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Zwischen Valley-Kult und „Früher war alles besser“: Wir brauchen neue Visionen für die Zukunft [Kolumne]

Zwischen Valley-Kult und „Früher war alles besser“: Wir brauchen neue Visionen für die Zukunft [Kolumne]

Kulturpessimisten und Technologieverweigerer kritisieren gerne den radikalen, einem Kult ähnelnden Fortschrittsgedanken des . Selbst scheinen sie aber oft den Glauben an eine bessere Zukunft aufgegeben zu haben. Dabei braucht die Menschheit gerade jetzt neue Visionen, wie Martin Weigert in seiner Kolumne „Weigerts World“ bemerkt.

Zwischen Valley-Kult und „Früher war alles besser“: Wir brauchen neue Visionen für die Zukunft [Kolumne]

(Bild: Shutterstock / Everett Collection)

Die Deutschen sind Technologieverweigerer, die Menschen im Silicon Valley dagegen alle radikale Fortschrittsanbeter. Inwieweit das gängige Klischee zutrifft und in welchem Maße eine Differenzierung angeraten ist, darüber scheiden sich die Geister. Mehr Konsens dürfte es über die Feststellung geben, dass sich in jeder Kultur Kritiker der technologischen Errungenschaften sowie überzeugte Befürworter des rasanten, durch Informationstechnologie ausgelösten Wandels finden. Das Verhältnis mag je nach Region variieren, am Ende aber würde man immer überall auf Vertreter beider Seiten stoßen. Nicht zu vergessen ist eine dritte, besonders große Gruppe: diejenigen, die weder ausgeprägte Technologieskepsis praktizieren noch einen besonderen Fortschrittsdrang empfinden.

„Früher war alles besser!“ Den Satz hat wohl jeder schon mal gehört. (Foto: Shutterstock / Everett Historical)
„Früher war alles besser!“ Den Satz hat wohl jeder schon mal gehört. (Foto: Shutterstock / Everett Historical)

Seit Jahren dreht sich die öffentliche Debatte um die polarisierende Frage der Vor- und Nachteile des technischen Fortschritts. Selten wird aber auf die hinter den bekannten Positionen steckende Grundhaltung geblickt: Was heißt es eigentlich, wenn ein Mensch in jedem neuen Gadget, Onlinedienst und Disruptionsversuch kategorisch primär Negatives sieht? Was bedeutet es, wenn ein anderer Diskutant unaufhörlich die Chancen einer brandneuen Lösung betont, ohne sich länger mit einer kritischen Betrachtung aufzuhalten? Was treibt diejenigen um, die mehr oder weniger passiv zuschauen oder zuhören, ohne auch nur im Ansatz die Passion für eine der zwei Extrempositionen zu teilen?

Technoskepsis entspricht Zukunftspessimismus

Nach meiner Beurteilung spiegeln die grundsätzlichen individuellen Standpunkte zum technologischen Wandel die übergeordnete Sicht auf die Verfassung der Welt und Gesellschaft als Ganzes wider. Sie entlarven, inwieweit die Protagonisten generell an eine bessere oder schlechtere Zukunft glauben und sie zeigen, ob eine mentale Vision über eine lebenswerte Zukunft etabliert wurde. Gemäß dieser These schlage ich folgende Typisierung vor:

  • Überwiegende Ablehnung, Skepsis und Hervorhebung der Risiken neuer Technologien: entspricht einer Neigung, die jüngere Vergangenheit als den Höhepunkt der Zivilisation zu sehen, mit der es langsam bergab geht. Das altbekannte „Früher war alles besser!“ also.
  • Gleichgültige oder ambivalente Sicht auf neue Technologien: entspricht einer Neigung, den Status Quo als nicht perfekten, aber bestmöglichen Zustand zu sehen, den es mit möglichst wenig Abstrichen zu erhalten gilt.
  • Überwiegende Begeisterung über neue Technologien und weitgehendes, wenn nicht gar konsequentes Befürworten der damit ausgelösten, teils schwerwiegenden Veränderungen: entspricht einer Neigung, eine bessere Zukunft für vorstellbar zu halten und mitunter einem Hang zum Utopischen.

Es handelt sich bei der Einordnung um einen Gedankenanstoß. Nicht jeder Technoskeptiker wird sich eine Resignation gegenüber der Zukunft andichten lassen wollen. Eher im Gegenteil wird die Ablehnung bestimmter Entwicklungen üblicherweise damit gerechtfertigt, dass man nur ohne eine Übermacht der Algorithmen eine menschenwürdige Zukunft als realistisch ansieht. Die Schwäche dieser Argumentation liegt darin, dass die gut gemeinte Ablehnung gewisser Strömungen der Digitalisierung allein in keiner Weise eine bessere Zukunft in Aussicht stellt.

