Digitale Gesellschaft

Smartphone heißt Freiheit: Wie in Burma Technologien das ganze Land verändern

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Facebook ist das Internet für Myanmar“

Myo Myint Kyaw sieht in den Smartphones großes Potenzial für sein Land: „Wir haben die gesamte Desktop-Generation übersprungen und sind direkt zum Smartphone gewechselt.“ Selbst Barack Obama habe diese Entwicklung bei seiner Rede im November des vergangenen Jahres in Yangon erwähnt – viele Arbeiter auf der Straße hätten nicht mal ein Hemd an, aber ein Smartphone in der Tasche. Der Gründer schmunzelt, wenn er das erzählt.

Genauso, wie wenn er von seiner 90-jährigen Großmutter erzählt, die sich über Facebook auf ihrem Smartphone mit allen Verwandten vernetzt. „Facebook ist das Internet für Myanmar“, erzählt er, alle seien verrückt danach. Und weil die Message-Funktion auch bei schlechtem Empfang funktioniert, sagen selbst seine Geschäftspartner: „Los, adde mich auf Facebook.“

Mit Steve Jobs zum Erfolg: Der Apple-Gründer ist für Myo Myint Kyaw ein wichtiges Vorbild. Der Burmese will auf dem entstehenden Digitalmarkt in seiner Heimat ganz vorne mitspielen. (Foto: Lisa Hegemann)

Mit Steve Jobs zum Erfolg: Der Apple-Gründer ist für Myo Myint Kyaw ein wichtiges Vorbild. Der Burmese will auf dem entstehenden Digitalmarkt in seiner Heimat ganz vorne mitspielen. (Foto: Lisa Hegemann)

Mit Revo Tech will er am Smartphone-Boom teilhaben. Kürzlich hat das Unternehmen eine App herausgebracht, mit der man Burmesisch lernen kann. Er drückt auf einen Knopf und zeigt, wie eine Stimme das Wort Mingalaba ausspricht, was Hallo heißt. „Ich möchte dabei helfen, den Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen“, sagt er. Auch Ausländer, die in Burma arbeiten, oder Kinder von Burmesen, die im Ausland leben, sollen von der Lern-App profitieren. Ein weiterer Traum von ihm ist, eine Shazam-Variante für Burma zu entwickeln. „Ich liebe Musik“, sagt er, in zehn Jahren möchte er mit Revo Tech das führende Unternehmen im burmesischen Musikmarkt sein.

Erfindungen, die das Leben der Menschen verbessern

Viel aus der technologischen Entwicklung ist – wie bei Myo Myint Kyaw – noch Zukunftsmusik. Doch die Startup-Szene wächst und wächst. In den letzten zwei Jahren haben sich 100 Tech-Startups vor allem in der Hafenmetropole Yangon angesiedelt. Wie der Revo Tech-Mann beobachten sie die einfachen Leute auf der Straße, befragen die Taxi-Fahrer und Händler, wie sie ihr Handy verwenden. Auf diesem Weg suchen sie nach neuen Geschäftsideen. Eines der ebenfalls erfolgversprechenden Startups ist Bindez, das eine burmesische Suchmaschinen-App entwickelt hat und so zum „Google von Myanmar“ werden will. Andere Unternehmen wie Nex bringen Spielereien heraus: ein Netzwerk für Gedichte.

David Madden beobachtet diese Entwicklung seit zwei Jahren. Der Neuseeländer hat einmal die Beteiligungs-Plattform Avaaz mitgegründet – nun will er helfen, Burma mit Technik voranzubringen. Mit seiner Initiative „Code for Change Myanmar“ unterstützt er Startups dabei, Probleme des Landes zu lösen.

Das Computer-Zeitalter wird einfach übersprungen

„Es wäre toll, wenn ein Teil der Begeisterung und Energie der Tech-Szene in Erfindungen gehen würde, die das Leben der Menschen verbessern“, sagt Madden. Während eines Hackathons haben Entwickler etwa ein Frühwarnsystem für Bauern entwickelt, das sich meldet, wenn eine Krankheit ausbricht.

Die Technik könnte dem Land zu einem „Digital Leapfrog“ verhelfen – einem digitalen Bocksprung. Das heißt: „Ein Land überspringt alle alten Technologien und verwendet die neue direkt so, dass Dinge effektiver und produktiver als vorher laufen.“ Noch sei es jedoch etwas zu früh, um den Einfluss der Technik zu messen.

