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Netzwelt: WebDocumentaries – Storytelling im TV des 21. Jahrhunderts

    Netzwelt: WebDocumentaries - Storytelling im TV des 21. Jahrhunderts
Interaktive WebDoc "Waldschutz in Papua-Neuguinea" der Deutschen Welle, veröffentlicht 2010

Mit den Möglichkeiten des Internets kann man Geschichten multimedial und vernetzt erzählen und Informationen auf eine neue, spannende Weise vermitteln. Was früher ein Dokumentarfilm war, wird heute zum vielschichtigen und individuellen Erlebnis, zur „WebDocumentary“. In diesem Artikel zeigen wir die Wurzeln der „WebDocs“ auf, präsentieren jede Menge interessanter Beispiele und gehen auf die Technik hinter den Kulissen ein.

Die Wurzeln in den 90ern

Die Geschichte der WebDocumentaries beginnt den interaktiven Filmen der 90er Jahre – manch einer erinnert sich vielleicht noch an Dragon's Lair, Phantasmagoria oder Silent Steel. Sie ähnelten den bis heute populären Adventures, wobei der Nutzer meist kaum Gegenstände sammeln oder Charaktere im Spiel befragen musste, sondern vor allem per Mausklick den Fortgang der Handlung bestimmte. Die Daten waren auf mehreren CD-ROMs gespeichert – heute genügt ein durchschnittlicher DSL-Anschluss zur Übertragung aller Informationen. Ein richtiger Durchbruch war interaktiven Filmen weder im TV noch auf dem PC vergönnt, was sicher vor allem auf die Qualität von Inhalt und Produktion sowie die damaligen technischen Beschränkungen zurückzuführen ist.

Phantasmagoria, veröffentlicht 1995 von Sierra Entertainment
Phantasmagoria, veröffentlicht 1995 von Sierra Entertainment

Ein Wegbereiter für Dokumentationen im Web war mit Sicherheit die Software SoundSlides (Vollversion ca. 70 US-Dollar), die erstmals 2005 veröffentlicht wurde. Das in erster Linie für Journalisten entwickelte Tool ermöglicht es, eine Slideshow mit einer Audiospur und mehreren Bildern komfortabel zu erstellen. Dabei sind die Übergänge zwischen den Bildern und auch Animationen über eine Timeline sehr leicht anzupassen. Mittlerweile werden allerdings die meisten Multimedia-Slideshow als Video produziert – finanziell und technisch ist dies keine große Hürde mehr, weiterhin lässt sich ein Video viel leichter integrieren und verbreiten (siehe dazu auch dieses Posting im Blog ISO 800).

Beispiele für WebDocumentaries

Die wahrscheinlich bisher aufwändigste WebDoc ist Prison Valley, eine Produktion von ARTE und Upian. Sie handelt von einer kärglichen Region in Colorado mit gerade mal 36.000 Einwohnern, aber insgesamt 13 Gefängnissen.

Prison Valley von ARTE und upian, veröffentlicht 2010
Prison Valley von ARTE und upian, veröffentlicht 2010

Die inhaltliche Qualität ist außergewöhnlich hoch und steht TV-Produktionen in nichts nach. Geschickt werden Infografiken zum Thema in die Dokumentation eingebunden, ein Forum sowie eine eigene iPhone-App machen das Projekt komplett. Prison Valley gewann bereits zahlreiche Preise, unter anderem den „Web Documentary Award 2010“ der französischen Sender France24/RFI.

Prison Valley - Statistik über Häftlinge in den USA
Prison Valley - Statistik über Häftlinge in den USA

Ein weiteres Beispiel für eine gelungene WebDoc ist „We choose the moon“ zum 40. Jahrestag der Mondlandung von Apollo 11. Über die Originalaufnahmen des Funkverkehrs, viel historisches Bild- und Videomaterial und vor allem die aufwändigen 3D-Sequenzen wird das Weltraumabenteuer für jedermann verständlich. Die gesamte Kommunikation zwischen der Apollo 11-Crew und dem Kontrollzentrum in Houston kann übrigens auch bei twitter nachgelesen werden: http://twitter.com/AP11_Spacecraft bzw. http://twitter.com/AP11_CAPCOM.

