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Digitale Gesellschaft

„Operation Harakiri“-Autor Ralf Heimann: „Viele Verlage machen noch immer Dinge, die schon heute kaum noch jemand braucht“

Ralf Heimann (Foto: twitter.com)

Wie sieht die Zukunft des Journalismus aus? Diese Frage stellt das Blog von Oliver Schrott Kommunikation dieser Tage deutschen Journalisten. Dieses Mal im OSK-Interview: Ralf Heimann. Als freier Journalist schreibt er unter anderem für Spiegel Online, das SZ-Magazin und Wired Germany.

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Zehn Jahre lang war Ralf Heimann Lokaljournalist, dann zog er einen Strich darunter. Irgendwann, so erklärt er auf seinem Blog Operation Harakiri, habe er angefangen, darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn er nicht mehr für die Zeitung arbeiten würde. Wenn sich in seinem Leben etwas ändern würde.

Ralf Heimann zur Zukunft des Journalismus
Ralf Heimann zur Zukunft des Journalismus

Auf seinem Blog schreibt Heimann über seinen Ausstieg aus dem Lokaljournalismus und über das, was im Journalismus seiner Meinung nach schiefläuft. Zur Zeitung kam er nach seinem VWL-Studium, relativ spät, mit 27 Jahren. Er machte ein Volontariat bei den Ruhr Nachrichten und war danach sieben Jahre lang Redakteur bei der Münsterschen Zeitung. Unter anderem löste er dort mit einem Tweet über einen Blumenkübel einen Internet-Hype aus. 2014 kündigte Heimann, um als freier Journalist und Autor zu arbeiten. Seit dem vergangenen Jahr arbeitet der 38-Jährige unter anderem für Spiegel Online, das SZ-Magazin und Wired Germany. Über die Erlebnisse eines Reporters auf dem Land verfasste er das satirische Buch „Die tote Kuh kommt morgen rein“. Im September erscheint die Missgeschicke-Sammlung „Lepragruppe hat sich aufgelöst – Perlen des Lokaljournalismus“, die er zusammen mit Jörg Homering-Elsner herausgibt.

Im Interview erklärt Ralf Heimann, warum einer der wichtigsten Trends im Journalismus nur indirekt mit Technik zu tun hat und warum es für einige Medienhäuser wahrscheinlich keine Rettung geben wird.

1. Wie zeichnet sich Qualitätsjournalismus in Zukunft aus und was schadet ihm?

Ein Qualitätsprodukt ist für mich etwas, das von guten Leuten unter vernünftigen Bedingungen hergestellt wird. Und das ist auch im Journalismus nicht anders. Das Problem sind die Bedingungen. Man kann da eine Handvoll Redaktionen ausnehmen, aber in den meisten gilt: Es fehlt die Zeit, und die Bezahlung wird im Vergleich zu anderen Berufen immer unattraktiver. Für Regionalverlage kann man als freier Journalist eigentlich nur arbeiten, wenn man kein Geld braucht. Das schadet dem Journalismus, weil man so natürlich keine guten Leute findet. Und ich schätze, das wird in den nächsten Jahren auch nicht besser werden.

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2. Was sind die großen Trends im Journalismus und was wird sich davon künftig durchsetzen?

Eine Entwicklung, die ich ziemlich interessant finde, ist, dass Redaktionen heute viel transparenter arbeiten als noch vor ein paar Jahren.

„Fehler werden nicht mehr nur heimlich berichtigt, sondern transparent korrigiert.“

So etwas fängt ja immer in den großen Redaktionen an, und dann übernehmen es irgendwann auch die kleineren. Fehler werden nicht mehr nur heimlich berichtigt, sondern transparent korrigiert. Man schreibt, was man nicht weiß – wie die SZ nach dem Charlie-Hebdo-Anschlag. Und mittlerweile haben viele Redaktionen erkannt, dass es sich lohnen kann, Artikel nicht nur auf Facebook zu posten, sondern sich danach auch an der Diskussion zu beteiligen.

3. Wie und wo recherchierst du nach guten und spannenden Inhalten?

Das hat sich in den letzten Jahren immer mal wieder verändert, aber ich im Moment lese ich wahnsinnig viele Newsletter. Welchen ich zum Beispiel sehr empfehlen kann, auch wenn er mittlerweile kein richtiger Geheimtipp mehr ist: The Next Draft von Dave Pell.

