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Web 2.0 in Deutschland: Das Wachstum gegen den Trend kommt aus der Nische

Den Anstoß zu diesem Artikel lieferten zwei Artikel der geschätzten Kollegen Martin Weigert und Marcel Weiss von netzwertig.com. Mit Überschriften wie "Der deutschen Gründerszene fehlt es an Naivität - Der Misserfolg deutscher Webstartups auf internationalem Parkett ist traurige Realität" oder "Deutschland degeneriert in ein Entwicklungsland" stellen die beiden Redakteure ihre negative Sichtweise auf die deutsche Gründerszene dar. Mich stimmen solche Aussagen nachdenklich. Da ich einen komplett anderen Blickwinkel auf die deutsche Gründerszene habe und wir (das t3n Magazin) ein Startup-Verzeichnisse mit den wichtigsten deutschsprachigen Startups betreiben, kann ich diese negative Sicht so nicht stehen lassen und möchte einmal fernab von Misserfolg und Degenerierungs-Gedanken einen nüchternen Blick auf die deutsche Startup-Szene werfen.

Globale Expansion oder der Weg in die Nische?

Global gesehen mögen die netzwertig-Autoren mit Ihrer These recht haben, dass es in Deutschland an der nötigen Naivität fehlt, um weltweit funktionierende Geschäftsmodelle zu etablieren. Wie so oft kommt es aber auch hier auf den Blickwinkel an. Sind nur global aufgestellte Player interessant, die von Venture Capital (VC) abhängig sind? Ganz im Gegenteil. Viel wichtiger aus meiner Sicht sind normale kleine und mittelständische Unternehmen wie zum Beispiel Blogwerk (Betreiber von netzwertig.com) oder unser Unternehmen yeebase media. Wir haben beispielsweise aktuell überhaupt kein Interesse an VC oder Investoren, die nach einem Exit suchen. Globale Expansion muss nicht immer das Ziel sein. Limits und Nischen machen Spaß, sind familiär: Man kennt sich und das ist gut so!

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Warum kommen mehr international bekannte Startups beispielsweise aus Schweden und Israel?

Ein Grund könnte die Größe des jeweiligen Sprachraums sein. Schwedisch sprechen etwa 10 Millionen Menschen und in Israel leben mit 7,3 Millionen Einwohnern vergleichsweise wenig Menschen, die zudem meist mehrsprachig aufwachsen. Der DACH-Sprachraum dagegen umfasst insgesamt ca. 100 Millionen Menschen. Einen solch großen Markt (DE, AT, CH), mit den bekannten Gegebenheiten per Muttersprache anzuzapfen, ist daher nicht nur naheliegend und legitim, sondern genauso verständlich wie die globalere Ausrichtung der Startups aus Schweden und Israel. Maximale und internationale Expansion kann ein Erfolgsrezept sein, muss aber nicht zwangsläufig auch in jedem Geschäftsmodell verankert sein.

Kleine Startups und Nischen = Mittelstand

KMUs stellen den größten Teil der deutschen Unternehmen, tragen den größten Teil zum Bruttosozialprodukt bei, stellen vor allem mit Abstand den größten Teil aller Arbeitsplätze und bilden etwa 80% aller Auszubildenden aus. Das Nischendenken der Deutschen scheint sehr ausgeprägt zu sein. In Zeiten von „Long Tail“ aus meiner Sicht eher ein Zeichen von Stärke und Zukunftsorientiertheit.

These: Der Long Tail schlägt weiter zu - Die Zahl der Startups wird in den nächsten Monaten und Jahren steigen.

Für diese These sehe ich drei wichtige Faktoren:

1. Know-how schlägt Kapital: Digitalisierung, Technologie, Open Source & Wissen

Kapital verliert als kritische Größe im Vergleich zu Know-how und Betriebsmitteln an Bedeutung. Faktoren wie beispielsweise das Gründerteam, Open-Source-Software oder das Internet als automatisierter Vertriebskanal gewinnen dagegen an Bedeutung. Der Weg in die Selbständigkeit ist so einfach wie nie zuvor und wird zum Beispiel von regionalen Wirtschaftsförderungseinrichtungen, spezialisierten Netzwerken und Dienstleistern immer besser geebnet.

Glücklicherweise steht die Ressource „Know-how“ durch frei verfügbares und leicht zugängliches Wissen, beispielsweise durch Wikipedia und dem Netz im allgemeinen, ja inzwischen fast jedem offen. Die Köpfe bzw. das Gründerteam, Know-how und Produktionsmittel wie Open-Source-Softwar, sind allesamt frei verfügbar. Digitale Vertriebswege, neue Marketingformen wie SEO und SEM sowie unzählige Dienstleister besorgen den Rest.

