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Weiterbildung: Traut euch endlich und nehmt Bildungsurlaub!

Weiterbildungen haben in deutschen Unternehmen nach wie vor keinen hohen Stellenwert. Schon gar nicht, wenn ­Seminare auf den ersten Blick der Persönlichkeitsentwicklung statt dem direkten Geschäftserfolg dienen. Am Bildungsurlaub zeigt sich, wie viel Potenzial ungenutzt bleibt.

7 Min. Lesezeit
Bildungsurlaub zur Persönlichkeitsentwicklung. (Foto: Shutterstock-Vlad Teodor)

Josefine Kaps und Milena Magerl sind Sonderfälle. Nicht nur, dass sie – anders als 98 Prozent der Beschäftigten in Deutschland – einen Bildungsurlaub genommen haben. Sie haben ihn auch denkbar unkonventionell zusammengestellt. Zumindest aus Sicht vieler Arbeitgeber:innen. Kaps ist Neurologin und anstatt auf Ärztekongressen etwas über Neurotransmitter zu lernen, hat sie an einem Bewegungstherapieseminar am Sylter Strand teilgenommen. Magerl ist Redakteurin und anstatt in ein Seminar für kreatives Schreiben zu gehen, hat sie sich an einer Berliner Shiatsu-Schule in Entspannungstechniken geübt. Die meisten Deutschen wissen gar nicht, dass sie ein gesetzlich festgeschriebenes Recht auf diese Art der Fortbildung haben. Bildungsurlaub bedeutet dabei mehr als nur fachliche Weiterbildung, er gibt Arbeitnehmenden die Möglichkeit, einmal im Jahr mehr über sich selbst zu lernen. Doch woran liegt es, dass kaum jemand diese Chance nutzt? Reine Unwissenheit bei Arbeitnehmer:innen oder vielmehr Unwille bei Personalabteilungen und Unternehmen?

„Anfangs hatte ich schon ein schlechtes Gewissen und habe mich gefragt, ob ich dieses Seminar einreichen sollte“, erklärt ­Josefine Kaps. „Auf mein fachliches Wissen zahlt das nicht unbedingt ein“, fügt die Medizinerin hinzu. Aber im Coronajahr ­fielen viele Medizinkongresse aus oder fanden online statt, und sie hatte das dringende Bedürfnis, mal rauszukommen. Also ließ sie sich ein allgemeinbildendes Erholungsseminar genehmigen. Erst von einem Freund hatte sie erfahren, dass Bildungsurlaub nicht zwangsläufig mit der beruflichen Tätigkeit zu tun haben muss. Kaps war zu der Zeit als Ärztin in einem Berliner Krankenhaus tätig, einem Ort, an dem grundsätzlich viel zu tun ist, mit hohem Stresslevel und viel Verantwortung. Ihre Wahl fiel auf die ­Feldenkrais-Methode: lernen, Beweglichkeit, Ausgeglichenheit und Stabilität im Rahmen eines körperorientierten, pädagogischen Verfahrens zurückzugewinnen – und das auf Sylt. Sie war überrascht, wie einfach das Seminar in der Personalabteilung durchging: „Ich habe ein Formular eingereicht und es sofort bewilligt bekommen.“

