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Kolumne

Wertschöpfung in der Digitalen Transformation

    Wertschöpfung in der Digitalen Transformation

(Bild: Shutterstock / chombosan)

In der Digitalen Transformation wird übersehen, was eigentlich transformiert wird, schreibt Martin Recke in seiner Kolumne: Wertschöpfung, die nicht nur Menschen, sondern auch Branchen betrifft.

Es gibt im Grunde zwei gängige Muster des Umgangs mit der Herausforderung der Digitalen Transformation. Das eine ist die blanke Realitätsverweigerung: Es wird mich, meine Branche, mein Leben und meinen Job schon nicht betreffen, denn das bleibt alles analog. Und das andere ist das Gegenstück dazu: Ja, alles wird digital, wir verlieren unsere Jobs, und deshalb brauchen wir das bedingungslose Grundeinkommen.

Beides ist Unfug. Und der Grund liegt darin, dass die Digitale Transformation die Wertschöpfung digitalisiert. Das betrifft alle und alles – Menschen, Branchen, Produkte, Leben, Jobs. Deshalb wird es zwar weiterhin analoge Dinge, Produkte und Lebensformen geben – doch deren relativer Wert sinkt im Vergleich zu digitalen Produkten rapide. Um das zu verstehen, ist ein Blick auf vergleichbare Transformationen in der Vergangenheit nötig.

Vor der Industriellen Revolution entstand der überwiegende Teil der Wertschöpfung in der Landwirtschaft, der Rest war Handwerk und Handel. Nichts davon ist völlig verschwunden – aber in der Landwirtschaft wird heute nicht einmal ein Prozent der Bruttowertschöpfung erbracht. Trotzdem muss niemand hungern, und ein dicht besiedeltes Land wie Deutschland kann sich praktisch selbst ernähren. Die Industrielle Revolution hat die Landwirtschaft marginalisiert. Die Wertschöpfung ist aus der Landwirtschaft in die Industrie abgewandert, und mit ihr die Arbeitskräfte.

Die Wertschöpfung wird digitalisiert

Seit rund fünfzig Jahren läuft der gleiche Prozess erneut ab. Diesmal ist es der Dienstleistungssektor, der wächst, während die Industrie schrumpft und nach Asien abwandert. Zum Teil nimmt dieser Prozess dramatische Ausmaße an und wird zutreffend als Deindustrialisierung beschrieben, mit drastischen Folgen für Regionen und Beschäftigte. Auch ein starker Industriestandort wie Deutschland erbringt heute nicht einmal mehr 30 Prozent der Bruttowertschöpfung in der Industrie – dafür fast 70 Prozent im Dienstleistungssektor, wo fast 75 Prozent aller Beschäftigten arbeiten.

Die Produktivität der Beschäftigten ist in der Industrie zwar etwas höher als im Dienstleistungsbereich, aber nicht um Größenordnungen. Zu den Dienstleistungen zählen auch relativ einfache Tätigkeiten, was den Schnitt nach unten zieht. Solche Jobs wurden in der Industrie längst schon wegrationalisiert. Auf der anderen Seite gehört auch viel gut bezahlte Knowledge Work zum Dienstleistungssektor. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gehen die meisten Leser dieser Zeilen einer solchen Tätigkeit nach.

Die Wertschöpfung wandert schon längst in Richtung Digital, während Dienstleistungen, Industrie und Landwirtschaft entweder digital oder weiter marginalisiert werden.

Die Digitale Transformation hat nicht erst gestern damit begonnen, den drei Sektoren Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistung Wertschöpfungsanteile abzunehmen. Wir können das nur noch nicht so gut messen. Allein die ITK-Industrie kommt nach offiziellen Zahlen bereits auf fast fünf Prozent der Bruttowertschöpfung, noch vor dem Maschinenbau. Der Digitalisierungsgrad der deutschen Wirtschaft lag 2016 bereits bei 55 von 100 möglichen Punkten. Untersuchungen wie diese deuten darauf hin, dass die Wertschöpfung heute schon zu etwa 50 Prozent mit digitalen Angeboten erwirtschaftet wird. Ein Industrie-Schwergewicht wie Audi-Vorstandschef Rupert Stadler sagt, dass sein Unternehmen in Zukunft 50 Prozent der Umsätze mit digitalen Diensten machen will.

Würden sich die Statistiker also irgendwann dazu durchringen können, die Digitale Wirtschaft als eigenen Sektor auszuweisen, dann wäre der digitale Sektor auf jeden Fall heute schon eine der größeren Säulen im Diagramm. Anders gesagt: Die Wertschöpfung wandert schon längst in Richtung Digital, während Dienstleistungen, Industrie und Landwirtschaft entweder digital oder weiter marginalisiert werden. Dieser Prozess bedeutet mit zwingender Logik, dass Arbeitsplätze verschwinden werden. Und zwar genau diejenigen, deren Wertschöpfung durch die Digitalisierung substituiert wird. In Analogie zur Industriellen Revolution ist also der Begriff Digitale Revolution durchaus angebracht.

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Das bedingungslose Grundeinkommen ist keine Lösung

Ist nun das bedingungslose Grundeinkommen eine Lösung für dieses Problem? Wahrscheinlich nicht. Auch hier hilft der Blick in die Geschichte. Der Sozialstaat, wie wir ihn heute kennen, ist historisch entstanden als Antwort auf die sozialen Probleme der Industriellen Revolution. Er half, die Verwerfungen dieses Strukturwandels abzufedern. Eine Umverteilung der Wertschöpfung im großen Stil kann der Sozialstaat jedoch nicht leisten. Das wäre mit der Idee der Sozialen Marktwirtschaft nicht kompatibel. Doch wenn ein bedingungsloses Grundeinkommen die Folgen der Digitalen Transformation kompensieren soll, dann ginge es genau darum – um Umverteilung der Wertschöpfung im großen Stil.

Sollte das nicht gemeint sein, dann würde das bedingungslose Grundeinkommen das Problem nicht lösen, das es vorgeblich lösen soll. Denn ohne Umverteilung im großen Stil verbliebe der größte Teil der Wertschöpfung bei denen, die sie erwirtschaften. Hier ist der eigentliche Kern der Diskussion zu suchen. Umverteilung im großen Stil hieße ja, die digitale Wertschöpfung mit höheren Steuern und Abgaben zu belasten. Meistens hält sich die Begeisterung derjenigen, die diese zahlen sollen, eher in Grenzen. Aber auch umgekehrt ist fraglich, ob die Lösung darin bestehen kann, große Teil der Bevölkerung mit Sozialleistungen zu alimentieren. Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte sind in dieser Hinsicht alles andere als ermutigend.

Die meisten Menschen im erwerbsfähigen Alter wollen lieber an der Wertschöpfung beteiligt sein und sich dadurch selbst ernähren, als alimentiert zu werden. Wenn also die Wertschöpfung digital wird, dann müssen es die Jobs auch werden. Genauer gesagt: Menschen brauchen Jobs, die (noch) nicht digital substituiert werden können. Und dafür braucht es menschlichen Erfindungsreichtum – wie schon immer. Mit Digitaler Transformation oder bedingungslosem Grundeinkommen hat das am Ende nicht viel zu tun. Eher schon damit, dass Menschen seit jeher dorthin gehen, wo sie Chancen für sich und ihr Leben sehen – in Berufe, Branchen und Regionen, in denen die Wertschöpfung höher ist als anderswo.

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Comfordery
Comfordery

Ich bin gespannt was die Studie zum bedingungslosen Grundeinkommen in Deutschland aussagen wird... To Be Continued

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