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Warum ich kein weiteres Startup aufziehen werde

Warum ich kein weiteres Startup aufziehen werde

Wenn sie sich von den Lichtern der Startup-Branche anlocken lassen, sind Gründer das Produkt in der Show eines Anderen. Also habe ich fünf neue Regeln für mich selbst aufgestellt.

Warum ich kein weiteres Startup aufziehen werde

Anfang dieses Jahres habe ich mein Startup beerdigt. Also kann ich jetzt darüber nachdenken, was ich hätte anders machen können. Nachträgliche Einsicht ist unfair und falsch, aber ich schätze trotzdem die Lehren daraus. Das ist eine davon, eine Notiz an mein zukünftiges Ich: „Nenn deine Projekte nicht ‚Startups‘.“ Das ist ein semantischer Trick, aber ein wirklich wichtiger. Ich sage dir, warum.

Das Team von Paperight. (Foto: Paperight)
Das Team von Paperight. (Foto: Paperight)

„Startups“ sind zur Ware geworden in einer Industrie von Startup-Konferenzen, Websites, Kursen und Wettbewerben. Als Gründer von jungen Unternehmen kämpfen wir darum, echte Beratung und Unterstützung von dem ablenkenden Glanz der Startup-Industrie zu unterscheiden, in der wir nur das Produkt sind, nicht der Kunde. Angelockt von den Lichtern, verbringen wir wertvolle Zeit mit der Erstellung von Power-Point-Präsentationen, ins Flugzeug zu springen, Vorträge zu halten und Beitrittsformulare auszufüllen – fast immer, damit jemand die Tickets für die Show verkaufen kann. Ich habe hart dafür gearbeitet, und ich habe nichts zurückbekommen. Ich will diese Zeit zurück haben für mein Business.

Hier sind die fünf neuen Regeln für mich.

1. Keine weiteren Startup-Events

14.000 Teilnehmer aus mehr als 80 Ländern: das Slush-Festival in Helsinki. (Foto: t3n)
14.000 Teilnehmer aus mehr als 80 Ländern: Startup-Events wie das Slush-Festival in Helsinki gibt es unzählige. (Foto: t3n)

Ich bin allein in dieser Woche zu vier Startup-Events eingeladen worden. Warte – ich checke mal meine Mails – es sind fünf. Das ist völlig irre. Startup-Seminare, Frühstücke, Retreats, Showcases. Sag sie alle ab.

Startup-Events sind  angeblich „gut fürs Netzwerken“. Ich habe glaube ich auf einem oder zwei einen interessanten Kontakt gefunden. Die meisten haben Unmengen von Zeit verschlungen, die ich wirklich besser damit hätte verbringen sollen, sie in meine Firma zu stecken.

Dein nächstes Projekt hat vielleicht mit dem Verlagswesen zu tun, mit Gesundheit, Technik oder einer anderen Branche, aber vermutlich nicht mit der Startup-Branche. Bei einem Startup-Branchen-Event triffst du nur auf Leute in der Startup-Branche. Sie sind nicht deine Kunden. Geh nur zu Events, die voll mit potentiellen Kunden deiner Branche sind.

Gönn dir ab und zu ein Dinner mit ein paar Gründern, die du magst – das hilft dabei, die Einsamkeit zu bekämpfen. Ansonsten, wenn du nicht gerade auf Verkaufstour bist, geh in dein Büro und arbeite. Oder geh nach Hause und mach dir ein paar schöne Stunden mit deiner Familie.

2. Keine weiteren Startup-Wettbewerbe

Dann gibt es noch die Startup-Wettbewerbe. Innovations-Wettbewerbe, Pitching-Wettbewerbe, Businessplan-Wettbewerbe. Manchmal gibt es als Preis ein Investment in deine Firma. (Erster Preis: ein Investor! Zweiter Preis: zwei Investoren!)

Im Ernst: Willst du einen Investor, der auf Startup-Shoppingtour wie auf eine Cocktail-Party geht? Ein Investment zu gewinnen ist, als ob deine Bank anruft, um dir zu sagen, dass du einen Überziehungskredit gewonnen hast. Glückspilz!

