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Kolumne

Das Web steckt in der Krise – so kommen wir wieder heraus

Auch digitale Räume brauchen Verantwortungsbewusstsein. (Foto: Shutterstock)

Eine digitale Verantwortungskultur ist erforderlich, um die aktuellen Herausforderungen im Netz zu meistern – und keineswegs unmöglich, wie Martin Weigert in seiner aktuellen Kolumne Weigerts World aufzeigt.

Warum gehen Menschen wählen, obwohl sie wissen, dass ihr Fernbleiben von der Wahl faktisch keinerlei Auswirkungen auf das Ergebnis hätte? Etwas treibt sie dazu, dennoch mentale Energie und Zeit in die politische Partizipation zu investieren – selbst wenn sie sich womöglich lautstark über unfähige Politiker beschweren: ein angelerntes und verinnerlichtes Verantwortungsgefühl, das sich aus der Erkenntnis speist, dass die Summe vieler kleiner einzelner Handlungen eine enorme Wirkung besitzt.

Einem ähnlichen Prinzip folgt die Mülltrennung, ein speziell in Deutschland sehr beliebter „Sport”. Auch hier gilt: Der individuelle schädliche Effekt der Nichttrennung ist minimal, zudem bleibt anders als bei Wahlen das direkte Resultat des Trennens bzw. Nichttrennens im Dunkeln. Eigentlich fehlt jeder Anreiz, nicht aus Bequemlichkeit alles in eine Tonne zu werfen. Die Nichttrennung oder falsche Trennung des gewöhnlichen Hausmülls ist zwar seit 2015 eigentlich Pflicht, aber in der Realität wird niemand dafür mit einem Bußgeld belegt, es nicht so genau zu nehmen. Ein religiöses Gesetz, das explizit zum Trennen des Abfalls verpflichtet, existiert auch nicht. Trotzdem recycelten im Jahr 2006 (also noch bevor es verpflichtend wurde) sage und schreibe 92 Prozent der Deutschen.

Auch bei Interaktionen mit Fremden im öffentlichen Raum zeigt sich dieses Muster: Wir entschuldigen uns, wenn wir in der Bahn oder im Bus versehentlich einer anderen Person auf den Schuh treten. Fragt uns jemand nach dem Weg, ignorieren wir dies nicht einfach, sondern antworten bereitwillig. Dabei besteht zumindest in größeren Städten kaum das Risiko, den anderen Menschen jemals wiederzusehen. Eigentlich könnte die Person ja einfach auf ihr Smartphone schauen! Es spricht nichts dagegen, dass wir ihn oder sie einfach ignorieren. Wir tun es aber nicht. Zumindest die meisten von uns. Wir denken auch gar nicht darüber nach, warum wir so handeln. Wir haben diese Prozesse verinnerlicht und gehen intuitiv davon aus, dass am Ende alle Mitglieder der Gesellschaft von derartigen Verhaltensweisen profitieren.

Analoge Normen ins Digitale übertragen

Wenn es möglich ist, dass Menschen in einer Vielzahl von Lebensbereichen Aufwand in Kauf nehmen und im Sinne des Gemeinwohls handeln (selbst wenn dies nur eine „Nebenwirkung” des egoistisch motivierten Strebens nach dem Sich-gut-fühlen darstellen sollte), ohne dafür irgendeine direkte Gegenleistung zu erhalten, dann müsste dies im Digitalen doch eigentlich auch gehen!

Mittlerweile haben es alle verstanden: Das Internet verändert alles. Manche der sich jetzt deutlich abzeichnenden Entwicklungen sind besorgniserregend. Die ganzen Probleme rund um soziale Medien. Der Aufstieg alternativer Realitäten und Fakten. Die Machtkonzentration im Handel und in anderen Branchen, in denen das Netz alles auf den Kopf stellt. Die Erosion der Privatsphäre und persönlichen Integrität. Da gibt es einiges zu tun. Nur mangelt es bislang an guten Lösungen. Zu neu ist das Ganze, zu komplex und verworren. Zu sehr stehen Ideologien, die Grenzen des menschlichen Auffassungsvermögens sowie individuelles Wunschdenken einem konstruktiven Umgang mit der Situation im Weg.

