Porträt

Zu Besuch in Amazons Hauptquartier in Seattle: Der unsichtbare Riese

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Derzeit kann von Kürzungen bei Amazon aber ohnehin keine Rede sein – nicht nur in den Lagern. 100.000 neue Beschäftigte will der Konzern in den kommenden 18 Monaten in den USA einstellen, das ist ein Drittel der heutigen Zahl. Wenn für jede Stelle nur drei Bewerbungsgespräche geführt würden, würden das 800 Bewerbungsgespräche pro Tag bedeuten, hat das Handelsblatt ausgerechnet. Wie viele von den Neulingen nach Seattle kommen werden, wird man sehen. Aktuell beschäftigt Amazon 27.000 Mitarbeiter an seinem Heimatstandort, monatlich kommen schätzungsweise 1.000 neue hinzu. Wenn der dritte Tower im Süden fertiggestellt ist, hat Amazon Platz für rund 55.000 Mitarbeiter.

Vor einiger Zeit gab es Gerüchte, dass das Hauptquartier aus der Innenstadt in die günstigeren Vororte umziehen könnte. Spätestens mit dem Bau des dritten Towers im Süden sind diese Gerüchte verstummt. Jeff Bezos hat sich ganz bewusst für die Innenstadt entschieden. Die Abwechslung, die die umgebenden Geschäfte, Restaurants und Food-Trucks bieten, soll einen positiven Effekt auf die Amazonians haben. Und die umgekehrt auf die lokale Wirtschaft. Denn der Konzern verzichtet auf eigene Kantinen oder Aufenthaltsräume. Es gibt nur einige wenige Cafeterien auf dem Campus. Die Mitarbeiter sollen in der Umgebung essen gehen.

Auch so eine Eigenheit des Onlinehändlers: Während andere Konzerne wie Google und Facebook ihre Mitarbeiter mit freien Snacks verwöhnen, hält sich Amazon damit zurück. Außer Wasser und Kaffee bekommen die Mitarbeiter nichts gratis, in den Cafeterien zahlen sie alles selbst. „Wer bei Amazon arbeitet, tut das weil er es gerne macht“, erzählt ein Amazon-Mitarbeiter. „Nicht wegen der Gratis-Goodies.“ Wer eine Cola will, der kauft sich eine. Ende.

Das heißt nicht, dass Amazon keine Unternehmenskultur besitzt. Aber eben eine andere. Haustiere zum Beispiel genießen allzeitiges Aufenthaltsrecht in den Büros. Mittlerweile beherbergen die Arbeitsräume 2.000 Kleintiere, die meisten davon Hunde. Leckerlis für sie stehen auf jedem Empfangstresen in der Lobby. Die Begeisterung geht so weit, dass das neue Amazon-Prestigegebäude, die Biosphäre „The Spheres“, aktuell unter dem Decknamen „Rufus II“ errichtet wird – eine Hommage an den ersten Bürohund.

Broomball, das Karriere-Spiel

Als ich durch eine der Cafeterien laufe, entdecke ich eine Bildergalerie mit stolzen Menschen, die seltsame Besen präsentieren und sportliche Kleidung tragen. Ich bleibe stehen. „Quidditch?“, frage ich. Mein Guide lacht. „Nein, Broomball.“ Die Sportart wurde in Amazons Anfängen erfunden – noch bevor die ersten „Harry Potter“-Bücher herauskamen. Die Innovationslust des Onlinehändlers macht eben auch beim Sport nicht halt.

Mit zusammengeklebten Besen treiben Mannschaften einen großen aufblasbaren Ball gemeinsam mit Jeff Bezos über ein Feld, traditionell am „Picnic Day“, dem Firmenausflugstag. Was spaßig klingt, wird mit größtem Ehrgeiz betrieben: Obskure Internet-Legenden munkeln, dass Bezos das Happening so ernst nehme, dass Erfolg und Misserfolg in dem Spiel die Karriere beeinflussen.

Das erste Amazon-Büro – noch heute gibt sich das Unternehmen an seinem Firmensitz bewusst unauffällig und ohne Koketterie. (Foto: Amazon)

Dass ich diese Einblicke erhalte, täuscht nicht darüber hinweg, dass mir nur ein Spalt in die Welt von Amazon gewährt wird. Ein Rest Zurückhaltung bleibt. Wenn ich frage, was genau in diesem oder jenem Gebäude steckt, welcher Unternehmensbereich, welche Projekte, dann weiß mein Amazon-Guide oft keine Antwort. Vielleicht macht es die stetige Veränderung schwierig, den Überblick zu behalten: Unternehmensbereiche werden gegründet oder aufgelöst, neue Gebäude innerhalb weniger Monate aus dem Boden gestampft. Vielleicht lässt es die ständige Veränderung nicht zu, Amazon in- und auswendig zu kennen. Vielleicht will man es auch einfach nicht offenbaren.

Vielleicht hätte Jeff Bezos meine Fragen beantworten können, leider habe ich ihn nicht in Seattle getroffen. Als ich meinen Guide im Scherz nach dem Gründer frage, lacht er, erzählt mir aber, dass Bezos immer noch stark ins Tagesgeschäft eingebunden sei und regelmäßig in Seattle in der Zentrale arbeite. Theoretisch könne man den Chef überall antreffen.

So wie Amazon selbst.

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