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Wie Büroarchitektur Innovation fördert: Pimp my Office!

(Foto: Kevin Münkel)

Die Zukunftsfähigkeit von Technologiefirmen hängt zu großen Teilen von ihrem Innovationsgrad ab. Doch gute Ideen lassen sich nicht per Dekret produzieren. Stattdessen investieren Unternehmen zunehmend in Arbeitslandschaften, die offen, spielerisch, stimulierend und zugleich gemütlich sein sollen. Die neue Büroarchitektur soll den kreativsten Köpfen ein attraktives Habitat zum Ausbrüten neuer Einfälle bieten. Dabei werden die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit ebenso verwischt wie die zwischen der eigenen Belegschaft und externen Talenten.

Der Sound macht die Musik. Das wusste schon Jacques Tati, als er in seinem Film Play Time von 1967 die Geräuschkulisse und das Design modernistischer Großraumbüros in Szene setzte. Alles quietscht, rattert, piepst oder quasselt am Telefon, während der Protagonist immer wieder zwischen den gleichförmigen Cubicles verloren geht.

Die Legebatterien der alten Arbeitswelt sorgten auch in der Bürosatire Office Space von 1999 noch für viele Pointen, weil man die Kollegen zwar nicht sehen, aber dafür ständig telefonieren hören konnte. Inzwischen hat sich die Situation umgedreht: Im zeitgenössischen Großraumbüro herrscht Transparenz so weit das Auge reicht, und wer telefonieren will, muss in die Filzzelle. Die kleinkarierte Gleichförmigkeit ist großzügigen Arbeitslandschaften mit fließenden Übergängen und Flex-Desks gewichen.

So zum Beispiel bei Onefootball, einer Technologiefirma mit derzeit 60 Mitarbeitern, die ihre Büros seit 2014 in der „fabrik“ in Berlin Prenzlauer Berg hat. Auf mehreren Etagen arbeitet man hier an einer Fußball-App für 21 Millionen Nutzer und ist Marktführer in diesem Bereich.

Innenarchitektur mit Symbolcharakter

Schon am Empfang sinken die Füße in einen grünen Teppich im Stile von Laufbahnen auf dem Sportplatz. Die weichen Bahnen dämpfen die Akustik und ziehen den Besucher in die Tiefe des Raumes – vorbei an Umkleidekabinen, Meetingräumen mit Kunstrasen, einem Miniaturstadion mit Sitzkissen für firmeninternes Public Viewing sowie Duschen für die sportlichen Mitarbeiter. Die Bahnen enden in einer Elfmetersituation mit Fußball und Tor. Die Einladung zum Spiel ist allgegenwärtig, angesichts der filigranen Designerlampen an der Decke empfiehlt es sich jedoch nicht, hier hemmungslos drauflos zu bolzen.

Das monothematische, edle Interieur stammt vom Münchner Architekturbüro TKEZ. Es soll der internationalen Belegschaft eine möglichst attraktive Arbeitsumgebung bieten, neue Entwicklertalente anlocken und zugleich die Passion für das eigene Produkt nach außen kommunizieren. „Wir wollen, dass die Mitarbeiter möglichst kreativ und effektiv arbeiten können, und das klappt am besten, wenn man sich wohl fühlt“ so Jessica Gierlichs, Marketing-Managerin bei Onefootball. „Aber es gehört auch zur Unternehmensstrategie, dass wir allen Besuchern, Partnern und Investoren zeigen: Fußball ist unser Kern.“ Wenn der Erfolg eines Unternehmens von seinen künftigen Innovationen abhängt, und diese wiederum nur entstehen können, wenn man sowohl Geldgeber als auch Talente davon überzeugen kann, dass man es ernst meint und den Bogen raus hat, ist die kommunikative Komponente der Innenarchitektur kaum zu überschätzen. Im besten Fall wird sie zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Bei Onefootball dienen Ball und Tor nicht nur zur Mitarbeiter-Belustigung. Das Startup hinter der populären Fußball-App präsentiert durch seine Einrichtung auch Partnern und Investoren seine Liebe zum Rasensport. (Foto: Michael Hübner)