4. Was muss man als Journalist künftig tun und können, um gelesen und wahrgenommen zu werden?

Die Antwort ist recht einfach: Man braucht Informationen, die sonst keiner hat, Geschichten, die sonst keiner sieht, und Perspektiven, die andere nicht einnehmen. Und man muss irgendwie zusehen, dass die Leute den eigenen Namen damit in Verbindung bringen. Das Dumme ist: Das ist leichter gesagt, als getan. Was bei mir selbst ganz gut geklappt hat: ein Buch schreiben. Mein Blog Operation Harakiri hilft mir da oft ebenfalls sehr weiter. Das kann ich eigentlich nur jedem empfehlen. Fest steht: Wenn irgendwas bei Facebook schon die Runde macht, kann man das als Geschichte meist vergessen. Da muss man was anderes finden.

5. Die technologischen Veränderungen sind rasant – wie müssen sich vor diesem Hintergrund der Journalismus verändern und dessen Anbieter anpassen?

Vielleicht ist das gerade das Problem – dass viele Anbieter zu groß sind, um sich an die neuen Bedingungen anzupassen. Mit den Erlösen aus dem digitalen Anzeigengeschäft werden die ganzen Regionalverlage zum Beispiel ihren großen Berg aus Fixkosten auf Dauer nicht decken, mit den Erlösen aus der Papierzeitung auch nicht.

„Man braucht Informationen, die sonst keiner hat.“

Aber vielleicht ist das ja eine Chance für Start-ups, die sich besser an die neuen Bedingungen anpassen können. Viele Verlage machen noch immer Dinge, die schon heute kaum noch jemand braucht. Es gibt zig Zeitungen, die nahezu identische Mantelausgaben aus Agenturmeldungen zusammenbauen, die man am Tag davor im Netz lesen konnte. Von solchen Firmen würde ich zum Beispiel keine Aktien kaufen.

6. Wie verdient der Großteil der Medien künftig Geld?

Das weiß ich natürlich auch nicht, aber ich wundere mich oft, dass Medienhäuser mir nicht das verkaufen, was ich gut gebrauchen kann, sondern das, was für sie am lukrativsten ist. Ein unhandliches Abo, das nur den Vorteil hat, dass der Verlag planen kann. Und dann muss ich den Digitalzugang noch dazu buchen. Ich zahle ein ganzes Medium, obwohl ich nur einen Artikel haben möchte. Ins Archiv komme ich gar nicht, obwohl ich dafür gut zahlen würde.

In den meisten Branchen funktioniert das ja eher umgekehrt. Da orientieren sich die Firmen an den Kunden. Die Musikindustrie hätte die Leute gern gezwungen, weiter die teuren Alben zu kaufen. Das hat auch nicht funktioniert. Aber jetzt kommt der Zeitungskiosk Blendle nach Deutschland, bei dem man einzelne Artikel kaufen kann. Das wird auch nicht die Rettung sein, aber das ist das Produkt, auf das ich schon lange warte.

7. Wie sehen deiner Ansicht nach journalistische Inhalte und die Angebotslandschaft in fünf Jahren aus?

Wahrscheinlich gibt es einige Medienhäuser weniger, aber ich glaube nicht, dass genau die dann fehlen werden.

8. Welches Medium fehlt heute noch auf dem Markt?

Ich frag mich immer, was aus den NEON-Lesern der ersten Generation wird, die irgendwann auf die NIDO umgestiegen sind – also die NEON für junge Eltern. Die sind jetzt auch schon ein paar Jahre älter, aber danach kommt ja nichts mehr. Da könnte man sich vielleicht mal was überlegen.

Über #ZukunftDesJournalismus

Mobiles Internet, immer leistungsfähigere Smartphones, neue Nachrichtendienste: Die Medienlandschaft verändert sich rasant und mit ihr der Journalismus. Viele Fragen bewegen die Branche: Ist die Tageszeitung ein Auslaufmodell, weil die jüngeren Zielgruppen aktuelle Nachrichten nur noch auf mobilen Endgeräten konsumieren? Erledigen bald Schreibroboter typische Routineaufgaben und machen damit einen Teil der Redakteure überflüssig? Mit welchen neuen journalistischen Darstellungsformen können Menschen erreicht werden, die immer weniger lesen und nur noch Bilder anschauen?

