Reportage

Chinas Digitalkonzerne: Die Trendsetter aus Fernost

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Zhao weiß, dass noch viele an der Technik zweifeln. „Aber Jack Ma glaubt daran“, sagt er und nickt dabei mit Nachdruck. Für Zhao ist das Beleg genug. Jack Ma ist der Gründer des Handelsriesen Alibaba und wird von jungen Menschen in China ­verehrt wie in den USA Bill Gates und Steve Jobs. „Niemand hat anfangs an Mas Idee geglaubt. Jetzt hat er es allen bewiesen“, sagt Zhao. Dann beginnt er laut vorzurechnen, wie reich jemand heute sei, der bereits 1999 in das junge Unternehmen von Ma investiert habe. Irgendwann kommt er zu dem Schluss: ziemlich reich.

Ma steht für einen Wandel in China. Die Gründer der Generation Post-80er und Post-90er, wie man Leute wie den 35-jährigen Zhao nennt, sind jung, kreativ, gut ausgebildet und entsprechen so gar nicht dem Klischee des Billiglands China, das sich so hartnäckig hält. Sie blicken auf Jack Ma und andere Gründer und fragen sich: Warum soll ich das nicht nachmachen können? Keine Angst vorm Scheitern und Chancen sehen, wo andere Leute Grenzen vermuten: So ticken immer mehr Chinesen. Auf Mandarin nennt man das: ins Meer springen.

Wichtiger als Papst Franziskus

Der 52-jährige Ma mit seinem breiten Lächeln und kantigen Gesicht ist zum Aushängeschild dieser Kultur und auch der chinesischen Internetökonomie geworden. Das Fortune Magazine hat ihn zu einer der wichtigsten Führungspersönlichkeiten 2017 erklärt, noch vor Papst Franziskus in Rom. Ma sei ein globaler Botschafter für die chinesische Geschäftswelt, so das Magazin als Begründung. Er verkörpert Chuzpe und den neuen chinesischen Traum, dass jeder alles erreichen kann. Der ausgebildete Englischlehrer, der zwei Mal durch die Universitätszugangsprüfung fiel, brauchte zwei Anläufe, um das heute größte Internetunternehmen des Landes zu gründen. Jetzt ist er der reichste Mann Asiens.

Innerhalb weniger Jahre schuf er mit der Seite Alibaba.com, einer Kopie von Amazon, und der 2003 in seinem Wohnzimmer gegründeten Handelsplattform Taobao ein gigantisches Handels­imperium. Das verdrängte zunächst in den 2000er Jahren den ausländischen Konkurrenten Ebay und stieg danach schnell zu einer der meistbesuchten Internetseiten der Welt auf. 2014 wagte sich das Unternehmen auf das New Yorker Parkett, der damals größte Börsengang der Welt. Aktuell ist Alibaba mit rund 237 Milliarden US-Dollar bewertet und verdient sein Geld nicht mehr nur mit den E-Commerce-Seiten, sondern auch mit dem Bezahldienst Alipay sowie Cloud-Computing und dem Logistikunternehmen Cainiao Network. 31 Millionen Jobs hat das Unternehmen nach Berechnungen der Renmin Universität in Beijing seit seiner Gründung in der Industrie geschaffen. Laut der Beratungsfirma Boston Consulting Group sollen es bis 2035 schätzungsweise sogar 122 Millionen sein. Das wäre ein Drittel der Beschäftigten in der gesamten chinesischen Internet-Industrie.

Tencent-Zentrale in Shenzhen: Mit einer Marktkapitalisierung von 256,6 Miliarden US Dollar weist das Unternehmen die höchste Bewertung des Landes auf. (Quelle: dpa picture alliance)

Die Dienste von Ma sind mittlerweile auch Vorbild in anderen Ländern. Ein Beispiel dafür ist Snapdeal, das als das „Alibaba von Indien“ bezeichnet wird. Anstatt amerikanischen Vorbildern wie Amazon nachzueifern, kupferten die Gründer Rohit Bansal und Kunal Bahl vom chinesischen Riesen ab. Indien hat ähnlich wie der Nachbar viele kleine namenlose Händler, die in China über Alibabas Plattform Taobao ihre Ware im ganzen Land verkaufen können. Snapdeal fand in der Plattform das perfekte Vorbild und kopierte die App. Heute ist das Unternehmen mit Sitz in Neu-­Delhi eines der größten Onlinehandelsunternehmen des Landes. Auch der größte Bezahldienst Paytm ist kein zweites Paypal, sondern ein Nachbau von Alipay.

Die BATs haben sich zu Giganten wie Apple und Alphabet entwickelt. Und sie arbeiten daran, diese Position noch weiter auszubauen. Längst verdienen sie nicht mehr nur in ihrem Kerngeschäft. Fast in allen Bereichen, in denen neue Ideen alte Branchen aufbrechen, sind die Unternehmen aktiv. Das beginnt bei Lieferdiensten für Lebensmittel und Fastfood, in die die großen Drei investieren, und geht über digitale Bezahldienste bis hin zu künstlicher Intelligenz oder selbstfahrenden Autos. In fast jeder Branche haben die Riesen mittlerweile ihre Finger mit im Spiel, häufig geht es darum, möglichst schnell möglichst viele Marktanteile zu erobern: Baidu investiert etwa in die Zukunft von autonomen Fahrzeugen. Bis 2018 will das Unternehmen erste Fahrzeuge auf die Straße bringen. Dafür ist das Unternehmen auch in den USA mit Testfahrzeugen vor Ort. Tencent und Alibaba ziehen gerade nach. Sie fördern zudem massiv Forschung in den Bereichen von Virtual Reality und künstlicher Intelligenz.

Das Tempo ist auch deshalb so hoch, weil den Unternehmen viel Geld zur Verfügung steht. Nicht selten stürzen sie sich in ­Investitionsschlachten in einer Dimension, wie sie in Deutschland nie vorstellbar wären. Ein Beispiel: der Kampf zwischen Uber China und der chinesischen Konkurrenz Didi Chuxing. Im vergangenen Jahr stritten sich die beiden Firmen um Anteile auf dem Markt der Taxivermittlung. Hinter Didi Chuxing standen Alibaba und Tencent, die das Unternehmen 2015 aus zwei konkurrierenden Firmen geformt hatten. Uber China erhielt dagegen finanzielle Unterstützung vom Suchmaschinengiganten Baidu. Damals erklärte Uber-Chef Travis Kalanick unbekümmert, er verbrenne eine Milliarde Dollar pro Jahr in China. „Für uns ist die Frage, ob wir in China sein wollen oder nicht und ob wir die Irrationalität lang genug beibehalten können, bis die Welt wieder vernünftig wird“, sagte Kalanick – ein paar Monate, bevor Uber China von Didi Chuxing geschluckt wurde. Der chinesische Konkurrent übernahm das Geschäft und die Marke, Uber erhielt dafür knapp 17,7 Prozent der Anteile des neuen Unternehmens. Den Sprung ins chinesische Meer überlebt eben nicht jeder.

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