Bei Onefootball dienen Ball und Tor nicht nur zur Mitarbeiter-Belustigung. Das Startup hinter der populären Fußball-App präsentiert durch seine Einrichtung auch Partnern und Investoren seine Liebe zum Rasensport. (Foto: Michael Hübner)

Die spielerische Entgrenzung der Arbeit

Ebenso wichtig wie die Außenwirkung ist die konkrete Gestaltung der Zusammenarbeit. Bei Onefootball sind Arbeitsbereiche für die Designer und Programmierer zwar zoniert, aber offen und ineinander übergehend. Hier wie in anderen kreativen Großraumbüros möchte man für einen möglichst ungehinderten, informellen Informationsfluss zwischen den Abteilungen sorgen, denn Innovation passiert häufig an den Schnittstellen. Nichtsdestotrotz braucht es auch geschützte Räume. Die einzelnen Teams und das Management verfügen deshalb über aquariumartige Glaskuben, in welche man sich für Besprechungen zurückziehen kann. Zudem gibt es akustisch optimierte Filzschalen für spontane, informelle Besprechungen – die Architekten von TKEZ sprechen von „Soft-Work“-Arealen.

Dem Versuch, konventionelle Arbeitssituationen aufzuweichen, begegnet man hier wie in anderen Startups immer wieder. Bei Onefootball gibt es neben der verspielten Dekoration des Büros auch spezielle Freizeit-Bereiche. „Das Spielen ist ein wichtiges Gegengewicht zur Arbeit,“ erklärt Jessica Gierlichs, „am beliebtesten sind die Kickertische und die Xboxes, auf denen Fifa gespielt wird.“ In der Mittagspause oder abends gebe es regelmäßig Turniere. Die Ausweitung der spielerischen Arbeit in die Freizeit sieht man bei Onefootball unbedenklich. „So ganz schwarz-weiß wird das wirklich nicht gelebt hier. Wir haben auch keine festen Arbeitszeiten.“ Doch Gierlichs fährt fort: „Die meisten Kollegen regulieren sich mit der Spielzeit selbst. Wenn sie nachmittags 20 Minuten Fifa spielen, bleiben sie dafür abends länger oder kommen am nächsten Tag etwas früher.“

Diese Entwicklung ist generell durchaus ambivalent zu betrachten, denn während die Arbeit immer mehr wie Freizeit daher kommt, weitet sie sich zugleich auf die Freizeit aus – ohne dabei aufzuhören, Arbeit zu sein. Obwohl die Spielzeit dem Arbeitgeber nutzt, haben die Mitarbeiter offenbar das Gefühl, diese vermeintlich unproduktive Zeit nacharbeiten zu müssen.

Eine Retro-Kammer zum Out-of-the-box-Denken

Besonders stolz ist man bei Onefootball auf den „Living Room“, ein von den Mitarbeitern kleinteilig aus Vintage-Stücken zusammengetragenes Wohnzimmer aus Jugendtagen – eine Zeitkapsel, die deutsche Gemütlichkeit mit nostalgischen Fußballdevotionalien und vordigitaler Medientechnik vereint. Der Raum sei Reminiszenz an eine „romantische Zeit, als Fußball noch nicht so teuer war, als sich jeder leisten konnte, zu einem Spiel zu gehen. Es ist ein sehr persönlicher Ort“ so Jessica Gierlichs. Und tatsächlich hängen an den Wänden alte Kinderfotos von Mitarbeitern im Fußballoutfit.

