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Kolumne

In 10 Sekunden vom Digital-Apologeten zum Fortschrittsfeind

    In 10 Sekunden vom Digital-Apologeten zum Fortschrittsfeind

(Bild: Shutterstock / Roman Kosolapov)

Gerade bei emotional und ideologisch aufgeladenen Digitaldebatten ist das Ändern der eigenen Meinung verpönt. Martin Weigert regt in seiner Kolumne Weigert World dazu an, die eigenen Standpunkte zu hinterfragen.

In einem Kommentar zu meiner letzten Kolumne merkte ein Leser mit zynischem Unterton an, dass es interessant sei, wie ich in regelmäßigen Abständen meine Meinung ändern würde. Ungeachtet seiner Intention empfand ich die Beobachtung nicht als Kritik. Im Gegenteil. Auch bei emotional und ideologisch aufgeladenen Themen, wie sie im Kontext der Digitalisierung zahlreich existieren, sollte man meines Erachtens nach den eigenen Standpunkt anpassen können und wollen, wenn es die äußeren Bedingungen anraten.

Leider gilt es in vielen Kreisen als Schwäche, nicht über viele Jahre oder gar noch länger immer die gleichen Meinungen zu vertreten. Sascha Lobo bezeichnete in einer älteren Kolumne Deutschland als „das Land des Rechthabens”. Es genüge seiner Beobachtungen zufolge nicht einmal, bloß Recht zu haben: Man müsse auch schon immer Recht gehabt haben.

„When the Facts Change, I Change My Mind”

In seinem Text fokussierte sich Lobo auf die deutsche Angst vorm Scheitern. Bei der generellen Tendenz, Recht haben zu wollen, handelt es sich wahrscheinlich nicht um ein exklusiv deutsches Phänomen, sondern um eine allgemeine menschliche Eigenheit. Der englische Mathematiker und Ökonom John Maynard Keynes mokierte sich im Jahr 1933 in einem Leserbrief an das Wirtschaftsmagazin The Economist über Leute, die es für anerkennenswert halten, wenn man die eigene Meinung nie verändert. Keynes wird auch nachgesagt, Urheber eines berühmten Zitats zu sein: „When the Facts Change, I Change My Mind. What Do You Do, Sir?”. Es existieren zwar große Zweifel daran, dass der legendäre Wirtschaftswissenschaftler tatsächlicher hinter dieser konkreten Aussage steht – die kluge Botschaft verliert dadurch aber nicht an Gewicht.

Gerade weil auch heute das offen artikulierte Ändern der Sichtweise eine Seltenheit darstellt, fällt es umso mehr auf, wenn es doch geschieht: Vor einigen Tagen veröffentlichte der einstige Mitgründer der digitalaffinen Agentur trnd, Martin Oetting, einen Text, dessen Publikation ihm augenscheinlich nicht ganz leicht fiel. Der Titel: „Warum Papier-Journalismus besser ist”. Oetting beschreibt, wie er ein Jahrzehnt lang keinerlei Verständnis für die Lobeshymnen von Print-Verfechtern über Papiertexte hatte, sich jetzt aber überrascht dabei beobachtet, ihnen zuzustimmen. Der ehemalige Agenturmann verzichtet in seinem Text auf jede rhetorische Akrobatik und konstatiert klar und deutlich: „In den letzten Monaten habe ich meine Meinung geändert”.

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Man muss nicht ständig Recht haben

Das ist vorbildlich. Ich stimme ihm in der Sache nicht unbedingt zu, auch wenn ich seinen Gedankengang verstehe. Aber darum geht es nicht. Entscheidend ist, die Bereitschaft an den Tag zu legen, auch heilige Kühe zu schlachten, falls das argumentative Fundament der bisherigen Standpunkte nicht mehr solide erscheint.

Ein solcher Schritt ist aber nur möglich, sofern man für sich selbst akzeptiert, dass man bei allumfassenden, die Komplexität vertausendfachenden neuen Technologien wie dem Internet nicht immer mit jeder Prognose und jedem Argument richtig liegen kann und muss. Ein „Ich habe meine Meinung geändert” ist eng verwandt mit einem „Ich habe mich geirrt”. Wen das Ego an einem solchen Eingeständnis hindert, der ist gezwungen, für alle Ewigkeit an einmal eingeschlagenen Richtungen festzuhalten, komme was wolle. Das Recht-haben-wollen und die Angst vor einer vermeintlichen Erniedrigung sind dann wichtiger als die Faktenlage.

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