Porträt

Zu Besuch in Amazons Hauptquartier in Seattle: Der unsichtbare Riese

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Der ewig erste Tag

Aber Jeff Bezos reicht das nicht. Der Amazon-Gründer treibt seine Mitarbeiter ständig an, weiter neue Ideen zu entwickeln. Das Zitat „It’s still day one“ veranschaulicht das besonders gut. Die Beschäftigten sollen jeden Tag so denken, als sei es noch der erste Tag des Unternehmens, als ließe sich noch alles neu entdecken, als ließe sich noch alles umwerfen. Risikofreudig Gelegenheiten ergreifen, die eine Chance auf eine zukünftige Marktführerschaft ermöglichen. Der Kunde steht im Fokus. Denn das zahlt letztlich auf die Marke Amazon ein. „Mit allem was wir machen, wollen wir Kunden einen Mehrwert bieten.“, fasst es Patrick Gauthier, Vizepräsident von Amazon Pay, zusammen. Das Unternehmen verfolge keinen geheimen Masterplan, es identifiziere Kundenbedürfnisse.

Seattle und die Gegend drumherum halten als Spielwiese für dieses Ausprobieren her. In der größten Stadt des Staates Washington wurde der Lieferdienst Prime Now, der Produkte mittlerweile auch weltweit am gleichen Tag ausliefert, erstmals ausprobiert. Hier startete der Supermarkt Amazon Go, bei dem Kunden dank Walk-Out-Technologie einfach Waren einpacken und – ohne an eine Kasse zu treten – wieder gehen können. Bezahlt wird automatisch mit der Amazon-App. Durch Kameras, Sensoren und Deep-Learning-Algorithmen weiß sie, wann der Kunde das Geschäft verlässt und der Einkauf beendet ist.

Was neues mit Büchern

Und hier in Seattle steht auch der erste Amazon Bookstore, eine Annäherung des Konzerns an die analoge Welt. Auf den ersten Blick sieht das Geschäft in der University Village wie ein ganz normaler Buchladen aus, mit dunklen Ledersesseln und hochwertigen Echtholzmöbeln. Die Besonderheiten scheinen erst auf den zweiten Blick durch: Das Sortiment ist datengetrieben und anhand der Kundenvorlieben in Seattle zusammengestellt. Die Preise sind nicht an den Büchern notiert, sondern können per Amazon-App abgefragt werden. Die Regale zeigen nicht nur Genres, sondern auch „Bestseller-Sachbücher im Nordwesten“, „Die populärsten ersten Comics für Anfänger“, „Höchstbewertet mit 4,8 Sternen und mehr“ und „Wenn Ihnen ‚Zero to One‘ gefällt, gefällt Ihnen auch das hier“. Und wer bezahlen will, kann das mit seiner Amazon-App an der Kasse machen. Alles wie im Onlineshop – nur eben in echt.

Neben den Büchern stellt Amazon die eigene Hardware in den Fokus. In der Kinderabteilung stehen Fire-Tablets der Kids-Edition, auf dem Kindle-Reader können Kunden Bücher durchblättern. Eigene Regale und Fernseher präsentieren hier alles von Amazon Echo bis zum Fire-TV-Stick. Das Konzept scheint sich bewährt zu haben. Amazon hat binnen eines Jahres auch einen Bookstore in Washington Square im Bundesstaat Oregon und in Westfield in Kalifornien aufgebaut. Geschäfte in New York, New Jersey, Illinois und Massachussetts sollen folgen.

Dass ausgerechnet der Online-Pionier nun offline Ware verkauft, mag überraschen. Für Amazon ist es aber nur ein logischer Schritt, weiter zu auf den Verbraucher. „Es geht nicht um online versus offline, es geht um die Kundenerfahrung.“, sagt Amazon-Pay-Vize Gauthier. „Aus Amazons Sicht, ist der Kunde wohl vorurteilsfrei in der Nutzung von Kanälen.“ Wichtiger sei vielmehr, dass alle Kanäle intelligent miteinander verbunden seien, wie im Amazon Bookstore.

In den drei Glaskuppeln, die derzeit am Amazon-Headquarter entstehen, sollen Mikroklimazonen für über 300 Pflanzen aus aller Welt entstehen. Aber auch Mitarbeiter sollen hier einen Arbeitsplatz im Grünen finden. (Foto: Jochen Fuchs)

Das gelingt nicht immer, trotz Finanz- und Datenkraft: Der Treasure Truck etwa, ein Laster mit umlaufender Amazon-Leuchtschrift. Mit dieser Willy-Wonka-Version des Eismann-Wagens und einer dazugehörigen App veranstaltet der Konzern Flash-Sales: Nur ein einziges Produkt pro Tag wird angeboten, ein Paddelboot zum Beispiel oder ein hochwertiges Porterhouse-Steak, zu einem niedrigen Preis. So richtig schlägt der auf Retro getrimmte Truck offenbar nicht ein: Bisher dreht er nur in Seattle seine Runden. Aber das ist ein kleines und verschmerzbares Projekt für den Onlinegiganten.

Ein Mitarbeiter namens „Robo-Stow“

Wichtiger für den Konzern ist ein Unternehmensteil im etwa eine Autostunde entfernten DuPont. Mitten im Grünen, in der Nähe des Mount-Rainier-Nationalparks, hat Amazon ein 100.000 Quadratmeter großes High-Tech-Logistikzentrum errichtet. Dort versucht sich der Onlinehändler an der Zukunft der Logistik. Der stärkste „Mitarbeiter“ der Lagerhalle nennt sich „Robo-Stow“: Ein sechs Tonnen schwerer, gelber Roboterarm, der komplette Paletten sieben Meter in die Höhe stemmt und auf einem selbstfahrenden Gefährt abstellt. Das wiederum transportiert die Palette eigenständig durch eine Landschaft von Förderländern in den Lagerbereich. Damit der Mensch nicht im Weg steht, zeigen ihm fest eingezeichnete Markierungen an, auf welchen Pfaden er sich bewegen darf – denn wenn er sie verlässt, besteht Unfallgefahr.

Dass Amazon auf automatisierte Helfer setzt, hängt auch mit Effizienz zusammen. In ein robotergetriebenes Logistikzentrum können deutlich mehr Waren eingelagert werden als in ein herkömmliches. Trotzdem kommt es nicht ganz ohne den Menschen aus: Von ursprünglich 350 Mitarbeitern im Jahr 2014 ist die Zahl auf derzeit 750 Mitarbeiter angestiegen. Denn auch wenn flache, orangefarbene Roboter unter den Regalen hin- und herflitzen und Artikel in die Regale einsortieren, bleiben die Mitarbeiter unabkömmlich: Packen, einlagern und Lastwagen beladen beherrschen sie immer noch am besten.

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