Für ein Technologieunternehmen mag die Romantik im ersten Moment paradox wirken, doch die Retro-Kammer dient als Kulisse für Brainstorming-Meetings und soll das vielbeschworene „Out-of-the-box“-Denken befördern. Durch die künstlich erzeugte Aura des Raumes sollen neue Produktideen vom wahren Geist des Fußballfantums beseelt werden, von einer Zeit, als es noch nicht um Big Business, sondern allein um die großen Gefühle ging. Räume wie dieser sollen ungewöhnliche Ideen ermöglichen, auf die man in einem Glaskubus entweder nicht kommen würde, oder sich nicht trauen würde, sie auszusprechen. Doch so wild sich die Ideen hier auch gebaren mögen, am Ende müssen sie natürlich für die Fußball-App domestiziert werden. Die Gestaltung des Büros macht die äußeren Rahmenbedingen unmissverständlich klar.

Das Retro-Zimmer bei OneFootball beschwört die Liebe zum Fußball herauf. Zwischen Fotos und Vintage-Möbeln, die an eine andere Zeit erinnern, sollen Ideen entstehen, die nicht nur vom Big Business getrieben werden. (Foto: Michael Hübner)

Das Retro-Zimmer bei OneFootball beschwört die Liebe zum Fußball herauf. Zwischen Fotos und Vintage-Möbeln, die an eine andere Zeit erinnern, sollen Ideen entstehen, die nicht nur vom Big Business getrieben werden. (Foto: Michael Hübner)

Gedämpfte Akustik, gute Vibes

Einer der früheren Nachbarn von Onefootball, der Musikstreaming-Dienst SoundCloud, ist inzwischen weiter gezogen in die Factory, eine 16.000 Quadratmeter große ehemalige Brauerei neben der Gedenkstätte Berliner Mauer. Mit seinen 250 Mitarbeitern belegt SoundCloud etwa ein Viertel des Gebäudes.

Im SoundCloud-Headquarter in der Factory Berlin sorgen die auffälligen Hängeleuchten nicht nur für einen Hingucker, sondern auch für eine verbesserte Akustik. (Foto: Michael Hübner)

Im SoundCloud-Headquarter in der Factory Berlin sorgen die auffälligen Hängeleuchten nicht nur für einen Hingucker, sondern auch für eine verbesserte Akustik. (Foto: Michael Hübner)

Bei der Inneneinrichtung legte das Berliner Architekturbüro KINZO Wert darauf, den industriellen Charme des Gebäudes zu erhalten. Backsteinwände und Sichtbeton treffen auf freiliegende, ornamental eingesetzte Kabelstränge. Dazu sorgt viel helles Holz für rustikale Gemütlichkeit mit skandinavischem Einschlag. Ziel der Architekten war es, auf diese Weise einen fließenden Wechsel „zwischen Urbanität und Privatheit, öffentlichem Raum und Wohnzimmer“ zu erzeugen. Auch bei SoundCloud wird das Großraumbüro erst durch den geschickten Einsatz von Akustik-Elementen arbeitsfähig gemacht. Neben speziellen Paneelen, die – dem SoundCloud Logo nicht unähnlich – scheibchenweise von der Decke hängen, wurden wuchtige Hängeleuchten entworfen, die zugleich zur Schalldämpfung beitragen.

„Die besten Arbeiten unseres Lebens“

Doch nicht nur der Sound der Räume wurde bewusst gestaltet, sondern auch deren „Vibe“. Die Innenarchitektur entstand unter Bauleitung der Amerikanerin Kelly Robinson, die bei SoundCloud unter der Berufsbezeichnung „Vibe-Managerin“ firmiert. Robinson arbeitet am liebsten für große Startups, da diese einen Teil ihrer Investorengelder gerne in eine ganzheitliche Bürogestaltung reinvestieren, um so internationale Talente an sich zu binden.