Visionen schaffen Hoffnung

„Weder die Pessimisten noch die Verfechter des Status Quo fallen durch unkonventionelle, einfallsreiche oder mutige Rezepte auf.“

Wer keine eigenen, zumindest theoretisch plausibel erscheinenden Visionen dazu anzubieten hat, wie Wirtschaft, Gesellschaft und soziales Leben in den nächsten Dekaden mit Blick auf manche schon jetzt unausweichlichen Veränderungen zu organisieren und strukturieren sind, der hat gegenüber den Utopisten und chronischen Technologie-Optimisten argumentativ keine guten Karten. Ihre Vorstellungen von Singularität, ewigem Leben, kompletter Roboterisierung, virtueller Realität, Mars-Kolonalisierung, Hochgeschwindigkeits-Transportkapseln oder Grundeinkommen mögen sich vielleicht als naive Tagträumerein entpuppen und manchmal moralisch fragwürdig sein. Doch immerhin sind es Zukunftsbilder, die Hoffnung geben und die Menschheit mit Zuversicht nach vorne blicken lassen.

Weder die Pessimisten noch die Verfechter des Status Quo fallen durch unkonventionelle, einfallsreiche oder mutige Rezepte darüber auf, wie die Menschen und ihre etablierten, aber problemanfälligen Systeme weitermachen sollen. Dabei gibt es im Jahr 2015 so viele offene Fragen wie schon lange nicht mehr.

Leichtes Spiel für den Valley-Kult

Peter Thiel.
Hat Peter Thiel Recht? Gucken wir Europäer zu pessimistisch in die Zukunft? (Bild: via flickr, Lizenz CC BY-ND 2.0)

In seinem Buch „Zero to One“ moniert der aufgrund seiner teils abgehobenen Ideen nicht unumstrittene Investor Peter Thiel, dass der Menschheit nach den enormen Vorstößen und Errungenschaften des vergangenen Jahrhunderts die großen Visionen abhanden gekommen seien. Damit trifft er den Nagel auf den Kopf. Ohne Visionen wird es schwer, die Vielzahl teilweise überwältigend wirkender Herausforderungen der nächsten 100 Jahre zu meistern. Die sich abzeichnenden, neuen und ziemlich komplexen Krisen und Konflikte des 21. Jahrhunderts um begrenzte Ressourcen, Territorien und Ideologien erfordern Ablenkung.

Die chronischen Bedenkenträger, die am liebsten die Uhren zurückdrehen wollen oder Personen, die nur darauf bedacht sind, den Status Quo noch um ein paar Jahre zu verlängern, kommen mit leeren Händen. Sie liefern keine Gelegenheit für wirkliche Ablenkung. Das ist ihr großes Versäumnis. Der Silicon-Valley-Kult hat deshalb leichtes Spiel, denn er speist sich aus Optimismus und dem zumindest vorgeblichen Ziel, die Welt verbessern zu wollen. Die wahren Motive mögen manche Kritiker und Kulturpessimisten im alten Europa sofort zu durchschauen glauben. Doch sie merken nicht, dass jede noch so abwegig oder eigennützig anmutende Utopie der Techno-Apologeten mehr ist als das, was sie zu bieten haben.

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4 Antworten
  1. von Fortschritt muss dem Bonzen dienen am 26.03.2015 (13:44 Uhr)

    Als ich kostenlose selbstfinanzierte Verbesserungen wollte, wurde ich schikaniert und gemobbt. Jetzt werden meine Ideen realisiert. Und das oft armselig oder viel teurer als ich es gemacht hätte. Oder wie die meisten Google-Projekte nur in USA verfügbar.

    Was den Bonzen nicht dient wird kaputtgemacht oder kaputtgeklagt. Siehe Abmahn-Kriege oder Trivialpatent-Kriege.

    Wer die Wahrheit verkündet wird nicht gewählt wie Lafontaine ("Den Osten wieder aufzubauen wird teuer" vs. Helmut Kohl "Blühende Landschaften" aber später dann den Soli in der Steuer-Erklärung) oder lebt wie Snowden oder Thomas Drake.

    CMOS-Bildsensoren und PMD (Phasen-Misch-Detektor) wurden m.W. in Deutschland erfunden. Wohl nachdem die Patente ausgelaufen waren (PMD läuft evtl noch) gabs von Japanern plötzlich CMOS-Kameras...