Allein auf das Wohlwollen eine:r Sachbearbeiter:in ging die Zusage jedoch nicht zurück. Bildungsurlaub ist nämlich für diese Form der Weiterbildung gesetzlich verbrieft – außer in Bayern und ­Sachsen. Selbst ein Yogakurs kann unter bestimmten Umständen als Bildungsurlaub gelten. Das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg hat 2019 einem Arbeitnehmer das Recht auf bezahlten Sonderurlaub zugesprochen, damit er an einem fünftägigen Volkshochschulkurs mit dem Titel „Erfolgreich und entspannt im Beruf mit Yoga und Medi­tation“ teilnehmen kann. Zur Begründung verwiesen die Richter auf das Bildungsurlaubsgesetz. In dem Rahmen solle unter anderem die „Anpassungsfähigkeit und Selbstbehauptung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern unter den Bedingungen des fortwährenden und sich ständig beschleunigenden technischen und sozialen Wandels gefördert werden“. Ein Yogakurs mit einem „geeigneten didaktischen Konzept“, so die Richter, könne das erfüllen. Das entsprechende Gesetz unterscheidet sich jedoch von Bundesland zu Bundesland. Sowohl der zeitliche Umfang als auch die Voraussetzungen für die Anerkennung der Seminare weichen voneinander ab. Nicht nur Kurse für das eigene Gesundheitsmanagement, sondern auch Sprachreisen oder etwa politische und kulturelle Bildung fallen darunter.

Verschlusssache Bildungsurlaub

Für Milena Magerl wäre im Falle einer Klage ebenfalls der Gesetzgeber in Berlin-Brandenburg zuständig gewesen. Ihr Arbeit­geber, eine ­Berliner Agentur, hat ihr Vorhaben jedoch gar nicht hinterfragt, sondern es direkt unterstützt, wie sie erzählt. Fünf Tage war sie für ihre Shiatsu-Schulung raus aus dem ­Berufsalltag, ebenso wie Josefine Kaps ein Jahr zuvor beim Feldenkrais-­Seminar. Und auch ihr war es wichtig, ihren Horizont abseits einer fachlichen Fortbildung zu erweitern. „Ich habe mich für einen Shiatsu-Kurs entschieden, weil ich denke, dass wir alle ein wenig mehr Entspannung und Gelassenheit gebrauchen können. Wir wissen doch alle, wie schwer es manchmal ist, nach der Arbeit wirklich abzuschalten“, erklärt die Redakteurin. Während ihres Kurses habe sie verschiedene Entspannungs- und Aufmerksamkeitstechniken sowie Bewegungsformen geübt, die die eigene Körperwahrnehmung stärken. Auch der Agenturalltag ist berüchtigt für seinen hohen Stresslevel. Kreativität auf Knopfdruck ist vielerorts Normalität. Doch auch wenn ihr Arbeitgeber sie unterstützt hat: Auf die Möglichkeit, Bildungsurlaub zu nehmen, sei Magerl nicht durch die Personalabteilung, sondern durch ihre Mutter aufmerksam geworden. Die hatte selbst ein paar ­Jahre zuvor einen mehrtägigen Bildungsurlaub unternommen.

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Die Verdi-Gewerkschafterin Anne Brüning führt die Unwissenheit vieler Arbeitnehmer:innen vor allem auf den Schulterschluss von ­Politik und Wirtschaft zurück. Zum einen hätten die Kultusminister:innen in den vergangenen Jahren nicht gerade viel Wind um den Rechtsanspruch gemacht. Zum anderen würden aber auch Führungskräfte in den Unternehmen nicht sehr transparent damit umgehen, da sie befürchteten, dass freigenommene Weiterbildungstage kaum Sinnvolles zum Job beitragen. „Systematische Öffentlichkeitsarbeit gibt es ganz einfach nicht“, sagt sie. Hinzu komme die Angst vor schrägen Blicken im Team, wenn Arbeitnehmende eine Woche zusätzlichen Urlaub einreichen, während andere den Schritt selbst nicht wagen. „Mehr Aufklärung vonseiten der Politik, mehr Vertrauen im Unternehmen und mehr Solidarität unter den Kolleginnen und Kollegen würde schon helfen, damit der Bildungsurlaub an Bedeutung gewinnt“, betont Brüning. Die Vorteile lägen auf der Hand: Für alle Parteien könne Bildungsurlaub eine tragende Säule etwa im Gesundheitsmanagement sein.

