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HuffPo-Chef: „Ich bin fest davon überzeugt, dass die eigentliche Medienrevolution erst noch bevorsteht“

HuffPo-Chef: „Ich bin fest davon überzeugt, dass die eigentliche Medienrevolution erst noch bevorsteht“

Wie sieht die Zukunft des Journalismus aus? Diese Frage stellt das Blog von Oliver Schrott Kommunikation dieser Tage deutschen Journalisten. Dieses Mal im OSK-Interview: Sebastian Matthes, Chefredakteur der Deutschland.

HuffPo-Chef: „Ich bin fest davon überzeugt, dass die eigentliche Medienrevolution erst noch bevorsteht“

Sebastian Matthes (Bild: nextberlin.eu)

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Für den Job hätte er alles liegen gelassen, sagt Sebastian Matthes. Glücklicherweise habe es damals zeitlich gut gepasst: Nach fünf Jahren als Ressortleiter Technik+Wissen bei der WiWo sei es einfach mal Zeit für einen Wechsel gewesen. „Außerdem wollte ich nicht mehr länger nur über den Medienwandel schreiben. Ich wollte ihn mit einem der innovativsten Medien der Welt selbst gestalten.“ Und so nahm Matthes die neue Stelle an, als Chefredakteur der Huffington Post Deutschland. Am 10. Oktober 2013 ging die deutsche Version der Nachrichten-Seite online. Rund sechs Monate später erreichte das Portal insgesamt 9,5 Millionen Visits – ein gutes Drittel der Zugriffe erfolgte über mobile Endgeräte. Damit schaffte die Huffington Post den Sprung unter die 15 zugriffsstärksten deutschen Nachrichtenseiten.

Mobil ist für die „HuffPost“ ein wichtiger Kanal für die Reichweite. Von den 12,1 Millionen Visits im Februar 2015 kamen 5,7 Millionen von mobilen Geräten. Das Portal setzt auf einen Mix aus klassischen Nachrichten, bunten Themen und viel Meinung. Wegen des neuartigen Ansatzes von vielen zum Start mit Spannung beobachtet, gab es auf der anderen Seite Kritiker, die reißerische Überschriften und Klickanreize mit wenigen Inhalten bemängelten. Punkten kann die Huffington Post außerdem durch ihre hohe Reichweite in den sozialen Netzwerken.

Sebastian Matthes zur Zukunft des Journalismus
Sebastian Matthes zur Zukunft des Journalismus

Schon während seiner Zeit bei der WiWo beschäftigte sich Sebastian Matthes intensiv mit den Themen Internet und soziale Medien. Auf seinem Blog, der sich mit Wirtschaft, Medien, Technologie und Musik beschäftigt, schreibt der 37-Jährige, dass ihn besonders die Frage interessiere, wie neue Technologien unseren Alltag, die Wirtschaft und die Politik verändern. Er sei begeisterter Twitterer und freue sich über alles Neue in der Medienwelt. Die sozialen Netzwerke hat er dabei stets im Blick: „Twitter, Facebook und Instagram sind für mich Unterhaltung, Information – und ständige Begleiter.“

Nach dem Politik- und VWL-Studium an der Universität Hamburg und einem sechsmonatigen Forschungsaufenthalt in Indien studierte Matthes an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Während dieser Zeit arbeitete er für das Handelsblatt, den Spiegel und die WiWo. Weitere Redaktions-Stationen seiner Laufbahn: der Norddeutsche Rundfunk, Financial Times Deutschland und die Neue Zürcher Zeitung, jeweils für die Online- wie auch die Print-Ausgaben. Im spricht Sebastian Matthes darüber, warum eine technische Ausrichtung für Medien-Unternehmen unerlässlich wird. Außerdem geht er darauf ein, was Journalisten tun müssen, wenn sie eine große Karriere verfolgen.

