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Digitale Gesellschaft

RP-Online-Chef Oliver Havlat: „Man muss nicht nur gut schreiben können. Diese Zeiten sind vorbei.“

    RP-Online-Chef Oliver Havlat: „Man muss nicht nur gut schreiben können. Diese Zeiten sind vorbei.“

Oliver Havlat von der RP im Interview (Bild: Shutterstock)

Wie sieht die Zukunft des Journalismus aus? Diese Frage stellt das Blog von Oliver Schrott Kommunikation dieser Tage deutschen Journalisten. Dieses Mal im OSK-Interview: Oliver Havlat, Leiter der Digitalredaktion der Rheinischen Post.

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In der Welt des gedruckten Wortes fühle er sich genauso zu Hause wie im digitalen Netz, sagt Oliver Havlat über sich selbst. Was zähle, sei guter Journalismus, egal auf welchem Kanal und Medium dieser stattfinde. Seit 2012 leitet Havlat die Digitalredaktion der Rheinischen Post und ist damit verantwortlich für die Inhalte auf RP Online und in den Apps der RP. Journalismus sei sein absoluter Traumberuf, schon in der Grundschule habe er die erste Klassenzeitung mit Filzstiften selbst gemalt, „weil ich allen mitteilen wollte, was passiert“.

Nach Schule und Abi studierte Havlat bis 2006 Politische Wissenschaft, Neuere Geschichte und Öffentliches Recht in Bonn und Reykjavik. Zu der Zeit gründete er auch das Online-Feuilleton wortgestoeber.de. Zeitweise schrieben in der Redaktion 35 Autoren. Zu den journalistischen Stationen des 36-Jährigen zählen unter anderem der SWR, Phoenix und Wirtschaftswoche online.

Oliver Havlat zur Zukunft des Journalismus
Oliver Havlat zur Zukunft des Journalismus

2007 folgte dann ein Volontariat beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z). Bis einschließlich Juni 2012 leitete der Journalist die Redaktion von shz.de. Das medium magazin wählte Oliver Havlat unter „Die Top 30 bis 30 des Jahres 2009“, eine Kategorie, in der Hoffnungsträger des Journalismus geehrt werden. Denn Havlat denkt an die Zukunft der Branche, an die notwendige Verzahnung der verschiedenen Medien.

Spannend findet er die Schnittstelle zwischen Print, Online und Tablet. „Alle diese Medien haben Zukunft – wenn man sie klug miteinander kombiniert“, so der Redakteur. Doch er denkt auch ebenso an die Hürden, die es zu bewältigen gilt: „Die, die jetzt 13, 14 sind, werden wir für Textinhalte und Bilderstrecken kaum mehr begeistern können. Für sie ist erstens der Umgang mit digitalen Medien völlig selbstverständlich und zweitens informieren sie sich anders als wir.“ Wenn der RP-Mann nicht gerade in den digitalen Weiten unterwegs ist, erholt er sich am liebsten am, auf und im Wasser: beim Segeln, Kajakfahren und Tauchen. Im Interview erklärt Oliver Havlat, warum er nichts vom Begriff „Qualitätsjournalismus“ hält und wieso es nicht mehr reicht, gute Texte zu schreiben.

1. Wie zeichnet sich Qualitätsjournalismus in Zukunft aus und was schadet ihm?

Ich denke, wir brauchen den Begriff „Qualitäts“-Journalismus nicht. Sprechen wir einfach von gutem Journalismus. Guter Journalismus informiert und analysiert, bewertet und kommentiert nachvollziehbar und transparent, unterhält auf niveauvolle Art und Weise. Das wird auch in Zukunft so sein. Schaden nimmt guter Journalismus da, wo er nicht ehrlich ist. Gekaufte Inhalte in Printmedien, Native Advertising und Content Marketing, die nicht als solche gekennzeichnet sind – mit solchen Dingen schadet man Journalismus, weil das Vertrauen, das die Menschen in Medienmarken setzen, erschüttert wird. Das ist sehr schwer zurückzugewinnen.

2. Was sind die großen Trends im Journalismus und was wird sich davon künftig durchsetzen?

SoMoLo und vor allem Mo. Social, Mobile und Local sind die Trends der kommenden Jahre. Das gilt seit einiger Zeit schon und jetzt umso mehr. Vor allem mobil wird sich viel Journalismus abspielen, denn das Smartphone wird immer mehr zum zentralen Kommunikationsinstrument für jeden von uns.

„Schaden nimmt guter Journalismus da, wo er nicht ehrlich ist“

Wir Journalisten, egal ob als Blogger oder in Verlagen und Sendern, müssen Wege finden, unsere Inhalte passgenau mobil an den Leser zu bringen, das können Apps und speziell für den mobilen Kanal angepasste Web-Angebote sein. Wobei „Leser“ vielleicht auch schon ein veralteter Begriff ist, denn unsere Inhalte dürfen wir nicht nur in Textform anbieten, sondern auch als Videos, Podcasts oder in Interaktionsformaten. Was funktioniert, müssen alle Anbieter dabei für ihre Angebote und ihre jeweiligen Zielgruppen herausfinden. Es wird bei jedem anders sein.

3. Wie und wo recherchierst du nach guten und spannenden Inhalten?

Vor allem im Netz und dort vor allem in den sozialen Netzwerken. Schneller kann man kaum an Themen kommen, die die Menschen gerade bewegen – oder beginnen zu bewegen. Wer schnell genug ist, kann sich an die Spitze der Bewegung setzen und das Thema zu seinem machen.