Vielleicht wäre es deshalb sinnvoll, die Mechanismen zu nutzen, die bei den aufgeführten Beispielen so gut zu funktionieren scheinen. Als Fragestellung ausgedrückt: Wie lässt sich der konstruktive Prozess, der Menschen zum Wählen, zur Mülltrennung und zum gesitteten Umgang gegenüber Fremden bringt, im digitalen Raum nachbilden? So dass Herr Müller aus dem gleichen Grund einen Text voller Humbug nicht bei Facebook weiterverbreitet oder sich nicht an einem hitzigen Onlinemob beteiligt (obwohl er es gerne möchte), aus dem er auch den Lebensmittelabfall nicht in den Grünen Punkt wirft. Und so dass Frau Müller aus dem gleichen Grund nicht ihren gesamten Online-Einkauf immer beim selben Anbieter tätigt und stattdessen etwas Mehraufwand akzeptiert, aus dem sie sich auch zur Bundestags-, Landtags- und Europawahl stets ins Wahlbüro begibt, um ihre Kreuzchen zu machen.

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Verantwortungskultur muss aktiv vermittelt werden

Letztlich geht es um Verantwortungsbewusstsein. Man könnte es auch Verantwortungskultur nennen. Denn die erwähnten Beispiele sind alle angelernt und kulturell unterschiedlich. Nicht überall ist die Wahlbeteiligung so vergleichsweise hoch wie in Deutschland (und in manchen Ländern ist sie höher), nicht überall wird Müll getrennt, und die zwischen Fremden ausgetauschten Höflichkeiten variieren extrem von Land zu Land.

Der digitale Raum ist so neu, dass sich bislang kein Verantwortungsbewusstsein und keine konstruktive Kultur entwickeln konnte. Dies entsteht auch nicht von alleine, sondern muss durch kluge bildungs- und gesellschaftspolitische Maßnahmen aktiv vermittelt werden. Es ist an der Zeit, dass dies geschieht. Dann bleibt uns vielleicht ein bis zur Unkenntlichkeit zensiertes und reguliertes Netz doch noch erspart.

Weitere Kolumnen der Serie Weigerts World findet ihr hier. Ihr könnt die vom Autor täglich kuratierten News zur Netzwirtschaft abonnieren oder seinen wöchentlichen E-Mail-Newsletter mit englischsprachigen Leseempfehlungen beziehen.

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2 Reaktionen
xlerator
xlerator

Ich finde den Gedanken im Ansatz sehr gut. Es besteht jedoch ein erheblicher Unterschied darin wie ich als Person mich in der Gesellschaft verhalte und wie ich mich als anonymer Benutzer im Web verhalte. Wenn mein Alter Ego Reputation einbüßt, kreiere ich mir halt einen Neuen, sogar mehrere. Wir müssen lernen, auch als Web-User verantwortungsvoll und überlegt zu handeln anstatt das Web als Müllhalde und Spielwiese unserer Gedanken zu betrachten. Die Anonymität einzuschränken wäre aus meiner Sicht sicherlich der falsche wenn auch der einfachste Ansatz. Wir sehen aber auch, dass sich eine Gemeinschaft aus anonymen Benutzern gegenseitig reglementieren und positiv zusammenarbeiten kann, so lange sie ein gemeinsames Ziel verfolgt. Vielleicht müssen wir uns darüber klar werden, was wir mit dem Web eigentlich erreichen wollen und dass hier für kleingeistliches Denken nicht der richtige Platz ist.

Martin Weigert
Martin Weigert

Ja ich denke auch nicht, dass Anonymität das Problem ist. Die Person, die ihren Grünen Punkt in den Hausmüll werfen könnte, ist in den meisten Fällen ja auch anonym.

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