1. Wie zeichnet sich Qualitätsjournalismus in Zukunft aus und was schadet ihm?

Ich halte die Qualitätsdebatte für enorm wichtig, und wir müssen sie unbedingt jetzt führen. Allerdings bin ich der Meinung, dass wir sie bislang falsch geführt haben. Denn irgendwie schwebt ein abstrakter Qualitätsbegriff im Raum, der völlig ignoriert, dass es unterschiedlichste Qualitäten geben kann. Qualität kann sein, eine starke Bewegung am Aktienmarkt per Smartphone-Push-Nachricht am schnellsten zu verbreiten.

Qualität kann aber auch ein sechsseitiges Porträt im Focus oder im Stern sein, ein Leitartikel in der ZEIT, ein Brief an die Leser in der Titanic oder eine trocken aufgeschriebene, aber überraschende Analyse in der FAZ. Oder ein Video, in dem Experten Müttern Tipps für ihren Alltag geben. Wir müssen akzeptieren, dass Qualität für jeden Leser etwas anderes ist. Die größte Gefahr für Medien ist es, diese Tatsache zu ignorieren.

2. Was sind die großen Trends im Journalismus und was wird sich davon künftig durchsetzen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass die eigentliche Medienrevolution erst noch bevorsteht. Der Wandel hin zum mobilen sozialen Zeitalter wird noch viel dramatischer als der Wandel von Print zu Online. Denn in diesem neuen Zeitalter wird sich alles verändern: die journalistischen Darstellungsformen, das Verhältnis zu unseren Leserinnen und Lesern und die Art, wie wir Werbung machen.

Zugleich werden in dieser neuen Zeit diejenigen Medienunternehmen erfolgreich sein, die sich zu einem großen Teil auch als Technologieunternehmen verstehen. Schon heute werden die Inhalte über Technologie verbreitet und über Algorithmen so aufbereitet, dass Menschen vor allem die Dinge lesen können, die sie wirklich interessieren. Bei alldem steht der deutsche Medienmarkt noch ganz am Anfang.

3. Wie und wo recherchierst du nach guten und spannenden Inhalten?

Überall. In , in Archiven, in Gesprächen mit Experten – da hat sich in den vergangenen Jahren nicht viel geändert. Nach wie vor ist Twitter für mich persönlich das wichtigste News-Medium, um den Überblick zu behalten. Aber ich lese jeden Tag auch Tageszeitungen – allerdings als App auf dem iPhone.

4. Was muss man als Journalist künftig tun und können, um gelesen und wahrgenommen zu werden?

Journalisten müssen in Zukunft nicht nur exzellent schreiben können. Sie müssen mehr denn je in der Lage sein, Leserinnen und Leser zu überraschen, zu bewegen und zu begeistern. Das sind ganz alte journalistische Fähigkeiten, die aber im Zeitalter der sozialen Netzwerke wichtiger sind denn je. Vor allem das Besondere, das Überraschende wird geteilt und weiterdiskutiert. Journalisten, die diese Mechanismen verstehen, haben in Zukunft die besten Chancen.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass die eigentliche Medienrevolution erst noch bevorsteht“

Überraschung gelingt mit sehr gutem Journalismus und Geschichten, die wirklich relevant für die Menschen sind. Ich glaube aber auch, dass sich unser Blick auf die Welt verändern muss. Allzu lange haben wir nur die Problemen in den Mittelpunkt gestellt. Viel zu selten haben wir uns mit den Menschen beschäftigt, die an den Lösungen arbeiten.

Das wollen wir bei der Huffington Post ändern. Wir berichten zwar auch künftig über Katastrophen, Korruption und religiösen Fanatismus. Aber wir wollen künftig viel stärker die Menschen in den Mittelpunkt stellen, die gegen diese Probleme kämpfen. Organisationen zum Beispiel, die radikalen Islamisten den Ausstieg erleichtern. Oder Menschen, die Techniken entwickeln, um die Meere von Plastikmüll zu befreien.