Das Glück für Myanmar: Die Liberalisierung des Telefonmarktes kam genau zu dem Zeitpunkt, an dem die Smartphones günstig und so dem Massenmarkt zugänglich wurden. Im Gegensatz zu Afrika müssten die Startups keine Produkte entwickeln, die per SMS funktionieren, sondern könnten gleich mit Apps loslegen, sagt Madden.

Von der Schreibmaschine zum Smartphone

Für viele Menschen in Myanmar ist das aber noch Neuland – sie lassen offizielle Briefe noch auf der Schreibmaschine schreiben und versammeln sich abends gemeinsam vor einem Fernseher auf der Straße. Und den Umgang mit dem Smartphone müssen sie noch lernen.

Nay Phone Latt, ein Blogger und Aktivist, will ihnen das beibringen. Seine Geschichte hat ihn gelehrt, wie mächtig Technologie sein kann: Während der Proteste der Mönche 2007 postete er Fotos in seinem Blog und dokumentierte die Brutalität des Regimes. „Schon damals wussten wir die Sperren der Regierung zu umgehen“, sagt er und lacht. „Die Regierung hat jetzt keine Chance mehr die Menschen zu belügen.“ Dank der sozialen Netzwerke und Smartphones.

Noch gehören die Telefonstände, an denen Menschen per Festnetz Anrufe erledigen können, in Burma nicht der Vergangenheit an. (Foto: Lisa Hegemann)

Noch gehören die Telefonstände, an denen Menschen per Festnetz Anrufe erledigen können, in Burma nicht der Vergangenheit an. (Foto: Lisa Hegemann)

Vor sieben Jahren reagierte die Regierung noch mit anderen Mitteln. Zu 20 Jahren Gefängnis verurteilte ihn ein Richter. „Im Gefängnis habe ich versucht, meinen Zellennachbarn etwas über Computer beizubringen, nur leider ohne Computer“, erzählt der 34-Jährige. Mitte 2012 wurde er begnadigt und entlassen. Aber er bleibt misstrauisch: „Ich weiß nicht, was schon im kommenden Jahr passiert. Ich konzentriere mich auf das Jetzt.“ Im Jetzt macht er weiter. Seine Organisation MIDO hat überall im Land Center aufgebaut, in denen die Menschen lernen sollen, wie sie Computer und jetzt auch Smartphones verwenden können.

„Smartphones und Social Media sind nur Werkzeuge“, sagt Nay Phone Latt. Er will den Menschen die Smartphone-Basics wie beispielsweise das Filmen beibringen. „In einem Dorf haben sie einen Minister gefilmt, der die Dorfbevölkerung beleidigt hat“, erzählt der Blogger. Die Dorfbewohner hätten gefragt, wann sie sauberes Wasser bekommen. Er habe nur geantwortet: „Nicht einmal ich trinke sauberes Wasser.“ Der Film wurde auf Youtube tausendfach angeklickt, der Minister war schockiert. Solche Beispiele wünscht sich Nay Phone Latt in Zukunft häufiger, denn sie machen das Tun der Regierung transparenter. Das Phone in seinem Namen heißt übersetzt Power.

Der Blogger betont aber auch die negativen Seiten von Social Media. Die Bevölkerung müsse aufpassen, nicht auf Falschmeldungen oder Hassprediger reinzufallen – die sich in Burma häufiger zu Wort melden. Facebook hat bereits darauf reagiert und ein spezielles Meldesystem für Hasskommentare eingeführt.

Die Smartphone-Revolution endet am Stadtrand

Wenden sie die Technik jedoch richtig an, könnte es das Handeln der Regierung beeinflussen, meint Nay Phone Latt. Bis der Siegeszug des Smartphones etwas verändert, muss es vor allem erst einmal weitreichenden Empfang in den ländlichen Gegenden geben, sagt er.

