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Viral auch im Ausland: Campus-App Jodel schreibt deutsche Startup-Geschichte

Viral auch im Ausland: Campus-App Jodel schreibt deutsche Startup-Geschichte

Jodel, eine Berliner App zur anonymisierten Kommunikation mit Menschen in der unmittelbaren Umgebung, avanciert gerade zum Viral-Hit unter Studenten in Europa. Martin Weigert ist überrascht. Warum, erklärt er in seiner Kolumne „Weigerts World”.

Viral auch im Ausland: Campus-App Jodel schreibt deutsche Startup-Geschichte

(Grafik: Jodel)

„Manchmal sind es die simpel wirkenden Lösungen, die am besten funktionieren.“

Seit dem Jahr 2007 schreibe ich über das Treiben in der deutschen Internetbranche. Ein (leider) wiederkehrendes Thema war in all der Zeit die Unfähigkeit hiesiger , Dienste zu schaffen, die auch außerhalb des DACH-Raums auf Anklang stoßen. Speziell gilt das für den immer mit viel Aufmerksamkeit bedachten und dynamischen Bereich der „Social Apps” – Anwendungen, bei denen die Interaktion der User untereinander im Zentrum steht.

Ich muss gestehen: Ich hatte die Hoffnung, dass sich an dieser Situation noch etwas ändert, schon aufgegeben. Doch jetzt bewegt sich was: Einer Social App aus Berlin namens Jodel ist es gelungen, junge Menschen und vor allem Studenten in ganz Deutschland und in einer Reihe von anderen europäischen Ländern für sich zu begeistern.

Schnelles Nutzerwachstum bei junger Zielgruppe von Jodel

Bei Jodel handelt es sich um ein standortbasiertes und anonymisiertes Messaging-Board fürs Smartphone, das Nutzer in der unmittelbaren Umgebung miteinander in Kontakt bringt. Das klingt trivial, stößt aber auf große Resonanz. Manchmal sind es ohnehin die simpel wirkenden Lösungen, die am besten funktionieren. In einem Gründerszene-Artikel erklärte Jodel-Macher Alessio Avellan Borgmeyer im August, dass die Nutzerzahl innerhalb von vier Monaten von 100.000 auf mehr als eine halbe Million gestiegen sei. Wachstum erleben die Hauptstädter nicht nur in Deutschland, sondern laut Borgmeyer auch anderswo in Europa, zum Beispiel in Spanien und Schweden.

App-Store-Rankings von Jodel vom 11. October, Quelle AppAnnie.com
App-Store-Rankings von Jodel vom 11. October. (Quelle: AppAnnie.com)

In den App-Store-Charts ist Schweden das führende Land. Dort gab es gerade einen bedenklichen Vorfall: Aufgrund einer bei Jodel publizierten Drohung blieb die zweitgrößte schwedische Universität in Lund am Montag geschlossen. Angesichts der großen Verbreitung der App und verstärkt durch die gefühlte (aber freilich nur scheinbare) Anonymität der User wird sich Jodel darauf einstellen müssen, vermehrt Gegenstand von Kontroversen zu werden. Ähnliche anonyme Gossip-Apps wie Secret (mittlerweile Geschichte), Whisper oder Yik Yak haben all das schon durchgemacht. Die Parallelen zu Yik Yak, das ein Jahr vor Jodel in den USA entstand, sind übrigens deutlich. Was Jodel meines Erachtens nach aber zu mehr als einem Klon macht: Es sieht viel besser aus und fühlt sich besser an als der US-Konkurrent.

Wer mehr über die Entstehungsgeschichte von Jodel erfahren will, sollte sich dieses Interview mit dem CEO sowie den erwähnten Gründerszene-Beitrag zu Gemüte führen. Letztgenannter geht auch auf den illustren Investorenkreis ein. Selbst die Samwers sind mit dabei. Und Business-Angel Christophe Maire, der seit Jahren unermüdlich Geld in Social aus Berlin pumpt. Auch wenn Jodel noch keine Erlösquelle hat: Dieses Mal könnte Maire auf das richtige Pferd gesetzt haben.

Jodel: Ein großer internationaler Erfolg ist möglich

Auf Dauer dürfte Jodel mehr werden als nur der anonyme Campus-Talk, den die Macher versprechen. (Screenshot: jodel-app.com)
Auf Dauer dürfte Jodel mehr werden als nur der anonyme Campus-Talk, den die Macher versprechen. (Screenshot: jodel-app.com)

„Früher oder später wird sich das Startup gezwungen sehen, zusätzliche Schutz-Mechanismen einzubauen.“

Angesichts des Vorfalls in Schweden und der offensichtlichen „Eignung” der Anwendung für Mobbing und Diskriminierung dürfte Jodel schnell eine Medienkarriere als umstrittene Problem-App machen. Früher oder später wird sich das Startup aus Berlin gezwungen sehen, zusätzliche Schutzmechanismen einzubauen, um destruktiven Nutzern den Spaß zu verderben.

Vorausgesetzt, dass derartige Maßnahmen nicht den Reiz für alle Anwender zerstören, und dass sich die Faszination der regelmäßigen Jodel-User nicht zu schnell abnutzt, rückt für Jodel ein weltweiter Durchbruch in greifbare Nähe. Zumal die Anwendung keineswegs nur für Studenten in Frage kommt. Schon jetzt hat die App aufgrund der erreichten internationalen Viralität deutsche Startup-Geschichte geschrieben – und bei mir die Hoffnung wieder geweckt, dass Deutschlands Webszene doch mal einen globalen App-Hit hervorbringt.

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