Es geht noch schlimmer. Ich bekam einen Anruf von einer großen internationalen Beraterfirma, die mir sagte, dass ich einen großen Innovationspreis gewonnen hätte. Aber ich kann dir nichts davon erzählen, weil ich ihnen eine Lizenzgebühr hätte zahlen müssen, um das zu tun. Ernsthaft: Sie wollten 7.500 Euro nur dafür, dass wir den Leuten erzählen, dass wir gewonnen haben. Ein anderes Mal wurde ich von einer Startup-Supporter-Radioshow interviewt, nur damit sie mich am Ende darum baten zu unterschreiben, dass sie uns während der Sendezeit 188.888 Südafrikanische Rand übergeben hätten. (Ich habe nicht unterschrieben.)

Die Zukunft der Digitalbranche: Teilnehmer der LeWeb-Startup-Competition in Paris. (Foto: t3n)
Teilnehmer der LeWeb-Startup-Competition in Paris. (Foto: t3n)

Man kann auch „Business Support“ gewinnen – oder wohlmeinende MBA-Studenten, die dir für ihr Kursprojekt „beim Business-Wachstum helfen“. Ich habe Tage mit Teams verbracht, die neu in meiner Branche sind, und meine Zeit damit vertan, mir Dinge anzuhören, die ich schon wusste. Ich will diese Tage zurück.

Wenn du sicher bist, dass du die Zeit hast, um an Wettbewerben teilzunehmen, dann mach nur bei denen mit, die viel freies Geld ausschütten und bei denen du weißt, dass du gewinnen kannst.

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10 Antworten
  1. von Gute Infos am 04.07.2015 (11:27 Uhr)

    Guter Artikel.
    Medien und Konferenzen versuchen halt ihr Geschäft zu machen. Das man dort eher ein Teil einer Zielfunktions-Statistik (#Besucher, #Firmen-Besucher,...) ist, die hochgepusht werden soll, sollte klar sein. Nett wäre gewesen, wenn man darauf hingewiesen hätte wie man Messebesuche (z.B. Cebit o.ä.) vorteilhaft nutzen kann.

    Auch schön ist, das die vielen (hier in der Startup-Presse gern geglaubten und gehypten) Startup-Preise und Pitches endlich mal nicht nur von mir kritisiert werden. Viele dieser Pitches und Preise sind (wie der Bericht zeigt) auch teilweise zur Selbst-Darstellung der Teilnehmer und natürlich der Jury und des Veranstalters. Wer C- oder D-Promi werden will, kann ja auch in eine TV-Casting-Show gehen. Heutzutage weiss man ja auch was einen erwartet. IT-Studenten wissen das viel weniger und erkennen erst viel zu spät das der Fachkräftemangel nur für preisgünstige unter-30-Jährige frische Bachelor-Absolventen ist die 60 Stunden die Woche arbeiten wollen um sich nach 6 Monaten mit einem Praktikumszeugnis zufrieden zu geben und das nächste quasi kostenlose Praktikum woanders zu beginnen.
    In USA ist eine wichtige Casting-TV-Show wohl dieses Jahr nach 14(?) Jahren beendet worden. Und ich fordere ja immer, das man mal an die alten Gewinner von Startup-Preise erinnern sollte und was draus geworden ist. Damit kann man sich nutzhaltig von der Agentur-Meldungs-Copy-Paster-Presse absetzen.


    Er schreibt ja auch das man Kunden suchen soll. Hier wären das beispielsweise vermutlich die Buchmessen in Leipzig und in Frankfurt jedes Jahr.
    Aber auch HannoverMesse und andere Industriemessen haben Kunden die oft irgendwelches Zeugs drucken müssen. Was hier die kleinen Freiberufler gerne übersehen sind die IHKs.
    Man erkennt aber auch, das er kein Cashburner ist. Die Investoren wollen viele Steuern sparen oder durch große Investmentrunden groß Geld verdienen. Der Inhalt und Betrieb des Unternehmens oder Kundenzufriedenheit sind dabei oft eher nicht so wichtig. Die Startup-Presse berichtet aber fast nur über solche Startups. Bei bestimmten Lieferdiensten sind die Kosten für die Eintragung angeblich nach der ersten Bestellung durch den ersten Kunden wieder drin. Danach hat man quasi puren Deckungsbeitrag. Geld-Verdienende Startups zeigen sich viel weniger, die müssen ja auch keine Geldgeber, Subventionen und Steuer-Vorteile heranholen. Es wäre also schön, ein Medium zu sein welches solche sinnvollen Unternehmen (beispielsweise Online-Händler) beschreibt und denen mit Know-How hilft und nicht Holdingketten, Beratern, Juristen und Geldgebern sondern deren Wirkung auf die Umwelt aufzeigt. Das macht bisher aber wohl fast nur Team Wallraff von RTL.