Gemeinsam mit Journalisten und Medienmachern aus ganz unterschiedlichen Richtungen wagt OSK einen Blick in die Zukunft des Journalismus. Das Prinzip ist immer das gleiche: acht Fragen, acht Antworten. Stück für Stück entsteht so ein Bild, das belastbare Aussagen zu entscheidenden Trends von morgen und übermorgen ermöglicht.

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2 Reaktionen
Jürgen Schulze

Und wo ist jetzt die bahnbrechende Erkenntnis?
Zitat: "arbeitet der 38-Jährige unter anderem für Spiegel Online, das SZ-Magazin und Wired Germany."
Also macht er doch das, was er früher auch gemacht hat: Schreiben für Geld; noch dazu für "Etablierte".
Nur nicht mehr im Großraumbüro sondern von zuhause. Da kann man sich auch leichter selbst ausbeuten.

Journalismus könnte besser sein
Journalismus könnte besser sein

Die kostenlosen Zeitungen sind zwei mal Pro Woche von jeweils zwei verschiedenen Anbietern im Briefkasten und haben lesenswerten Umfang.
Draufzahlen tun die vermutlich nicht. Das wird immer vergessen.

Warren Buffet ist mit seinen kleineren Zeitungs-Käufen oft wohl (wirtschaftlich) zufriedener als Zeitungen mit höheren Auflagen.

Aber dankenswerterweise wird hier bestätigt was ausser mir in Foren anscheinend sonst niemals jemand wusste: Vieles sind nur Agenturmeldungen. Sieht man ja auch an "ausgeblende Ergebnisse anzeigen" bei Google-News.

Wenn man zufällig mal "Tag der offenen Tür bei unserer Zeitung" oder andere Artikel in der Zeitung sieht, sollte man mal die Alters-Verteilung der Redakteure ansehen !

Auch vorhandene Geschichten kann man besser und im Internet umfänglicher darstellen. Was bisher keinen interessiert ist, das Zeitung platzbegrenzt also Fast-Food-Drive-In in abgepackten Kartons ist und Online könnte das viele Gänge Menü sein also derselbe Bericht in vollständiger und z.b. mit (fortentwickelten und optional anklickbaren) weiteren Erläuterungen die man schon für andere Berichte benutzt hat.

Auch unbekannt scheint, das die allermeisten Zeitschriften nur im Abo existieren. Auch Vereine, Parteien, ADAC usw. vorsorgen Millionen Mitglieder mit Zeitschriften... Das ist der unsichbare Teil des Eisbergs und nicht die paar wenigen Titel im Supermarkt/Tankstelle. Formel1 ist auch nur ein kleiner Teil des Auto-Rennsports auch wenn er im TV vielleicht 80% ausmacht. Gleiches für die 30 Sportarten die im ÖR gezeigt werden und es noch viele andere Sportarten (inklusive Wettbewerben usw.) gibt.

Das Leistungs-Schutzrecht hat bisher wie viel eingespielt? Es sollte die Verlage retten. Dachten vielleicht manche Verlage die dann in der nächsten Rezession billig aufgekauft werden. Wie viele eigenständige Bierfirmen gibt es noch ?
Solche kleine Firmen können sich keine fehlgeschlagenen IT-Projekte leisten. Welche deutschen IT-Projekte sind Erfolge ? Inpol neu ? Arbeits-Amts-Software ? Steuer-Projekt ? Berliner Flughafen Architektur-Software ? Na also...
Großverlage geben zig Millionen aus für Projekte die man oft an 1-2 Wochenenden programmieren könnte. Dummerweise gelten dank TTIP Patente auf Geschäftsmodelle und existenzvernichtende jahrelange Klagen können kleine Qualitäts-Leser die nützliche Software programmieren möchten, sich nicht leisten.