2. Die Wirtschaftskrise forciert eine Gründungswelle!

Der Begriff „Krise“ ist traditionell negativ besetzt. Befindet sich eine Branche in einer Krise, so geht es ihr wirtschaftlich zunächst einmal schlechter als vor der Krise. Eine Krise kann aber auch positive Auswirkungen haben, beispielsweise wenn traditionelle Verfahrensweisen, die mit der modernen Gesellschaft nicht mehr in Einklang zu bringen sind, abgelöst werden. Beispiel Musikwirtschaft: Hervorgerufen durch Veränderungen der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, sorgten die Digitalisierung und die digitalen Vertriebswege für eine ausgewachsene Krise der Branche. Doch für die gesamte Label-Landschaft sorgte die Krise für Wachstum und für eine Umverteilung von oben nach unten (siehe z.B. VUT-Studie Wachstum gegen den Trend).

Ein ähnlicher Prozess läuft bereits in der IT- und Web 2.0-Gründerszene ab. Wissensträger aus Konzernen oder Unternehmen, denen es aktuell nicht so gut geht, machen sich mit eigenen Ideen selbständig. Gründe hierfür sind unter anderem schlechte Bezahlung, ein unangenehmes Betriebsklima oder betriebsbedingte Kündigungen.

3. Jung Guns: Nerds, Geeks und Webentwickler an die Macht

Schüler, die mit 18 Jahren beispielsweise eine iPhone- oder Air-App gebastelt haben, könnten die Gründer und CTOs von morgen sein. Technisch versierte Mitarbeiter und CTOs spielen im Rahmen von Web-2.0-Unternehmensgündungen eine zunehmend große Rolle. Visionen und neue Geschäftsideen kommen oft aus dieser Richtung. Ähnlich wie beim Punkt „Know-how schlägt Kapital“ könnte man hier sagen: „CTO schlägt CEO“.

Aus meiner Sicht steigt die Zahl der Startups und Unternehmensgründungen bereits an. In unserem Web 2.0 Startup Verzeichnis sind aktuell mehr als 400 deutschsprachige Startups gelistet.

Webagenturen und Webfreelancer sind zwar keine klassischen Web-2.0-Startups, mischen im IT-, Social-Media- und Web-2.0-Sektor aber trotzdem gehörig mit. Nach unseren Schätzungen gibt es im deutschsprachigen Raum weit mehr als 10.000 weblastige Dienstleister dieser Art.

Fazit

Ingesamt finde ich die Frage, ob und wie viele deutsche Startups antreten um globaler Marktführer zu werden und dabei mit VC ausgestattet sind, ziemlich unspannend. Dass die deutsche Gründerszene nicht mutig genug, nicht naiv genug und nicht optimistisch genug ist, stimmt schlichtweg nicht.

Ähnlich wie in der Krise der Musikindustrie sehe ich statt dessen eine wachsende, innovative und hoch motivierte deutschsprachige Web-2.0-Gründerszene. Denn das Beispiel Musikindustrie zeigt doch eines sehr deutlich: Krisen der traditionellen Wirtschaftszweige sind immer auch Chancen für neue Ideen im Web 2.0. Auch in Deutschland.

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8 Reaktionen
Andreas Lenz

sehe ich komplett anders. es gibt in jeder großstadt extrem gute strukturen und fördereinrichtungen die das gründen extrem erleichtern. welche hürden meinst du, mir sind keine bekannt.

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Matthias

Naja, was erwartet man denn, wenn in Deutschland Gründer mit übler Bürokratie und anderem unerträglichem Mist zu kämpfen haben? Gründern wird es in unserem Land sehr schwer gemacht und das sollte allgemein bekannt sein.

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hathead

Sehr war. Ich kann dieses ständige Digitale-Entwicklungsland geheule auch nicht leiden. Es ist nicht immer wünschenswert ein Geschäftsmodell überregional aufzuziehen. Die Idee ein Webunternehmen müsse global operieren nur weil es global zugänglich ist, ist ein bisschen zweifelhaft.

Der Trend sagt unter anderem auch wegen Zensurbestrebungen anderer Staaten, dass es wohl eher so aussehen wird, dass das globale Dorf sich eher lokalisiert. Auch immer mehr lokalisierte Dienste weisen auf genau das hin. Darüber hinaus entsteht ein weiteres Risiko: Monopolisierung. Microsoft, Google und Facebook reichen mir eigentlich aus.

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Falk Hedemann
Falk Hedemann

Wachstum = Erfolg, ich denke diese Formel ist schlichtweg zu einfach gedacht. Jeder Markt lebt gleichermaßen von den Großen und Kleinen. Das ist auch im IT-Sektor nicht anders. Und wer zu den Großen gehört hat auch nicht das Patent für Erfolg.