    In Südafrika scheint "Startup" wie auch hier ein Synonym zu Cashburner-Newconomy-NewMarket zu sein. In USA ist der Begriff evtl sinnvoller genutzt. Vielleicht aber auch nicht und es geht nur darum, Geldgeber zu finden was man durch die Bezeichung offen für jeden zugibt. Wer Gewinne macht oder es plant, nennt sich dann vielleicht halt anders.

    Echte KMU machen (bevor sie das investierte Kapital mit fehlgeschlagenen IT-Projekten hochdrücken) Kapitalrenditen/ROI von 10% oder mehr. Davon kann man locker wachsen. Ein 'Startup' hingegen braucht Fremdfinanzierung, Subventionen, Steuer-Erleichterungen und weitere Beihilfen. Damit werden in Hochpreis-Mietgebieten Praktikanten und Mindestlohn-Empfänger bezahlt, Holdingketten und Juristen und Berater finanziert und oft wohl kein relevanter Beitrag für die Gesellschaft erbracht. In Diktaturen freut sich die Mietmafia über frische Hochschul-Absolventen welche die Mietpreise hochtreiben.
    Schade das Finanzminister nicht hart gegen Cashburner vorgehen. Wer burned mehr Cash ? Griechenland oder Startups ?

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  2. von krisztian.szi am 04.07.2015 (23:25 Uhr)

    Ich finde auch, dass die Medien zu sehr auf gehypte Unternehmen ausgerichtet, sind... Beispiele:
    - Firma A hat eine Serie A Finanzierung von XY Millionen bekommen, hat aber keine Strategie wie Sie Geld einnehmen wollen... Alle Berichten wie blöd. Bei einem echten Journalisten sollte das nicht mehr als eine Randnotiz gewesen sein...
    - Unternehmen B bekommt XY Millionen von irgendein Amerikanischen Investor... alle Berichten, hat sich eigentlich jemand die Frage gestellt warum das Unternehmen in so einer kurzen Zeit so viel Geld ausgeben hat...? Cashburner?
    - Unternehmen C hat zwei Kooperationsveträge mit Zwei der größten Europäischen Händern/Lieferanten was auch immer geschlossen, Branche nicht Sexy genug, Unternehmen hat zu wenige Angestellte, Unternehmen erzielt bereits gewinne was auch immer, keine Sau Berichtet…
    - t3n ist da leider keine Ausnahme

    Digitalisierung schön und gut, aber sehr viele Unternehmen über die man Berichtet sind nach kurzer Zeit auch wieder weg vom Fenster…
    Wäre echt schön zu wissen, wer von den alten „Startups“ noch Leben und wie erfolgreich diese sind.
    Es wäre auch schön mehr über deutsche Startups zu hören.
    Es wäre noch schöner nicht immer über „Startup hat halb Produkt“, „Startup erhält Finanzierung“ zu lesen, sondern auch gerne mal die negativen Seiten „Startup muss Mitarbeiter entlassen“, „Startup geht Insolvent“, „Unternehmen stagniert weil….“

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    • von Florian Blaschke am 06.07.2015 (12:07 Uhr)

      Hi Krisztian. Du schreibst, t3n sei da leider keine Ausnahme. Kannst Du uns konkrete Artikel nennen, bei denen Dir das negativ aufgefallen ist?

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      • von krisztian.szi am 07.07.2015 (21:19 Uhr)

        Hey Florian, ich könnte jetzt bestimmt paar Sachen raussuchen, aber ich hab es erstmal als "Habe ich im Gefühl bzw. für mich fühlt es sich so an" geschrieben, war jetzt keine Anspielung auf einen bestimmten Artikel oder ähnliches.

        Und das ist wie mit Bewertungen auf eCommerce Seiten 1000 Bestellungen, 50 schlechte Bewertungen, 50 Gute, 900 Haben nicht bewertet, also ist das das Produkt schlecht, wenn man da nur mit den Zahlen der Bewertungen daraufschaut :-)

        Aber macht euch keine Sorgen, viele meine bekannten und ich konsumieren eure Seite sehr regelmäßig :-)

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  3. von CU am 05.07.2015 (13:25 Uhr)

    Ich teile das, was in diesem Artikel steht, zu 100%.

