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Coworking der Zukunft: Co vadis?

(Foto: Shutterstock/ g-stockstudio)

Was sich in Coworking-Spaces durchsetzt, zieht in die Startup-Kultur und irgendwann in die Konzern-Strategie ein. Ausgerechnet dieses positive Image bringt Coworking aber an seine Grenzen.

Überall im Hafven begegnet dem Besucher das Unfertige. Es ist Dezember, der Coworking-Space in Hannover hat bereits seit zwei Monaten geöffnet, und immer noch gehören die Handwerker zu den regelmäßigsten Gästen auf den 2.000 Quadratmetern Fläche. Sie tragen Stahlstangen die Treppen hoch, ab und an dringen die Geräusche einer Bohrmaschine in den Coworking-Space.

Die ständige Veränderung passt ins Konzept. Denn der Hafven versteht sich nicht als reiner Coworking-Space. Im Erdgeschoss haben die Gründer eine Werkstatt errichtet, in der sich auch handwerklich Interessierte ausprobieren können. Der selbstgebaute 3D-Drucker steht neben zwei Schreibtischen in einem riesigen unverputzten Raum, in der Metallwerkstatt nebenan dominiert ein Laser-Cutter die Halle, in der Holzwerkstatt trocknet ein frisch lackiertes Regal. Der Designer solle im Idealfall im Coworking-Space das Produkt am Notebook gestalten und danach direkt in der Werkstatt den Prototypen basteln können, sagt Mitgründer Jonas Lindemann. Im Hafven ist alles Work in Progress. Absichtlich. Das mit dem Coworking, das ist mehr Mittel zum Zweck.

Jonas Lindemann beschreibt damit nicht nur eine Strategie des Hafvens. Sondern auch eine Entwicklung der Coworking-Szene. Seit der Eröffnung des ersten Coworking-Spaces vor zwölf Jahren hat sich zwar der Grundgedanke gehalten: einen Arbeitsort für Freischaffende zu konzipieren. Das Unfertige aber ist geblieben. Die Ausgestaltung der Zusammenarbeit wandelt sich stetig weiter: Coworking-Spaces bieten nicht mehr nur einen Arbeitsplatz an. Sie verbinden sich mit Bibliotheken, bauen Kindertagesstätten nebenan oder implementieren, wie der Hafven, eine Werkstatt im Gebäude. Die Arbeit vermischt sich mit kreativen Bedürfnissen und persönlichen Interessen. Ein erster Vorbote darauf, wie unsere künftige Bürowelt aussehen könnte. Denn Coworking gilt als eine Art Blaupause für die Zukunft des Arbeitens.

Man könnte sagen, dass das Coworking zum Hipster unter den Bürogemeinschaften geworden ist. Alternativ, kreativ, individuell – und irgendwie trotzdem Mainstream. Seit der Eröffnung der drei ersten offiziellen Coworking-Spaces 2005 in den USA hat sich die Zusammenarbeitsidee auf der ganzen Welt verbreitet. 2013 gab es mehr als 3.000 kollaborative Räume, 2016 rund 10.000 und für 2018 prognostiziert das Social-Science-Research-Network insgesamt 37.000 Coworking-Spaces weltweit. Coworking gilt als Synonym für kreativen Austausch, für Out-of-the-Box-Denken, für Ideenschmieden. Längst mieten sich nicht mehr nur Selbstständige und Startups, sondern auch etablierte Unternehmen in den angesagten Bürogemeinschaften ein – damit ihre Mitarbeiter endlich Innovationen hervorbringen.

Was das Coworking für viele besonders macht: der Raum und das Netzwerk. Zwei Aspekte, die eng miteinander verknüpft sind. Denn der Ort soll die Kommunikation zwischen Coworkern fördern. „Du kannst ganz viel Offenheit predigen, aber wenn die Räume nicht offen sind, tauschen sich die Leute nicht aus“, sagt Jonas Lindemann vom Hannoveraner Hafven. Der Unterschied zu einem gewöhnlichen Großraumbüro: Statt sich mit fachähnlichen Kollegen zu unterhalten, mischen sich beim Coworking Freie und Angestellte, Künstler und Entwickler, Autodidakten und Akademiker.

Fast jeder Coworking-Space wirbt mit seiner Community. Und jeder pflegt eine andere Form der Kommunikation. Im Hafven organisieren die Macher beispielsweise Yoga-Kurse für die Mitglieder. Das Betahaus, offiziell Deutschlands erster Coworking-Space und mittlerweile in mehreren Städten vertreten, bietet Fachseminare zu Pitches oder Markenrecht an. Im Sankt Oberholz gibt es eine Reihe namens „Founders Unscripted“, bei der Gründer von ihren Erfahrungen erzählen. Der Groß-Anbieter Wework setzt auf eine eigene, Linkedin ähnelnde Plattform, auf der die Nutzer posten, wenn sie spontan einen Grafikdesigner benötigen oder ihr Smartphone-Ladekabel vergessen haben.