Wenn mal älter wird und sieht das nichts zum leben bleibt, erkennt man wie man jahrelang Unfug erzählt bekommen hat. Beispielsweise das es keine Software-Patente gäbe. Oder das es Fachkräftemangel gäbe.
Die Bildungsblase platzt langsam. Gleichzeitig gibt es immer weniger Handwerker und die TV-Dokumentationen wie Bau-Retter, Schrott-Immobilie, Arm und Hungrig, Diplom und arbeitslos, Abgezockt vom Handwerker/Reparaturdienst/.... gewinnen immer mehr Sendezeit.
Team Wallraff und Mario Barth decken vielleicht mehr auf als der Qualitäts-Journalismus oder Lokalzeitungen die sich oft nur Leute vornehmen die (aufgrund Fehlverhaltens) sowieso nicht mehr erwünscht sind.

Hier wird auch gerne über Startups berichtet. Die gigantischen Nachteile werden ignoriert: Mietraum-Überteuerung, geringe Sozialabgaben wegen niedriger Löhne, wegen jahrzehntelanger Verluste und wenig Wertschöpfung(also wenig Netto-Umsatz-Steuer) wohl wenig Steuer-Abgaben, Bindung zigtausender Fachkräfte die in nützlicheren Firmen wohl besser fürs Volk aufgehoben wären, ...

Viele Geschichten liegen auf der Straße. Man muss sie nur sehen und den Hunger haben, sich von der "Desinformations-Eisenbahn für Miswirtschaft und Vorteilsmaximierung" abzutrennen.
Der Journalismus verzichtet ja auf anonyme Hinweise. Es ist überhaupt nicht nötig die Quelle zu kennen wenn man die Aussagen überprüfen kann.
http://www.golem.de/news/musik-streaming-simfy-ist-offenbar-am-ende-1505-113855.html
Daher fordere ich schon lange das Redaktionen solche Informationen wie Handels-Registereinträge oder Weggang von Top-Managern anonym gemeldet können müssen. Dann erfährt man nicht erst drei Monate später wenn vielleicht die Krankenkasse Insolvenzantrag für die Firma stellt weil 3 Monate keine Löhne gezahlt wurden, davon. Wer Lokalzeitung liest sollte mal alle Insolvenzmeldungen nebeneinander legen und erkennt ein häufiges Muster : "Seit 3 Monaten kein Lohn gezahlt.". Sowas kann man früher wissen.
Man sollte sich Fußball-Journalisten als Vorbild nehmen. Die wissen sofort wenn jemand fehlt. Aber hier erst wenn der weggegangene Top-Boni-Manager ein eigenes Startup oder Inkubator o.. gründet obwohl er schon seit Monaten nicht mehr in der Firma sitzt und alle Mitarbeiter das ja wissen und man es am Parkplatz und der Beschriftung am Büro erkennen und überprüfen kann...
Leider ist aus Openleaks wohl nicht viel geworden. Wer meint zu wenig Lohn zu kriegen könnte seine Firma verpetzen und die Gewerkschaft organisiert sich Lohnabrechnungen (z.b. per Facebook) und checkt die Löhne mal durch und bewertet die Firma mit gut oder schlecht. Dann lohnt es nicht, Konkurrenten anzuschwärzen. Aber ich glaube Linke, Rot-Grün(Neuer Markt, UMTS-Lizenzen), usw. ... organisieren vielleicht nicht so gerne Internet-Verbesserungs-Projekte.
Oder die Kunden von Analog-Käse. Da fragt man offiziell an ob "ACME/FooBar-Tiefkühl-Produkte" Analog-Käse verwendet und Online sieht man die Antwort oder fehlende Antwort... Aber vielleicht finden viele Analog-Käse als Vorbereitung für Gen-Produkte oder US-Bier dank TTIP gut.

Spannender nützlicher Journalismus wäre dank Facebook, Twitter usw. heutzutage oft trivial einfach.

Die jungen Journalisten wiederholen z.B. bei Startupmeldungen recht naiv die Fehler der Neuen-Markt-Journalisten vor 15 Jahren. Die Blase wird wieder platzen. Wenn Journalisten älter werden, kennen sie wohl genug Leute und kriegen bessere Posten wo man im Ausland Autos testen kann oder mit hunderten anderer Journalisten bei irgendwelchen Pressekonferenzen und Events herumsitzt usw. und die neuen Journalisten machen die alten Fehler noch mal...
Davon wird das Land nicht besser... Obwohl der Journalismus es verspricht und es seine Aufgabe ist.

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