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Digitale Gesellschaft

„Journalistische Qualität besitzt, was bei der Zielgruppe funktioniert“ sagt t3n-Redaktionsleiter Florian Blaschke

    „Journalistische Qualität besitzt, was bei der Zielgruppe funktioniert“ sagt t3n-Redaktionsleiter Florian Blaschke

Wie sieht die Zukunft des Journalismus aus? Diese Frage stellt das Blog von Oliver Schrott Kommunikation dieser Tage deutschen Journalisten. Im zweiten Teil der Serie spricht OSK-Blogger Oliver Nermerich mit Florian Blaschke, seines Zeichens Redaktionsleiter von t3n.de und ebenfalls Blogger.

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Florian Blaschke, Redaktionsleiter bei t3n.de

Florian Blaschke zur Zukunft es Journalismus
Florian Blaschke zur Zukunft des Journalismus.

„Meine erste Anlaufstellen sind seit Jahren schon Twitter und mein Feedreader. Die Twitter-Timeline und Blogs, aber auch andere Nachrichtenseiten sind oft Anstoß oder Ideengeber für eine Geschichte“, erklärt Florian Blaschke. Im März 2014 löschte er seinen Facebook-Account, weil er wieder die Hoheit über seine persönlichen Daten zurückerlangen wollte. Unter dem Arbeitstitel „Reclaim your data“ entwickelte er systematisch ein Konzept, wie er seine persönlichen Daten besser kontrollieren und schützen kann. Seitdem sind seine Social-Media-Aktivitäten aber keinesfalls weniger geworden, sondern haben sich stattdessen stärker auf andere Plattformen wie beispielsweise Twitter und Ello verlagert.

Blaschke ist gelernter Journalist mit Schwerpunkt Technologie, Medien und Wirtschaft. Nach Stationen in Bonn und Leipzig, wo er als Redakteur und Leiter des Medienressorts das Nachrichtenportal news.de mit aufgebaut hat, zog es ihn 2013 nach Hannover. Dort arbeitet er zurzeit als Redaktionsleiter für das Technik-Magazin t3n. Außerdem bloggt er auf trotzendorff.de und Twitter. Im Interview erklärt er, warum Twitter für seine tägliche Arbeit so wichtig ist und warum er in der Plattform YouTube weiterhin einen wichtigen Treiber für die Veränderung der Medienlandschaft sieht.

1. Wie zeichnet sich Qualitätsjournalismus in Zukunft aus und was schadet ihm?

Was Qualitätsjournalismus ist, liegt wohl seit jeher im Auge der Leser. So zu tun, als sei der Journalismus per se wahr und schön und gut, ist scheinheilig – schon in den allerersten journalistischen Publikationen gab es den Versuch der Meinungsmache, Polemik und Desinformation.

Insofern besitzt journalistische Qualität erst einmal, was bei der Zielgruppe funktioniert. In meinen Augen ist das auch kein allzu großes Problem, denn ich halte die Medienkompetenz in Deutschland für höher, als oft angenommen. Dennoch glaube ich, dass es einige Dinge gibt, die der Journalismus in den kommenden Jahren noch lernen muss: Stringentes, nachvollziehbares Storytelling, den sauberen Umgang mit Quellen oder die sinnvolle Nutzung von Big Data sind da nur einige Punkte.

Was jeder Form des Journalismus jedoch schadet, ist der manchmal haarsträubende öffentliche Umgangston unter Kollegen und Kolleginnen. Was sich teils hochrangige Journalisten so alles an den Kopf werfen, geht zu Lasten der gesamten Branche. Und nach wie vor begreifen viele Medien die Chance von Social Media nicht und bedienen Facebook, Twitter und andere Netzwerke so, wie sie auch Print-Titel, Radio oder Fernsehen bislang bedient haben, nämlich als reine Sender. Im Jahr 2015 aber darf sich das kein Medium mehr leisten.