Die Mitglieder kommen vor allem wegen des alltäglichen Austauschs. Martin will zum Beispiel ins Gespräch kommen. Der Gründer plant ein neues Startup und fragt sich, ob die deutsche Hauptstadt der richtige Ort dafür ist. Nachdem er lange in Thailand gearbeitet hat, mietete er sich im Januar im Berliner Wework ein, um mehr über die Stadt zu erfahren. „Ich frage die Leute, wie sie die Startup-Szene in Berlin einschätzen“, sagt er. Für Dennis Bartels hingegen geht es um regelmäßigen Austausch. „Sobald ich von meinem Platz aufstehe, bin ich nicht mehr in der eigenen Firma, sondern in der Community“, sagt der Gründer. Der Inwendo-Geschäftsführer sitzt mit seinem Startup im Hafven in Hannover. Er schätzt die Kommunikation mit Gründern und Selbstständigen. Das sei „so viel geiler“, als nur mit den Kollegen zu quatschen.

Der Hype lockt den Kommerz

Ausgerechnet diese „geile“ Atmosphäre hat die ursprüngliche Definition des Coworkings allerdings verwässert. Der Hype lockt den Kommerz in die kreativen Räume. Offenheit, Kollaboration, Gemeinschaft, Zugänglichkeit und Nachhaltigkeit – die fünf Grundwerte hinter dem Konzept – nennen zwar viele Anbieter als Basis ihrer Büros. Doch die ursprüngliche Idee, einen flexiblen Arbeitsort für Freischaffende zu kreieren, vertreten nicht alle konsequent, die ihre Räume unter dem Begriff Coworking vermarkten. Besonders diejenigen, die die Zusammenarbeit skalieren wollen. Der Wandel, den das Beispiel des Hafven beschreibt, hat bei ihnen nicht mehr viel mit Coworking zu tun. Die Idee fällt dem Image zum Opfer: Manch Unternehmen, das vorher normale Büroimmobilien zur Miete angeboten hat, bezeichnet dies jetzt auch als Coworking. Andere haben so viele Investorengelder eingesammelt, dass sich das Konzept der Zusammenarbeit nun auch rentieren muss.

Wework ist ein typisches Beispiel für ein durchaus erfolgreiches Coworking-Modell, das vor allem auf Professionalisierung abzielt. Das US-Unternehmen brüstet sich damit, mehr als 80.000 Mitglieder an 148 Standorten in 34 Städten weltweit zu zählen. Allein in New York hat das Unternehmen 36 Büros, in London sind es 17. Doch auch wenn Coworking als Schlagwort die Website ziert, steht es in der Praxis eher im Hintergrund.

Die Coworking-Kette Wework betreibt weltweit 148 Standorte, einen davon am Potsdamer Platz in Berlin. Das US-Unternehmen bietet dort im Großraum Monatstickets für Freie an und Büros für Unternehmen. (Foto: Hegemann)
Beobachten lässt sich das zumindest am Potsdamer Platz in Berlin. In einem Turm des Sonycenters erstreckt sich die Wework-Lokalität über vier Etagen. Statt offener Räume finden sich hier vor allem: Büros, abgetrennt mit Glas. Dahinter sieht es aus wie in stinknormalen Unternehmen: Schreibtisch, Schreibtischstuhl, Telefon. Dort arbeiten keine selbstständigen Designer oder Entwickler, sondern vor allem Firmen. Konzerne wie Vattenfall Digital Ventures und Facebook haben sich eingemietet, auch einige Startups. Die Atmosphäre unterscheidet sich nicht von anderen Gewerbeimmobilien.

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Eine Reaktion
Girnam Melissa

Großartiger Artikel!
Darüber hinaus gibt es Anzeichen dafür, dass Mitarbeiter mehr Zeit damit verbringen gemeinsam an Problemlösungen zu arbeiten. Gleichzeitig verbessert diese Nähe zueinander die Stimmung im Team, was sich auch positiv auf die Produktivität und Motivation niederschlägt.
Es ist wahrscheinlich, dass Coworking die Art und Weise des Arbeitens und die Beschäftigung im Wissens- und Dienstleistungssektor weiter verändern wird. Dieser Trend scheint ungewöhnlich, aber der Erfolg zeigt sich bereits und die klugen Unternehmen werden dem Trend bald folgen
http://www.matchoffice.de/coworking

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