Reportage

Body-Hacking: Ich, einfach unverbesserlich

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Park sieht sich selbst als Cyborg, seit er ein Cochlea-Implantat, eine Hörprothese, bekam. Übernimmt man seine Argumentation, so sind die 30.000 Menschen, die ein solches Gerät in Deutschland tragen, genauso Mensch-Maschinen. Zählt man noch Menschen mit Prothesen, Herz- und Hirnschrittmachern und implantierten Insulinpumpen hinzu, sind wir längst eine Gesellschaft der Mischwesen aus Technik und Biologie. Mit Elektroden, Magneten, Chips und Sensoren nicht nur Behinderungen auszugleichen, sondern Menschen zu verbessern, das erscheint wie der nächste, logische Schritt.

Der menschliche Anglerfisch

Es ist ein schwüler Montagnachmittag in Berlin, als ich einen Blick auf diese Vision werfen kann. Ein Mobilfunkkonzern hat zu einem Talk über das Internet der Dinge geladen und beiläufig soll es auch um Cyborgs gehen. Zehn Freiwillige können sich an einem Stand des Startup Digiwell kleine RFID-Chips in die Hand einsetzen. Auf den Chips lässt sich eine per Handy auslesbare Visitenkarte speichern oder gleich ein Code, um spezielle Türschlösser zu öffnen.

Aber so sehr sich die Zuschauer um den kleinen Stand auch scharen, so schnell ist die Menge weg, als eine andere Attraktion die Hauptbühne betritt: Neil Harbisson, ein menschlicher Anglerfisch. Harbisson trägt ein bunt schillerndes Sakko, hat einen wasserstoffblonden Topfschnitt und ihm ragt eine Antenne aus dem Hinterkopf. Eine Antenne, die seine Welt in Farben taucht.

Harbisson wurde ohne Farbsinn geboren und konnte die Welt nur in Grautönen sehen. 2004 ließ er sich eine spezielle Antenne implantieren. Diese registriert Farben und wandelt sie in hörbare Vibrationen um, die sie direkt an den Schädel von Harbisson weitergibt. Blau und Rot klingen bassig, Gelb und Grün quietschen. So kamen vor zwölf Jahren über einen Umweg die Farben in Harbissons Leben. Und damit auch der Hype. Hunderte Male hat Harbisson von seinem Leben als Cyborg erzählt – TED und Co. listen dutzende Vorträge von ihm als Video. In Berlin spult er in gelangweilter Routine seine Geschichte vom Leben als Cyborg herunter. Und dennoch sind die Leute gebannt. Zu fremd sind die zwei Welten, von denen er erzählt.

(Foto: Jan Helge Petri)

Da ist einerseits die Zeit vor der Antenne, in der er Fahnen wie die von Irland, Frankreich und Italien nicht unterscheiden konnte, weil die Farben in Grautönen identisch aussehen. Selbst sein Sprachverständnis, so sagt er, war ein anderes, weil Wortschöpfungen wie „Gelbe Seiten“, „Greenpeace“ und „Pink Panther“ in seinem grauen Alltag keinen Sinn ergaben. Und andererseits ist da die Welt, die an Harbissons klingender Antenne hängt und die sein Heute bestimmt. Bunte Supermärkte und Obstsalate wummern in seinem Kopf wie ein Rave. Gemälde, Mode, Gesichter haben alle einen eigenen Klang. Ja, Harbisson kann sogar Dinge hören, die für den normalen Menschen unsichtbar sind, weil er das Farbspektrum seiner Antenne auf ultraviolette Farben erweitert hat.

„Ich möchte meine Sinne neu definieren“, sagt Harbisson und wird kurzzeitig euphorisch. Er erzählt von seiner Schwester im Geiste, Moon Ribas, die einen Vibrator an ihrem Ellenbogen hat, der sie spüren lässt, wenn irgendwo auf der Welt ein Erdbeben geschieht. Harbisson selbst sprengt räumliche Grenzen, indem er fünf Auserwählten erlaubt, über das Internet ihm Fotos zu schicken, die seinen Kopf zum Klingen bringen. So sei er stets an mehreren Orten zugleich. Je mehr Harbisson aber über solche Formen der Augmentation spricht, desto schwerer fällt es mir, seine Erfahrungen als die Zukunft für mich, den Durchschnitt, zu sehen.

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