Dass es inzwischen ein eigener Beruf ist, die kreativen Köpfe zu umsorgen, zeigt deutlich, wie wichtig das Betriebsklima für innovative Firmen geworden ist. Es gilt, einen Vibe zu erzeugen, der in genau der richtigen Frequenz zwischen heimeliger Entspannung und produktiver Konzentration oszilliert. Vor allem geht es darum, den Talenten ein zweites Zuhause zu bereiten, sodass sie so viel Zeit wie möglich am Arbeitsplatz verbringen wollen. Und so kümmert sich Robinson mit mütterlicher Sorgfalt um das leibliche und seelische Wohl der Mitarbeiter. Die einzige Küche des Startups, das Herz der Unternehmensfläche, dient laut Robinson als Kommunikationsknotenpunkt und sorgt trotz rapidem Wachstum für Nähe unter den Mitarbeitern.

Zudem gibt es ein Pflanzenzimmer, einen Gemüsegarten auf dem Dach, Yogakurse und einen Nap-Room für das kleine Nickerchen zwischendurch. Als Reaktion auf den harten Berliner Winter erschuf Robinson mit einem großzügigen Kaminzimmer den schönsten und gemütlichsten Raum bei SoundCloud. Ähnlich wie mit den spielerischen Elementen bei Onefootball geht es natürlich auch hier darum, möglichst viele Gelegenheiten für einen informellen Austausch zwischen den Mitarbeitern zu schaffen und so die Entstehung innovativer Ideen zu fördern. „In einem Raum, in dem es keine Angst gibt, in dem jeder frei seine Ideen äußern und verfolgen kann, entstehen die besten Arbeiten unseres Lebens,“ beschreibt Robinson ihre Vision.

Vordergründig ist natürlich nichts gegen die Gemütlichkeit auf der Arbeit einzuwenden. Doch angesichts der hohen Fluktuation in der Startup-Szene sollten die Mitarbeiter das Zuhause und den Freundeskreis außerhalb des Arbeitsplatzes nicht allzu leichtfertig aufgeben, sonst steht man schnell sehr alleine da.

Intellektuelle Infrastruktur und Luxushotel für Gründer

Obwohl Onefootball und Soundcloud häufig noch als Startups bezeichnet werden, haben beide Firmen bereits eine Größe erreicht, die sie weniger wendig werden lässt. Sie sind auf ein spezifisches Produkt festgelegt, und egal wie extravagant die Büroeinrichtung auch sein mag, die Möglichkeiten der Mitgestaltung für den einzelnen Angestellten sind zwangsläufig begrenzt. Wer es ernst meint mit der vielbeschworenen Disruption und die nötige Risikobereitschaft mitbringt, wird lieber selber Gründer, und auch diese Entwicklung spiegelt sich in der Innenarchitektur wieder. So versteht sich die Factory Berlin nicht bloß als Vermieter – stattdessen möchte man ein Spielplatz für die Begegnungen zwischen Old und New Economy sein. Und tatsächlich finden sich unter den Mietern nicht nur Soundcloud, Uber und Twitter sondern beispielsweise auch die Lufthansa.

Begegnungsstätte: In der Lounge der Factory Berlin treffen Gründer und Kreative auf Vertreter etablierter Konzerne. Die Mieter sollen zusammen leben und arbeiten, statt aneinander vorbei. (Foto: Michael Hübner)

Begegnungsstätte: In der Lounge der Factory Berlin treffen Gründer und Kreative auf Vertreter etablierter Konzerne. Die Mieter sollen zusammen leben und arbeiten, statt aneinander vorbei. (Foto: Michael Hübner)

Neben dem Spiel und der Gemütlichkeit zeichnet sich hier ein dritter deutlicher Trend ab: Unternehmen in unterschiedlichen Entwicklungsstufen suchen die Nähe zueinander. Gründer wollen lernen, sich zu professionalisieren und sich in der Aura bereits erfolgreicher und bekannter Unternehmen sonnen. Träge gewordene Großunternehmen suchen die Nähe der kreativen Jungunternehmer, in der Hoffnung auf eine innovationsfördernde Frischzellenkur. Es braucht daher eine Infrastruktur, die nicht nur den Austausch zwischen Mitarbeitern, sondern zwischen ganzen Unternehmen fördert und sie zudem bei ihrem dynamischen Wachstum unterstützen kann. „Du kannst mit deiner Firmenidee im Coworking anfangen und wir können das bis zum Börsengang mit Büroflächen begleiten“ erklärt Lukas Kampfmann, Marketingchef der Factory.