    Auf den diversen Startup Konferenzen, Wettbewerben usw. sieht man immer wieder die gleichen Leute die sich "Entrepreneurs" nennen. Dabei baut sich zunehmend eine verschobene bzw. falsche Definition dieses Begriffes auf. Mittlerweile wird dieser Begriff mit einer "One-Man Show" oder einem Freelancer gleichgesetzt. Heute wollen viele Menschen "Gründer" sein, getragen von der Illussion, das es cool ist und das man sich "nur" einen großen Investor an Bord holen muss, um das große Geld macht. Diese Leute haben sich aber wahrscheinlich zu oft "The Social Network" angesehen. Oder aber man trifft diejenigen, die bereits VC Money aufgenommen haben und jetzt die CEO Marionette im Aussenverhältnis sind. Ich stelle das hier sehr überspitzt dar, jedoch ist das einfach der Trend, den ich festellen muss.

    Die anderen 80% aller Entrepreneurs, die echte Kunden, Mitarbeiter und Produkte haben, sind mit dem Wachstum des eigenen Unternehmens (ich sage hier auch bewusst nicht Startup dazu) beschäfftigt. Echte Unternehmer haben daher auch überhaupt keine Zeit, jedes dieser Events zu besuchen. Es bringt aus meiner Sichtweise immer mehr, einen ganzen Tag mit den eigenen oder potenziellen Kunden zu sprechen, als sich zum 20. Mal einen Vortag über "The Lean Startup" anzuhören.

    Hierin liegt zugleich auch der Grund, wieso man auf Events auch kaum die richtigen Leute (bspw. Kunden, Partner) trifft! Potenzielle Kunden und Partner sind auch erfolgreiche Unternehmen und haben daher keine Zeit, diese Events zu besuchen. Jedes Startup (jetzt nenne ich es einmal so) will ja auch nicht mit einem Startup als Kunden arbeitem, sonder direkt mit den großen wie Microsoft, Apple oder BMW. Und wie in dem Artikel schon erwähnt: Die großen wollen in den meisten Fällen wiederum auch nicht mit Startups arbeiten!

    Mein Fazit: Löst Euch von diesen Events und der Illussion, die Euch präsentiert wird. Jedes Event zu besuchen und jeden Pitch zu gewinnen bringt nichts. Fokussiert Euch auf die Entwicklung Eurer Produkte und sprecht soviel mit potenziellen Kunden und Partnern wie es möglich ist. Installiert die richtigen Personen und Unternehmen um Eure Vision herum und pusht regelmäßige Feedbackschleifen. Entwickelt daraus resultierend eigene Instrumente und Theorien. Eins der erfolgreichsten Unternehmen aufzubauen lernt man auf keiner Konferenz und mit keinem Buch.

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    • von krisztian.szi am 07.07.2015 (21:14 Uhr)

      Ganz deiner Meinung :-) ist mir nur negativ aufgefallen weil unsere Pressemitteilung nur von Fachmagazinen in der Branche verbreitet wurde aber von keinem einzigen der Portalen oder Magazinen die so viel über "Startups" "berichten". Obwohl diese alle wohl etwas aus dem Verteiler zugespielt bekommen haben.

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  4. von Günter am 06.07.2015 (10:14 Uhr)

    Nur so am Rande: Wieso ist es eigentlich nicht mehr möglich, einen popeligen Artikel auf einer Seite unterzubringen?

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  5. von krisztian.szi am 06.07.2015 (10:28 Uhr)

    Damit man mehr Werbung ausspielen kann und mehr Geld einnimmt, außerdem haben die wahrscheinlich Tracking drauf wer den Artikel bis auf Seite zwei liest... was man durchaus anders Lösen kann... siehe paralax scrolling....

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  6. von Karsten am 07.07.2015 (14:04 Uhr)

    Sehr guter Artikel, wirklich - kann ich zu 100% unterschreiben!

    @Krisztian
    Ich habe jetzt auch keine Lust, lange zu recherchieren, aber Krisztian hat da sehr wohl recht, dass Ihr (t3n) auch sehr gerne auf der "Startup-Welle" reitet.

    Allein schon der Begriff "Startup" - warum nicht einfach auf Deutsch "Unternehmensgründung"? ... weil der Begriff Unternehmensgründung anscheinend zu unsexy und langweilig ist. Seltsame Welt...

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