2. Was sind die großen Trends im Journalismus und was wird sich davon künftig durchsetzen?

Noch vor einem halben Jahr hätte ich mit Blick auf die Krautreporter vielleicht gesagt, dass crowd-finanzierte Angebote eine echte Alternative sein könnten. Nach dem leider enttäuschenden Start sehe ich das heute aber anders. Trotzdem glaube ich, dass die journalistische Vielfalt zunimmt, auch wenn es viele Tageszeitungen und Magazine schwer haben und etliche Titel in den nächsten Jahren vom Markt verschwinden werden. Doch es kommen auch unglaublich viele neue Angebote hinzu.

Die Huffington Post und BuzzFeed sind in Deutschland schon gestartet, Politico öffnet bald eine eigene Redaktion in Brüssel, das Recherchebüro CORRECT!V macht eine wirklich beeindruckend gute Arbeit und die dpa-Tochter infocom plant einen Startup-Accelerator nach dem Vorbild von Matter.vc. Insofern bin ich grundsätzlich optimistisch. Ein Trend, der vor allem in Deutschland erst noch kommen wird, ist die sinnvolle Aufarbeitung und Visualisierung von Big Data, vor allem von Open Data. Hier gibt es, wie in Hamburg, immer mehr Projekte, die dafür die Chance bieten, und ich bin mir sicher, dass wir in diesem Bereich noch eine Menge spannender Dinge zu sehen kriegen.

3. Wie und wo recherchierst du nach guten und spannenden Inhalten?

Meine ersten Anlaufstellen sind seit Jahren schon Twitter und mein Feedreader. Die Twitter-Timeline und Blogs, aber auch andere Nachrichtenseiten sind oft Anstoß oder Ideengeber für eine Geschichte. Eine Plattform, die mich seit einiger Zeit mehr und mehr begeistert, ist Medium.com. Hier schreiben großartige Autoren wirklich großartige Geschichten – eine erstklassige Inspirationsquelle. Meine Favoriten aber bleiben Events wie die re:publica oder der Web Summit, denn hier trifft man Menschen, und die liefern nach wie vor die besten Ideen und Geschichten.

4. Was muss man als Journalist künftig tun und können, um gelesen und wahrgenommen zu werden?

„Journalistische Qualität besitzt erst einmal, was bei der Zielgruppe funktioniert.“

Ich glaube, gelesen und konsumiert zu werden ist so schwer oder leicht wie bisher, je nach Reichweite der Plattform oder des Mediums, in dem Journalist veröffentlichen. Wichtiger finde ich es, relevant zu sein, und um das zu erreichen, müssen wir mit unseren Leser kommunizieren. Wir müssen ihr Feedback und ihre Kommentare ernst nehmen, ihnen zuhören, auf sie eingehen, ihnen antworten und aus dem, was sie uns erzählen, wieder neue, bessere, relevantere Geschichten machen. In den vergangenen Jahren haben wir viel Zeit damit verbracht, uns untereinander zu vernetzen, was gut und wichtig war. Jetzt ist es an der Zeit, das auch mit unseren Zuschauern zu tun.

5. Die technologischen Veränderungen sind rasant – wie müssen sich vor diesem Hintergrund der Journalismus verändern und dessen Anbieter anpassen?

Zunächst müssen sie sich die Mühe machen und verstehen, was da passiert. In zu vielen, gerade kleineren Redaktionen herrscht nach wie vor eine Abwehrhaltung gegenüber neuen Technologien – und es gibt zu wenig technisches Know-how. Darüber hinaus glaube ich, dass eine engere Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen eines Medienhauses oder Publishers nötig ist. Vertrieb, Marketing, Redaktion und technische Abteilungen wie Entwicklung oder SEO müssen Hand in Hand gehen, um ihre Produkte zukunftsfähig zu machen. Newsrooms, in denen Mitarbeiter aus diesen Abteilungen zusammen an einem Tisch sitzen, sind da ein guter Anfang.

Eine große Baustelle ist meiner Meinung nach zudem die Ausbildung von Nachwuchsjournalisten. Ihnen nicht nur das redaktionelle Handwerkszeug mitzugeben, sondern sie auch technisch fit zu machen und ihnen darüber hinaus ein Verständnis für Vertrieb und Marketing zu vermitteln ist eine Herausforderung, die bisher nur wenige Verlage meistern.