„Wir sehen uns als Ökosystem“

In der Praxis stößt diese Flexibilität durch die vollständige Auslastung des Gebäudes jedoch mehr als schnell an ihre Grenzen. „Kleine Teambüros für vier bis 15 Leute – das ist der Markt, wo am meisten Musik drin ist,“ so Kampfmann, weil es sich ab dieser Größe schlecht weiter im Café oder von Zuhause aus arbeiten lasse. „Der große Trend ist die Konvergenz aus Lebens- und Arbeitsraum“, aber die Factory sei besser als das Homeoffice, da sie neben Annehmlichkeiten wie Nap-Room und repräsentativen Veranstaltungsräumen mit Kamin vor allem auch Kontakte zu anderen Kreativen böte.

Man versteht sich als Campus, als intellektuelle Infrastruktur, als repräsentatives Luxushotel für Unternehmen in Gründung – nur schnödes Bürogebäude möchte man auf keinen Fall sein. „Wir sehen uns nicht als Coworking-Space sondern als Ökosystem – wir wollen eine Art Club sein für Unternehmer.“ Wegen der hohen Nachfrage kann man es sich erlauben, die Anwärter nach Innovationsträchtigkeit zu kuratieren und versucht so, die Entstehung einer besonders kreativen Community zu steuern. Mehr als für vollausgestattete Büroflächen zahlen die großen und kleinen Mieter daher für den Zugang zueinander, für einen Arbeitsplatz möglichst dicht am Puls der Gründerszene.

Alle Wände sind verglast, alle Türen offen

Die letzte Station auf der Safari: Das Fab Lab Berlin, angesiedelt im neuen Open Innovation Space auf dem Gelände der ehemaligen Bötzow-Brauerei zwischen Mitte und Prenzlauer Berg (Fotos aus dem Fab Lab findet ihr in unserer Bildergalerie auf den Seiten 38 bis 44). Das Fab Lab ist eine offene Werkstatt, die Zugang zu Werkzeugen wie 3D-Druckern, Laser-Cuttern und CNC-Fräsen bietet und darüber hinaus Coworking-Plätze an Hardware-Hacker vermietet – es ist aber auch Kooperationspartner der Firma Otto Bock, Weltmarktführer in Sachen Prothesentechnik. Der Konzern entwickelt gerade das gesamte Brauereiareal zu einem neuen Innovationsstandort, und das Fab Lab hat man sich als Investition in die Zukunft auf das Gelände geholt.

„Wir sind bei Otto Bock als Firma teilangestellt“, so Wolf Jeschonnek, Geschäftsführer des Fab Lab. Mit ihren 18 Mitarbeitern ist die Werkstatt ein eigenes Unternehmen, mietet die Räumlichkeiten von Otto Bock, bekommt aber im Rahmen eines Kooperationsvertrags auch einen monatlichen Festbetrag ausgezahlt. Das einstöckige Gebäude, ein moderner, länglicher Bau mit viel Glas, wurde von Jeschonnek und seinen Kollegen zusammen mit dem Prothesenkonzern geplant. Um einen großen, offenen Gemeinschaftsraum herum sind die Maschinen und einige Büros in einer Folge von separaten Räumen angeordnet. Alle Wände im Fab Lab sind verglast, alle Türen offen.

Durch Öffnung entstehen Innovationen

„Bei Otto Bock hat man verstanden, dass Innovationen, die das Unternehmen voranbringen, nicht unbedingt in den eigenen Reihen entstehen oder aus der kleinen Nische der Prothetik kommen werden“, erklärt Wolf Jeschonnek. Deshalb öffnet man sich für Innovation von außen, sowohl auf der technologischen als auch auf der ästhetischen Ebene.

