Reportage

Chinas Digitalkonzerne: Die Trendsetter aus Fernost

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Wechat ist nicht nur ein Nachrichtendienst wie sein Vorgänger QQ, sondern ein eigenes kleines Ökosystem. 889 Millionen aktive Nutzer zählt das soziale Netzwerk. Per App können Nutzer chatten und Inhalte in einer Timeline mit ihren Freunden teilen. Das Programm dient aber auch als Bezahldienst, hilft beim Kauf von Kinokarten, dem Begleichen der Stromrechnung oder dem Rufen eines Klempners. Die Idee: Egal, was jemand mit dem Handy machen will, Wechat muss er dafür nicht mehr verlassen (mehr dazu ab Seite 38). Dieses Konzept hat Tencent zu einem der größten Unternehmen in China gemacht. Seit 2004 ist der Konzern an der Börse in Hongkong gelistet und gilt seit vergangenem Herbst mit 256,6 Milliarden US-Dollar als das chinesische Unternehmen mit der höchsten Bewertung.

Zum Vergleich: Facebook kommt auf eine Marktkapitalisierung von rund 400 Milliarden US-Dollar. Und doch ist der Zuckerberg-Konzern heute nicht mehr der Trendsetter. Die amerikanischen Anbieter sind in den Modus der Aufholjagd gewechselt. Den 2014 von Facebook abgekoppelten Messenger können Nutzer nun in manchen Städten in den USA als Taxivermittler oder zur Hotelbuchung verwenden. Auch Bezahldienste sollen stärker integriert werden. Snapchat bietet QR-Codes an, um neue Kontakte hinzuzufügen – ursprünglich eine Idee von Wechat. Und die neuen Livestreaming-Angebote von Facebook Live und Twitter gehören in China schon lange zum Standardrepertoire.

Das Web sichert Chinas Überleben

Der Boom des chinesischen Internets ist trotz Internetzensur auch von Peking gewollt. Unter der Prämisse, dass Peking die Kontrolle über die Inhalte behält, fördert es die Netzkultur aktiv. Der Grund ist einfach: Die Lohnkosten sind in China in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Die Werkbank der Welt ist zu teuer geworden. In Vietnam und Kambodscha arbeiten die Menschen für einen Bruchteil des Geldes. Das schlägt in China auf die Exporte und lässt die Wettbewerbsfähigkeit des Landes sinken. Es droht, in die Falle des Mittleren Einkommens zu geraten. Das bedeutet, dass es zu lange von seinen niedrigen Löhnen profitiert und nicht genug in die Modernisierung der Industrie investiert hat. Nun ist die Produktivität zu niedrig und das Personal zu teuer. Im vergangenen Jahr ist das Land so langsam gewachsen wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.

Um langfristig zu überleben, muss Peking deshalb umdenken. Hoffnungsträger ist die Technologiebranche, die bisher neben den Staatsunternehmen der Kohle- und Stahlindustrie fast eine stiefmütterliche Rolle gespielt hat. Peking will Innovation „Made in China“ und fördert dafür die Gründerszene mit Milliarden. Mit seinem Smartphone, Computer und einer guten Idee soll nun jeder ein eigenes Unternehmen gründen können. Dafür wirbt der Staat mit steuerlichen Vergünstigungen und großzügigen Fonds, mit denen sich Gründer ohne viel Aufwand bis zu 100.000 Yuan, etwa 13.000 Euro, leihen können. Wer sein Studium für eine Gründung unterbrechen will, kann dies ohne Nachteile tun. Viele Universitäten haben dafür Gründerzentren und Förderprogramme gestartet, besonders für Entwicklungen im Techbereich sprudelt das Geld. „Die chinesische Regierung investiert Milliarden“, bestätigt auch Smejkal. „Mit Sonderwirtschaftszonen in den großen Städten und steuerlichen Vorteilen buhlt China international um die besten Kräfte.“

Das Café 3W ist ein beliebter Gründer-Treff in Shenzhen, etliche Unternehmen haben hier das Licht der Welt erblickt. (Quelle: Lea Deuber)

Wie das in der Praxis aussieht, macht ein Besuch im 3W Coffee im südchinesischen Shenzhen deutlich. Das Café liegt im Hinterhof eines Gebäudekomplexes im Westen der Stadt. An den runden Tischen sitzen verteilt einzelne Grüppchen, die hinter ihren Laptops zwischen Chinesisch und Englisch hin und her wechseln, in einer Ecke auch zu Hindi. Das 3W Coffee ist vor allem durch den Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten Xi Jinping bekannt, der vor zwei Jahren einen der Standorte der Kette besuchte, um sich dort mit Gründern zu treffen. Für umgerechnet vier Euro gibt es im Erdgeschoss Kokosnuss-Suppe, gebratenen Reis und Hühnchen-Curry. In bunten Bilderrahmen stecken die ­Logos von Unternehmen, die an den Tischen des Cafés gegründet wurden. An der Wand sind die Börsengänge der wichtigsten Tech-­Unternehmen aufgezeichnet. Die Liste fängt mit den US-­Giganten Apple, Amazon und Ebay an. 1999 findet sich mit der Software-Firma Zhonghuawang das erste chinesische Unternehmen. Seit 2003 sind es hauptsächlich chinesische Unternehmen an der Wand. Darunter die Giganten Tencent, Baidu und Alibaba.

Zhao Guoliang sitzt an einem großen Tisch in der Mitte des giftgrün gestrichenen Raums. Der 35-Jährige kommt mehrfach in der Woche mit seinem Team hierher. Er arbeitet für das chinesische Unternehmen Shidong Shijie aus Beijing, das früher vor allem Apps entwickelt hat und sich jetzt zunehmend auf VR-Brillen und -Spiele konzentriert. Heute steht er in einem grauen Hemd an einem Whiteboard und skizziert die nächsten Schritte des Unternehmens. „Bald wird jeder eine VR-Brille benutzen“, sagt Zhao. „Nicht mehr zum Spielen, sondern um zu Hause neue Klamotten anzuprobieren, seine Wohnung einzurichten oder virtuell in fremden Ländern unterwegs zu sein.“ Er holt seinen Laptop heraus und zeigt einen Film, in dem ein Kunde mit seiner VR-Brille eine Mikrowelle anschaut, sie probehalber in sein Regal in der Küche stellt und dann mit ein paar Klicks kauft. „Bald alles ganz selbstverständlich.“

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