6. Wie verdient der Großteil der Medien künftig Geld?

Wie bisher auch mit einer Mischkalkulation. Ich glaube beispielsweise nicht, dass die klassische Bannerwerbung im Netz verschwinden wird. Aber sie wird ergänzt und bekommt Konkurrenz durch Produkte wie Sponsored Posts oder Branded Content – und wenn die Verlage und Publisher solche Produkte redaktionell hochwertig produzieren und seriös kennzeichnen, halte ich sie durchaus für vollwertige Inhalte, die den Lesern einen Mehrwert bieten und den Redaktionen Profit sichern können.

Dazu kommt, dass immer mehr Medien Verzeichnisdienste und Zusatzinformationen als Einnahmequelle entdecken – einige große Verlage machen uns ja schon seit Jahren vor, wie sich damit gutes Geld verdienen lässt. Und nicht zuletzt werden im Netz nach und nach bezahlpflichtige Angebote etabliert – und zwar eigentlich 20 Jahre zu spät. Für das ein oder andere Medium aber könnte das durchaus noch reichen.

Es wundert mich, dass es in Deutschland nach wie vor nicht gelungen ist, ein angebotsübergreifendes Micropayment einzuführen. Würden sich hier die großen Verlagshäuser an einen Tisch setzen wie das in Holland beispielsweise mit Blendle passiert ist, wäre das ein riesiger Schritt. Interessanterweise aber scheinen es gerade kleinere Publisher zu sein, die von einer solchen Lösung nichts hören wollen – zu ihrem eigenen Schaden.

7. Wie sehen deiner Ansicht nach journalistische Inhalte und die Angebotslandschaft in fünf Jahren aus?

Ich glaube, dass YouTube bei der Veränderung der Medienlandschaft weiter eine enorme Rolle spielen wird. Schon heute ist zu beobachten, wie (Jugend-)Formate etablierter Fernsehsender sich an YouTube-Kanälen und ihren Inhalten orientieren. Insofern erwarte ich, dass das Angebot für die heute unter 20-Jährigen weiter ausgebaut wird. Darüber hinaus vermute ich jedoch auch, dass es einige Unbelehrbare gibt, die weiterhin versuchen, Journalismus so zu machen wie vor 25 Jahren – und die werden in fünf Jahren nicht mehr da sein.

Etliche Lokalzeitungen werden eingestellt oder Redaktionen zusammengelegt, was ja schon heute für kleinere Städte und ländliche Regionen ein echtes Problem ist. Ich wünsche mir und glaube, dass es Publisher oder Startups geben wird, die in diesem Bereich eine Chance sehen und die Lücke, die sich da auftut, füllen – sei es mit Bürgerjournalismus wie beim WAZ-Projekt „Lokalkompass“ oder hyperlokalen Online-Angeboten, die redaktionell erstellt werden.

8. Welches Medium fehlt heute noch auf dem Markt?

Ein Männermagazin, das nicht nur Klischees wie Autos, Technik oder Erotik bedient, sondern das Gesundheit, Sexualität, Familie, Mode, Kosmetik, Freizeit und andere relevante Themen aufgreift und ordentlich aufbereitet. Ansätze für solche Magazine gab und gibt es, sie alle aber fallen immer wieder in die gleichen Muster zurück, die Männer auf althergebrachte Rollen reduzieren. Noch lieber wäre mir zwar, es gäbe ein solches Magazin geschlechterübergreifend, aber allein, was die Vermarktung angeht, ist es dafür wahrscheinlich noch zehn Jahre zu früh. Dennoch: Einen Abonnenten hätte ein solches Angebot.

Über #ZukunftDesJournalismus

Mobiles Internet, immer leistungsfähigere Smartphones, neue Nachrichtendienste: Die Medienlandschaft verändert sich rasant und mit ihr der Journalismus. Viele Fragen bewegen die Branche: Ist die Tageszeitung ein Auslaufmodell, weil die jüngeren Zielgruppen aktuelle Nachrichten nur noch auf mobilen Endgeräten konsumieren? Erledigen bald Schreibroboter typische Routineaufgaben und machen damit einen Teil der Redakteure überflüssig? Mit welchen neuen journalistischen Darstellungsformen können Menschen erreicht werden, die immer weniger lesen und nur noch Bilder anschauen?