    Geld bewegt die Welt und somit die meisten wirtschaftlichen Entscheidungen. Wenn ich Journalist wäre, würde ich mir die Startup-Berichte von Steuerberatern oder Steuer-Professoren erklären lassen. Aktuell fehlen die realen Hintergründe und PR-Rezitierung ist ein Großteil des Leistungs-Journalismus.

    Peter Thiel soll mal zu mir kommen wenn er nützliche Ideen haben will. Ich will das jeder Rentner und Hausfrau mit meiner Software klarkommt und ich die erste Wahl bin weil es überall läuft und alle zufrieden sind. Doch Ach. Ich brauche sein Geld ja überhaupt nicht. Sondern nur Schutz vor Repressalien und ich würde sogar Steuern bezahlen was die Politik leider im Gegensatz zu Holding-Ketten und Cash-Burnern nicht fördert. Dann kann und soll er ruhig ja schön weiter hippen Hipstern ihre Startup-Ideen abkaufen und Cash-Burner finanzieren. Wie Startups funktionieren sieht man ja bei Two and a half Men und im IHK-Magazin wo die Insolvenzen drin stehen.

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  2. von Jens Best am 26.03.2015 (15:59 Uhr)

    Neoliberale, hardcore-libertäre Kapitalisten wie Thiel, der auch noch massiv mit den US-amerikanischen Geheimdiensten verstrickt ist, sind nicht unbedingt Personen, die ich anführen würde, um eine positive Debatte über Visionen für die digitale Zukunft zu fordern.

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  3. von Thomas am 27.03.2015 (09:29 Uhr)

    In Europa wird man halt auch gerne behindert, wenn man als Unternehmer etwas aufbauen möchte (und noch kein Konzern ist).
    In Österreich etwa grade eine Steuerreform, nun 55% statt 50% Spitzensteuersatz, wenns erfolgreich ist muss es auch wehtun.

    Arbeitnehmer beschäftigen? Nur etwas für Masochisten. Es gibt tausende Regeln, jedes Jahr werden sie mehr. Der Gesetzgeber befiehlt auf die Stunde genau wann jemand nun arbeiten darf und wann er ruhen muss. Und wieviele qm rund um seinen Schreibtisch frei sein müssen. Löhne zahlen ohne Profi-Lohnverrechner: Unmöglich.

    In dem Umfeld kann man mit hohem Einsatz eine solide kleine Firma aufbauen und ein paar Leuten Arbeit geben, aber etwas großes wie im Silicon Valley aufbauen ist etwas schwierig...

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  4. von Heiko Lang am 27.03.2015 (09:35 Uhr)

    Ohne über Personen und Ihren Charakteren zu urteilen, geht es mir hierbei um den Inhalt dieses Artikels.

    Und ja ich finde wir Deutschen sehen manche Entwicklung und den technologischen Trend erst mal skeptisch entgegen, was auch nicht unbedingt einen negativen Touch haben muss.
    Wenn wir heute internationale Unternehmen sehen, haben diese Unternehmen im Management eine große Hürde zu bewältigen. Die große Herausforderung zum Thema Globalisierung, Wachstum und dem Wunsch nach Umsatzsteigerung.
    Hinzu kommen aber die im Artikel angesprochenen neuen Technologien und Entwicklungen, denen sich keiner verschließen sollte, aber viele zu wenig Zeit widmen oder nicht das notwendige Verständnis dafür aufbringen können/wollen.
    Ganz nach dem Motto: "So machen wir das schon immer, wird also auch in Zukunft so gehen", ist im 21. Jahrhundert leider nicht von Erfolg gekrönt.
    Alleine im Marketing vieler Unternehmen ist gerade eine totale Umstrukturierung durch die viel zu schnell wachsende Technologie und ihre Möglichkeiten. Allein die Vielzahl der heutigen Kanäle überrollen viele Unternehmen. Hinzu kommen hier ja noch die neuesten Technologien und Startups die momentan niemand auf dem Schirm hat, aber eventuell einen neuen Grundstein für seinen unternehmerischen Erfolg sein könnten...

    Mein Fazit zu dem oben angesprochenen Thema ist:
    Ja, wir brauchen Visionen und sollten neuen Ideen generell offen gegenüberstehen und nicht immer durch Hinterfragungen und Ängsten gleich zunichtemachen.

    Trotz Technologien, sollten Menschen immer noch menschlich bleiben. Der Mensch ist das wichtigste Hab und Gut auf dieser Welt!!!

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