WebDoc 'We choose the moon' des JFK Presidential Museum
WebDoc „We choose the moon“ des JFK Presidential Museum

Neben diesen Einzel-Produktionen gibt es mittlerweile auch eine Firma, die sich komplett auf die Produktion von WebDocs spezialisiert hat: MediaStorm. Sie wurde 2005 von Brian Storm, einem ehemaligen Mitarbeiter von MSNBC, gegründet. Kunden sind namhafte Firmen wie Apple, National Geographic und Starbucks. Sind auch alle MediaStorm-Produktionen linear und kommen mit wenig Video aus, so zeigt sich doch die Stärke des Formats in nahezu allen Veröffentlichungen der Firma: Storys, die bewegen, äußerst professionell gemacht sind und Themen beleuchten, die meist nicht im Mittelpunkt der Massenmedien stehen. Das ist ohnehin die größte Chance von WebDocumentaries: Tiefgründige Themen werden zugänglich, es können komplexe Geschichten erzählt werden, die in den traditionellen Offline-Medien entweder nicht funktionieren oder gar keinen Platz finden würden. Jede WebDoc kann im Web 24 Stunden am Tag und für mehrere Jahre einen Platz und somit Nutzer finden, während in anderen Medien Inhalte nur „versendet“ werden und im Archiv verstauben. Zurück zu MediaStorm: Ein gutes Beispiel für die Arbeit der Agentur ist Bloodlines. Thema sind die Auswirkungen von HIV auf Familien in Afrika. Komplett in Schwarz-Weiß gehalten, lässt die Autorin Kristen Ashburn in der WebDoc ausschließlich Betroffene zu Wort kommen. Die Kombination der teils dramatischen Bilder mit dem Off-Kommentar der Betroffenen macht ganz ohne jegliche Statistik deutlich, was für ein dominantes Problem Aids für die Menschen in Afrika ist.

MediaStorm-Produktion 'Bloodlines'
MediaStorm-Produktion „Bloodlines“

Etwas versteckt auf der Seite finden sich einige Dokumente, die die verwendeten Tools von MediaStorm beschreiben und auch für den Einsteiger sehr nützlich sind. Die Einstiegshürden für WebDocs sind generell inzwischen recht niedrig: Passable Videoclips nimmt schon ein iPhone auf, schneiden kann man mit PC oder Mac. Auch die Ton- und Bildbearbeitung stellt für jeden halbwegs ambitionierten Anwender kein Problem dar. Der wichtigste Punkt dürfte somit die inhaltliche Arbeit sein: Die im Web generell recht kurze Zeit Aufmerksamkeitsspanne (siehe dazu diesen Artikel im „The Atlantic“) macht es erforderlich, den Nutzer innerhalb der ersten Minute einer WebDoc zu begeistern, andernfalls ist schnell ein YouTube-Video zum Thema gefunden. Dies dürfte auch die größte Herausforderung für jede WebDoc sein: Bevorzugen Nutzer die zeitintensive Auseinandersetzung mit einem Thema oder suchen sie eher die kompakte Information? Aufschluss darüber dürften in erster Linie die Klickzahlen geben, anhand derer man gut nachvollziehen kann, wieviele Nutzer sich auch noch das letzte Bild bzw. Video einer WebDoc angeschaut haben. Die Deutsche Welle hat im August dieses Jahres mit Waldschutz in Papua-Neuguinea ihre erste WebDoc veröffentlicht. Im Rahmen des Klimaschutzprojektes „Global Ideas“ entstand eine interaktive Reise nach Ozeanien, die dem Nutzer ein Schutzprogramm für den örtlichen Regenwald und die beteiligten Personen vorstellt. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gefördert.

Interaktive WebDoc 'Waldschutz in Papua-Neuguinea' der Deutschen Welle, veröffentlicht 2010
Interaktive WebDoc der Deutschen Welle