Die Zukunft der Prothese liegt in einer Mischung aus Ingenieurskunst und Modedesign, und in diesem Bereich spielen kreative Lead User eine große Rolle. „Die Idee ist, dass die Innovation quasi in Otto Bocks Vorgarten passiert. Dem Fab Lab kommt dabei eine moderierende Rolle zu, denn wir kennen die Bedürfnisse der Designer, Künstler und Nerds.“ Bei Wolf Jeschonnek laufen die Fäden aus beiden Richtungen zusammen, er fungiert als menschliche API zwischen Konzern und Kreativszene, er hat den Überblick und kann Tüftler zusammenbringen oder beispielsweise an Otto Bock empfehlen.

Moderator zwischen Konzern und Kreativszene: Wolf Jeschonnek leitet das Fab Lab Berlin. „Innovationen, die Unternehmen voranbringen, entstehen nicht unbedingt in den eigenen Reihen“, sagt er. (Foto: Florian Alexander Schmidt)

Moderator zwischen Konzern und Kreativszene: Wolf Jeschonnek leitet das Fab Lab Berlin. „Innovationen, die Unternehmen voranbringen, entstehen nicht unbedingt in den eigenen Reihen“, sagt er. (Foto: Florian Alexander Schmidt)

Laut Jeschonnek bleiben manche Kreative, die an Prothetik-Projekten arbeiten, zwar aus Angst vor Ideenklau auf Distanz zu Otto Bock. Doch diese Sorge sei unbegründet – der CTO der Firma zahle gerne hohe Lizenzgebühren für gute Ideen. Ziel sei es, gemeinsam mit den innovativen Entwicklern von außen Gewinne zu machen. Der Geschäftsführer des Fab Lab, selbst Produktdesigner, ist überzeugt: „Die Weiterentwicklung innovativer Konzepte kann nur durch den Austausch mit anderen Profis vorangetrieben werden.“ Im stillen Kämmerlein kommt man mit seinen Ideen irgendwann nicht mehr weiter.

Der Raum an den Rändern und die informelle Kommunikation

Diese Einsicht ist der große gemeinsame Nenner der hier vorgestellten Arbeitslandschaften. Das Fab Lab Berlin kommt zwar wunderbar ohne Spielecken, Wohnzimmeratmosphäre, Yogakurse und Kaminzimmer aus, doch auch hier ist man sich sicher, dass die Innovation an den Rändern und Schnittstellen in der informellen Kommunikation mit anderen entsteht. Hier wie dort ist die Aufgabe der Architektur, diese „zufälligen“ Begegnungen zu begünstigen.

Die Transparenz der Räumlichkeiten ist dabei extrem wichtig, doch es braucht auch Rückzugsbereiche für konzentriertes Arbeiten und fließende Übergänge zwischen den Zonen, sodass man durch die jeweilige Wahl des temporären Arbeitsplatzes den Kollegen signalisieren kann, wie offen man gerade für Austausch ist. Eine weitere wichtige Gemeinsamkeit bringt Wolf Jeschonnek auf den Punkt: „Die Coworker sind unser Kapital. Wären wir nur eine Prototyping-Werkstatt, in der kein Schwein sitzen würde, wären wir für Otto Bock nicht interessant.“

Egal ob Onefootball, Soundcloud, Factory oder Fab Lab: All diese auf Innovation ausgerichteten Arbeitslandschaften funktionieren wie Biotope. Architekten und Vibe-Manager wie Kelly Robinson schaffen Rahmenbedingungen, mit denen sie die hellsten Köpfe anzulocken hoffen, sodass auf organische Weise ein Ökosystem der Ideen entsteht. In den innovationsgetriebenen Branchen können sich die Kreativen also darauf einstellen, dass man ihnen die schönsten Nester bauen wird. Nur darf man darüber nicht vergessen, dass es trotzdem ein Leben außerhalb der Arbeit braucht – denn irgendwann ist auch mal Feierabend.

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