Von der Grundidee her ist die Wikipedia eine Enzyklopädie, an der sich jeder beteiligen kann. Sie ist dadurch ein Werk, das sich fortlaufend verändert. Allerdings bringen diese Veränderungen nicht immer nur Verbesserungen mit sich.
Aus diesem Grunde sind heute nicht mehr alle Wikipedia-Nutzer gleich. Zwar kann theoretisch noch immer jeder Leser auch zum Autor und Korrektor werden - meist genügt ein Klick. Aber daneben (und vor allem: darüber) gibt es noch die „Sichter“ und die „Administratoren“. In beiden Fällen sollen diese Posten besonders vertrauenswürdige und engagierte Wikipedia-Nutzer übernehmen und es geht kurz gesagt darum, die Qualität des Angebots zu verbessern. Zum Sichter kann man werden, wenn man eine gewisse Aktivität als Nutzer bewiesen hat - entweder automatisch oder durch einen Admin. Man darf dann Versionen von Inhalten als „gesichtet“ kennzeichnen, die frei von Vandalismus sind. Administratoren hingegen werden gewählt und haben sehr weitreichende Rechte, bis hin zum Sperren und Löschen von Beiträgen.

Podium der Diskussionsrunde: Leon Weber, Wikipedianer, Johnny Haeusler, Spreeblick.com, Martin Zeise, Wikipedia-Admin, Pavel Mayer, Blogger.
Ein Problem der Wikipedia ist offensichtlich inzwischen, dass die Zahl der Inhalte die Kapazitäten der vorhandenen Helfer übersteigt und den selbst auferlegten Qualitätskriterien nicht mehr gerecht wird. Das wird in der Debatte um die Löschung von Beiträgen auch als Begründung aufgeführt: Man könne nur eine begrenzte Menge von Artikeln betreuen. Andere halten dem entgegen, dass stattdessen mehr Helfer motiviert werden müssten. Zudem seien die Relevanzkriterien und Qualitätsansprüche der Wikipedia in Frage zu stellen.
Wer bei der Wikipedia mitmachen will, hat es jedenfalls nicht ganz so leicht. Interessierten präsentiert sie sich mit einer für Nicht-Nerds unverständlichen Benutzeroberfläche und bei manchen alteingesessenen Helfern mit einer an Vereinsmeierei erinnernden Haltung. Hinzu kommen gruppendynamische Effekte, persönliche Eitelkeiten und andere zwischenmenschliche Probleme. So firmiert die Diskussionsseite über die zum Löschen vorgeschlagenen Artikel offenbar unter dem Namen „Löschhölle“. Und wer sich einmal die Zeit nimmt, die Diskussionen dort durchzulesen, versteht auch sehr schnell, warum.
Und was lernen wir daraus?
Richtig ist jedenfalls aus meiner Sicht, dass sich noch immer jeder beteiligen kann - theoretisch. In der Praxis hat das aber nur Auswirkungen, wenn das auch gewollt ist und aktiv gefördert wird. Im Bereich der Open-Source-Software ist es doch ebenso: Nur den Quelltext offenzulegen, reicht nicht aus. Wer Leute begeistern will, muss auch etwas dafür tun.
Will die Wikipedia mehr erreichen als den Status Quo, muss sie den Mut haben, auch die Grundlagen zu hinterfragen.
Es ist sicher richtig, dass die deutschsprachige Wikipedia unglaublich viel erreicht und geleistet hat. Allen Aktiven muss man eine Menge Respekt dafür zollen und viele Menschen sind jeden Tag aufs Neue dankbar dafür - ich auch.
Allerdings halte ich es für fatal, sich auf diesem Erfolg auszuruhen, wie es bei Einzelpersonen in der Diskussion anklang. Es reicht nicht, in der Vergangenheit etwas erreicht zu haben, um auch in der Zukunft gut dazustehen.
Das mehr als einmal gebrachte Totschlagargument, jeder Unzufriedene könne sich doch die Inhalte greifen und eine eigene, bessere Wikipedia starten, setzt ebenfalls das falsche Signal. Das zeigt nur mehr als deutlich, dass man unter sich bleiben will.
Durch diese Haltung aber würde die Wikipedia enormes Potenzial verschenken. Sie muss jetzt dafür sorgen, dass mehr Bevölkerungsgruppen sich für das Projekt engagieren. Statt seitenlanger Relevanzkriterien wäre es wichtiger, neue Nutzer zu gewinnen, sie zu unterstützen und dauerhaft zu begeistern. Das wird aber nur gelingen, wenn Hemmschwellen, Einstiegshürden und Frust-Auslöser radikal abgebaut werden.
Meiner Meinung nach sollte es die Wikipedia auch aushalten, schlechte Artikel im Bestand zu haben. Denn sie können zum Kristallisationskern für hervorragende Artikel werden. Sie sollte es auch aushalten, auf den ersten Blick abseitige Themen aufzunehmen, auch wenn diese nur schlecht gepflegt werden können. Denn nur das kann auf lange Sicht neue Unterstützer anziehen.
Dann müssten sich allerdings so manches „Wikipedia-Urgestein“ an den Gedanken gewöhnen, dass die neuen Helfer auch neue Ideen und neue Meinungen einbringen und die Wikipedia in einigen Jahren nur noch wenig mit der heutigen Wikipedia zu tun haben könnte - so gut sie auch bereits sein mag.
Links zum Thema
- Ankündigung der Diskussionsrunde im Wikimedia-Blog.
- Pavel Mayers Blogpost: 99% aller Deutschen sind irrelevant
- Frank Rieger: Am [[Rubikon]] des Weltwissens
- Pavel Richter, Geschäftsführer Wikimedia Deutschland e.V., im Interview mit der taz.
- Die wunderbare Welt von Isotopp: Unter Wikipedianern




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