Lara Körber hat Bildungsurlauber.de gegründet. (Foto: Lydia Gorges)

„Mit der New-Work-Bewegung rücken selbstbestimmtes und lebenswertes ­Arbeiten immer mehr in den Mittelpunkt.“
Lara Körber, Bildungsurlauber.de

Auf der Plattform Bildungsurlauber.de bekommen Inte­re­ssierte einen Eindruck, wie das konkret aussehen kann. Angefangen bei einer Fastenwanderung im schleswig-holsteinischen Wenningstedt-­Braderup bis hin zum Waldbaden im nord­rein-westfälischen ­Ascheberg: Angebote gibt es genug, man muss sie nur finden. Denn nicht jeder Yogakurs in der Nachbarschaft kann als Bildungsurlaub eingereicht werden, sondern muss vom jeweiligen Bundesland anerkannt sein. Auf der Plattform finden sich derzeit rund 900 Kursformate zu knapp 20.000 Kursterminen. Lara Körber, Gründerin der Plattform, will den Bildungsurlaub mit ihrem Startup bekannter machen: „Mit der New-Work-­Bewegung rücken selbstbestimmtes und lebenswertes Arbeiten immer mehr in den Mittelpunkt. Beides vereint Bildungs­urlaub.“ Gerade Unternehmen, die motivierte und gut ausgebildete ­Fachkräfte werben und halten wollen, müssten heute mehr leisten, als nur das Gehalt zu zahlen, erklärt sie. Sich auch um die Weiterbildung des Teams zu kümmern, signalisiere Wertschätzung und stifte Vertrauen.

Wie Gewerkschafterin Brüning geht auch Gründerin Körber nicht gerade zimperlich mit den Arbeitgebenden um: „Leider ist es kein Wunder, dass Bildungsurlaub seit Jahrzehnten einen Dornröschenschlaf fristet, denn selbst viele Personalabteilungen schlafen noch“, sagt die Gründerin. In Deutschland bemesse man Leistung immer noch viel zu sehr über das Absitzen von Zeit oder den vollen Terminkalender, kritisiert sie. Dabei brennen Menschen aus, sind unzufrieden oder kündigen innerlich. „Die Angst vor diesen Folgen sollte viel größer sein als die Angst davor, dass Teammitglieder ein paar Tage nicht im Büro sind, weil sie grundlegende Resilienzmethoden lernen.“ Ein Blick in die Auswertung der Fehlzeiten deutscher Krankenkassen gibt ihr Recht: ­Psychische Erkrankungen, die auf Stress und Druck zurückgehen, sind zu einem der größten Gesundheitsrisiken in der modernen Arbeitswelt geworden. Seit 1997 hat sich allein die Anzahl der Fehltage, die von Depressionen oder Anpassungsstörungen verursacht wurden, verdreifacht. Das sind zentrale Ergebnisse des DAK-Gesundheitsreports 2020. Psychische Leiden sind so alltäglich wie Erkältungen.

Es braucht mehr Werbung

Der HR-Stratege Jan Helwerth glaubt nicht, dass Personalabteilungen das Potenzial des Bildungsurlaubs pauschal verpennen. Er weiß aber auch, dass die Angst vor Ausfall und damit der Verlust von Effizienz in dem Moment, in dem Teammitglieder nicht arbeiten, groß ist in den Firmen. Er hält diese Position allerdings für kurzsichtig. „Bildungsurlaub führt dazu, dass Beschäftigte nach einer Weiterbildung die neu erlernten Inhalte in den Betrieb einbringen und damit langfristig zur Steigerung des Unternehmenserfolges beitragen“, betont er. In einer Zeit, in der sich alles ständig verändere und die Anpassungsfähigkeit wichtiger denn je sei, werde von Beschäftigten zwar immer erwartet, dass sie eigenverantwortlich ihre Entwicklung vorantreiben. Arbeit­gebende müssten sie dann jedoch auch aktiv unterstützen, damit sie das können. Völlig einverstanden ist der HR-Stratege hingegen mit dem Aufruf, den Bildungsurlaub stärker zu bewerben. Zum einen vonseiten der Politik, um auf künftige Verwerfungen am Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung zu reagieren, zum ­anderen aber auch von Arbeitgebenden, um neues Wissen ins Unternehmen zu holen.

