Reportage

Body-Hacking: Ich, einfach unverbesserlich

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Harbisson ist ein Außerirdischer und das nicht nur, weil er sich inzwischen Bilder der Weltraumstation ISS auf seine Antenne schicken lässt. Er wirkt wie ein Geschöpf aus dem Kuriositätenkabinett, das stets für Selfies bereit steht. Weil man ja „jetzt auch nochmal eins mit dem iPhone“ will. Sobald das letzte Bild aber geschossen ist, lässt Harbisson für einen Moment die Kunst Kunst sein und erzählt von den Wehen seiner Transformation. Dass es fünf Monate gedauert habe, sich an den neuen Sinn zu gewöhnen. Dass er permanent fürchtete, dass das Gehirn oder der Körper das Implantat abstoßen würden. Und dass einmal sich jemand sogar in sein System hackte und ihn mit Sinneseindrücken überflutete. „Aber auch das war eine Erfahrung“, sagt Harbisson, lächelt wie eine Sphinx und verabschiedet sich zurück in seine Künstlerrolle. Ob das souverän oder gequält wirken sollte? Ich vermag es nicht zu durchschauen.

„Hackers, Break My Heart“

Auch Enno Park erzählt, wie angreifbar die Technik in seinem Gehör ist. „Ein halbwegs talentierter 14-jähriger kann sich mit einem Arduino-Chip in mein Cochlea-Implantat hacken“, sagt er. Und erst im März dieses Jahres rief die IT-Sicherheitsforscherin Marie Moe, selbst Trägerin einer Herzschrittmachers, dazu auf, Schrittmacher und andere Implantate zu hacken, um zu zeigen, wie unsicher medizinische Implantate sind. Die Überschrift des Artikels: „Go Ahead, Hackers. Break My Heart“. Eine klare Ansage.

Nur was bedeutet das für die Idee des Ich 2.0, wenn selbst medizinisch getestete Geräte so leicht zu manipulieren sind? Was macht es mit mir, wenn ich nicht nur die Kontrolle über meine Geräte, meine Daten verliere, sondern auch die über meinen Körper?

(Foto: Jan Helge Petri)

Einer, der darüber inzwischen viel nachdenkt, ist Stefan Greiner. Er war selbst ein Cyborg. In der rechten Hand trug er einen RFID-Chip, im linken Ringfinger einen kleinen Magneten, doch inzwischen lagert beides aber im Deutschen Hygienemuseum als Ausstellungsstück. Als ich ihn einige Tage nach dem Vortrag von Harbisson treffe, sitzt er – wenn man die Brille außer Acht lässt – ganz ohne technische Verbesserung vor mir. Nicht Sicherheitsbedenken, sondern Untersuchungen mit einem MRT waren der Grund für das Entfernen der beiden Geräte. „Ich hatte schlichtweg Schiss, dass die starken Magnete des MRT mir die Implantate um die Ohren fliegen lassen würden“, erklärt Greiner. Hinter sein Dasein als Cyborg muss er also ein „a.D.“ kleben. Zumindest vorerst.

Greiner ist skeptischer geworden, was die Idee der Mensch-Maschine angeht. Die Möglichkeiten des RFID-Chips fand er enttäuschend. Auch viele Geräte, die er aktuell in der Szene sieht, seien vor allem Fetisch. Zudem sieht er eine Menge ungelöster Fragen für die Zukunft der Mensch-Maschine: „Was passiert, wenn zum Beispiel der Hersteller deines Devices pleite geht? Wer übernimmt dann die Verantwortung?“, fragt er.

Dennoch will er nicht ausschließen, irgendwann wieder einen Magneten unter der Haut zu tragen. Spannend sei es gewesen, die Welt auf neue Weise zu erfahren, kurios die Momente, wenn die Hand den Diebstahlschutz im Kaufhaus erspürt. Dass sich ein gesunder Mensch aber den Arm absägen lässt, um sich Technik in seinen Körper implantieren zu lassen, daran glaubt er nicht. Ähnliches hatte auch zuvor schon Enno Park gesagt: „Gegen die Natur können wir nicht anstinken.“

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