Darüber hinaus müssen Journalisten, die in Zukunft erfolgreich sein wollen, im Netz zu einer Marke werden. Sie müssen ihren Namen mit einem Thema verknüpfen – auch jenseits ihres eigenen Mediums. Das ist schon oft gesagt worden. Wirklich verstanden haben es aber die Wenigsten. Die größten Karrieren machen künftig agile, journalistische Einmannunternehmen, denen es gelingt, eine Community um sich und ihre Themen aufzubauen. Das ist über Blogs, Twitter und Facebook übrigens leichter denn je.

5. Die technologischen Veränderungen sind rasant – wie müssen sich vor diesem Hintergrund der Journalismus verändern und dessen Anbieter anpassen?

Es wird nicht den einen Weg geben, den alle einschlagen müssen. Allerdings werden sich nahezu alle mit den Mechanismen sozialer Netzwerke auseinandersetzen müssen. Denn der Zeitungsausträger der Zukunft ist unser Leser. Wir müssen verstehen, warum er bestimmte Inhalte verbreitet und andere nicht.

Ich glaube auch, dass Zahlen wesentlich wichtiger werden für Journalisten, denn die verraten viel über unsere Nutzer. Aber auch das ist eine gute Nachricht. Denn wir sehen jetzt schon, mit welchen unserer Inhalte sich die Menschen länger und mit welchen sie sich kürzer beschäftigen. Daraus lernen wir, wie wir Journalismus besser machen können.

6. Wie verdient der Großteil der Medien künftig Geld?

Hier sehe ich nicht den einen Weg. Es wird – wie heute schon – die unterschiedlichsten Konzepte geben. Paid-Modelle, wie einige Regionalzeitungen es gerade testen, Hybrid-Modelle, wie Springer sie nutzt, und rein werbefinanzierte Modelle, wie wir sie verfolgen. Ein Großteil der Medien wird am Ende wahrscheinlich Hybrid-Modelle versuchen.

7. Wie sehen deiner Ansicht nach journalistische Inhalte und die Angebotslandschaft in fünf Jahren aus?

In fünf Jahren werden diejenigen am größten sein, die am besten verstanden haben, welche Inhalte Menschen in sozialen Netzwerken teilen. Schon heute konsumiert etwa jeder dritte Amerikaner einen Großteil seiner Nachrichten über Facebook.

„In fünf Jahren werden diejenigen am größten sein, die am besten verstanden haben, welche Inhalte Menschen in sozialen Netzwerken teilen.“

Unter Jüngeren ist der Anteil schon wesentlich größer – auch in Deutschland. Ich bin sicher, dass dieser Wandel hin zum mobilen-sozialen Internet weit dramatischer wird als der Wandel von Print zu Online. Schon heute konsumieren viele Menschen einen großen Teil ihrer Nachrichten vor allem auf dem Smartphone. Doch auf den Geräten surfen sie nicht mehr wie auf dem Laptop – mit Browser und eingetippten Links. Sie bewegen sich via sozialer Netzwerke wie Facebook, Twitter oder WhatsApp durchs Netz. Sie lesen, was ihre Freunde lesen.

Ich bin davon überzeugt, dass die Huffington Post extrem gut auf diesen Wandel vorbereitet ist. Denn wir fragen uns bei allen Texten: Wie können wir sie so erzählen, dass Menschen sie an ihre Freunde weiterempfehlen? Mit einem Social-Media-Anteil unserer Reichweite von mehr als 30 Prozent zeigt sich, dass diese Strategie aufgeht. Und wenn Menschen unsere Texte weiterempfehlen, erinnern sie sich auch schneller an unsere Marke – und nutzen die HuffPost nächstes Mal über die App. Über all diese Themen tauschen wir uns übrigens mit den anderen HuffPost-Ausgaben aus, auch bei regelmäßigen Konferenzen, wie erst kürzlich wieder in London oder Anfang des Jahres in München.