In der Stadt genießen die Einwohner von Yangon die Vorzüge moderner Telekommunikationstechnologie – den Unternehmen Telenor und Ooredoo sei dank, die 2014 von der Regierung Mobilfunk-Lizenzen gekauft haben. Fährt man aber ein Stück aufs Land, ist der Empfang weg und die schöne neue Welt passé. (Foto: Caspar Tobias Schlenk)

In der Stadt genießen die Einwohner von Yangon die Vorzüge moderner Telekommunikationstechnologie – den Unternehmen Telenor und Ooredoo sei dank, die 2014 von der Regierung Mobilfunk-Lizenzen gekauft haben. Fährt man aber ein Stück aufs Land, ist der Empfang weg und die schöne neue Welt passé. (Foto: Caspar Tobias Schlenk)

Schon nach einer Fahrt über den Fluss in Yangon gibt es kein mobiles Internet mehr. Ko Ko Aung Lay, der mit einer Fahrradrikscha Leute herumfährt, hat sich trotzdem ein Huawei-Smartphone gekauft. Mehrere Monate musste er seinen Lohn zurücklegen. „Der Reiseveranstalter kann mich so besser erreichen“, sagt der 24-Jährige. Seinen ganzen Stolz trägt er gut sichtbar in der Hemdtasche. Doch noch wartet er – bis der 3G-Empfang zwischen den kleinen Bambushütten, den goldenen Pagoden, den Tümpeln und staubigen Bolzplätzen angekommen ist.

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3 Kommentare
Besser ists woanders
Besser ists woanders

Dort ist besser als hier.

„unterstützt er Startups dabei, Probleme des Landes zu lösen.“. Das wollte ich schon über 15 Jahre. Dafür wird man gemobbt. Abmahnungen, Trivialpatente, Existenzvernichtung. Für viele Ideen die man ohne Finanzierung in wenigen Wochen realisieren kann gibts inzwischen Milliarden an EU-Fördergeldern. Programmiert von Newbies deren Diplomarbeiten niemals frei verfügbar werden wie gute Informatiker machen. Programmiert von Startups mit Gründer-Preisen wo sich nach einem Jahr niemand mehr daran erinnert.

Die Armut steigt. Das merkt man an den immer größer werdenden Linken Wählerzahlen wie z.B. in Hamburg neulich.
Vielleicht gehts den Myanmarern bald auch so wie den neuen Bundesländern…

Das „PC-Zeitalter“ wurde übersprungen und das ist gut so. Ubiquituous Computing hingegen wird mit SmartHomes usw. sich immer weiter verbreiten. Da man hier abgemahnt wird, macht Apple das und NEST-Alternativen auf dem Home-Router gibts bis heute nicht für Deutschland.

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Dimitri
Dimitri

Typisch deutsches Gejammer. Burma hat erst vor kurzem die Hölle überstanden und ist immer noch bettelarm aber der Deutsche sieht dort schon wieder das Paradies und in Deutschland die Hölle. Es gibt in Deutschland sehr viele Chancen sein Start-Ups aufzuziehen und wenn es mal nicht klappt sollte man die Schuld bei sich selbst suchen. Wer hindert Sie denn daran einfache Ideen umzusetzen und massig Fördergeld zu kassieren?

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Besser ist woanders
Besser ist woanders

Ich will kein einziges Fördergeld kassieren. Denn ich bin kein Cashburner.
Aber wenn man Juristen und Patente bezahlt, bleibt oft genug weniger übrig als vorher.
http://www.golem.de/news/in-app-purchase-patent-lodsys-traut-sich-nicht-vor-geschworene-gegen-kaspersky-1310-101951.html
Seine eigenen Anwaltskosten kriegt man in USA und vielleicht auch England normalerweise NICHT zurück selbst wenn man gewinnt.
wikipedia: veoh
Veoh hat alle Prozesse gewonnen und wegen der Kosten Insolvenz anmelden müssen. Die Appstores stehen in USA. Also klagt man meist wohl dort.
google: uniloc x-place
Uber wurde bisher nur hier in Deutschland verboten. Und die können sich teure Anwälte leisten. Die Qualitätsjournalismus von Deutschland zitiert allerdings selten Wikipedia und weist darauf hin das in Washington Uber verboten war und innerhalb eines Jahres das Gesetz geändert und Uber erlaubt wurde oder auch New York Uber explizit erlaubt hat.
t3n.de/news/mehrzahl-app-entwickler-verdient-558607/
Du hast ja vielleicht 250.000 Euro in der Portokasse:
t3n.de/news/abmahnung-geek-nerd-sheldon-cooper-barney-stinson-walter-white-516681/

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