4. Was muss man als Journalist künftig tun und können, um gelesen und wahrgenommen zu werden?

Man muss nicht nur gut schreiben können. Diese Zeiten sind vorbei. Erstens, weil es immer mehr darauf ankommt, nicht nur in Texten seine Inhalte zu vermitteln, sondern auf jeweils unterschiedliche Art und Weise, beispielsweise auch in Videos. Und zweitens, weil es immer mehr darauf ankommt, im Gewitter der News, Schlagzeilen, Inhalte, Mails, Tweets und Posts, das beständig auf die Menschen herniedergeht, hörbar zu werden und zu bleiben.

Journalismus wird also immer mehr auch zu der Kunst, sich selbst, sein Thema, sein Medium und seine Inhalte zu vermarkten. Da ist sehr viel Eigeninitiative vonnöten: Jeder Journalist sollte über seine Themen bloggen, sollte sich in den für ihn wichtigen sozialen Netzwerken auskennen und vernetzen, sollte aber auch schauen, im „wirklichen Leben“ präsent zu sein: Bei Veranstaltungen, auf Podien, mit Vorträgen. Nur so kann man zur Marke werden. Und das wird immer wichtiger, vor allem für freie Journalisten. Niemand hat gesagt, dass Journalismus kein anstrengender Beruf ist.

5. Die technologischen Veränderungen sind rasant – wie müssen sich vor diesem Hintergrund der Journalismus verändern und dessen Anbieter anpassen?

Wir buhlen derzeit um die Generation derjenigen, die jetzt 25 und älter sind. Wir versuchen, sie mit unseren Angeboten auf Smartphones und für Tablets an unsere journalistische Welt heranzuführen. Vielleicht gelingt uns das noch. Bisher denken wir aber viel zu wenig an die noch jüngere Generation: Die, die jetzt 13, 14 sind, werden wir für Textinhalte und Bilderstrecken kaum mehr begeistern können.

„Was würde ich selbst in sozialen Netzwerken mit meinen Freunden teilen?“

Für sie ist erstens der Umgang mit digitalen Medien völlig selbstverständlich und zweitens informieren sie sich anders als wir. Videos spielen da eine sehr große Rolle – aber keine Nachrichtenvideos à la Tagesschau, sondern einfachst hergestellte, selbstgemachte Videos auf YouTube.

Originelle, schnelle, authentische Beiträge. Wer sich mit den bekanntesten YouTubern in Deutschland beschäftigt, entdeckt eine Welt, in der wir als Vertreter traditioneller Medien uns bisher nicht auskennen. Das müssen wir ändern. Kernfrage muss sein: Was würde ich selbst in sozialen Netzwerken mit meinen Freunden teilen?

6. Wie verdient der Großteil der Medien künftig Geld?

Wer darauf die korrekte Antwort geben kann, wird sehr reich werden. Im Ernst: Wir sind dabei, uns mit dem Gedanken anzufreunden, dass es „das“ eine Geschäftsmodell für Medien nicht mehr gibt und sich Erlöse für Verlage und Sender aus mehreren Kanälen ergeben müssen. Klassische Vermarktung von Reichweite, bezahlte Inhalte, Native Advertising, Affiliate Marketing werden Themen sein. Jeder muss experimentieren, um herauszufinden, was für sein Angebot und sein Publikum am besten funktioniert.

7. Wie sehen deiner Ansicht nach journalistische Inhalte und die Angebotslandschaft in fünf Jahren aus?

Es wird weiterhin einige große Medienplayer geben, die eine große Rolle bei der Information der Menschen spielen – auf allen Kanälen. Aber daneben wird eine viel stärker fragmentierte Landschaft von kleinen, Digital-only-Anbietern stehen. Das werden Medien-Startups sein, aber ebenso auch erfolgreiche Blogger, die sich in Nischenthemen bewegen. Informations-Content wird eher vom Leser bezahlt werden müssen – dafür spricht, dass die Mehrzahl der Verlage Bezahlinhalte einführt. Unterhaltungsinhalte werden eher frei verfügbar bleiben und sich über Werbung finanzieren.

8. Welches Medium fehlt heute noch auf dem Markt?

Da gibt‘s ein paar Ideen. Alles zu seiner Zeit.

Über #ZukunftDesJournalismus

Mobiles Internet, immer leistungsfähigere Smartphones, neue Nachrichtendienste: Die Medienlandschaft verändert sich rasant und mit ihr der Journalismus. Viele Fragen bewegen die Branche: Ist die Tageszeitung ein Auslaufmodell, weil die jüngeren Zielgruppen aktuelle Nachrichten nur noch auf mobilen Endgeräten konsumieren? Erledigen bald Schreibroboter typische Routineaufgaben und machen damit einen Teil der Redakteure überflüssig? Mit welchen neuen journalistischen Darstellungsformen können Menschen erreicht werden, die immer weniger lesen und nur noch Bilder anschauen?

Gemeinsam mit Journalisten und Medienmachern aus ganz unterschiedlichen Richtungen wagt OSK einen Blick in die Zukunft des Journalismus. Das Prinzip ist immer das gleiche: acht Fragen, acht Antworten. Stück für Stück entsteht so ein Bild, das belastbare Aussagen zu entscheidenden Trends von morgen und übermorgen ermöglicht.

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