8. Welches Medium fehlt heute noch auf dem Markt?

Es fehlen ganz viele! Schauen Sie sich an, was in den USA passiert ist. Da ist die Revolution in vollem Gange. Die Zahl neuer Projekte, die ein nennenswertes Publikum erreichen, ist bei uns noch gering. In Deutschland fehlen Erklär-Portale wie Vox.com, Fachblogs über die Zukunft unserer Städte, wie das Magazin Atlantic sie bietet, Tech-Lifestyle-Portale wie The Verge, und schon immer bin ich ein großer Fan von Business Insider. Positiv finde ich in Deutschland alle, die etwas Neues versuchen, auch wenn es davon noch nicht viele gibt. Wir tun hier noch so, als würde das Internetzeitalter gerade erst beginnen. Aber das wird sich auch bei uns ändern. Warten Sie nur ab. Ich freue mich darauf.

Über #ZukunftDesJournalismus

Mobiles Internet, immer leistungsfähigere Smartphones, neue Nachrichtendienste: Die Medienlandschaft verändert sich rasant und mit ihr der Journalismus. Viele Fragen bewegen die Branche: Ist die Tageszeitung ein Auslaufmodell, weil die jüngeren Zielgruppen aktuelle Nachrichten nur noch auf mobilen Endgeräten konsumieren? Erledigen bald Schreibroboter typische Routineaufgaben und machen damit einen Teil der Redakteure überflüssig? Mit welchen neuen journalistischen Darstellungsformen können Menschen erreicht werden, die immer weniger lesen und nur noch Bilder anschauen?

Gemeinsam mit Journalisten und Medienmachern aus ganz unterschiedlichen Richtungen wagt OSK einen Blick in die Zukunft des Journalismus. Das Prinzip ist immer das gleiche: acht Fragen, acht Antworten. Stück für Stück entsteht so ein Bild, das belastbare Aussagen zu entscheidenden Trends von morgen und übermorgen ermöglicht.

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2 Antworten
  1. von Jörg am 27.03.2015 (13:38 Uhr)

    Herr Matthes hält das Konzept von RTL und Bild für guten Journalismus: Gut ist demnach, was viele Menschen interessiert. Leider wollen die meisten Menschen lieber unterhalten werden statt anstrengende, wirklich gute Inhalte gedanklich zu verarbeiten. Infolgedessen gibt es einen Unterbietungswettlauf der Massenmedien, möglichst leicht konsumierbar und damizt kommerziell erfolgreich zu sein. Auf der Strecke bleiben Qualität und Relevanz. Wenn das die Zukunft der Journalismus sein soll, schafft er sich selbst ab. Auch das elende "Click-Baiting" funktioniert nicht mehr wie zu der Zeit, als man mit reißerischen Aufmachern ("best ever...") noch hohe Erwartungen wecken konnte. So viele Sensationen gibt es nun mal nicht, als daß man die Leser immer und immer wieder "überraschen, bewegen und begeistern" könnte. Das ist kein serioser, sondern effektheischender und "täuschender"Journalismus, der sich durch "Ent-Täuschung" abnutzt.

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  2. von agathonpg am 01.04.2015 (17:17 Uhr)

    Was Herr Mathes für die Zukunft des Journalismus hält, ist eher ein Schreckenszenario. Redaktionen, die nur schreiben, was der Leser möchte, sind eigentlich überflüssig und lediglich ein eher unsicheres Geschäftsmodell. Wie sich heute schon zeigt, ist mit einer derartigen Boulevardisierung kein Blumentopf zu gewinnen: die Auflagen fallen mit schöner Regelmäßigkeit. Für mich gehört zur Qualität eines Journalisten nicht nur seine Fähigkeit, flüssig das Alphabet aufzusagen, sondern vor allem einmal zwischen Meinungs- und Recherche-Journalismus zu unterscheiden. Gut, Recherchen sind natürlich mühsamer, aber Meinungen bekomme ich an jedem Stammtisch – und so sieht die aktuelle Berichterstattung auch in der FAZ oder SZ aus. Wie Herr Matthes allerdings darauf kommt, ein mehrseitiges Portrait (was immer das sein mag) in Focus oder Stern habe etwas mit Qualität zu tun, weiß auch nur er allein...

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