Jannis Johannmeier ist Gründer von The Trailblazers. (Foto: Benni Jansen)

„Wer erkennt, dass sich der ­eigene ­Arbeitgebende dabei querstellt, sollte sich ­schleunigst umorientieren.“
Jannis Johannmeier, The Trailblazers

Jannis Johannmeier stimmen Erhebungen wie die der DAK nachdenklich. Der Unternehmer hat selbst eine bewegte ­Karriere bei einer großen Boulevardzeitung hinter sich, die ihn schluss­endlich krank machte. Wenig Schlaf, hoher Druck und generell ein ultra-­kompetitives Arbeitsumfeld haben den leistungs­orientierten Menschen zeitweise die mentale Gesundheit gekostet. Nach seiner Kündigung und einer Auszeit will er es jetzt als Gründer der Kommunikationsagentur The Trailblazers besser machen. Dass sowohl Politiker:innen als auch Führungskräfte in Unternehmen um den gesetzlich festgeschriebenen Bildungsurlaub so ein großes Geheimnis machen, sei bezeichnend für diese Gesellschaft. „Ich denke, man muss dieses Menschenbild dringend überdenken. Ich rufe mein Team beinahe wöchentlich dazu auf, frei zu denken und Ausschau nach persönlichen oder beruflichen Weiterbildungsmöglichkeiten zu halten“, bekräftigt der Unternehmer. „Wer bewusst verhindert, dass Menschen ihre Möglichkeiten erkennen und sie ausleben, steht meiner Meinung nach sogar einer mutigen Weiterentwicklung des eigenen Unternehmens im Weg.“

Für Johannmeier geht es beim Bildungsurlaub um viel mehr als nur betriebliche Weiterbildung, um lebenslanges Lernen an sich und die Frage, wie Unternehmen das Dazulernen unterstützen. „Bildungsurlaub kann natürlich ein sinnvolles Mittel dafür sein. Aber eigentlich geht es doch um das Mindset dahinter: Schon allein, dass eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer das Lernen mit gesetzlichen Regelungen einfordern muss, zeigt doch, dass die Lernkultur eigentlich schon im Eimer ist.“ Er plädiert generell dafür, den eigenen Beschäftigten mehr zuzutrauen und auch als Arbeitgeber immer wieder Angebote zu machen – auch und vor allem hinsichtlich eines vernünftigen Gesundheitsmanagements, das essenziell sei, damit die Menschen ihren Job auf Dauer bestmöglich machen können. „Wer erkennt, dass sich der eigene Arbeitgebende dabei querstellt, sollte sich schleunigst umorientieren.“

Josefine Kaps und Milena Magerl sind sich einig, dass sie Bildungsurlaub wieder machen wollen. „Das ist eine wirklich wertvolle Chance, um aus eingefahren Routinen herauszufinden. Um uns herum verändert sich alles ständig, da ist es super wichtig, dass wir uns immer wieder hinterfragen und mehr über uns lernen“, sagt Magerl. „Wann sonst bekommt man schon die Möglichkeit, sich komplett aus Job und Alltag rauszunehmen, um einfach nur zu lernen?“, ergänzt Kaps. Beide Frauen raten anderen Beschäftigten dazu, es ihnen gleichzutun. Sie fühlen sich auch noch Monate nach den Seminaren stärker als zuvor, um in ihrem Arbeitsalltag zu bestehen. Gewerkschafterin Anne Brüning ist sich sicher: „Die Ansprüche der Arbeitnehmenden ändern sich und Arbeitgebende müssen mitziehen. Zu New Work gehört auch die Potenzialentfaltung der oder des Einzelnen. Vertrauen in die Angestellten spielt dabei eine große Rolle.“

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