Entwicklung & Design

Cloud OS: Das Web als Betriebssystem

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Für jeden eine eigene Cloud

Viele, die schon heute mit der Cloud leben und arbeiten, halten die Diskussionen über Datenschutz und Privatsphäre für Hysterie. Martin Thielecke zum Beispiel hat sehr deutlich gebloggt: „Es gibt immer noch Menschen, die Angst vor Google haben. Verschwindet aus diesem Internet und baut euch ein eigenes!“ Beim Barcamp in Kiel im Sommer sagte er über Google: „Meine Daten sind dort sicher, weil ich die Menschen dort kenne.“

Klar ist aber: Wenn immer mehr zentrale Daten und Funktionen ins Netz wandern, über die vorher das Betriebssystem die Kontrolle hatte, ist auch die Sicherheit ein Thema. Auf die vielen Fragen nach der Sicherheit der Daten haben die Anbieter noch keine vertrauenswürdigen Antworten gefunden: Wie kann ich als Nutzer vergleichen, welcher Anbieter in der Cloud mir wie viel Sicherheit gibt? Es existieren keine Maßstäbe für solche Fragen, am Ende bleibt nur Vertrauen, das von einigen Anbietern aber schon jetzt verspielt wurde: Facebook hält gelöscht geglaubte Postings gespeichert, Sony lässt sich die Kreditkartendaten seiner Kunden aus der Datenbank klauen und RIM schafft es über Tage nicht, den E-Mail-Dienst des Blackberrys wieder in Gang zu bekommen.

Sicher ist sicher

Genau diese Frage nach der Sicherheit der eigenen Daten hat den Hamburger ARD-Technik- und Wirtschaftsjournalisten Daniel Sprehe zur Personal Cloud getrieben: „Mir reicht es nicht, wenn Unternehmen einfach nur sagen, meine Dateien wären bei ihnen ‚ganz sicher‘ und ‚verschlüsselt‘. Ich habe mir zu Hause einen eigenen kleinen Server aufgestellt: linuxbasiert, für mehrere Benutzer, mit Festplatte im Netzwerk, und auf all diese Daten kann ich auch von unterwegs zugreifen.“

Dieses NAS-System dient Sprehe nicht nur als einfache Plattform zum Dateiaustausch: Er kann per App auf dem Smartphone oder dem Tablet-Computer auf Fotos zugreifen oder in seiner Personal Cloud gespeicherte Musik und Videos streamen. Das System bietet außerdem eine Benutzeroberfläche, die im Ansatz an Webdesktops wie Carbyn oder Jolicloud erinnert: Über den einfachen Dateibrowser hinaus stehen Apps zum Durchblättern der eigenen Fotos oder als Online-Alternative zu iTunes bereit [2].

Die Oberfläche der Synology DiskStation: Das NAS-System bietet ähnlich wie die Webdesktops Carbyn und Jolicloud das komplette Look & Feel eines Betriebssystems – egal, an welchem Rechner sich sein Nutzer befindet.Die Oberfläche der Synology DiskStation: Das NAS-System bietet ähnlich wie die Webdesktops Carbyn und Jolicloud das komplette Look & Feel eines Betriebssystems – egal, an welchem Rechner sich sein Nutzer befindet.

Preislich sind solche Personal Clouds mittlerweile für 200 Euro zu haben – inklusive RAID-System. Dazu kommt der Aufpreis für die Festplatten. Die Anbieter haben es aber mittlerweile geschafft, NAS-Systeme für den privaten Gebrauch so einzurichten, dass die Nutzer kein technisches Tiefenwissen mehr benötigen: Die Systeme sind in der Regel selbsterklärend und direkt startklar.

Interessant wird es, wenn man die Personal Clouds mit den schon beschriebenen Webdesktops zusammendenkt. Ausgerüstet mit einer Menge an Web-Apps könnten solche Systeme zum absoluten Totschlagargument für klassische Desktop-Betriebssysteme werden: Sie verbinden Bequemlichkeit und Sicherheit.

Auch Web-Erfinder Tim Berners-Lee hat vor kurzem auf der RSA-Sicherheitskonferenz in London die Personal Cloud als Lösung für viele Sicherheitsbedenken angepriesen: Sie könnten auch als zentraler Speicher für persönliche Daten dienen, auf den Anbieter wie Facebook zugreifen können – und trotzdem bleiben die Daten unter Kontrolle ihrer Eigentümer. Dafür allerdings fehlen noch die passenden Schnittstellen und die Nutzer von Personal Clouds müssten vorher zu einer gewissen Marktmacht werden.