Die Technik dahinter

Entwickelt wurde diese WebDoc mit Adobes Flash Builder 4. Der Fokus lag darin, ein flexibles XML-basiertes Template zu erstellen, um alle Inhalte jederzeit austauschen zu können. Wenn Design & Navigation unverändert bleiben, können somit durch die Anpassung dieser XML-Datei beliebige neue WebDocs erstellt werden. Als besonders wichtig erwies sich im Projekt vor allem die Verwaltung der Inhalte: Ohne Dateinamenskonvention, Ablaufplan und die Fokussierung auf das Thema verliert man schnell den Überblick. Grundlage der WebDoc kann z.B. ein Flowchart bzw. Storyboard sein, das alle Handlungsorte, Interaktionsmöglichkeiten und Menüpunkte auf einer A4-Seite zusammenfasst. Mir ist keine WebDoc bekannt, die nicht im Flash-Format erstellt wurde. Zumindest momentan steht Flash aufgrund der Verbreitung des Plugins, der Flexibilität und der Integration mit den weiteren Tools der Creative Suite einigermaßen konkurrenzlos da. Silverlight wäre eine Alternative, langfristig vielversprechender dürfte aber HTML5 sein: Es bringt im Prinzip alles mit, unterstützt aber derzeit noch keinen browserübergreifenden Vollbildmodus. Weiterhin fehlen geeignete Entwicklungswerkzeuge - beides dürfte sich innerhalb der nächsten zwei Jahre ändern. Eine WebDoc lebt wie jedes redaktionelle Angebot vor allem von der Qualität des Inhalts - hier sind traditionellere Medienhäuser wie die Deutsche Welle mit ihrer Produktionserfahrung sicher im Vorteil. Dennoch ist mit einer guten Idee und hochwertigem Material die eigene WebDoc kein unmögliches Unterfangen, solange man den damit verbunden Aufwand nicht unterschätzt. Um interessierte Nutzer zu binden und auf spannende und interaktive Art sowohl zu informieren als auch zu unterhalten dürfte es derzeit im Web kein besseres Mittel geben.

Über den Autor

Jan Petzold arbeitet seit 2006 als Multimediaentwickler bei der Deutschen Welle und war verantwortlicher Programmierer der WebDoc „Waldschutz in Papua-Neuguinea“.

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7 Reaktionen
Jan Petzold

Hallo Jovog,

ja, natürlich analysieren wir das :) Wie im Artikel beschrieben stellen wir uns die Frage Interaktivität vs. lean-back durchaus auch selbst. Eine WebDoc zum Thema "Finanzkrise" sollte man sicher auch anders aufbauen.

Persönlich glaube ich, dass eine WebDoc selten enorm hohe Klickzahlen erzielen wird, dafür dürften die Themen einen zu kleinen Nutzerkreis interessieren. Diese Nutzer werden dann aber (hoffentlich) mehr an den Anbieter gebunden als mit anderen Medienformen.

Antworten
Jovog

Gibt's Abrufzahlen für die DW-Webdoc? Ich finde sie sehr gelungen, aber es würde mich interessieren, wie solche Webdocs angenommen werden. Analysiert ihr das?
Mediastorm arbeitet ja meist mit linearen Stories, Audio/Video-Slideshows mit viel Emotionaliät, im Lean-Back Modus konsumierbar. Bei "Waldschutz in Papua-Neuguinea" muss der User richtig was tun. Und ich frage mich, ob er das wirklich will (sofern nicht ein Spiel dahintersteckt...).

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Jan Petzold

Hallo timour,

ein deutsches Äquivalent zu MediaStorm kenne ich leider nicht. Es scheinen sich zwar inzwischen allerlei Agenturen mit ähnlichem Profil gegründet zu haben (siehe auch http://training.dw-world.de/ausbildung/blogs/lab/?p=1432), aber die sind alle im englischsprachigen Raum. Schätze aber das jede halbwegs ambitionierte Agentur in der Lage sein sollte, eine WebDoc umzusetzen.

Antworten
timour
timour

Hallo Jan,

ich nochmal: kennst Du ein deutsches Pendant zu MediaStorm oder ähnliche Agenturen hierzulande?
Gruß,
Timour

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Jan Petzold

Hallo Timour,

die Kosten hängen vor allem vom Produktionsaufwand ab - speziell die 3D-Sequenzen von "We choose the moon" sind natürlich aufwändig und damit kostenintensiv. Das dürfte der größte Faktor sein. Von der Programmierung betrachtet ist ein Template wie bei unserer WebDoc natürlich auch aufwändiger als eine "einmalige" Programmierung. Langfristig rechnet sich das aber auf jeden Fall.

Personentechnisch gesehen braucht man für eine WebDoc auf jeden Fall einen Redakteur, einen Designer und einen Programmierer. Ein Koordinator/Projektleiter ist meiner Meinung nach auch notwendig. Dazu kommen die Kosten für Lizenzen/Software, Hardware und ausspielende Server. Das dürfte es im Wesentlichen gewesen sein und gibt dir hoffentlich eine grobe Vorstellung :)

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Timour

Hallo Jan. Gibt es eigentlich einen Anhaltspunkt, was die Produktion der WebDoks (z.B. We Choose The Moon oder eure Deutsche-Welle-Dok) kostet?

Gruß,
Timour

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