Gemeinsam mit Journalisten und Medienmachern aus ganz unterschiedlichen Richtungen wagt OSK einen Blick in die Zukunft des Journalismus. Das Prinzip ist immer das gleiche: acht Fragen, acht Antworten. Stück für Stück entsteht so ein Bild, das belastbare Aussagen zu entscheidenden Trends von morgen und übermorgen ermöglicht.

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5 Reaktionen
JensO
JensO

Für die ersten zwei Sätze gebe ich Hamster recht.
Ansonsten laufen wohl eher die Nerven aus dem Ruder.
Mir stellt sich allerdings ernsthaft die Frage, ob meinungsloser Journalismus in der nahen Zukunft überhaupt möglich ist.
Ohne Anzeigenkunden kann doch kaum ein Blatt überleben, was wiederum abhängig macht. Die Abonnenten/Innen reissen das nicht raus.
In Basel gibt es ein Beispiel dafür (lange her).
Und wenn ich mir ansehe, wie in der Schweiz nicht nur versucht wird verschiedene Blätter aufzukaufen, dann kann ich kaum glauben, dass Pressefreiheit besteht.
Damit meine ich nicht die Journalisten/Innen.
Die wollen Meinungsfreiheit.
Es geht ausschliesslich um Geld und es wird immer enger kalkuliert, also bleibt immer weniger Zeit.
Dabei bleibt mehr als das Reflektieren auf der Strecke.
Schade.

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Florian Blaschke

Ich beobachte tatsächlich genau das Gegenteil. In dem Moment, wo die Grenzen zwischen klassischer Redaktionsarbeit und Kooperationen wie im Fall von Sponsored Posts oder Branded Content klar sind und auch nach außen kommuniziert werden, kann auch redaktionelle Unabhängigkeit bestehen. Und in dem Moment, wo durch die Kooperationen Geld eingenommen wird, das vorher nicht da war, kann auch wieder weniger eng kalkuliert werden, es bleibt mehr Zeit. Für mich ist das nicht schade, sondern eine ganz große Hoffnung.

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Hamster
Hamster

Guter Journalismus ist die Quelle, guter Journalismus ist vor Ort!
Dient dieser zur Meinungsmache, dann ist es kein Journalismus mehr.

Das hier Beschriebene behandelt das Thema: Wie kann man den narzistischen Einheitsbrei so würzen, dass man damit Geld verdienen kann - mit minimalem Aufwand. Nicht mehr und nicht weniger. Die fehlende Zeit zum reflektieren ist das eigentliche Problem.

Wenn ich jetzt Buzzfeed, Huffington Post und Bürgerjournalismus als Lösungsweg höre, dann kann ich garnicht so viel Essen, wie ich mich übergeben könnte.
Gerade der Waz-Konzern trägt mit den dämlichen Ideen a la Bürger Journalismus den Journalismus zu Grabe.

Lokaler vor Ort Journalismus wird es nicht mehr geben. Und gerade der Lokaljournalismus stellt das Rückgrat der Berichterstattung dar. Und subjektive, parteiische, schlecht informierte "Bürger" sollen die Lücke füllen?

Typen wie Blaschke, die trotz Minimalberufserfahrungen einen auf Durchblick machen, denen Empfehle ich erstmal ein Praktikum, bevor sie mit der Dampfplauderei anfangen. Aber wo ein Praktikum machen, wenn es keinen Journalismus mehr gibt? Dann doch lieber Dampfplaudern, damit verdient sich's besser gelle.

Antworten
Florian Blaschke

Vielleicht kann ich ja ein Praktikum bei dir machen?

Antworten
Hamster
Hamster

Wer Buzzfeed für Journalismus hält, bekommt bei mir kein Praktikum.
Ein Praktikum beim Bestatter passt besser zu ihnen.

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