Das Aus fürs große Betriebssystem

Klar ist: Der Browser wird als zentrale Software immer wichtiger; der Rest kommt schon jetzt mehr als oft aus dem Netz. Die Cloud hat vor allem die kreativen Berufe erobert. Viele große Firmen in Wirtschaft und Industrie zögern dagegen, sensible Bereiche wie ihre Finanzen in die Cloud zu verlagern. Aber der Weg ist vorgezeichnet: Das Betriebssystem wird unwichtiger.

Bei Googles Chrome OS kommen Daten und Programme aus der Cloud. Geräte wie das Samsung Chromebook Serie 5 setzen auf das Betriebssystem des Suchmaschinen-Riesen.

Bei Googles Chrome OS kommen Daten und Programme aus der Cloud. Geräte wie das Samsung Chromebook Serie 5 setzen auf das Betriebssystem des Suchmaschinen-Riesen.

Die großen Systemhersteller werden sich darüber Gedanken machen müssen, was ihr Windows, ihr Mac OS und ihr Linux noch unique macht. Wofür brauche ich noch ein teures Apple-Gerät, wenn ich auf einen alten PC umsteigen kann – Hauptsache, der Anschluss ans Internet stimmt? Was zählt, ist nur noch der Rumpf, der zum reinen Betrieb der Hardware nötig ist. Gerade für die Hersteller von großen Desktop-Rechnern, deren Verkaufszahlen schon jetzt einbrechen, wird diese Frage immer dringlicher. Etwas tiefer durchatmen dürften die Hersteller von Smartphones und Tablet-Computern: Gerade die großen Ökosysteme von Apple, Google und Amazon dürften auch weiter dafür sorgen, dass die Nutzer nicht so einfach zur Konkurrenz laufen.

Fazit

Was bleibt, ist die Frage nach der Zuverlässigkeit der Cloud: Deutschland fehlen weiterhin eine Menge Breitbandanschlüsse, damit das Arbeiten und Leben in der Cloud durchgehend funktioniert. Wie aufgeschmissen man als Nutzer ist, hat außerdem der große BlackBerry-Ausfall im Oktober gezeigt: Tagelang sind E-Mails höchstens mit Zeitverzögerung angekommen, der Messenger-Dienst ist komplett ausgefallen, richtig Surfen war auch nicht drin. Einen ähnlichen Fall gab es im April, als der Amazon-Hostingdienst EC2 ausgefallen ist: Dort liegen Dienste wie foursquare, Quora und HootSuite – und waren deshalb ebenfalls nicht mehr zu erreichen.

Ein einziger Ausfall kann dafür sorgen, dass Millionen Menschen auf der Welt aufgeschmissen sind, weil ihre wichtigsten Anwendungen nicht mehr funktionieren. Das – natürlich – war mit einem lokalen Betriebssystem so schnell nicht möglich.

Event-Tipp: Webciety Conference – 6. bis 10. März 2012
Für immer mehr Dinge in unserem Alltag ist die Vernetzung mit der digitalen Welt schon heute ein zentrales Merkmal. Sei es der Turnschuh mit Anbindung an die Internet-Laufcommunity, die Entertainment-Einheit mit Streaming-Anbindung oder der Geschäftsprozess, bei dem über das Internet Partner und Kunden in kollaborative Prozesse eingebunden sind – die digitale Erweiterung ist nicht mehr Fiktion, sondern schon heute Realität. Das Web ist mehr als ein Informations- und Kommunikationsmedium, sondern vielmehr das Betriebssystem unseres vernetzten Alltags.Unter dem Leitthema „Designing the Web Operating System“ diskutiert die „Webciety Conference 2012“ als Themenbühne im CeBIT-Ausstellungsbereich „Webciety Internet Solutions“ die Entwicklungen, Potenziale und Herausforderungen für das Internet als „Betriebsplattform von Geschäftsprozessen und Geschäftsmodellen“. Fachdiskussionen mit Entscheidern, Kamingespräche mit Branchenexperten und Startup-Pitches beleuchten den Wandel und diskutieren die Gestaltungsfragen aus verschiedenen Blickwinkeln.Dabei geht es nicht nur um die Besonderheiten neuer Technologie- und Anwendungskonzepte wie zum Beispiel von Cloud-Anwendungen oder Augmented-Reality-Konzepten. Vielmehr stehen die Erfolgsfaktoren und die prozessualen Paradigmen vernetzter Geschäftsprozesse im Mittelpunkt. Auch die Einführung und Umsetzung von kollaborativen und sozialen Geschäftsprozessen sowie neue internetbasierte Geschäftsmodelle und ihre Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft sind Thema der Konferenz. Insgesamt versteht sich der Ausstellungsbereich mit seiner öffentlichen Themenkonferenz einmal mehr als Treffpunkt der Internet-Wirtschaft auf der CeBIT.
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