Globale Expansion oder der Weg in die Nische?
Global gesehen mögen die netzwertig-Autoren mit Ihrer These recht haben, dass es in Deutschland an der nötigen Naivität fehlt, um weltweit funktionierende Geschäftsmodelle zu etablieren. Wie so oft kommt es aber auch hier auf den Blickwinkel an. Sind nur global aufgestellte Player interessant, die von Venture Capital (VC) abhängig sind? Ganz im Gegenteil. Viel wichtiger aus meiner Sicht sind normale kleine und mittelständische Unternehmen wie zum Beispiel Blogwerk (Betreiber von netzwertig.com) oder unser Unternehmen yeebase media. Wir haben beispielsweise aktuell überhaupt kein Interesse an VC oder Investoren, die nach einem Exit suchen. Globale Expansion muss nicht immer das Ziel sein. Limits und Nischen machen Spaß, sind familiär: Man kennt sich und das ist gut so!
Warum kommen mehr international bekannte Startups beispielsweise aus Schweden und Israel?
Ein Grund könnte die Größe des jeweiligen Sprachraums sein. Schwedisch sprechen etwa 10 Millionen Menschen und in Israel leben mit 7,3 Millionen Einwohnern vergleichsweise wenig Menschen, die zudem meist mehrsprachig aufwachsen. Der DACH-Sprachraum dagegen umfasst insgesamt ca. 100 Millionen Menschen. Einen solch großen Markt (DE, AT, CH), mit den bekannten Gegebenheiten per Muttersprache anzuzapfen, ist daher nicht nur naheliegend und legitim, sondern genauso verständlich wie die globalere Ausrichtung der Startups aus Schweden und Israel. Maximale und internationale Expansion kann ein Erfolgsrezept sein, muss aber nicht zwangsläufig auch in jedem Geschäftsmodell verankert sein.
Kleine Startups und Nischen = Mittelstand
KMUs stellen den größten Teil der deutschen Unternehmen, tragen den größten Teil zum Bruttosozialprodukt bei, stellen vor allem mit Abstand den größten Teil aller Arbeitsplätze und bilden etwa 80% aller Auszubildenden aus. Das Nischendenken der Deutschen scheint sehr ausgeprägt zu sein. In Zeiten von „Long Tail“ aus meiner Sicht eher ein Zeichen von Stärke und Zukunftsorientiertheit.
These: Der Long Tail schlägt weiter zu - Die Zahl der Startups wird in den nächsten Monaten und Jahren steigen.
Für diese These sehe ich drei wichtige Faktoren:
1. Know-how schlägt Kapital: Digitalisierung, Technologie, Open Source & Wissen
Kapital verliert als kritische Größe im Vergleich zu Know-how und Betriebsmitteln an Bedeutung. Faktoren wie beispielsweise das Gründerteam, Open-Source-Software oder das Internet als automatisierter Vertriebskanal gewinnen dagegen an Bedeutung. Der Weg in die Selbständigkeit ist so einfach wie nie zuvor und wird zum Beispiel von regionalen Wirtschaftsförderungseinrichtungen, spezialisierten Netzwerken und Dienstleistern immer besser geebnet.
Glücklicherweise steht die Ressource „Know-how“ durch frei verfügbares und leicht zugängliches Wissen, beispielsweise durch Wikipedia und dem Netz im allgemeinen, ja inzwischen fast jedem offen. Die Köpfe bzw. das Gründerteam, Know-how und Produktionsmittel wie Open-Source-Softwar, sind allesamt frei verfügbar. Digitale Vertriebswege, neue Marketingformen wie SEO und SEM sowie unzählige Dienstleister besorgen den Rest.
2. Die Wirtschaftskrise forciert eine Gründungswelle!
Der Begriff „Krise“ ist traditionell negativ besetzt. Befindet sich eine Branche in einer Krise, so geht es ihr wirtschaftlich zunächst einmal schlechter als vor der Krise. Eine Krise kann aber auch positive Auswirkungen haben, beispielsweise wenn traditionelle Verfahrensweisen, die mit der modernen Gesellschaft nicht mehr in Einklang zu bringen sind, abgelöst werden. Beispiel Musikwirtschaft: Hervorgerufen durch Veränderungen der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, sorgten die Digitalisierung und die digitalen Vertriebswege für eine ausgewachsene Krise der Branche. Doch für die gesamte Label-Landschaft sorgte die Krise für Wachstum und für eine Umverteilung von oben nach unten (siehe z.B. VUT-Studie Wachstum gegen den Trend).
Ein ähnlicher Prozess läuft bereits in der IT- und Web 2.0-Gründerszene ab. Wissensträger aus Konzernen oder Unternehmen, denen es aktuell nicht so gut geht, machen sich mit eigenen Ideen selbständig. Gründe hierfür sind unter anderem schlechte Bezahlung, ein unangenehmes Betriebsklima oder betriebsbedingte Kündigungen.
3. Jung Guns: Nerds, Geeks und Webentwickler an die Macht
Schüler, die mit 18 Jahren beispielsweise eine iPhone- oder Air-App gebastelt haben, könnten die Gründer und CTOs von morgen sein. Technisch versierte Mitarbeiter und CTOs spielen im Rahmen von Web-2.0-Unternehmensgündungen eine zunehmend große Rolle. Visionen und neue Geschäftsideen kommen oft aus dieser Richtung. Ähnlich wie beim Punkt „Know-how schlägt Kapital“ könnte man hier sagen: „CTO schlägt CEO“.
Aus meiner Sicht steigt die Zahl der Startups und Unternehmensgründungen bereits an. In unserem Web 2.0 Startup Verzeichnis sind aktuell mehr als 400 deutschsprachige Startups gelistet.
Webagenturen und Webfreelancer sind zwar keine klassischen Web-2.0-Startups, mischen im IT-, Social-Media- und Web-2.0-Sektor aber trotzdem gehörig mit. Nach unseren Schätzungen gibt es im deutschsprachigen Raum weit mehr als 10.000 weblastige Dienstleister dieser Art.
Fazit
Ingesamt finde ich die Frage, ob und wie viele deutsche Startups antreten um globaler Marktführer zu werden und dabei mit VC ausgestattet sind, ziemlich unspannend. Dass die deutsche Gründerszene nicht mutig genug, nicht naiv genug und nicht optimistisch genug ist, stimmt schlichtweg nicht.
Ähnlich wie in der Krise der Musikindustrie sehe ich statt dessen eine wachsende, innovative und hoch motivierte deutschsprachige Web-2.0-Gründerszene. Denn das Beispiel Musikindustrie zeigt doch eines sehr deutlich: Krisen der traditionellen Wirtschaftszweige sind immer auch Chancen für neue Ideen im Web 2.0. Auch in Deutschland.





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