner zur Tech-Szene Vietnams. Nachdem ich ihn per Facebook um ein paar Intros gebeten hatte, bombardierte er mich regelrecht mit spannenden Kontaktvorschlägen, aus denen dann oben geschilderte Gespräche entstanden sind. Regulierung und Bürokratie mögen Ausländern auf der Suche nach Business-Möglichkeiten in Vietnam noch Steine in den Weg legen – die Startup-Community aber empfängt einen mit offenen Armen. Irgendwann wird sich das auszahlen.

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6 Antworten
  1. von Wöchentliche Doku am 08.10.2015 (12:01 Uhr)

    Der Fachkräftemangel ist also vorbei. Programmierer gibts wie Sand am Meer. Gesucht werden BWLer und Juristen...

    Das ist wohl der erste Bericht über eine Region/ein Land und der weltweit womöglich erste Bericht aller Zeiten wo drin steht "Zwar gebe es viele gute Programmierer und IT-Spezialisten.".

    Wieso sind die Samwers eigentlich nicht dort und nutzen die billigen IT-Fachkräfte ?

    Ob man in Vietnam Geschäfts machen sollte oder kann, erkennt man schnell an den wöchentlichen Auswanderer-Dokus.

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    • von Martin Weigert am 08.10.2015 (12:07 Uhr)

      "Wieso sind die Samwers eigentlich nicht dort und nutzen die billigen IT-Fachkräfte ?"

      Sind sie ja, mit Lazada, wie im Artikel auch steht. Die Glassdoor-Bewertungen sind übrigens interessant.
      http://www.glassdoor.com/Reviews/Lazada-Ho-Chi-Minh-City-Reviews-EI_IE578726.0,6_IL.7,23_IM1746.htm

      "not enough beer on Fridays in the refrigerator..."

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      • von Jonas Eichhorst am 09.10.2015 (13:06 Uhr)

        Der Stil der Samwer's und VN sind nicht unbedingt voellig kompatibel. Zwar zahlen sie deutlich deutlich hoeher aber Mitarbeiterloyalitaet ist begrenzt (speziell bei Entwicklern) da in VN auch andere Werte ausser hohen Gehaeltern viel zaehlen. Vietnam ist ein Land, welches zwar einerseits extrem dynamisch ist, andererseits aber einen sehr langen Atem erfordert. Atlassian ist gerade dabei eins ihrer Entwicklungszentren zu schliessen. Wir (Silicon Straits) aber sind sehr zufrieden mit der Arbeit unseres Teams in Saigon - mit dem richtigen Setup kann man in Vietnam zu ueberschaubaren Kosten sehr gute Produkte entwickeln. Ohne langfristiger Perspektive, Geduld und starker lokaler Verankerung geht es aber nicht!

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  2. von Christian am 09.10.2015 (07:20 Uhr)

    Ach deshalb warst Du letztens in Singapur? :)

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  3. von Olaf am 09.10.2015 (17:26 Uhr)

    http://english.vietnamnet.vn/fms/science-it/142806/tax-incentives-could-keep-it-firms-from-leaving-vn.html

    ... viele erfolgreiche vietnamesische Startups ziehen nach Hong Kong oder Singapore, um der Überregulierung zu entfliehen.

    Auch sind Banküberweisungen ins Ausland erst nach Antrag, mit zahlreichen Nachweisen und Bewilligung möglich. (so kann es passieren, dass ...)

    Viele Grüße aus Vietnam

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