Beispiel Microsoft: Bill Gates hatte mit seinem Konzept globale Dominanz bei den Betriebssysteme und Büroanwendungen auszuüben fraglos Erfolg. In der Vergangenheit - und heute?

Beispiel Facebook: Facebook hat sich in atemberaubender Geschwindigkeit zu einem Massenphänomen entwickelt. Fraglos ein Erfolg, wenn auch kein finanzieller. Würde man das komplette VC wieder rausziehen, könnte Facebook seine Plattform schließen.

Natürlich würde ich Matthias (#1) auch wünschen er würde Startkapital für sein Nischen-Startup bekommen. Allerdings bin ich absolut der Meinung, dass sich gute Ideen langfristig immer umsetzen lassen - auch wenn es etwas länger dauert. Im Übrigen ist es auch in den USA mittlerweile nicht mehr so einfach VC zu bekommen. Vor 2-3 Jahren genügte ja schon eine Unternehmensadresse im Valley und die Millionen waren auf dem Konto.

Wir sollten hier in Deutschland weiter den Mut haben die „Kleinen" zu sein, dafür aber solide zu wirtschaften. 20 glückliche Mitarbeiter und 10.000 zufriedene Nutzer, statt 10 Millionen Mitläufer, die sich wie Lemminge verhalten, sollten Anreiz genug sein, sich nicht in globalen Marktkämpfen aufzureiben um letztlich doch zu scheitern.

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Andreas Lenz

@mattias puh! doch noch jemand der die sache nicht ultimativ pessimistisch sieht. genau um den guten nährboden muß es uns gehen. statt von oben herab zu schimpfen und drauf zu hauen, sollten wir eine andere kultur pflegen. z.b. neues und nachwuchs im kleinen fördern, studenten motivieren, positiv beleuchten und know how bereit stellen. von klein bis groß, es gibt genügend success storys inzwischen.

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Matthias Schwenk

Ich sehe die Situation ebenfalls nicht negativ. Dass die deutsche Gründerszene nicht mit der amerikanischen mithalten kann, muss im richtigen Kontext gesehen werden: In den USA gibt es schon lange eine sehr große IT-Branche, bei uns hingegen nicht.

In Deutschland dominiert die Industrie und die braucht eben etwas länger, bis sie die Bedeutung des Internets für sich erkennt. Aktuell kommt das gerade so langsam ins Rollen und dürfte auf Sicht der nächsten Jahre nicht nur IT-Dienstleistern, sondern auch Startups mit entsprechenden Geschäftsideen einen sehr guten Nährboden bieten.

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Knut O.E. Pankrath

Bei der Zwischenüberschrift "Know-how schlägt Kapital" kam mir das vor einiger Zeit rezensierte Buch "Kopf schlägt Kapital" von Prof. Günter Faltin in den Sinn und ich musste heftig nicken.

Das Gründen aus Komponenten und der Einbau hoch skalierbarer Dienste, die nur dann Kosten erzeugen, wenn wirklich etwas gebraucht/verbraucht wird, wirbeln Märkte jetzt schon durcheinander, wo dieses neue Denken auf alte Zöpfe trifft.

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Matthias
Matthias

Ich glaube, in dem zitierten Netzwertig-Artikel ging es eher um die Frage nach wirklich disruptiven Unternehmen - und die wirklich großen Dinger kommen bislang nun mal aus dem Valley.

Dass Nischen-Unternehmen nicht nur eine Daseinsberechtigung haben, sondern sogar sehr wichtig sind, halte ich für richtig: seit ein paar Monaten arbeite ich selbst an einem solchen.

Aber gerade deshalb sehe ich die Schwierigkeiten am Standort Deutschland bestätigt: wer sich in eine Nische vorwagt, hat ein _richtiges_ Problem, wenn er Fremdkapital braucht.
Es interessiert sich "keine Sau" für ein potentiell solides KMU, das sich jetzt in der Seedphase befindet und den Prototypen noch nicht fertig hat. Und das eben nicht behauptet, der Zielmarkt sei "die ganze Welt", sondern eine wohldefinierte Nische, die zukünftig 50 Mitarbeiter ernähren kann und bei 10.000 Kunden den break even erreicht.
So etwas findet kein Investor interessant - selbst staatlich finanzierte Förderer sagen "die Zielgruppe ist kleiner als die von Google, ergo fehlt es hier an förderunswürdigem Potential".

Es gibt aber viele Ideen, die zwar nicht
a) technologisch hochinnovativ sind und
b) eine Zielgruppe von 6 Mrd. Menschen ansprechen,
die aber die Welt einer Nische nachhaltig verändern und verbessern können. Aber solche Ideen werden in Deutschland schlicht nicht gefördert. Wer also kein hinreichendes Eigenkapital hat, bleibt auf der Straße oder geht ins Valley.

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