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Kolumne

Viraler Text über gläserne Facebook-Nutzer: Warum Bewusstsein der einzige Schutz ist

    Viraler Text über gläserne Facebook-Nutzer: Warum Bewusstsein der einzige Schutz ist

(Screenshot: t3n)

Der Artikel über die Big-Data-Analysen für Politmarketing bei Facebook polarisiert gerade das Netz. In Weigerts World lest ihr, wieso er trotz Schwächen einer der wichtigsten Texte des Jahres ist.

Den äußerst viralen Artikel über die psychometrische Kategorisierung von Menschen auf Basis von Big-Data-Analysen und deren Verwendung durch die für die Brexit- und Trump-Kampagne angeheuerte Firma Cambridge Analytica hat vermutlich jede(r) gelesen. Der in der renommierten Schweizer Zeitungs-Wochenbeilage „Das Magazin“ veröffentlichte Text polarisiert wie schon lange keiner mehr im deutschsprachigen Internet, was auch zahlreiche skeptische Reaktionen in Blogs verdeutlichen.

Während sich in den vergangenen Tagen diverse Kritiker in Blogposts an den handwerklichen Schwächen des Artikels, an vielleicht fragwürdigen Korrelations-Kausalitäts-Behauptungen sowie an womöglich überzogenen Schlüssen zur Effektivität der beschriebenen Methode abarbeiteten, entstand bei mir der Eindruck, dass es sich um einen der wichtigsten Texte des Jahres handelt.

Lieber ein False Positive als ein False Negative

„Lieber einmal zuviel Sorge gehabt, als einmal zu wenig.“

Natürlich sollte man nicht einfach alles blind glauben, was die zwei Autoren Mikael Krogerus und Hannes Grassegger schildern sowie was die portraitierte Firma Cambridge Analytica über die Wirkung ihres Politmarketings auf Microtargeting-Basis behauptet. Das ist die mentale Standardeinstellung, die meiner Ansicht nach grundsätzlich geboten ist. Zweifel zu haben und zu hinterfragen heißt aber nicht, gleich das ganze Stück in die Tonne treten zu müssen. Erst recht nicht, wenn so viel auf dem Spiel steht wie heute, bei diesem heiklen Thema. Nach den unschönen politischen Entwicklungen der letzten Zeit ist man meines Erachtens nicht gut damit beraten, Bedenken über die Folgen des Einsatzes digitaler Technologien für die Meinungsbildung und -steuerung leichtfertig abzutun. Das ist ein angelernter Gegenreflex von Netz-Evangelisten in Folge jahrelanger Konfrontation mit internetfeindlichen und kulturpessimistischen Feuilleton-Texten. Dieser Reflex kann jedoch auch im Weg sein.

Es ist sonst nicht meine Art, aber in diesem Fall, in dem es um so viel mehr geht als um die reputationsorientierte Selbstprofilierung als unbeirrbarer Digital-Optimist, sage ich mir: Lieber einmal zuviel Sorge gehabt, als einmal zu wenig. Ungefähr so wie beim Umgang mit dem Klimawandel. Lieber ein False Positive als ein False Negative.

Sensibilisierung für Manipulierbarkeit

Dem Text der zwei Schweizer Autoren gelingt es, für ein Thema zu sensibilisieren, das außerhalb der Medien- und Marketingwelt bislang wenig Beachtung findet: Dass sich Individuen heutzutage dank Targetingtechnologien und umfangreicher Datenbestände immer granularer mit Werbeaussagen ansprechen lassen. Die Zielgruppe ist passé, stattdessen erhält bald jeder und jede seine eigene, optimierte Message. Davon machen Firmen ebenso Gebrauch wie politische Akteure. Dies zu verinnerlichen, ist ein essentieller Teil digitaler Medienkompetenz. Oder besser: Lebenskompetenz.

Den Effekt von Werbung zu unterschätzen gehört seit jeher zu den Kardinalfehlern der meisten Verbraucher. Niemand möchte sich eingestehen, relativ vorhersagbar zu sein oder ein Produkt nur deshalb gekauft zu haben, weil man wochenlang mehr oder weniger unbemerkt mit dessen angeblichen Vorzügen bombardiert worden ist. Das gilt schon bei der herkömmlichen Einwegkommunikation. Alle haben das Bedürfnis, so einzigartige Persönlichkeitsmerkmale aufzuweisen, dass niemand einen nur Anhand von einigen Dutzend Facebook-Likes relativ treffsicher einordnen könnte, wie es im Artikel beschrieben wird. Aber es stimmt eben nicht. Die wenigsten sind so individuell, wie sie annehmen. Je mehr Indikatoren über Präferenzen, Merkmale und Verhaltensweisen Werbungtreibende über eine Person haben, desto maßgeschneidertere Botschaften lassen sich platzieren. Ob das so einfach geht wie im Text beschrieben, sei dahingestellt. Vielleicht nicht. Der Grundtenor aber ist trotzdem korrekt: Verhalten von Individuen vorherzusagen und die effektivsten Botschaften zum Erreichen der anvisierten Handlung zu identifizieren, ist bei hinreichend vorhandenen Daten online leichter denn je. Vielleicht nicht einfach, aber einfacher als in den alten Zeiten mit immensen Streuverlusten. Und jeden Tag werden die Methoden verfeinert.

Bewusstsein ist einzige Schutzmaßnahme

Was ist das einzige realistisch praktizierbare Mittel der „Verteidigung“? Das Wissen über die eigene Manipulierbarkeit. Das Bewusstsein über die Mechanismen, die hinter den auf einen abzielenden Botschaften stecken. Die Erkenntnis, dass man anhand einiger Datenpunkte leichter kategorisiert werden kann, als einem lieb ist. Nur mit dieser Vergegenwärtigung können digitale Bürger so etwas wie eine Handlungsautonomie entwickeln und zumindest versuchen, selbstbestimmt zu entscheiden.

Ginge es in der Debatte nur darum, wie man am besten ein Waschmittel in den Feeds der User platziert — ich würde dazu keine Kolumne schreiben. Aber wir stehen stattdessen an einem Punkt, an dem verschiedenste Kräfte versuchen, die Demokratie auszuhöhlen. Da erscheint mir der Alarmismus, den der Artikel verbreitet, angebrachter als die betonte Abgeklärtheit seiner Kritiker. Das ist nämlich schon lange kein Spiel mehr.

Weitere Kolumnen der Serie Weigerts World findet ihr hier. Ihr könnt dem Autor auf Twitter folgen, seine kuratierten News zur Netzwirtschaft abonnieren oder seinen wöchentlichen E-Mail-Newsletter mit Leseempfehlungen beziehen.

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4 Reaktionen
Raketenschnecke

.. vielleicht zieht auch irgendwann jemand den Stecker, wir wachen auf und stellen fest: wir WAREN in der Matrix...

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Juergen Schulze

Der Schlüssel liegt darin, NICHT alles zu tun, was sowieso schon milliarden Schafe machen.... määh... Wer nicht vorhersehbar sein will, verschwindet eben aus dem Internet. Was würde man schon verlieren? Etwas seine "Freunde"?

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Martin Weigert
Martin Weigert

Aus dem Internet zu verschwinden, ist heutzutage gleichzusetzen mit dem Leben in einer Höhle, abgeschnitten von der Zivilisation und allen Annehmlichkeiten des Lebens.

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